NS-Propaganda: Massenverführung und/oder aktives Mitwirken

Zwischen Disposition, Deutung und sozialer Praxis

Detlef Endeward (10/2021)

In den Diskussionen um den Umgang mit den Vorbehaltsfilmen werden auch unterschiedliche Vorstellungen bzw. Einschätzungen zur Wirkung von Propaganda deutlich.

 „Propaganda ist eine besondere Form der systematisch geplanten Massenkommunikation, die nicht informieren oder argumentieren, sondern überreden oder überzeugen möchte. Dazu bedient sie sich in der Regel einer symbolisch aufgeladenen und ideologiegeprägten (Bild-)Sprache, welche die Wirklichkeit verzerrt, da sie entweder Informationen falsch vermittelt oder ganz unterschlägt. Ziel von Propaganda ist es, bei den Empfängern eine bestimmte Wahrnehmung von Ereignissen oder Meinungen auszulösen, nach der neue Informationen und Sachverhalte in den Kontext einer ideologiegeladenen Weltsicht eingebettet werden (Framing). Der Wahrnehmungsraum, in dem die Empfänger Informationen einordnen oder bewerten können, wird so durch Propaganda langfristig manipuliert.“ (Bussemer 2013)

Die NS-Filmpolitik gilt als besonders wirkmächtig. Wenn man Schenk folgt, liegen aber zur Beantwortung der Frage, wie die Filme damals gewirkt haben keine eindeutigen Ergebnisse vor, für die gegenwärtige Wirkung scheint dies noch viel stärker zu gelten:

„In Wirklichkeit wissen wir fast nichts über Filmwirkung, reden aber bei unseren Werk-, sprich Filmanalysen immer implizit darüber – ohne jedweden Beleg. Bei der Besprechung von NS-Propagandafilmen verzichten wir sogar ohne Umstände auf das Implizite und sind sofort bereit, bestimmte und ganz eindeutige Wirkungen zu unterstellen.“ (Schenk 1997, S: 171)

Häufig wird also eher von Vermutungen ausgegangen, die sich an den feststellbaren Intentionen der Filmmacher als an die Wahrnehmung der Zuschauer orientieren. Diese Einschätzung bestätigt Bussemer indirekt. Hinsichtlich der Einschätzung der Wirkung von Propaganda scheint bedeutsam, welcher Propagandabegriff zugrunde liegt:

„Ein enger und ein weiter Propagandabegriff existieren also parallel: Während der enge das Vorhandensein von Propaganda mit totalitären Strukturen der Informationskontrolle und der Unterdrückung der öffentlichen Meinung verknüpft und der Propaganda so erhebliche Wirkungsmacht zubilligt, geht der weite Propagandabegriff von einer beinahe ubiquitären Präsenz von Propaganda quer durch alle Gesellschaftsformationen aus, unterstellt ihr aber im Gegenzug schwächere Wirkungen. Diese diametralen Sichtweisen korrespondieren mit dem in der Kommunikationswissenschaft seit Jahrzehnten ausgetragenen Grundsatzstreit über „aktive” versus „passive” Rezipienten. Zu einer wirklichen Auflösung dieses Schismas ist es bislang nicht gekommen.

Der deutschen historischen Forschung attestiert Bussemer einen „engen Propagandabegriff“, demzufolge der NS-Propaganda eine hohe Wirkmächtigkeit zugesprochen wurde/wird.

„Neuere historische und sozialwissenschaftliche Studien zu Propaganda betonen allerdings die aktive Mitwirkung der Rezipienten an der vermeintlichen „Verführung”, verweisen also darauf, dass Propaganda nur in den seltensten Fällen von oben verordnet werden kann, sondern auf vorhandene Grundstimmungen, Frames und Stereotype treffen muss, um aufgegriffen und popularisiert zu werden. Propagandakommunikation wird also als eine aktive Komplizenschaft von Propagandisten und Rezipienten begriffen, in deren Prozess Bedeutungen verhandelt und neu justiert werden. Diese neuere Sicht auf die Wirkung politischer Propaganda führt zwangsläufig auch zur Hinterfragung traditioneller Annahmen über die Wirkung politischer Propaganda, z.B. im Nationalsozialismus. Hier gewinnt zunehmend ein Bild an Dominanz, dass die Deutschen einerseits nicht mehr als hilflose Opfer der Nationalsozialisten, sondern als aktive Konsumenten der Propagandaangebote sieht und gleichzeitig die Wirksamkeit der nationalsozialistischen Propaganda als Indoktrinationsmittel in Frage stellt.“ (Bussemer 2013)

Unabhängig von „ungeklärten Wirkungen wird Propaganda auf absehbare Zeit im politischen und militärischen Raum eine Kommunikationstechnik von erheblicher Bedeutung bleiben – schon deshalb, weil eben die Frage nach ihrer Effizienz nach wie vor nicht abschließend beantwortet ist und vermutlich auch keine Antwort finden wird.“ (Bussemer 2013)

Umso bedeutsamer wird aus dieser Perspektive eine Beschäftigung mit NS-Propagandafilmen. Im Rahmen dieses Projekts ist dann auch zu überprüfen, ob es noch stimmt, was Schenk vor 20 Jahren schrieb.[1] Und es scheint angebracht, stärker die kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschungen zu Propaganda zu berücksichtigen.


Bussemer, Thymian (2013): Propaganda. Theoretisches Konzept und geschichtliche Bedeutung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 2.8.2013, URL: http://docupedia.de/zg/Propaganda?oldid=125824 [12.11.2018]

[1] Schenk, Irmbert (1997): Zur Vorstellung der Wirkung von NS-(Propaganda-)Filmen in der Filmgeschichtsschreibung. In: Hickethier, Knut/Müller, Eggo/Rother, Rainer (Hrsg.): Der Film in der Geschichte, S. 167-177. Berlin 1997

NS-Propaganda im Spielfilm

„Verführung durch Propaganda“ ist eine Entlastungsbehauptung

Subjektform geht der Propaganda voraus

Wie Reich, Adorno oder Fromm zeigen: Die autoritäre Charakterstruktur, die zur Zustimmung neigt, existiert vor der Propaganda. Sie ist Ergebnis von Sozialisation, Repression, ökonomischer Abhängigkeit und kultureller Normierung.

Propaganda trifft auf ein Subjekt, das bereits gelernt hat, zu gehorchen, zu verdrängen und sich anzupassen.

Propaganda als Verstärker, nicht als Ursache

Propaganda funktioniert nur, wenn sie an bestehende Alltagsmythen, Ressentiments und hegemoniale Muster anschließt.

Wer glaubt, dass „die da oben“ es richten, dass „Ordnung“ wichtiger ist als Gerechtigkeit, dass „die anderen“ schuld sind – der braucht keine Verführung, sondern Bestätigung.

Mitläufer handeln aus Kalkül, Angst, Opportunismus

Wie Kershaw und Browning zeigen: Viele Mitläufer wussten, was geschah – und machten mit, weil es ihnen Vorteile brachte oder weil sie Nachteile fürchteten.

Das ist keine Täuschung, sondern funktionale Einbindung in ein System, das Gewalt belohnt und Widerstand bestraft.

Entlastungsnarrative dienen der Nachkriegsordnung

Die Rede von „Verführung“ und „Missbrauch“ wurde nach 1945 gezielt eingesetzt, um:

  • die breite Beteiligung zu relativieren
  • die Schuld auf „die Propagandisten“ oder „die Führer“ zu verschieben
  • die eigene Gesellschaft als „Opfer“ darzustellen

Das ist keine Analyse, sondern politische Mythologie.

Didaktische Konsequenz

Wenn wir Mitläufer als „Verführte“ darstellen, verhindern wir:

  • kritische Subjektanalyse
  • strukturelle Verantwortung
  • politische Bildung, die autoritäre Muster erkennt und unterbricht

Fazit:
Mitläufer entstehen nicht durch Propaganda – sie sind das Produkt einer Gesellschaft, die autoritäre Anpassung belohnt, Konfliktvermeidung lehrt und moralische Verantwortung delegiert.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …