Kulturelle Kompetenz

Kulturelle Kompetenz als Gesellschaftskompetenz

Wahrnehmung, Kreativität, gesellschaftliche Erfahrung und kulturelle Gestaltung

Kulturelle Kompetenz ist weit mehr als die Kenntnis kultureller Traditionen, die Fähigkeit zum Kunstgenuss oder der Umgang mit unterschiedlichen kulturellen Lebensweisen. Sie gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen gesellschaftlicher Orientierungs- und Handlungsfähigkeit. Menschen nehmen ihre Lebenswirklichkeit nicht unabhängig von kulturellen Vorstellungen wahr. Sie erfahren und deuten Gesellschaft durch Sprache, Bilder, Erzählungen, Symbole, Medien, Erinnerungen und alltägliche Praktiken.

Kultur ist deshalb nicht lediglich ein besonderer Bereich gesellschaftlichen Lebens. Sie ist eine wesentliche Form, in der Menschen ihre Erfahrungen mit gesellschaftlicher Wirklichkeit verarbeiten, miteinander teilen und ihr Bedeutung verleihen. Zugleich ist Kultur ein Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen: Hier werden Vorstellungen von Normalität, Freiheit, Gerechtigkeit, Leistung, Identität und gesellschaftlicher Zukunft hervorgebracht, verbreitet, bestätigt oder infrage gestellt.

Eine materialistisch begründete kulturelle Kompetenz muss beide Seiten berücksichtigen: Kultur als Ausdruck gesellschaftlicher Erfahrung und Kultur als Feld gesellschaftlicher Hegemoniebildung.

Dabei lassen sich drei miteinander verbundene Bereiche unterscheiden:

  • Die subjektbezogene Dimension: ästhetisches Bewusstsein, Wahrnehmungsfähigkeit, Kreativität und die Entwicklung eigener Ausdrucksmöglichkeiten.
  • Die gesellschaftliche Dimension: kulturelle Identität, gesellschaftlicher Zusammenhang, Erfahrungsverarbeitung, Öffentlichkeit und Hegemonie.
  • Die praktisch-gestaltende Dimension: kulturelle Weltaneignung, eigene kulturelle Praxis, Reflexion und gesellschaftliche Mitgestaltung.

Diese Unterscheidung ist analytisch. In kulturellen Bildungsprozessen sind die drei Bereiche aufeinander bezogen. Individuen eignen sich gesellschaftlich hervorgebrachte kulturelle Formen an und können diese zugleich verändern.1


Kulturelle Bildung als Selbst- und Weltaneignung

Karl-Josef Pazzini entwickelt in seinem Gutachten Kulturelle Bildung im Medienzeitalter eine Perspektive, in der kulturelle Bildung nicht auf die Vermittlung eines vorgegebenen kulturellen Wissensbestandes reduziert werden kann. Ästhetische Erfahrung, Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kulturellen und medialen Ausdrucksformen eröffnen Möglichkeiten der Selbst- und Weltaneignung.2

Kulturelle Bildungsprozesse können vertraute Wahrnehmungsmuster irritieren, neue Deutungsmöglichkeiten eröffnen und Menschen befähigen, sich zu ihrer eigenen Wahrnehmung reflexiv zu verhalten.

Das Positionspapier der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) Kultur öffnet Welten verbindet kulturelle Bildung mit Freiheit, Selbstwirksamkeit, Vielfalt und gesellschaftlicher Teilhabe. Kulturelle Bildung soll nicht nur Zugänge zu bestehenden kulturellen Angeboten eröffnen, sondern Menschen ermöglichen, eigene Erfahrungen und Ausdrucksformen einzubringen.3

Diese Perspektive bildet einen wichtigen Ausgangspunkt kultureller Kompetenz. Eine gesellschaftstheoretische Vertiefung muss darüber hinaus fragen, unter welchen Bedingungen kulturelle Erfahrungen entstehen, wer über kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten verfügt und welche gesellschaftlichen Deutungen sich durchsetzen.


Ästhetisches Bewusstsein und Kreativität – die subjektbezogene Dimension

Ästhetisches Bewusstsein als reflexive Wahrnehmungsfähigkeit

Ästhetisches Bewusstsein ist mehr als die Fähigkeit, Kunst zu verstehen oder Schönheit wahrzunehmen. Es bezeichnet die Fähigkeit, sinnliche und symbolische Ausdrucksformen differenziert wahrzunehmen, ihre Gestaltung und Wirkung zu erkennen und die eigene Wahrnehmung selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was nehme ich wahr? Sondern ebenso: Warum nehme ich etwas auf diese Weise wahr – und wie könnte es auch anders wahrgenommen werden?

Wahrnehmung ist gesellschaftlich geprägt. Was Menschen als schön oder hässlich, normal oder fremd, wertvoll oder bedeutungslos empfinden, ist nicht unabhängig von kulturellen Erfahrungen und historisch entstandenen Deutungsmustern.

Hier liegt ein wesentlicher Anschluss an Pazzinis Überlegungen zur kulturellen Bildung. Ästhetische Erfahrung kann Distanz gegenüber vertrauten Wahrnehmungsweisen herstellen. Irritation und Mehrdeutigkeit sind dabei nicht notwendig Hindernisse des Lernens, sondern können zu dessen produktiven Voraussetzungen werden.4

Ästhetisches Bewusstsein enthält deshalb bereits ein gesellschaftskritisches Moment: Es eröffnet die Möglichkeit, kulturell vermittelte Selbstverständlichkeiten wahrzunehmen und zu hinterfragen.

Kreativität als produktive Fähigkeit

Kreativität bildet die produktive Seite kultureller Kompetenz. Sie sollte weder auf künstlerische Begabung noch auf eine funktionale Fähigkeit zur Entwicklung innovativer Problemlösungen reduziert werden.

Kreativität bezeichnet grundlegender die Fähigkeit, vorhandene Erfahrungen, Wahrnehmungen und kulturelle Formen neu miteinander zu verbinden und dadurch Ausdrucks-, Deutungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hervorzubringen, die im Bestehenden noch nicht verwirklicht sind.

Damit führt Kreativität von der Wahrnehmung zur Gestaltung.

Der Zusammenhang lässt sich als offener Prozess beschreiben:

Wahrnehmen → Irritation → Deuten → Reflektieren → Möglichkeiten entdecken → Gestalten → erneut reflektieren.

Diese Prozesshaftigkeit entspricht Siegfried J. Schmidts Verständnis von Kompetenz. Kompetenzen sind für ihn keine statischen Eigenschaften, sondern entstehen und verändern sich in Lern- und Handlungsprozessen. Sie verbinden Dispositionen mit deren praktischer Verwirklichung in der Performanz.5

Kreativität wird damit nicht allein an ihrem Ergebnis erkennbar. Entscheidend ist ebenso die Fähigkeit, vorhandene Erfahrungen zu verändern, neue Zusammenhänge herzustellen und sich handelnd zu bislang unbekannten Möglichkeiten zu verhalten.

Kreativität und Utopiefähigkeit

Für das Konzept der Gesellschaftskompetenzen ist der Zusammenhang zwischen Kreativität und Utopiefähigkeit besonders bedeutsam.

Kreativität setzt voraus, dass das Bestehende nicht als einzig mögliche Wirklichkeit angesehen wird. Etwas anders darstellen, eine Geschichte anders erzählen oder einen Gegenstand umgestalten bedeutet, Möglichkeiten wahrzunehmen, die gegenwärtig noch nicht realisiert sind.

Hier besteht eine Verbindung zu Ernst Blochs Überlegungen zum Noch-Nicht und zum Möglichkeitshorizont menschlichen Denkens.6

Utopiefähigkeit bedeutet dabei nicht, fertige gesellschaftliche Gegenentwürfe zu besitzen. Sie bezeichnet die Fähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mit der Gesamtheit des Möglichen gleichzusetzen.

Ästhetisches Bewusstsein und Kreativität bilden somit zwei eng miteinander verbundene Momente kultureller Kompetenz:

Ästhetisches Bewusstsein ermöglicht es, Wirklichkeit differenziert und als gestaltete Wirklichkeit wahrzunehmen. Kreativität eröffnet die Möglichkeit, sie anders auszudrücken, neu zu deuten und anders zu gestalten.

Beide Fähigkeiten sind zunächst auf das wahrnehmende und handelnde Individuum bezogen. Sie entstehen jedoch innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse und können zu deren Veränderung beitragen.


Kultur, Identität und gesellschaftlicher Zusammenhang – die gesellschaftliche Dimension

Kultur als Grundlage gesellschaftlicher Orientierung

Kultur besitzt eine grundlegende Bedeutung für gesellschaftlichen Zusammenhang. Sprache, Bilder, gemeinsame Erinnerungen, Erzählungen, Symbole und alltägliche Praktiken ermöglichen es Menschen, individuelle Erfahrungen auf kollektive Zusammenhänge zu beziehen.

In diesem Sinne kann Kultur identitätsstiftend wirken.

Dabei ist zwischen Kultur und kultureller Kompetenz zu unterscheiden: Kultur stellt gesellschaftliche Identitätsangebote bereit. Kulturelle Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, sich zu diesen Angeboten bewusst, reflexiv und gestaltend zu verhalten.

Siegfried J. Schmidt beschreibt gesellschaftliche Wirklichkeitsmodelle als Orientierungszusammenhänge, die durch Kommunikation und gemeinsames Handeln entstehen. Kulturprogramme verbinden diese Wirklichkeitsmodelle mit gesellschaftlichen Wertungen, Erwartungen und emotionalen Bedeutungen.7

Kultur ist damit nicht lediglich ein Teilbereich gesellschaftlichen Lebens. Sie gehört zu den Voraussetzungen gesellschaftlicher Verständigung.

Gesellschaftlicher Zusammenhang ist nicht kulturelle Einheit

Gesellschaftlicher Zusammenhang darf jedoch nicht mit kultureller Homogenität verwechselt werden.

Eine demokratische Gesellschaft benötigt keine einheitliche Kultur, in der alle Menschen dieselben Werte, ästhetischen Vorstellungen oder historischen Erzählungen teilen. Ihr Zusammenhang entsteht vielmehr auch dadurch, dass unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Deutungen kommunizierbar und öffentlich aushandelbar bleiben.

Kulturelle Kompetenz schließt deshalb die Fähigkeit ein, unterschiedliche kulturelle Zugehörigkeiten wahrzunehmen, eigene Identitätsvorstellungen zu reflektieren und Widersprüche auszuhalten.

Die BKJ betont in diesem Zusammenhang kulturelle Vielfalt, Bildungsgerechtigkeit und Teilhabemöglichkeiten als zentrale Aufgaben kultureller Bildung.8

Dabei reicht es nicht aus, kulturelle Unterschiede lediglich anzuerkennen. Es muss ebenso gefragt werden, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen ihre kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten tatsächlich wahrnehmen können.

Kultur als gesellschaftliche Erfahrungsverarbeitung

Oskar Negt und Alexander Kluge stellen in Öffentlichkeit und Erfahrung die gesellschaftliche Organisation von Erfahrung in den Mittelpunkt. Individuelle Erfahrungen entstehen unter konkreten gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Ob sie öffentlich artikuliert und verarbeitet werden können, hängt jedoch von den vorhandenen Strukturen gesellschaftlicher Kommunikation ab.9

Kulturelle Ausdrucksformen können solche Erfahrungen sichtbar machen, verdichten und kommunizierbar machen. Sie können aber ebenso Erfahrungen ausblenden oder in vorgegebene Deutungsmuster einordnen.

Kulturelle Kompetenz umfasst deshalb die Fähigkeit, eigene und fremde Erfahrungen in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu verstehen und die kulturellen Formen ihrer Verarbeitung kritisch zu untersuchen.

Werden kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten unterdrückt, Kommunikationsräume eingeschränkt oder bestimmte gesellschaftliche Erfahrungen aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen, werden Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstverständigung beschädigt.

Damit erhält kulturelle Kompetenz eine grundlegende demokratische Bedeutung.

Kultur als Feld gesellschaftlicher Hegemonie

Die gesellschaftliche Bedeutung von Kultur erschöpft sich jedoch nicht in ihrer Funktion für Verständigung und Zusammenhalt.

Antonio Gramsci hat gezeigt, dass gesellschaftliche Herrschaft nicht allein durch Zwang und institutionelle Macht aufrechterhalten wird. Sie beruht ebenso auf der Herstellung gesellschaftlicher Zustimmung und der Verallgemeinerung bestimmter Vorstellungen von Wirklichkeit und gesellschaftlicher Ordnung.10

Kultur ist ein zentrales Feld dieser Hegemoniebildung.

Vorstellungen davon, was als Leistung gilt, welche Lebensweisen gesellschaftliche Anerkennung verdienen, was als gerecht erscheint oder welche politischen Alternativen als realistisch gelten, entstehen nicht unabhängig von gesellschaftlichen Interessen und Machtverhältnissen.

Kulturelle Kompetenz bedeutet deshalb auch, die gesellschaftliche Produktion und Verbreitung solcher Deutungen untersuchen zu können.

Dabei stellen sich Fragen wie: Wer erzählt gesellschaftliche Wirklichkeit? Welche Erfahrungen werden sichtbar? Welche Interessen strukturieren die Darstellung? Welche Perspektiven fehlen? Warum erscheinen bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse selbstverständlich und andere Möglichkeiten undenkbar?

Hier erhält die materialistische Grundierung kultureller Kompetenz ihre besondere Bedeutung. Sie verbindet die Untersuchung kultureller Deutungsmuster mit der Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung und Durchsetzung.

Kultur ist zugleich Medium gesellschaftlichen Zusammenhangs und Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzung.


Mediale Weltaneignung und eigene kulturelle Praxis – die praktisch-gestaltende Dimension

Medien als Werkzeuge kultureller Weltaneignung

Kulturelle Erfahrungen und Bedeutungen werden wesentlich medial vermittelt. Hier besteht eine enge Verbindung zu Wolf-Rüdiger Wagners Verständnis von Medien als Werkzeugen der Weltaneignung.

Medien sind nicht lediglich technische Hilfsmittel, mit denen bereits vorhandene Informationen transportiert werden. Sie strukturieren Wahrnehmung und Kommunikation und beeinflussen, in welchen Formen gesellschaftliche Wirklichkeit dargestellt und erfahren werden kann.

Wagners Konzept des Medialitätsbewusstseins richtet sich deshalb auf die Fähigkeit, die mediale Bedingtheit der eigenen Wahrnehmung und gesellschaftlichen Kommunikation zu erkennen und zu reflektieren.11

Kulturelle Kompetenz und Medienkompetenz berühren sich hier, ohne ineinander aufzugehen.

Kulturelle Kompetenz fragt nach der gesellschaftlichen Produktion, Aneignung und Veränderung von Bedeutungen. Medienkompetenz untersucht insbesondere die medialen Formen und Bedingungen dieser Prozesse.

Das BLK-Programm Kulturelle Bildung im Medienzeitalter hat gezeigt, dass die Verbindung kultureller und medialer Bildung nicht darin bestehen kann, traditionelle künstlerische Tätigkeiten lediglich durch digitale Techniken zu ergänzen. Vielmehr müssen die unterschiedlichen ästhetischen und kommunikativen Möglichkeiten der Medien selbst zum Gegenstand kultureller Bildung werden.12

Eigene kulturelle Praxis als Bildungsprozess

Kulturelle Kompetenz entsteht nicht allein durch Rezeption und Analyse kultureller Ausdrucksformen. Ein wesentlicher Teil ihrer Entwicklung vollzieht sich im eigenen Tun.

Wer schreibt, musiziert, Theater spielt, fotografiert, filmt oder andere kulturelle Ausdrucksformen gestaltet, eignet sich vorhandene kulturelle Mittel an und erfährt zugleich, selbst Bedeutungen hervorbringen zu können.

Entscheidend ist dabei die Verbindung von Praxis, Erfahrung und Reflexion.

Das eigene Gestalten wird bildungswirksam, wenn die getroffenen Entscheidungen, die verwendeten Ausdrucksmittel und ihre Wirkungen reflektiert werden. Kulturelle Bildung bedeutet deshalb weder bloßen Konsum noch unreflektiertes kreatives Handeln.

Der Abschlussbericht zum kubim-Programm hebt den Übergang von der vorwiegend rezeptiven Nutzung kultureller und medialer Angebote zu aktiven Formen der Gestaltung hervor. Die Verbindung von Experiment, eigener Erfahrung und Reflexion wird als wesentliche Voraussetzung kultureller Lernprozesse verstanden.13

Hier verbindet sich kulturelle Kompetenz mit demokratischer Handlungsfähigkeit: Menschen erfahren, dass sie nicht ausschließlich Empfänger gesellschaftlicher Bedeutungen sind, sondern selbst an deren Produktion und Veränderung mitwirken können.

Film als exemplarisches Feld kultureller Kompetenz

Film besitzt innerhalb kultureller Bildung eine besondere Bedeutung, weil er unterschiedliche kulturelle und mediale Ausdrucksformen miteinander verbindet: Bild, Bewegung, Sprache, Musik, Erzählung, Inszenierung und Montage.

Filme machen gesellschaftliche Erfahrungen sinnlich zugänglich. In ihnen verdichten sich historische Erinnerungen, soziale Konflikte, Vorstellungen von Arbeit, Familie, Demokratie und gesellschaftlicher Zukunft.

Aus der Perspektive Pazzinis eröffnet die Beschäftigung mit Film Möglichkeiten ästhetischer Wahrnehmung, Irritation und Deutung. Aus der Perspektive von Negt und Kluge wird Film zu einer Form gesellschaftlicher Erfahrungsverarbeitung. Und aus der Perspektive Gramscis lässt sich untersuchen, wie Filme hegemoniale Deutungen bestätigen oder infrage stellen.

Besonders bedeutsam ist die eigene Film- und Videopraxis. Wer selbst einen Film herstellt, erfährt unmittelbar, dass Bilder ausgewählt, Perspektiven festgelegt, Abläufe montiert und Bedeutungen gestaltet werden.

Die Konstruktion medialer Wirklichkeit wird dadurch praktisch erfahrbar.

Die Geschichte aktiver Film- und Videoarbeit, der Medienwerkstätten und Filmwettbewerbe zeigt, wie solche Erfahrungen zu kultureller und demokratischer Bildung beitragen können. Film sehen, Film analysieren und Film machen sind deshalb keine voneinander unabhängigen Tätigkeiten, sondern ergänzende Formen kultureller Weltaneignung.14


Kulturelle Kompetenz im Zusammenhang der Gesellschaftskompetenzen

Die drei beschriebenen Bereiche kultureller Kompetenz bilden keine voneinander unabhängigen Einzelkompetenzen.

Ästhetisches Bewusstsein und Kreativität ermöglichen individuelle Wahrnehmung und Gestaltung. Kulturelle Identität, gesellschaftliche Erfahrung und Hegemonie bestimmen die gesellschaftlichen Bedingungen und Bedeutungen kultureller Prozesse. Eigene kulturelle Praxis verbindet beide Seiten durch Erfahrung, Reflexion und Handeln.

Damit wird zugleich verständlich, weshalb kulturelle Kompetenz nicht in den übrigen Dimensionen der Gesellschaftskompetenzen aufgeht.

Sie besitzt einen eigenständigen Gegenstand: die kulturelle Hervorbringung, Aneignung und Veränderung gesellschaftlicher Bedeutungen.

Gleichzeitig ist sie mit den anderen Dimensionen verbunden. Historische Kompetenz erschließt das Gewordensein kultureller Formen und ihre Veränderbarkeit. Kommunikative Kompetenz ermöglicht die gesellschaftliche Verständigung über Erfahrungen und Bedeutungen. Medienkompetenz reflektiert deren mediale Vermittlung. Politische und ökonomische Kompetenz helfen, die Interessen und Machtverhältnisse zu verstehen, unter denen kulturelle Bedeutungen entstehen und gesellschaftliche Geltung gewinnen.

Besonders bedeutsam ist die Verbindung zur historischen und kommunikativen Kompetenz, die innerhalb des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen gemeinsam eine tragende Vermittlungsfunktion besitzen: Historische Kompetenz erschließt gesellschaftliches Gewordensein und Möglichkeitsräume; kommunikative Kompetenz vermittelt individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Praxis.

Kulturelle Kompetenz trägt zu beiden Bewegungen bei. Sie ermöglicht es, gesellschaftliche Erfahrungen symbolisch auszudrücken, öffentlich zu kommunizieren und alternative Deutungen und Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln.


Kulturelle Kompetenz – eine zusammenfassende Bestimmung

Kulturelle Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, kulturelle Ausdrucksformen als gesellschaftlich und historisch hervorgebrachte Formen der Wahrnehmung, Erfahrungsverarbeitung und Bedeutungsproduktion zu verstehen, ein reflektiertes ästhetisches Bewusstsein zu entwickeln, ihre medialen und hegemonialen Strukturen kritisch zu untersuchen und durch Kreativität und eigene kulturelle Praxis an gesellschaftlichen Verständigungs- und Gestaltungsprozessen mitzuwirken.

Ihre besondere Bedeutung liegt darin, dass sie den Zusammenhang zwischen individueller Erfahrung, kultureller Deutung und gesellschaftlicher Wirklichkeit erschließt.

Sie ermöglicht es, kulturelle Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, unterschiedliche Erfahrungen anzuerkennen und alternative Vorstellungen gesellschaftlicher Wirklichkeit zu entwickeln.

Kulturelle Kompetenz ist damit nicht nur eine Voraussetzung kultureller Teilhabe. Sie ist eine Voraussetzung dafür, gesellschaftliche Wirklichkeit als historisch geworden, kulturell vermittelt und grundsätzlich veränderbar zu begreifen.


Anmerkungen
  1. Die Dreiteilung in subjektbezogene, gesellschaftliche und praktisch-gestaltende Dimension ist eine Systematisierung innerhalb des hier entwickelten Konzepts der Gesellschaftskompetenzen. Sie wird nicht als fertiges Modell aus einer der herangezogenen Quellen übernommen. Vgl. zu Kompetenz als prozesshaftem Zusammenhang von Disposition und Performanz Schmidt 2012/2013.
  2. Vgl. Karl-Josef Pazzini: Kulturelle Bildung im Medienzeitalter. Gutachten zum Programm. Bonn 1999, BLK-Materialien zur Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 77. Volltext bei peDOCS.
  3. Vgl. Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ): Kultur öffnet Welten – Mehr Chancen durch Kulturelle Bildung. Remscheid 2011. Positionspapier.
  4. Vgl. Pazzini 1999 sowie Brinkmann/Wiesand 2006. Die Verbindung von ästhetischer Irritation und gesellschaftskritischer Wahrnehmung ist eine Weiterführung dieser bildungstheoretischen Ansätze.
  5. Vgl. Siegfried J. Schmidt: „Kulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz“. In: Kulturelle Bildung Online, 2012/2013, Abschnitt „Zum Kompetenzdiskurs“. Onlinebeitrag.
  6. Vgl. Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main 1959, insbesondere die Überlegungen zum Noch-Nicht-Bewussten und zur Möglichkeit. Die Verbindung zur kulturellen Kreativität ist eine konzeptionelle Übertragung.
  7. Vgl. Siegfried J. Schmidt: Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur. Heidelberg 2005; ders.: „Kulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz“, 2012/2013, Abschnitte zum Wirklichkeitsmodell und Kulturprogramm.
  8. Vgl. BKJ 2011, Abschnitte zu kultureller und sozialer Vielfalt sowie Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe.
  9. Vgl. Oskar Negt/Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main 1972.
  10. Vgl. Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hamburg 1991–2002, insbesondere die Überlegungen zu Hegemonie, Zivilgesellschaft und Alltagsverstand.
  11. Vgl. Wolf-Rüdiger Wagner: Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung. München 2013.
  12. Vgl. Brinkmann/Wiesand 2006. Das kubim-Programm untersuchte von 2000 bis 2005 in 23 Modellprojekten die Verbindung künstlerischer und medialer Bildungsprozesse.
  13. Vgl. Brinkmann/Wiesand 2006, zu experimentellen Gestaltungsprozessen, aktiver Medienpraxis und der Verbindung von Erfahrung und Reflexion.
  14. Vgl. den ergänzenden Beitrag der Lernwerkstatt „Film nicht nur sehen – Film machen“. Die Verknüpfung der dort behandelten Praxis mit Pazzini, Negt/Kluge und Gramsci ist die theoretische Einordnung innerhalb des vorliegenden Kompetenzkonzepts.

Literatur
  • Bloch, Ernst (1959): Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Brinkmann, Annette/Wiesand, Andreas Johannes (2006): Künste – Medien – Kompetenzen. Abschlussbericht zum BLK-Programm „Kulturelle Bildung im Medienzeitalter“. Bonn: ARCult Media.
  • Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) (2011): Kultur öffnet Welten – Mehr Chancen durch Kulturelle Bildung. Remscheid. Online.
  • Gramsci, Antonio (1991–2002): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hamburg: Argument.
  • Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Göttingen: Steidl.
  • Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Pazzini, Karl-Josef (1999): Kulturelle Bildung im Medienzeitalter. Gutachten zum Programm. BLK-Materialien zur Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 77. Bonn. Volltext.
  • Schmidt, Siegfried J. (2005): Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur. Vorschläge zur Bestimmung von vier Unbekannten. Heidelberg: Carl-Auer.
  • Schmidt, Siegfried J. (2012/2013): „Kulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz“. In: Kulturelle Bildung Online. Onlinebeitrag.
  • Wagner, Wolf-Rüdiger (2013): Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung. München: kopaed.

Konzept der Gesellschaftskompetenz

Kulturelle Kompetenz

Kulturelle Kompetenz

Kulturelle Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, kulturelle Ausdrucksformen als gesellschaftlich und historisch hervorgebrachte Formen der Wahrnehmung, Erfahrungsverarbeitung und Bedeutungsproduktion zu verstehen, kritisch zu reflektieren und selbst gestaltend an kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen.

Kultur ist nicht nur ein Bereich künstlerischer Betätigung. Sie prägt, wie Menschen ihre Lebenswirklichkeit wahrnehmen, Erfahrungen verarbeiten und gesellschaftliche Zusammenhänge deuten. Zugleich ist sie ein Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, in dem Vorstellungen von Normalität, Identität, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zukunft entstehen und umkämpft werden.

Kulturelle Kompetenz umfasst drei miteinander verbundene Subdimensionen:

Ästhetisches Bewusstsein und Kreativität – die subjektbezogene Dimension

Ästhetisches Bewusstsein ermöglicht es, kulturelle Ausdrucksformen differenziert wahrzunehmen, ihre Gestaltung zu erkennen und eigene Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen. Kreativität bezeichnet die Fähigkeit, Erfahrungen und Vorstellungen neu miteinander zu verbinden, eigene Ausdrucksformen zu entwickeln und bisher nicht verwirklichte Möglichkeiten sichtbar zu machen. Beide Fähigkeiten verbinden Selbstbildung mit der Entwicklung von Utopiefähigkeit.

Kultur, Identität und gesellschaftlicher Zusammenhang – die gesellschaftliche Dimension

Kultur vermittelt individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Bedeutungen. Sie schafft Möglichkeiten kollektiver Identifikation und Verständigung, ist zugleich aber von unterschiedlichen Interessen und Machtverhältnissen geprägt. Kulturelle Kompetenz befähigt dazu, kulturelle Identitätsangebote kritisch zu reflektieren, unterschiedliche Deutungen auszuhalten und hegemoniale Vorstellungen zu hinterfragen. Gesellschaftlicher Zusammenhang setzt dabei keine kulturelle Einheit voraus, sondern die demokratische Verständigung über Unterschiede und Widersprüche.

Mediale Weltaneignung und eigene kulturelle Praxis – die praktisch-gestaltende Dimension

Kulturelle Kompetenz entwickelt sich nicht allein durch die Rezeption kultureller Angebote, sondern ebenso durch eigene Gestaltung. Wer schreibt, fotografiert, filmt, musiziert oder andere Ausdrucksformen nutzt, erfährt, wie Bedeutungen hervorgebracht und vermittelt werden. Die Verbindung von Wahrnehmung, eigener Praxis und kritischer Reflexion ermöglicht es, kulturelle Wirklichkeit nicht nur zu verstehen, sondern aktiv mitzugestalten. Film ist hierfür ein exemplarisches Lernfeld, weil sich in seiner Analyse und Produktion ästhetische, mediale und gesellschaftliche Erfahrungen verbinden.

Kulturelle Kompetenz als Gesellschaftskompetenz

Kulturelle Kompetenz verbindet individuelle Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeit mit dem Verständnis gesellschaftlicher Erfahrungs- und Deutungsprozesse. Sie steht in enger Beziehung zur historischen, kommunikativen, medialen und politischen Kompetenz, besitzt jedoch einen eigenständigen Gegenstand: die kulturelle Hervorbringung, Aneignung und Veränderung gesellschaftlicher Bedeutungen.

Ihr emanzipatorisches Potenzial liegt darin, kulturelle Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen, gesellschaftliche Macht- und Deutungsverhältnisse zu erkennen und Möglichkeiten einer anderen gesellschaftlichen Wirklichkeit denk- und gestaltbar zu machen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …