Politisch-ökonomische Rahmenbedingungen nach 1871

Industrialisierung, Agrarstruktur und globale Verflechtung

Die wilhelminische Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs war ökonomisch von tiefgreifenden Wandlungsprozessen geprägt. In wenigen Jahrzehnten entwickelte sich das Deutsche Kaiserreich von einem Agrarstaat zu einer der führenden Industriemächte der Welt. Dieser Modernisierungsschub blieb jedoch ungleich verteilt: Während in den westlichen und südlichen Landesteilen modernste Industriezweige entstanden, behaupteten sich im Osten feudale Agrarstrukturen. Die daraus resultierende ungleiche und kombinierte Entwicklung prägte die soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung des Kaiserreichs nachhaltig – eine Konstellation, die in der marxistisch geprägten Gesellschaftsanalyse ebenso wie in der strukturalistischen Geschichtsschreibung zentrale Beachtung findet.

Struktur und Widerspruch der wilhelminischen Ökonomie

Die ökonomische Entwicklung des Kaiserreichs war gekennzeichnet durch Modernisierung ohne Liberalisierung. Die zweite industrielle Revolution machte Deutschland zu einer technologisch führenden Industriemacht, doch blieb diese Entwicklung politisch eingebunden in eine semifeudale Ordnung, die auf der Allianz von Bourgeoisie und Junkertum beruhte. Die daraus resultierende politische Hybridität – kapitalistische Ökonomie und autoritärer Obrigkeitsstaat – erklärt viele der strukturellen Spannungen des wilhelminischen Systems.

Wie Hobsbawm zeigt, war das deutsche Beispiel kein Einzelfall, sondern Teil einer größeren europäischen Bewegung, in der der Fortschritt nicht linear verlief, sondern durch gesellschaftliche Rückkopplungen gehemmt wurde. Die deutsche Variante jedoch war besonders widersprüchlich: „Modern in der Technik, rückständig in der Herrschaft“ (Hobsbawm, 1989, S. 243).

Die Einbindung in die globale Wirtschaft eröffnete neue Märkte und Ressourcen, verschärfte aber zugleich die Konkurrenz und trug zur imperialistischen Expansion bei – ein Prozess, der, wie Osterhammel betont, nicht nur wirtschaftlich, sondern zutiefst politisch war. Die wirtschaftlichen Grundlagen der wilhelminischen Gesellschaft waren somit nicht nur Quelle ihres Erfolgs, sondern auch Träger ihrer inneren Widersprüche, die sich in den politischen Krisen der Vorkriegszeit und schließlich im Ersten Weltkrieg entluden.

Literaturverzeichnis (Belegstellen)

  • Hobsbawm, Eric J.: Das imperiale Zeitalter 1875–1914. Frankfurt am Main: Fischer, 1989.
  • Hallgarten, Georg: Imperialismus vor 1914. Die soziologischen Grundlagen der Außenpolitik europäischer Großmächte. Frankfurt am Main: C.H.Beck, 1951.
  • Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1849–1914. München: C.H. Beck, 1987.
  • Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München: C.H. Beck, 2009.

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