Die Übernahme der Ufa – zwei historische Perspektiven für die Gegenwart
Hans Traub: Die Ufa (1943)
Mit der Übernahme der Ufa durch Geheimrat Hugenberg vollzog sich gleichsam eine Neugründung. Langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der Filmwirtschaft, ein geschultes Wissen um den Film und seine Wirkung auf das Volk, bereichert noch durch wertvolle Erkenntnisse in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung auf dem Gebiet des Nachrichtenwesens und Zeitungswesens werden nunmehr der Ufa zugeführt.
Das größte deutsche Filmunternehmen wurde nicht nur finanziell saniert, sondern von einer völlig neuen Wirtschaftsauffassung durchdrungen. Ihr Ziel war es, ähnlich wie bei anderen Bestrebungen der Hugenberg-Gruppe, mit diesem Unternehmen dem deutschen Film eine nationale Bodenständigkeit zu erkämpfen.
Nur wenn man sich solches vor Augen hält, kann man sich ein Urteil über die geschilderten Maßnahmen bilden und ihre umwälzende Auswirkung auf das Filmschaffen verstehen, sei es die Lösung der drückenden Amerikaverträge, sei es die Einführung des deutschen Tonfilms oder sei es vor allem der Mut, dem Film inmitten seiner Überfremdung ein deutsches Gesicht zu geben.
Quelle: Hans Traub: Die Ufa. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des deutschen Filmschaffens. Berlin: Ufa-Buchverlag 1943, S. 75.
Morus: Pazifist Hugenberg (1927)
Von Morus (Richard Lewinsohn)
Wir hatten uns schon beinah gewöhnt daran zu glauben, daß die Ufa ein Geschäftsunternehmen sei wie jedes andre. Nichts von all den trüben Prophezeiungen war eingetroffen. Hugenbergs Weltkriegsfilm entsprach zwar vielleicht nicht ganz so den Tatsachen; aber der war schließlich noch unter dem Protektorat der Deutschen Bank gedreht. Hugenberg mußte ihn eben vorführen, er konnte als solider Geschäftsmann nicht anders.
Aber nachdem die alten Vorräte aufgearbeitet waren und Hugenbergs Wille allenthalben geschah, girrten in den Ufa-Theatern leibhaftig die Friedenstauben. A. d. W., Anspruchslose des Westens jauchzen vor Vergnügen, daß Hugenberg ihnen am Kurfürstendamm „Die große Limonade“ servierte und sie sich davon überzeugen konnten, wie liebreich doch in Hollywood so ein kleiner Weltkrieg vor sich geht. Nein, aber auch sowas Pazifistisches! Da brauchte man sich eigentlich gar nicht mehr darum zu kümmern, was Hugenberg in den weniger feinen Stadtvierteln aufführen ließ, was in den Provinztheatern der Ufa vor sich ging und wieviel Paraden in jeder Ufa-Wochenschau gezeigt wurden …
Und nun kommt der Allmächtige selbst und zerstört alle unsre Illusionen. In einer deutschnationalen Wahlkreisversammlung in Herford hat Hugenberg sich offenbart. Es sieht fast aus, als hätte dieser übervorsichtige Mann sich im Eifer des Wahlkampfes – der Jungdeutsche Orden agitiert bei den Deutschnationalen gegen eine neue Kandidatur Hugenbergs – etwas verheddert. Aber nachdem er einmal A gesagt hatte, hat er mit männlichem Stolz B gesagt, und so kann man denn in dem offiziellen Stenogramm der Rede, das Hugenberg im „Berliner Lokal-Anzeiger“ abdrucken ließ, also lesen:
Meine Damen und Herren! Die Mehrheit der Ufa – Sie werden das natürlich gleich in die Presse bringen, daß weiß ich. Der Jungdeutsche hat ja die Verpflichtung, seinem Hochmeister alles zu berichten, und der Hochmeister fühlt sich dann berechtigt, das Gehörte in der Presse zu verwerten; aber es soll mir einerlei sein – die Mehrheit der Ufa liegt in den Händen der nationalen Gruppe, von der ich vorhin gesprochen habe, und ich habe jeden, der es hören wollte, bei Einleitung des Geschäfts gesagt, daß ich es nur machen würde, wenn ein einheitlicher und ausschlaggebender Einfluß klar sei. Wenn auf dieser Grundlage andre mitgehen wollen, so kann mir das nur sehr lieb sein.
Wer die nationale Gruppe oder, wie Hugenberg sie an andrer Stelle seiner Herforder Konfession nennt: die zwölf nationalen Männer sind, die ihm beim Ankauf der Ufa ebenso wie beim Aufkauf der Presse behilflich waren, hat er bisher noch nicht verraten. Aber man kennt ja seinen finanziellen Freundeskreis: den alten Kirdorf und den früheren Wirtschaftsminister Becker, Fritz Thyssen und Albert Vögler, den Generaldirektor Farenhorst und den Generaldirektor Wiskott, Herrn Dr. Springorum und den hamburger Reeder Rudolf Blohm; den Geheimen Baurat Schrey und den Generaldirektor Winkhaus, den Konsul Kummer und den Lignose-Kommandanten von Schrötter, den Rittergutsbesitzer von Goldacker und den Landrat von Meyer, den Grafen von der Schulenburg und den Fürsten Pless …
Quelle: Richard Lewinsohn (Morus): „Pazifist Hugenberg“. In: Die Weltbühne, 23. Jahrgang, 15. November 1927, S. 761 ff.
Zwei historische Perspektiven – kein Widerspruch in der Sache
Zwischen den beiden Texten besteht in der Sache kaum ein Widerspruch. Sie beschreiben denselben Vorgang, bewerten ihn allerdings aus entgegengesetzten politischen Perspektiven.
Morus kritisiert aus linksliberaler Perspektive 1927, was Hans Traub aus nationalistischer Perspektive 1943 ausdrücklich würdigt: die Übernahme eines führenden Filmkonzerns durch eine politisch rechts orientierte Gruppe von Kapitalbesitzern und die damit verbundene Möglichkeit, wirtschaftliche Verfügungsmacht in kulturellen und politischen Einfluss umzusetzen.
Bemerkenswert ist, wie offen Traub diesen Zusammenhang beschreibt. Mit Hugenberg seien der Ufa nicht nur Kapital und filmwirtschaftliche Erfahrungen, sondern auch Kenntnisse über die „Beeinflussung der öffentlichen Meinung“ zugeführt worden. Er spricht ausdrücklich von einer „völlig neuen Wirtschaftsauffassung“, deren Ziel die „nationale Bodenständigkeit“ des deutschen Films gewesen sei.
Morus legt denselben Zusammenhang offen, indem er Hugenbergs eigene Erklärung zitiert: Entscheidend war nicht irgendeine finanzielle Beteiligung, sondern ein „einheitlicher und ausschlaggebender Einfluß“. Hugenberg wollte die Ufa nur übernehmen, wenn die Verfügungsmacht eindeutig gesichert war.
Daraus ergibt sich eine wichtige Unterscheidung:
- Ökonomisch: Ein Kreis von Kapitalbesitzern übernimmt die Kontrolle über einen Filmkonzern.
- Politisch: Diese Kontrolle wird mit bestimmten nationalkonservativen Zielsetzungen verbunden.
- Kulturell: Die Eigentums- und Entscheidungsverhältnisse eröffnen Möglichkeiten, Filmproduktion, Verleih, Kinoprogramme und öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Hugenberg die Ufa als Wirtschaftsunternehmen oder als politisches Instrument betrachtete. Die wirtschaftliche Verfügungsmacht war gerade die Voraussetzung dafür, sie auch als politisches Instrument einsetzen zu können.
Traub verschleiert diesen Zusammenhang nicht einmal. Er erklärt ihn vielmehr nachträglich zum Verdienst Hugenbergs.
Darin liegt der eigentliche Erkenntniswert der Gegenüberstellung. Was 1927 als problematische Konzentration wirtschaftlicher und publizistischer Macht kritisiert wurde, konnte 1943 als Leistung nationaler Kulturpolitik dargestellt werden, ohne die zugrunde liegenden Eigentums- und Machtverhältnisse anders beschreiben zu müssen.