Volkswagen im Blick des NDR

Vom Symbol des Wirtschaftswunders zum Krisenkonzern

Volkswagen ist für den NDR nicht irgendein Unternehmen. Kaum ein anderer Konzern prägt den norddeutschen Raum in vergleichbarer Weise: Wolfsburg als nahezu mit dem Werk entstandene Stadt, Emden als vom Automobilbau geprägter Industriestandort, später Hannover, Salzgitter und Osnabrück. Entsprechend findet Volkswagen seit den frühen Jahren des Fernsehens immer wieder seinen Niederschlag in Produktionen des NDR. Zusammengenommen ergeben diese Filme und Beiträge eine bemerkenswerte filmische Langzeitbeobachtung des Konzerns und zugleich des gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik.

Dabei verändern sich die Perspektiven erheblich. In den frühen Produktionen erscheint Volkswagen vor allem als Ausdruck von Aufbau, Modernisierung und wirtschaftlichem Erfolg. Wolfsburg – Stadt ohne Tradition vom 19. Oktober 1954 erzählt die erst 1938 gegründete Stadt wesentlich aus der Perspektive ihres rasanten Aufstiegs zum Industriestandort; der Käfer erscheint dabei als Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die problematische Entstehungsgeschichte von Werk und Stadt während des Nationalsozialismus tritt gegenüber der Erfolgsgeschichte der jungen Bundesrepublik weitgehend zurück.

 

Ähnlich lässt sich der filmische Blick auf die Entstehung des VW-Werks Emden Anfang der 1960er Jahre lesen. Hier dominiert geradezu euphorisch die Erwartung industrieller Modernisierung: Volkswagen bringt Arbeitsplätze, Wachstum und Zukunft in eine strukturschwächere Region. Interessant wird dieser Film gerade durch den zeitlichen Abstand. Denn nur wenig mehr als ein Jahrzehnt später wird derselbe Standort zum Schauplatz einer ganz anderen Erzählung.

Dazwischen steht die bundesdeutsche Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Wolfsburg konnte Anfang der 1960er Jahre als Schaufenster westdeutscher Industriegesellschaft erscheinen und damit zugleich als Gegenbild zu Eisenhüttenstadt im Osten: zwei politisch aufgeladene Industriestädte, an denen unterschiedliche Gesellschaftsordnungen ihre Vorstellungen von Arbeit, Wohlstand, Modernität und Zukunft demonstrierten. Gerade eine Gegenüberstellung solcher zeitgenössischen Filme wäre deshalb aufschlussreich: Nicht nur was sie über Wolfsburg beziehungsweise Eisenhüttenstadt zeigen, sondern welche gesellschaftlichen Ordnungen sie durch ihre Bilder als erfolgreich und zukunftsfähig darstellen.

Den Einschnitt bildet Klaus Wildenhahns vierteiliger Dokumentarfilm ** Emden geht nach USA (1975/76)**. Die vier Teile – Abbauen, Abbauen, Wir können so viel, Voll rein und Und nun kommst du – entstanden für NDR und WDR und wurden Ende 1976/Anfang 1977 ausgestrahlt. Der NDR selbst zählt die Arbeit heute zu Wildenhahns bedeutenden Filmen; der erste Teil erhielt 1978 den Adolf-Grimme-Preis in Gold.

Gerade der Kontrast zum optimistischen Gründungsfilm über das Emder Werk macht Wildenhahns Dokumentation besonders ergiebig. Aus dem Versprechen industrieller Sicherheit ist die Erfahrung industrieller Unsicherheit geworden. Nun geht es um Rationalisierung, Arbeitsplatzabbau, internationale Standortentscheidungen und die Abhängigkeit einer ganzen Region von Entscheidungen, die anderswo getroffen werden. Die Beschäftigten sind dabei nicht lediglich Illustration einer Wirtschaftskrise. Wildenhahns dokumentarische Methode gibt ihren Erfahrungen, Gesprächen, Unsicherheiten und Deutungen Raum. Damit verschiebt sich auch die Perspektive: Volkswagen wird nicht mehr vorwiegend vom Produkt, vom Werk oder vom Unternehmen her betrachtet, sondern von den Menschen, deren Lebensverhältnisse von seinen Entscheidungen abhängen.

Gerade deshalb wirkt Emden geht nach USA heute verblüffend aktuell. Mitte der 1970er Jahre plante Volkswagen erheblichen Personalabbau; zugleich wurde über die Zukunft des Standorts Emden diskutiert und der Aufbau einer Produktion in den USA vorbereitet. Fast fünfzig Jahre später kehren wesentliche Konfliktlinien wieder: Überkapazitäten, Produktivität, internationale Konkurrenz, technologische Transformation, Beschäftigungssicherung und die Frage, wer die Folgen unternehmerischer Entscheidungen trägt.

Die NDR-Produktion von 2024 über die neue VW-Krise schließt deshalb fast ungewollt an Wildenhahn an. Krise bei VW – was passiert im Norden? begleitet Beschäftigte während der Tarifauseinandersetzung, befragt Vorstand und Betriebsrat und richtet den Blick ausdrücklich auf Wolfsburg, Emden und Zwickau. Für Emden wird eine nur etwa hälftige Auslastung des Werks beschrieben. Hinzu kommen zahlreiche aktuelle NDR-Berichte über die Sorge um Arbeitsplätze und mögliche Werksschließungen.

Damit entsteht über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg eine außergewöhnliche filmische Reihe:

1950er/60er Jahre: Volkswagen als Versprechen → 1970er Jahre: Volkswagen als Krisenerfahrung → 2024: Wiederkehr der Standort- und Beschäftigungskrise.

Gerade diese Folge macht die NDR-Produktionen für die Lernwerkstatt interessant. Sie dokumentieren nicht einfach unterschiedliche Zustände desselben Unternehmens. Jeder Film ist zugleich eine Quelle seiner eigenen Produktionszeit. Der euphorische Bericht über das neue Werk in Emden sagt ebenso viel über das bundesdeutsche Fortschrittsverständnis der frühen 1960er Jahre wie über Volkswagen. Der Wolfsburg-Film im Kalten Krieg erzählt ebenso von Systemkonkurrenz wie von einer Industriestadt. Wildenhahns Filme erzählen von der Krise des fordistischen Wachstumsmodells der 1970er Jahre – und die Produktionen von 2024 von einer Transformation, deren Kosten und gesellschaftliche Verteilung erneut umkämpft sind.

So gelesen bilden die NDR-Filme keine bloße Mediengeschichte von Volkswagen, sondern eine filmische Spur durch die politische Ökonomie der Bundesrepublik. Und genau darin liegt ihre Bedeutung für den gegenwärtigen VW-Komplex: Die aktuelle Krise erscheint nicht mehr als plötzlich hereingebrochener Ausnahmezustand. Die älteren Filme machen sichtbar, welche Strukturen, Versprechen und Konflikte eine lange Geschichte haben – und welche Fragen bis heute ungelöst geblieben sind.

„Im Kapitalismus gilt: Es geht ums Geld.“ – Aber um wessen Geld?

Genau diese Überschrift könnte zur Klammer der gesamten NDR-Filmgeschichte über Volkswagen werden. Denn sie verändert rückblickend ihren Sinn. Was Anfang der 1960er Jahre vielleicht noch wie eine nüchterne Erklärung kapitalistischer Rationalität klingt, wird mit Wildenhahn und der gegenwärtigen Krise zur analytischen Frage.

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Der Satz aus dem Beitrag der frühen 1960er Jahre könnte über der gesamten filmischen Geschichte des Volkswagenwerks Emden stehen: „Im Kapitalismus gilt: Es geht ums Geld.“ Zunächst erklärt er, warum Volkswagen überhaupt nach Emden geht. Ein neues Werk an der Küste verspricht wirtschaftliche Vorteile: Exportwege werden kürzer, Produktionskapazitäten können erweitert werden, Standortbedingungen erscheinen günstig. Kapital wird investiert, weil sich von dieser Investition ein Ertrag versprochen wird.

Nur wenig mehr als ein Jahrzehnt später erhält derselbe Satz eine andere Bedeutung. In Klaus Wildenhahns Emden geht nach USA steht nicht mehr die Errichtung, sondern die mögliche Reduzierung oder Gefährdung des Standorts im Mittelpunkt. Wieder geht es ums Geld. Produktion soll dort stattfinden, wo sie für das Unternehmen unter den jeweiligen Bedingungen günstiger oder strategisch vorteilhafter erscheint. Die ökonomische Rationalität, die gestern ein Werk entstehen ließ, kann morgen zu seiner Verkleinerung oder Schließung führen.

Damit wäre allerdings noch wenig erklärt. Denn die entscheidende Frage lautet:

Wenn es „ums Geld“ geht – um wessen Geld geht es eigentlich?

„Das Geld“ handelt nicht. Ebenso wenig handelt abstrakt „die Wirtschaft“. Es gibt Eigentümer, Unternehmensleitungen, Beschäftigte, Betriebsräte, Gewerkschaften, das Land Niedersachsen, Kommunen, Zulieferer und schließlich eine ganze Region, deren wirtschaftliche und soziale Entwicklung mit dem Werk verbunden wurde. Ihre Interessen sind nicht identisch.

Damit verändert sich auch der Blick auf die vermeintliche Erfolgsgeschichte. Die Errichtung des Emder Werks bedeutete für viele Menschen Arbeitsplätze, Einkommen und soziale Sicherheit; für die Region Industrialisierung und Steuereinnahmen; für Volkswagen zusätzliche Produktionsmöglichkeiten und günstigere Exportbedingungen. Was in der Phase der Expansion als gemeinsames Interesse erscheinen konnte, tritt in der Krise auseinander.

Denn Gewinne und Verluste sind keine gesellschaftlich neutralen Größen. Die Frage lautet nicht nur, ob ein Werk rentabel ist, sondern welche Rentabilität erwartet wird, wer diese Erwartungen definiert, wem Erträge zufließen und wer die Kosten einer Anpassung trägt. Für einen Konzern kann die Verlagerung von Produktion betriebswirtschaftlich sinnvoll erscheinen, während sie für Beschäftigte und eine vom Werk abhängige Region eine soziale Katastrophe bedeutet.

Gerade darin liegt die besondere Stärke der Gegenüberstellung mit Wildenhahn. Der optimistische Film über die Werkgründung zeigt die Investition; Emden geht nach USA zeigt die Menschen, die erfahren, dass eine einmal getätigte Investition keinerlei dauerhafte Verpflichtung des Kapitals gegenüber einem Ort begründet. Das Werk ist für die Beschäftigten Arbeitsplatz und Lebensgrundlage, für die Stadt Bestandteil ihrer sozialen Existenz – innerhalb der Unternehmensrechnung bleibt es zugleich ein Produktionsstandort, dessen Funktion immer wieder neu kalkuliert werden kann.

Und damit führt die filmische Spur unmittelbar in die Gegenwart. Wenn 2024 und danach erneut über Auslastung, Produktivität, Personalkosten, Investitionen und Beschäftigungssicherung bei Volkswagen gesprochen wird, begegnet uns dieselbe Grundfrage in neuer historischer Konstellation. Die Technologien haben sich verändert, Volkswagen ist ein globaler Konzern geworden, Eigentumsverhältnisse und Unternehmensstrukturen haben sich gewandelt. Die Frage aus den 1960er Jahren aber ist geblieben.

Vielleicht müsste man den damaligen Satz deshalb heute um einen zweiten ergänzen:

„Im Kapitalismus gilt: Es geht ums Geld.“
Historisch-politische Bildung beginnt dort, wo gefragt wird: um wessen Geld, um wessen Interessen – und auf wessen Kosten?

Damit wäre zugleich der Anschluss an den gesamten VW-Komplex hergestellt. Die Filme liefern nicht die fertige Antwort. Sie machen vielmehr über einen Zeitraum von mehr als sechzig Jahren sichtbar, dass diese Frage immer wieder neu gestellt werden muss.

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