Erstaunte Blicke in eine fremd gewordene Welt
Die Gegenwart im deutschen Nachkriegsspielfilm
Bettina Greffrath (1993)
Es weht der Wind von Norden,
er weht uns hin und her.
Was ist aus uns geworden?
Ein Häufchen Sand am Meer.
Der Sturm jagt das Sandkorn weiter,
dem unser Leben gleicht,
er fegt uns von der Leiter,
wir sind wie Staub, so leicht.
Was soll nunwerden?
Es muß doch weitergehn.
Noch bleibt ja Hoffnung
Für uns genug bestehn.
Wir fangen alle von vorne an (mehrfach wiederholt)
weil das Dasein ach schön sein Kann!
Es weht der Wind von allen Seiten,
so laß den Wind doch wehn!
Denn über uns der Himmel
läßt uns nicht untergehn,
läßt uns nicht untergehn! [1]
Dieses Lied durchzieht wie ein Leitmotiv den gesamten Film UND ÜBER UNS DER HIMMEL[2] (Urauff.: 9.12.1947) und das in ihm gezeichnete Kaleidoskop der Trümmergesellschaft. Mehr als nur kommentierende Begleitung offenbart es bei genauerem Hinsehen seinen Charakter als Suche nach einem Selbstbild, nach Identität: „Was ist aus uns geworden?“. Nicht zufällig erfolgt dieser Prozess nicht allein verbal – die Worte werden hier mehr zum Vehikel für die Zeichnung von Bildern, einer Vorstellung, eines Paradigmas: Deutlich wird uns das Gefühl der Ohnmacht, des Sich-Ausgeliefert- und Hin- und Hergeworfenfühlens von der Macht des (nicht näher benannten, aber bezeichnenderweise mit dem Bild des Sturmes belegten) „Schicksals“. Dieses Gefühl, die Angst vor dem Untergang, ist – wenn schon nicht aufzulösen, so doch mit Hilfe des Vertrauens auf den „Himmel“ „über uns“ – zu überwinden, zu überdecken.
Dieses Lied wurde im Jahr 1948 ein Schlager. Sein Text, in eigenwilliger Spannung mit der markigen Stimme Hans Albers’ und einer zwischen Hoffnung und Melancholie schwankenden Melodie, fand sein Publikum.
Traf dieses Bild – die massenhafte Rezeption von Film und Lied legen die Vermutung nahe – eine für viele Menschen in dieser Zeit typische Stimmung, ein kollektives Grundgefühl?
In diesem Kapitel spüre ich den Stimmungen und Sichtweisen der Spielfilme nach, die die damalige Gegenwart Nachkriegsdeutschlands thematisieren. Gemeint sind jene neuen deutschen Filme, die bei Befragungen von großen Teilen des Publikums schon 1947 als „Trümmerfilme“ abgelehnt wurden, obwohl sie in einigen Fällen auch immer wieder mehrere Millionen Zuschauer fanden. Welche Bilder zeichnen diese von der Situation der Deutschen nach dem Krieg, ihren Gefühlen, ihren Problemen, ihren persönlichen und gesellschaftlichen Lebenszielen?
Anmerkungen
[1] Dieses und alle weiteren Zitate aus dem eigenen Filmprotokoll des Films UND ÜBER UNS DER HIMMEL (nach Videokopie).
[2] Amerikanische Lizenz; Regie: Josef von Baky.
Erstaunte Blicke in eine fremd gewordene Welt
Im „Inneren“: Von Mensch zu Mensch
Das „Außen“: Die unwirtlichlich-gefährdende Nachkriegswelt
