Gesellschaftskritische Bildung und politisches Handeln
Diversität ohne Fragmentierung
Unterschiedlich, aber verschränkt denken und handeln – Differenzen aushalten
Detlef Endeward (01/2026)
Für den Aufbau – und vor allem für die dauerhafte Etablierung – einer wirkmächtigen Gegenkultur ist es notwendig, den Fokus weniger auf die Differenzen zwischen verschiedenen gesellschaftskritischen Ansätzen zu richten als auf ihre Gemeinsamkeiten und Verschränkungen. Entscheidend ist dabei, Differenz nicht als trennendes Moment zu begreifen, sondern als produktive Spannung innerhalb eines gemeinsamen politischen Horizonts, statt auf einem exklusiven oder vermeintlich absoluten „Wahrheitsanspruch“ zu beharren.
Die zentrale Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Ansätze liegt im Widerspruch zur herrschenden kulturellen Hegemonie. Dieser Widerspruch bildet die Grundlage für Bündnisse, Übersetzungen und gemeinsame Praxis. Eine Gegenkultur entsteht nicht aus Homogenität, sondern aus der Fähigkeit, Verschiedenheit politisch zu organisieren und handlungsfähig zu machen.
Eine weitere unverzichtbare Gemeinsamkeit muss – oder muss wieder – die Verknüpfung mit realem politischem Handeln sein. Dieses Handeln vollzieht sich in sozialen, ökologischen und ökonomischen Organisationen. Eine zentrale Rolle kommt dabei den Gewerkschaften zu. Sie sind nicht nur Organisationen zur Sicherung und Reproduktion der lebendigen Arbeitskraft, sondern tragen – historisch wie potenziell – einen utopischen Überschuss in sich, der über reine Interessenvertretung hinausweist.
Gerade vor dem Hintergrund fragmentierter Öffentlichkeiten und individualisierter Konfliktlagen sind Gewerkschaften als kollektive Akteure prädestiniert, gesellschaftliche Widersprüche zu bündeln und politisch zu artikulieren. Ihre politische Bedeutung erschöpft sich nicht im Rahmen bestehender institutioneller Vorgaben, sondern verweist auf die Möglichkeit ihrer Weiterentwicklung und Politisierung.
Bildung verschränkt denken
Ein zentraler Hebel für diese Politisierung liegt im Bildungsbereich. Bildung darf nicht segmentiert gedacht werden, sondern muss als zusammenhängender gesellschaftlicher Prozess verstanden werden:
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gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die Einfluss auf berufliche Bildung nimmt,
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außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung, die schulische Bildung herausfordert und ergänzt,
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schulische Bildung, die wiederum gesellschaftliche und arbeitsweltliche Realitäten reflektiert.
In dieser Verschränkung entsteht ein erweitertes Verständnis von Bildung als Gesellschaftskompetenz: die Fähigkeit, gesellschaftliche Verhältnisse zu analysieren, Macht- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen und kollektiv handlungsfähig zu werden.
Vom Bildungskonzept zum politischen Handlungskonzept
Aus einem solchen Bildungskonzept entwickelt sich ein politisches Handlungskonzept. Ziel ist es, den Gewerkschaften sowie kulturellen Organisationen einer Gegenhegemonie ihre politische Wirkmächtigkeit zurückzugeben – oder sie neu zu begründen. Dass das geltende Betriebsverfassungsgesetz eine solche Rolle nur begrenzt vorsieht, darf dabei nicht als Naturgesetz missverstanden werden. Die bestehende Rechtsform ist historisch entstanden und damit veränderbar.
Der „Charly im kapitalistischen Getriebe“ kann dabei als Metapher für einen ersten Ansatzpunkt dienen: für Interventionen, die innerhalb bestehender Strukturen ansetzen, diese aber zugleich überschreiten und transformieren. Gegenhegemoniale Praxis entsteht nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern in ihrer bewussten Umgestaltung.
