Kontinuität im Agrarsektor
Junkertum und politische Macht
Trotz des industriellen Aufstiegs blieb die Landwirtschaft im Kaiserreich ökonomisch und politisch bedeutsam, vor allem in den ostelbischen Regionen. Der ostelbische Großgrundbesitz, dominiert vom preußischen Junkertum, konnte seine Macht durch gezielte politische Maßnahmen sichern. Zentral war hierbei das Schutzzollsystem von 1879, das unter Bismarck eingeführt wurde, um die heimische Landwirtschaft vor Getreideimporten zu schützen. Diese Maßnahme war Ausdruck eines strategischen Bündnisses zwischen Großbourgeoisie und Agraradel, das in der historiographischen Forschung als „Kompromiss der Eliten“ (Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, 1987, S. 675) beschrieben wird.
Hans-Ulrich Wehler interpretiert diese Struktur als Ausdruck eines „semimodernen“ Gesellschaftssystems, in dem die Modernisierung nicht zur Durchsetzung bürgerlich-liberaler Verhältnisse führte, sondern in ein autoritär-reaktionäres Staatsmodell eingebunden blieb. Für ihn ist das Kaiserreich ein Beispiel für ungleiche Modernisierung, bei der fortgeschrittene kapitalistische Produktionsverhältnisse mit vormodernen Herrschaftsstrukturen koexistierten.
Auch Hallgarten weist darauf hin, dass der deutsche Imperialismus und Militarismus nicht nur wirtschaftlich, sondern ideologisch aus diesem Agrarkonservatismus gespeist wurden: „Die Junker, nicht die Kapitalisten, bestimmten die Marschrichtung der Reichspolitik“ (Hallgarten, 1951, S. 97). Somit war die kapitalistische Entwicklung strukturell eingebettet in ein feudales Machtgefüge, das den Weg zu einer liberalen Demokratie versperrte.
Die zweite industrielle Revolution und Durchsetzung des Industriekapitalismus
Kontinuität im Agrarsektor: Junkertum und politische Macht
Ökonomische Globalisierung und die Einbindung des Kaiserreichs in die Weltwirtschaft
Der Staat als Klassenstaat