Vom „Vorwerk“ zum Komponentenwerk
Kontinuität und Wandel des Volkswagenstandorts Braunschweig seit 1945
Der Zusammenbruch des Nationalsozialismus bedeutete nicht das Ende des Braunschweiger Werkes. Die politische und gesellschaftliche Funktion, in deren Zusammenhang das „Vorwerk“ 1938 entstanden war, verschwand; seine Produktionsanlagen, das technische Wissen und seine arbeitsteilige Beziehung zum Hauptwerk blieben dagegen nutzbar.
Unter britischer Verwaltung erhielt Braunschweig eine wichtige Funktion für die Wiederaufnahme der Automobilproduktion in Wolfsburg. Ende 1945 wurde das Vorwerk organisatorisch wieder in den Fertigungsprozess des Hauptwerks integriert. Braunschweig produzierte Spezialschweißmaschinen, Werkzeuge und Vorrichtungen, aber auch Vergaser, Kupplungen, Stoßdämpfer und Benzinpumpen.[1]
Das war unter den Bedingungen der zerstörten und weiterhin zwangsbewirtschafteten Nachkriegswirtschaft von erheblicher Bedeutung. Weil zahlreiche Zulieferbetriebe nur eingeschränkt produzieren konnten, ersetzte die Eigenfertigung innerhalb des Volkswagen-Unternehmens teilweise die fehlenden Zulieferungen.
An Braunschweig wird damit eine für Volkswagen wichtige Kontinuität über 1945 hinweg besonders konkret sichtbar: Die politische Ordnung änderte sich fundamental; Produktionsanlagen, technisches Wissen und die arbeitsteilige Beziehung zwischen Braunschweig und Wolfsburg konnten dagegen für die Nachkriegsproduktion weitergenutzt werden.
Ein dauerhafter Komponentenstandort entsteht
Aus der ursprünglich vorbereitenden und unterstützenden Funktion entwickelte sich ein dauerhafter Produktionsstandort.
Braunschweig wurde zum Komponentenwerk des expandierenden Volkswagen-Konzerns. Seine Geschichte ist damit zugleich Teil einer grundlegenden Veränderung des Unternehmens: Aus dem Wolfsburger Automobilwerk entwickelte sich ein immer komplexerer, räumlich verteilter Produktionsverbund.
Heute werden in Braunschweig unter anderem Vorder- und Hinterachsen, Lenkungen und Batteriesysteme entwickelt und produziert. Seit 2013 gehört auch Batterietechnologie zum Produktionsspektrum; seit 2019 ist der Standort Teil der Volkswagen Group Components.[2]
An einem einzigen Standort lässt sich damit ein bemerkenswerter historischer Bogen verfolgen:
1938: Facharbeiterausbildung und Werkzeugbau für den geplanten KdF-Wagen
1940er Jahre: Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit
nach 1945: Komponenten für die zivile Automobilproduktion
Bundesrepublik: Ausbau zum großen Komponentenstandort
Gegenwart: Fahrwerk, Lenkung und Batteriesysteme für konventionelle, hybride und elektrische Fahrzeuge
Das Werk Braunschweig ist deshalb mehr als ein weiterer VW-Standort in Niedersachsen. An seiner Geschichte lässt sich die Transformation des Produktionssystems selbst untersuchen.
Arbeit und Interessenvertretung
Zu dieser Produktionsgeschichte gehört die Entwicklung der betrieblichen Interessenvertretung.
Das Braunschweiger Werk wurde zu einem stark gewerkschaftlich geprägten Standort. Die Geschichte von Betriebsrat und IG Metall ist deshalb nicht lediglich Ergänzung der Unternehmensgeschichte. Sie ermöglicht zu untersuchen, wie sich mit dem Wandel von Produktion und Arbeitsorganisation auch die Formen verändern, in denen der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital ausgetragen und institutionell reguliert wird.[3]
Gerade Braunschweig verbindet damit mehrere Untersuchungsstränge der VW-Geschichte:
Arbeit – Technologie – Produktionsorganisation – Mitbestimmung – Transformation.
Zugleich unterscheidet sich der Standort von Wolfsburg und Hannover. In Wolfsburg lässt sich besonders die wechselseitige Abhängigkeit von Stadt und Unternehmen untersuchen. In Hannover wird sichtbar, wie Volkswagen seit den 1950er Jahren in eine bereits bestehende Industriestadt expandiert und zu einem bestimmenden Faktor der niedersächsischen Wirtschaft wird. Braunschweig dagegen gehört bereits zur Entstehungsgeschichte Volkswagens und bleibt über alle politischen und technologischen Brüche hinweg Teil des arbeitsteiligen Produktionssystems.
Damit wird Braunschweig zugleich zu einem Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung eines Industriestandortes verändert, während seine Einbindung in einen übergeordneten Produktionszusammenhang bestehen bleibt.
Anmerkungen
[1] Ende 1945 integrierte die britische Militärregierung Braunschweig wieder in den Wolfsburger Produktionsprozess. Produziert wurden unter anderem Spezialschweißmaschinen, Werkzeuge, Vorrichtungen, Vergaser, Kupplungen, Stoßdämpfer und Benzinpumpen. Die Belegschaft wuchs von 218 Arbeitern und 58 Angestellten Ende 1945 auf 529 Arbeiter und 68 Angestellte Ende 1949.
[2] Das Werk Braunschweig ist heute ein Komponentenstandort für Fahrwerke, Lenkungen und Batteriesysteme. Seit 2013 gehört Batterietechnologie zum Portfolio, seit 2019 ist der Standort Teil von Volkswagen Group Components.
[3] Zur Entwicklung der betrieblichen Interessenvertretung vgl. Knud Andresen, Mitbestimmen – Die Entwicklung der Interessenvertretung bei Volkswagen in Braunschweig, hg. von der IG Metall Verwaltungsstelle Braunschweig, Braunschweig 2005.
Weiterführende Literatur
Andresen, Knud: Mitbestimmen – Die Entwicklung der Interessenvertretung bei Volkswagen in Braunschweig, Braunschweig 2005.
Günter, Horst: Zur Abhängigkeit der Region Braunschweig von der Volkswagen AG, Aachen 1994.
Gutzmann, Ulrike / Lupa, Markus: Vom „Vorwerk“ zum FahrWerk. Eine Standortgeschichte des Volkswagen Werks Braunschweig, Historische Notate 13, Wolfsburg 2008.
Mommsen, Hans / Grieger, Manfred: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich, Düsseldorf 1996.