Film nicht nur sehen – Film machen
Aktive Film- und Videoarbeit als kulturelle Praxis
Detlef Endeward (08/2026)
Die besondere Bedeutung des Films für die Ausbildung kultureller Kompetenz erschließt sich nicht allein durch Filmanalyse. Sie zeigt sich ebenso in der eigenen filmischen Praxis. Film sehen, Film analysieren und Film machen gehören aus dieser Perspektive zusammen. (1)
Das hat auch eine medienpädagogische Geschichte. Insbesondere seit den 1970er und 1980er Jahren wurde aktive Medienarbeit als Gegenentwurf zu einer Medienpädagogik entwickelt, die Kinder und Jugendliche vor allem vor vermeintlich schädlichen Medienwirkungen schützen wollte. Mit preiswerter werdenden Film-, Super-8- und später Videokameras entstand die Möglichkeit, Medien nicht nur zu konsumieren, sondern selbst zu produzieren. Videoarbeit in Schulen, Jugendzentren, Bildungsstätten und Geschichtswerkstätten sowie Film- und Videowettbewerbe wurden zu wichtigen Feldern aktiver Medienarbeit.
Der grundlegende Perspektivwechsel bestand darin, Rezipientinnen und Rezipienten selbst zu Produzenten zu machen. Wer einen Film herstellt, muss Wirklichkeit auswählen und gestalten. Eine Kamera wird auf etwas gerichtet und damit zugleich von anderem weggerichtet. Einstellungen werden gewählt, Bilder montiert, Musik und Sprache eingesetzt, zeitliche Zusammenhänge konstruiert. Bereits in einfachsten Filmprojekten wird damit praktisch erfahrbar, was Wolf-Rüdiger Wagner theoretisch mit dem Gedanken der medialen Weltaneignung und später des Medialitätsbewusstseins beschreibt: Medien bilden Wirklichkeit nicht einfach ab. Sie konstruieren und inszenieren sie in medienspezifischen Formen.
Gerade deshalb besitzt die aktive Film- und Videoarbeit eine besondere Bedeutung für kulturelle Kompetenz. Was bei der Filmanalyse erkannt werden soll, wird in der Produktion selbst erfahren: Jede Darstellung setzt Entscheidungen voraus.
Die Kamera muss irgendwo stehen. Der Ausschnitt muss gewählt werden. Aus vorhandenem Material muss ausgewählt werden. Beim Schnitt werden zeitliche und kausale Beziehungen hergestellt. Musik verändert die Wahrnehmung eines Bildes. Ein Kommentar kann dasselbe Bild mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen versehen.
Medialität wird dadurch praktisch erfahrbar.
Aktive Filmarbeit verbindet zugleich individuelle Erfahrung mit Öffentlichkeit. Menschen können Erfahrungen, Beobachtungen und Konflikte aufgreifen, sie in eine filmische Form bringen und anderen zugänglich machen. Hier entsteht eine Verbindung zu Negt und Kluge: Erfahrungen, die in etablierten Öffentlichkeiten möglicherweise keinen Ausdruck finden, können artikuliert und in gesellschaftliche Kommunikation eingebracht werden.
Filmproduktion wird damit zu kultureller Praxis im emphatischen Sinne. Die Beteiligten eignen sich nicht nur technische Fertigkeiten an. Sie erfahren sich als Produzenten gesellschaftlicher Bedeutungen.
Film- und Videowettbewerbe besitzen in dieser Tradition eine besondere Funktion. Sie geben selbst produzierten Filmen eine Öffentlichkeit, ermöglichen den Vergleich unterschiedlicher Perspektiven und schaffen Anlässe für Diskussion und Reflexion. Entscheidend ist dabei weniger die Auszeichnung eines vermeintlich besten Produkts als der Prozess, in dem eigene Wahrnehmungen gestaltet, veröffentlicht und mit den Wahrnehmungen anderer konfrontiert werden.
Damit schließt sich der Kreis zur kulturellen Kompetenz. Aktive Filmarbeit verbindet Wahrnehmung – Erfahrung – Gestaltung – Öffentlichkeit – Reflexion.
Gerade die Reflexion unterscheidet kulturelle Bildungsarbeit vom bloßen Erlernen filmtechnischer Fertigkeiten. Es geht nicht nur darum, eine Kamera bedienen oder einen Film schneiden zu können. Gefragt wird vielmehr: Was wollten wir zeigen? Warum haben wir diese Bilder gewählt? Welche Geschichte erzählen wir damit? Welche Perspektiven fehlen? Wie verändert die Gestaltung die Aussage? Wie wird unser Film von anderen verstanden?
In dieser Verbindung von Produktion und Reflexion liegt die besondere Bildungsqualität aktiver Film- und Videoarbeit. Sie macht erfahrbar, dass kulturelle und mediale Wirklichkeit hergestellt wird – und deshalb auch anders hergestellt werden kann.
Aktive Filmarbeit wird so zu einem exemplarischen Praxisfeld kultureller Kompetenz und zugleich zu einem Erfahrungsraum demokratischer Öffentlichkeit. Menschen erfahren, dass sie den Bildern und Erzählungen ihrer Gesellschaft nicht ausschließlich gegenüberstehen, sondern selbst Bilder herstellen, Geschichten erzählen, Erfahrungen öffentlich machen und damit an gesellschaftlichen Deutungsprozessen teilnehmen können.
Die Geschichte der aktiven Film- und Videoarbeit und der Filmwettbewerbe ist deshalb mehr als ein Kapitel der Medienpädagogik. Sie ist zugleich ein Stück Geschichte kultureller und demokratischer Bildung.
1) Siehe dazu: Filmbildung in Niedersachsen – Lernwerkstatt Film und Geschichte