Höhenflug und Depression – Wechseljahre

Vom „Eisenbahnkönig“ Strousberg über Gründerboom und Depression zum exportorientierten Großbetrieb

Redaktionsgruppe Stadtpost 1982 / wiederveröffentlicht: Detlef Endeward (09/2026)

„Der Kerl wird nächstens noch deutscher Kaiser.“ (Friedrich Engels)

Noch im Todesjahr Egestorffs übernahm Bethel Henry Strousberg die Maschinenfabrik. Strousberg war 1861 in Berlin ins Eisenbahngeschäft eingestiegen und wurde schon 1865 der „Eisenbahnkönig“ genannt. Grundlage seiner Geschäftstätigkeit war die Generalübernahme von Eisenbahnneuanlagen. Strousberg, der das alles jahrzehntelang in England gelernt hatte, war damit ein gemachter Mann.

„Der größte Mann in Deutschland ist unbedingt der Strousberg. Der Kerl wird nächstens noch duetscher Kaiser! (Friedrich Engels)

Friedrich Engels schrieb 1869 über ihn:

„Der größte Mann in Deutschland ist unbedingt der Strousberg. Der Kerl wird nächstens noch deutscher Kaiser. Überall, wohin man kommt, spricht alles nur von Strousberg. (…) Er hat einzelne geniale Züge und ist jedenfalls dem Railwayking Hudson unendlich überlegen. Er kauft jetzt alle industriellen Etablissements auf und reduziert sofort die Arbeitszeit auf 10 Stunden, ohne den Lohn herabzusetzen. Dabei hat er das klare Bewusstsein, dass er als armer Schlucker endigen wird. Sein Hauptprinzip ist: nur Aktionäre zu prellen, mit Lieferanten und anderen Industriellen aber kulant zu sein. In Köln sah ich sein Porträt ausgehängt, gar nicht übel, jovial. Seine Vergangenheit ist ganz dunkel, nach einigen ist er studierter Jurist, nach andern hat er in London einen Puff gehalten.“
(MEW Bd. 32, S. 370)

Und er erinnert in einigen Zügen auch an Horst Dieter Esch von heute: In Krisenjahren eine Produktionsstätte nach der anderen aufkaufen, um seinen Konzern abzurunden bzw. aufzubauen. Mit Finanzierungstricks im noch neuen Aktiengeschäft brachte Strousberg die Mittel auf und seine Unternehmen auf Vordermann, auch hierin ähnlich dem H. D. Esch von heute: In Krisenjahren eine Produktionsstätte nach der anderenaufkaufen, um seinen Konzernabzurunden bzw. aufzubauen.

Mit Finanzierungstricks im noch neuen Aktiengeschäft brachte Strousberg die Mittel auf und seine Unternehmen auf Vordermann, auch hier ähnlich des H. D. Esch. Ob dieser aber die Arbeitszeit senken wird und nur Aktionäre prellt …?

Die hannoversche „Maschinenfabrik“ sollte in Strousbergs Konzern die Lokomotivproduktion führend übernehmen. Und er kam mit großen Plänen nach Hannover. Eisenbahngeschäfte in aller Welt – insbesondere ein vielversprechendes Rumäniengeschäft – wiesen auf einen großen Absatz hin („das internationale Vertriebsnetz …“ würden wir heute sagen) und lockerten die Kreditbereitschaft der Banken und das Kapital der Aktionäre. Zunächst sollte eine neue Fabrik entstehen und dazu noch Werkswohnungen (die Siedlung Klein-Rumänien an der Göttinger Straße auf dem heutigen Werksgelände).

Der Umbau begann – da platzte das Rumäniengeschäft bereits 1870! Im Zuge der ökonomischen Stabilisierung seines Konzerns musste Strousberg die Maschinenfabrik an ein hannoversches und Berliner Bankenkonsortium abstoßen. Dieses begründete 1871 die „Hannoversche Maschinenbau Aktiengesellschaft“. Infolge des Telegrammdienstes zu überseeischen Niederlassungen Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Kürzel „HANOMAG“ zum Markenzeichen.

Die Ära Strousberg in Hannover war vorbei. Der Niedergang des restlichen Strousbergschen Konzerns ließ sich ebenfalls nicht aufhalten: Noch im Jahre 1871 musste er weitere Teile des Konzerns abstoßen, Grundschulden wurden erhoben, der Konzern brach zusammen. 1884 starb Strousberg – wie der Chronist schrieb und Engels es vorhersah – in „ärmlichen Verhältnissen“.

Dennoch blieben Strousbergs Pläne für die Hanomag von Bedeutung: Bis 1874 wurde die HANOMAG nach seinen Vorstellungen auf insgesamt 19,4 ha Produktionsfläche ausgebaut – und es ging weiter bergauf: Der Gründerboom, der im Wesentlichen auf den französischen Reparationszahlungen nach dem siegreichen Krieg 1870/71 beruhte, belebte die Produktion:

Von 1872 bis 1874 wurden mit 2.500 Arbeitern 613 Lokomotiven hergestellt. Die berühmten Borsig-Werke in Berlin produzierten im selben Zeitraum nur 497 Stück.

Dem Boom folgte die Überproduktionskrise und eine anhaltende Depression: Nur noch 30 Lokomotiven pro Jahr konnten hergestellt werden. 1880/81 wurde der Tiefpunkt mit 460 Arbeitern und 9 Lokomotiven erreicht.

Ebenfalls bemerkenswert, dass damals Krisen noch mit einem Rückgang der Produktivität pro Kopf der Beschäftigten verbunden waren, ein Phänomen, das längst überholt ist. Heute werden gerade in Krisenzeiten die höchsten Produktivitätsraten aus der reduzierten Arbeiterschaft herausgepresst.

Erst mit der staatlichen Übernahme der Eisenbahnen in Preußen wurden die Jahre der Depression langsam überwunden. In den nächsten Jahren wurden bis zu 100 Lokomotiven pro Jahr hergestellt. Die Zahl der Beschäftigten wurde der jeweiligen Konjunktur angepasst:

1881: 1.000 Arbeiter
1883: 1.500 Arbeiter
1888: 900 Arbeiter
1891: 1.700 Arbeiter
1894: 1.100 Arbeiter

Der gesamtwirtschaftliche Aufschwung des deutschen Kapitalismus, der den Weltmarkt zu entdecken begann, zog auch die HANOMAG mit nach oben. In den Jahren von 1911–1914 wurden schließlich 359 Lokomotiven im Jahresdurchschnitt hergestellt. Der Anteil des Exportes an der Produktion nahm erheblich zu:

1901–1906: 28 %
1906–1910: 45 %
1911–1914: 53 %

1914 beschäftigte die HANOMAG 4.400 Personen.

Die Produktionsanlagen wurden grundlegend erneuert. Das neue Verwaltungsgebäude für 400 Angestellte an der Bornumer Straße ist uns bis heute erhalten geblieben.

Grundlage der Produktion blieb die Lokomotive, aber mit den Motorpflügen und den dazu entwickelten Benzin-Motoren wird 1912 ein neues Standbein entwickelt, das noch Geschichte machen sollte.

Betriebsgeschichte der Hanomag

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