Hanomag – verladen und verkauft
Eine „weitwinkelige Hanomag-Schau“ von 1982 – neu gelesen im Jahr 2026 und wiederveröffentlicht
Redaktionsgruppe Stadtpost 1982 / wiederveröffentlicht: Detlef Endeward (09/2026)

Titelseite der Broschüre
Als im Juli 1982 die erste Nummer der „Stadtpost-Schriften“ unter dem Titel „Hanomag – verladen und verkauft“ erschien, war die Geschichte der Hanomag keineswegs abgeschlossen. Das wussten auch die Autoren. Zwar trägt das siebte Kapitel die Überschrift „Hanomag letzter Akt: H.-D. Esch und die IBH“, doch dieser „letzte Akt“ endet gerade nicht mit einem Schlussstrich.
Am Ende bleibt die Entwicklung offen. Der letzte Satz bringt die Logik, die der Text zuvor über fast 150 Jahre Hanomag-Geschichte verfolgt hatte, noch einmal polemisch auf den Punkt:
„Aber Geld war für Esch noch nie ein Problem: Das holt er sich von anderen.“
Der vermeintlich „letzte Akt“ war also schon 1982 eher der vorläufig letzte Akt einer fortdauernden Geschichte des Verladens und Verkaufens. Und tatsächlich folgten in den fast 45 Jahren danach zahlreiche weitere Akte. Sie hatten zunehmend weniger mit jener „alten Hanomag“ zu tun, von der die Broschüre erzählt, blieben aber mit ihr verbunden: durch den Namen, durch Teile der Produktion, durch Eigentums- und Unternehmensgeschichten, durch die Beschäftigten und schließlich durch das Gelände selbst.
Was daraus bis heute geworden ist, lässt sich schon an einem Gang über das ehemalige Werksgelände ablesen. Historische Fabrikgebäude, neue Nutzungen und verbliebene industrielle Strukturen liegen dort nebeneinander. Das Gelände ist damit selbst zu einer Quelle geworden: für das Verschwinden eines großen hannoverschen Industriebetriebes ebenso wie für die unterschiedlichen Formen seiner materiellen Weiterexistenz.
Hanomag-Gelände – Sehenswürdigkeiten mit viel Geschichte
Die Geschichte zwischen 1982 und 2026 muss noch genauer aufgearbeitet werden. Aber gerade bevor dies geschieht, erscheint es sinnvoll, die Texte der Broschüre von 1982 wieder zugänglich zu machen – und zwar nicht nur aus lokalhistorischem oder nostalgischem Interesse.
Warum gerade jetzt?
Der Anlass liegt rund 60 Kilometer östlich von Hannover und in Hannover selbst: Volkswagen.
Was gegenwärtig bei und mit VW geschieht, ist nicht dasselbe wie das, was mit der Hanomag geschah. VW ist nicht Hanomag, die Eigentumsverhältnisse sind andere, die Größenordnungen ohnehin, die Stellung von Betriebsrat und IG Metall ist eine andere und mit dem Land Niedersachsen sitzt bei Volkswagen ein politischer Akteur unmittelbar im Unternehmen. Eine historische Gleichsetzung würde mehr verdecken als erklären.
Und dennoch entstehen beim Wiederlesen der Hanomag-Broschüre von 1982 irritierende Parallelen in den Strukturen und Argumentationsmustern.
Unternehmen geraten in Schwierigkeiten. Bestimmte Produktionsbereiche gelten plötzlich als nicht mehr rentabel. Überkapazitäten werden festgestellt. Kosten müssen gesenkt, Produktpaletten bereinigt, Standorte überprüft und Beschäftigtenzahlen reduziert werden. Unternehmensleitungen präsentieren Entscheidungen als Reaktionen auf wirtschaftliche Zwänge. Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen versuchen Arbeitsplätze und Standorte zu erhalten. Politik sucht nach Möglichkeiten einzugreifen und erklärt zugleich die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten. Und über allem steht die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, was produziert wird, wo investiert wird, welche Rendite als ausreichend gilt und wer die Folgen trägt, wenn Unternehmensstrategien scheitern oder geändert werden.
Genau hier wird die alte Broschüre wieder interessant.
Denn ihre Autoren wollten schon 1982 die damalige Krise gerade nicht als isolierten Betriebsunfall betrachten. Sie gingen zurück bis zur Gründung der Maschinenfabrik und verfolgten Eigentümerwechsel, Konjunkturen, Krisen,
Einleitung: Verladen und verkauft (1982)
Der Anlass für diese Broschüre liegt auf der Hand: Die Machenschaften von IBH-Chef Esch, den Vertretern von Stadt und Land und sonst noch einigen füllten so oft die Spalten nicht nur der STADTPOST, dass es sich wohl lohnt, eine zusammengefasste Darstellung herauszubringen.
Die neuesten Meldungen über Kurzarbeit für fast alle Beschäftigten, über Entlassungen, die „aus wirtschaftlichen Gründen vorgenommen werden müssen“ (HAZ, 1.7.82), und die wirtschaftlichen Hintergründe (Überproduktion, Absatzschwierigkeiten), die dadurch erhellt werden, zeigen, wie weit es mit einer gesicherten Zukunft der Hanomag im Schoße der IBH her ist. So wird die Hanomag-Problematik trotz der Ausflüge (oder -flüchte?) in morgenländische Gefilde noch auf unabsehbare Zeit eine beklemmende hannoversche Aktualität behalten.
Aber was in den letzten 1 1/2 Jahren geschehen ist und noch geschieht, überhaupt der Verkauf der Hanomag an die IBH, mit allen Nach- und Nebenwirkungen, ist kein Einzelfall, nicht mal ein einmaliger Fall für die Hanomag. Da gab’s vor Esch schon andere, die Gleiches oder Ähnliches mit der Hanomag veranstaltet haben – immer zum Nachteil der dort Arbeitenden.
Oft haben sich diese gewehrt, manchmal ließen sie die Firmenbosse gewähren, mehrfach wurden sie verkauft, immer jedoch verladen.
Vor 9 Jahren wurde die Überführung der Hanomag in die „Selbstverwaltung der Arbeiter und Angestellten“ gefordert – von der SPD! Wer erinnert sich noch?
Es gab Zeiten, da florierte die Hanomag, trotzdem wurde sie dichtgemacht – fast jedenfalls: Rheinstahl-Hanomag 1973. Was sind die Erträge einer Lindener Fabrik, wenn sie großen Monopolen, die weit größere Profite einfahren möchten, im Wege steht? Ganz zu schweigen von den 7.000 Arbeitern, die bei der Operation Hanomag des damaligen Rheinstahl-Chefs Toni Schmücker ihre Arbeit verloren.
Auch dies ist nur eine Episode der Hanomag-Geschichte, die reich ist an lehrreichen Beispielen für das „Funktionieren“ kapitalistischer Wirtschaft.
Doch die Hanomag ist nicht nur irgendein Industriebetrieb mit derzeit zweieinhalbtausend Beschäftigten, dem die Auflösung droht; die Hanomag ist auch ein Stück hannoverscher und Lindener Industriegeschichte. Aber in 147 Jahren Hanomag-Existenz vermischt sich konkrete Erfahrung und geschichtliche Symbolik, was vielleicht der Hintergrund für das stürmische Drängen aus den Reihen der Lindener SPD auf Annahme des Hanomag-Vertrages von 1982 ist: Die Arbeiter nicht im Stich lassen und die Arbeitsplätze halten!
Auch wir hatten versucht, der historischen Bedeutung der Hanomag etwas gerecht zu werden: Die Kontinuität des „Verladens & Verkaufens“ reicht weit in die Geschichte zurück. Und wenn schon Symbolik, dann auch dafür!
In diesen Hintergrund fügt sich die neuere Hanomag-Geschichte erschreckend nahtlos ein: ein sich mit immer neuen Namen wiederholendes Spiel.
Vielleicht trägt unsere „weitwinklige“ Hanomag-Schau ein wenig dazu bei, dass die „alten“ Forderungen der Arbeiter (und auch noch der Lindener SPD von 1973) nach Selbstbestimmung bei Hanomag (und anderswo) über die Methoden der „Arbeitsplatzsicherung“ von 1982 nicht ganz vergessen werden. Schön wär’s!
Produktionsentscheidungen und Arbeitskämpfe über fast anderthalb Jahrhunderte. Daraus entstand jene Formulierung, die auch für die erneute Veröffentlichung programmatisch sein kann:
eine „weitwinkelige“ Hanomag-Schau
Ihr Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass vor Esch bereits andere mit der Hanomag „Gleiches oder Ähnliches“ veranstaltet hatten – „immer zum Nachteil der dort Arbeitenden“. Daraus entstand die zugespitzte Formel:
„mehrfach wurden sie verkauft, immer jedoch verladen.“
Und wenige Absätze später formuliert der Text die Perspektive, aus der er diese Geschichte betrachtet: Die Hanomag-Geschichte sei reich an lehrreichen Beispielen für das „Funktionieren“ kapitalistischer Wirtschaft.
Nicht Hanomag mit VW vergleichen – sondern Fragen wiederstellen
Hier liegt der eigentliche Grund, den Text 2026 neu zu veröffentlichen.
Es geht nicht darum, aus der Geschichte der Hanomag eine Prognose für Volkswagen abzuleiten: So wie es damals dort endete, wird es heute hier enden. Geschichte wiederholt sich nicht auf diese Weise.
Aber das „Funktionieren“ weist Ähnlichkeiten auf.
Gerade deshalb kann die alte Hanomag-Broschüre helfen, die gegenwärtige VW-Krise anders zu betrachten. Nicht nur: Wie hoch sind die Kosten? Wie groß sind die Überkapazitäten? Welche Werke rechnen sich? Wie viele Beschäftigte werden noch benötigt? Sondern eine Ebene darunter: Wie entstehen diese betriebswirtschaftlichen „Sachzwänge“ überhaupt? Wer definiert sie? Welche früheren Entscheidungen haben sie hervorgebracht? Welche Interessen stehen sich gegenüber? Wer verfügt über Eigentum und Investitionen? Wer eignet sich Gewinne an – und wer soll Verluste und Fehlentscheidungen tragen?
Damit führt die Wiederveröffentlichung der Broschüre von 1982 unmittelbar zur Gegenwart, ohne die Unterschiede zwischen Hanomag und Volkswagen einzuebnen.
Die „weitwinkelige Hanomag-Schau“ wird so zugleich zur Aufforderung zu einer weitwinkeligen VW-Schau.
Denn vielleicht liegt die aktuellste Botschaft dieser mehr als vierzig Jahre alten Broschüre gerade darin: Wer erst hinsieht, wenn ein Werk „nicht mehr rentabel“ ist und Arbeitsplätze zur Disposition stehen, kommt zu spät. Man muss die Geschichte der Entscheidungen, Eigentumsverhältnisse und Interessen vorher untersuchen.
Hanomag und VW sind nicht gleich. Aber die Frage nach dem „Funktionieren“ im Kapitalismus verbindet ihre Geschichten – und macht die alte Broschüre von 1982 im Jahr 2026 überraschend gegenwärtig.
Herausgeber:
Redaktionsgruppe Hannoversche STADTPOST e. V.
Mitarbeiter dieses Heftes:
Detlef Endeward, Klaus Habermann-Nieße, Brigitte Nieße, Hubert Heinelt, Sigrid Hesse, Bernd Kröger, Detlev Krüger, Jürgen Martens, Reinhard Preis, Ursula Wilke
Hanomag – verladen und verkauft
„Weitwinkelige Hanomag-Schau“ – was das schon 1982 bedeutete
Betriebsgeschichte der Hanomag von 1835 bis 1982
Exkurs: Zur Entwicklung der IBH
Geschichte der Arbeitskämpfe
Interview mit einem Kollegen von Hanomag im Mai 1982
