Warum man vom Kapitalismus sprechen muss
Was ökonomische Kompetenz verschweigt, wenn sie den Kapitalismus verschweigt
Detlef Endeward (01/2026)
Ökonomische Kompetenz bedeutet mehr als das Beherrschen von Fachbegriffen oder das Rechnen mit Modellen. Sie umfasst die Fähigkeit, wirtschaftliche Prozesse zu verstehen, zu bewerten und in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen einzuordnen. Wer ernsthaft ökonomische Kompetenz erlangen will, kommt daher nicht umhin, vom Kapitalismus zu sprechen. Denn ökonomisches Wissen entfaltet seinen Sinn erst im Kontext des Wirtschaftssystems, in dem es angewendet wird.
Der Kapitalismus bildet den realen Bezugsrahmen wirtschaftlichen Handelns in den meisten modernen Gesellschaften. Produktionsmittel befinden sich überwiegend in privatem Eigentum, über Märkte werden Angebot und Nachfrage koordiniert, Unternehmen orientieren sich an Gewinnzielen, und die Mehrheit der Menschen ist auf Lohnarbeit angewiesen. Diese Strukturen prägen nahezu alle ökonomischen Entscheidungen – von der Preisbildung über Investitionen bis hin zu Arbeitsbedingungen. Eine Ökonomie, die diese Rahmenbedingungen nicht explizit thematisiert, abstrahiert von der Realität, die sie eigentlich erklären soll.
Zentrale ökonomische Begriffe sind dabei untrennbar mit kapitalistischen Verhältnissen verbunden. Konzepte wie Wettbewerb, Produktivität, Wachstum oder Effizienz erscheinen häufig als neutrale, technische Kategorien. Tatsächlich jedoch erhalten sie ihre konkrete Bedeutung erst innerhalb eines Systems, das auf Kapitalverwertung und Profitorientierung ausgerichtet ist. Ökonomische Kompetenz verlangt deshalb, nicht nur zu wissen, wie diese Begriffe funktionieren, sondern auch zu verstehen, warum sie entstanden sind, welche Interessen sie widerspiegeln und welche sozialen Folgen sie zeitigen.
Besonders deutlich wird diese Problematik in der Dominanz neoliberaler Erklärungsansätze, die gegenwärtig wirtschaftspolitische Debatten wie auch ökonomische Bildung prägen. Neoliberale Perspektiven interpretieren wirtschaftliche Prozesse primär als Ergebnis individueller Entscheidungen auf möglichst freien Märkten. Staatliche Eingriffe gelten dabei als Störfaktoren, soziale Ungleichheit als Folge unterschiedlicher Leistungsbereitschaft, Krisen als temporäre Marktverzerrungen. Diese Erklärungen wirken plausibel, weil sie einfach sind und Verantwortung individualisieren. Zugleich verdecken sie jedoch strukturelle Machtverhältnisse, Eigentumsfragen und Abhängigkeitsverhältnisse, die für das Funktionieren des Kapitalismus zentral sind.
Eine zentrale Aufgabe ökonomischer Bildung besteht daher in der Dekonstruktion dieser neoliberalen Narrative. Wer ökonomisch kompetent sein will, muss erkennen, dass Märkte keine naturwüchsigen Phänomene sind, sondern politisch regulierte Institutionen; dass Wettbewerb nicht automatisch zu sozialem Ausgleich führt; und dass wirtschaftliche Freiheit ungleich verteilt ist, solange Eigentum und Kapital konzentriert sind. Die scheinbare Neutralität neoliberaler Erklärungen erweist sich bei genauer Betrachtung als normative Setzung, die bestehende Macht- und Besitzverhältnisse stabilisiert.
In diesem Zusammenhang gewinnt die Wiederbelebung marxistisch orientierter Erklärungsansätze besondere Bedeutung. Marxistische Ökonomie fragt nicht primär nach Gleichgewichten oder individuellen Präferenzen, sondern nach Produktionsverhältnissen, Klassenstrukturen und der Dynamik von Kapitalakkumulation. Sie macht sichtbar, dass Profit nicht aus dem Markt selbst entsteht, sondern aus der Aneignung unbezahlter Arbeit, und dass wirtschaftliche Krisen keine Ausnahmen, sondern systemische Momente kapitalistischer Entwicklung sind. Gerade angesichts globaler Ungleichheit, prekärer Arbeitsverhältnisse und ökologischer Grenzen bieten marxistische Analysen wichtige Werkzeuge, um gegenwärtige Entwicklungen zu verstehen.
Dabei geht es nicht um eine unkritische Rückkehr zu dogmatischen Lehrsätzen, sondern um die Reaktivierung eines analytischen Instrumentariums, das Fragen nach Macht, Herrschaft und Ausbeutung ins Zentrum rückt. Marxistisch orientierte Ansätze erweitern ökonomische Kompetenz, weil sie den Blick für historische Prozesse schärfen und Alternativen zum Bestehenden denkbar machen. Sie widersprechen der neoliberalen Vorstellung von Alternativlosigkeit und eröffnen Räume für gesellschaftliche Gestaltung.
Ökonomische Kompetenz schließt daher notwendig Kritikfähigkeit ein. Wirtschaftliche Krisen, soziale Spaltung und ökologische Zerstörung lassen sich nicht allein durch individuelles Fehlverhalten erklären. Sie sind Ausdruck struktureller Widersprüche eines Systems, das auf Wachstum, Konkurrenz und Profitmaximierung angewiesen ist. Diese Widersprüche zu erkennen und zu analysieren, ist Voraussetzung für eine aufgeklärte ökonomische Urteilsbildung.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Vom Kapitalismus zu sprechen heißt, Ökonomie ernst zu nehmen. Die kritische Auseinandersetzung mit neoliberalen Erklärungsansätzen und die Wiedergewinnung marxistisch orientierter Perspektiven sind keine ideologischen Zuspitzungen, sondern notwendige Schritte auf dem Weg zu echter ökonomischer Kompetenz. Erst dort, wo Wirtschaft systemisch, historisch und machtanalytisch verstanden wird, wird ökonomische Bildung ihrem demokratischen Anspruch gerecht.
