Die Entnazifizierung – Revolution auf dem Papier (1971)
von GFS-Admin_2021 · Veröffentlicht · Aktualisiert
Inhalt
Der Film stellt anhand von Interviews mit Mitgliedern der amerikanischen Militärverwaltung sowie Dokumentarfilmaufnahmen Absicht, Durchführung und Scheitern der Entnazifizierung dar. Die „denazification“ wandelt sich unter dem Druck der amerikanischen Öffentlichkeit sowie des wirtschaftlichen Wiederaufbaues zusehends in einen Rehabilitationsprozeß.
Zeitzeugen rekonstruieren Intentionen, Widersprüche und Scheitern der Entnazifizierung
Lutz Lehmanns Die Entnazifizierung – Revolution auf dem Papier (NDR 1972; FWU 32 02436) untersucht die Diskrepanz zwischen den ursprünglichen politischen Intentionen der Entnazifizierung und ihren Ergebnissen in der amerikanischen Besatzungszone. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die nachträgliche Darstellung eines historischen Prozesses. Lehmann versucht, diesen Prozess wesentlich aus den Aussagen damaliger Akteure und informierter Zeitgenossen zu rekonstruieren.
Neun Zeitzeugen kommen zu Wort. Zu ihnen gehört Minor L. Wilson, der Autor des Fragebogens zur Entnazifizierung. Nach Wilharms Beschreibung repräsentieren die weiteren Gesprächspartner ein breites Spektrum von Amerikanern, Emigranten und Deutschen. Entscheidend ist dabei die Anlage des Films: Die Zeitzeugen liefern keine einheitliche Erklärung für den Verlauf und das Scheitern der Entnazifizierung. Ihre Einschätzungen widersprechen einander und werden vom Film nicht zu einer eindeutigen abschließenden Interpretation aufgelöst.
Damit unterscheidet sich die Funktion der Zeitzeugen von ihrer bloßen Verwendung zur Illustration oder Authentifizierung einer bereits vom Kommentar erzählten Geschichte. Sie werden zu Quellen für die Rekonstruktion unterschiedlicher damaliger Intentionen, Wahrnehmungen und späterer Bewertungen. Zugleich macht der zeitliche Abstand zwischen Ereignis und Interview eine weitere Ebene sichtbar: Die Beteiligten berichten Anfang der 1970er Jahre nicht nur darüber, was sie nach 1945 wollten und taten, sondern beurteilen rückblickend auch die Ergebnisse dieses Handelns.
Gerade darin sah Wilharm 1994 den besonderen Erkenntniswert des Films. Die widersprüchlichen Aussagen führen nicht zu einem Mangel an Eindeutigkeit, sondern dazu, dass der Film mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.
Für unsere Untersuchung von Zeitzeugenschaft ist Revolution auf dem Papier deshalb besonders interessant. Der Film erlaubt die Frage:
Was geschieht, wenn nicht nachträglich Betroffene über ihre Alltagserfahrungen berichten, sondern damalige Akteure Jahrzehnte später ihre eigenen politischen Intentionen, Entscheidungen und deren Folgen rekonstruieren und bewerten?
Daran müsste eine eigentliche Filmanalyse anschließen. Zu untersuchen wäre insbesondere, wer die neun Zeitzeugen sind, welche Position sie im Entnazifizierungsprozess innehatten, welche Fragen Lehmann ihnen stellt, welche Aussagen miteinander konfrontiert werden und wie Kommentar und Montage die Widersprüche strukturieren. Erst dann lässt sich beurteilen, ob der Film die unterschiedlichen Perspektiven tatsächlich offenhält oder durch seine filmische Gestaltung selbst eine bestimmte Erklärung des Scheiterns nahelegt.
Damit hätten wir für die Rubrik bereits zwei sehr unterschiedliche Formen filmischer Zeitzeugenschaft: Bei Ein Mittwoch im Juni helfen Zeitzeugen, die Unsicherheit historischer Rekonstruktion und konkurrierende Deutungen sichtbar zu machen; bei Revolution auf dem Papier dienen sie der Rekonstruktion von Intentionen, Entscheidungen und rückblickenden Bewertungen historischer Akteure. Genau diese Differenzierung hatte Wilharm bereits 1994 herausgearbeitet.
Im Kontext des NDR der frühen 1970er Jahre
Die Entnazifizierung – Revolution auf dem Papier lässt sich in eine Phase des NDR einordnen, in der gesellschaftliche Konflikte, politische Kontroversen und verdrängte oder umstrittene Aspekte der jüngeren Vergangenheit verstärkt zum Gegenstand journalistischer und dokumentarischer Produktionen wurden. Der NDR selbst beschreibt sein Fernsehprogramm der 1970er Jahre rückblickend als politisch profiliert und sozialkritisch. Nicht nur Panorama, sondern auch dokumentarische Sendungen und Fernsehspiele griffen gesellschaftliche Konflikte auf und stellten sie ausdrücklich zur Diskussion.[1]
Dieser Anspruch war keineswegs politischer Konsens. Gerade in den 1970er Jahren wurde innerhalb und außerhalb des Senders heftig über politische Einflussnahme, journalistische Unabhängigkeit und die gesellschaftliche Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gestritten. Die Auseinandersetzungen reichten bis zu Versuchen, einzelne gesellschaftspolitische Sendungen zu verhindern. Der NDR war damit selbst Teil jener politischen und kulturellen Konflikte, die seine Produktionen behandelten.[2]
In diesem Zusammenhang ist auch die Arbeit Lutz Lehmanns zu sehen. Mit Die Entnazifizierung – Revolution auf dem Papier und wenig später Ein Mittwoch im Juni vor 20 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch? entstanden zwei Filme, die jüngere deutsche Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit präsentieren. Gemeinsam ist ihnen vielmehr der Versuch, etablierte historische Deutungen anhand von Quellen, Zeitzeugenaussagen und konkurrierenden Interpretationen erneut zu befragen.
Bei der Entnazifizierung richtet sich der kritische Blick auf die westdeutsche Nachkriegsgeschichte. Der Film fragt nach der Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Intentionen der alliierten Entnazifizierung und ihrem tatsächlichen Verlauf. Dass dabei gerade die beteiligten Akteure und informierten Zeitgenossen ausführlich zu Wort kommen und ihre Aussagen widersprüchlich bleiben dürfen, entspricht einem dokumentarischen Verfahren, das weniger auf die Vermittlung eines abgeschlossenen Geschichtsbildes als auf die Offenlegung historischer Probleme zielt.
Bei Ein Mittwoch im Juni richtet Lehmann dieses Verfahren auf ein anderes politisch aufgeladenes Geschichtsbild. Er verwirft zwar die SED-Propaganda vom „Agentenputsch“, übernimmt aber ebenso wenig einfach die in der Bundesrepublik etablierte Deutung des 17. Juni als einheitlichen Volksaufstand. Historische Filmbilder, Zeitzeugen und unterschiedliche Interpretationen werden gegeneinandergestellt. Auch hier entsteht Geschichte nicht als ein fragloses „So war es“, sondern als Ergebnis von Quellenkritik und Interpretation.[3]
Beide Filme lassen sich damit als Ausdruck einer spezifischen zeitgeschichtlichen Aufklärungsorientierung des NDR lesen. Sie stehen in einem Programmumfeld, in dem journalistische und dokumentarische Produktionen gesellschaftliche Verhältnisse nicht lediglich darstellen, sondern kritisch untersuchen sollten. Der NDR charakterisiert das damalige Selbstverständnis seiner engagierten Fernsehmacher rückblickend mit der Formel: Man wollte keine Illusionen produzieren, sondern „Aufklärung leisten“.[4]
Dabei sollte dieser Zusammenhang nicht zu einem einheitlichen „NDR-Stil“ verfestigt werden. Der Sender war selbst politisch umkämpft, seine Redaktionen und Autoren vertraten unterschiedliche Positionen. Gerade diese Konflikte gehören zum Produktionskontext der Filme.
Für Revolution auf dem Papier ist darüber hinaus die Verbindung mit dem FWU bedeutsam. Die NDR-Produktion gelangte damit in einen institutionellen Zusammenhang schulischer Medienarbeit. Aus einem zeitgeschichtlichen Fernsehfilm wurde zugleich ein Unterrichtsmedium. Das erklärt jedoch nicht automatisch seine filmische Form. Interessanter ist umgekehrt, dass ein vergleichsweise offener, mit widersprüchlichen Zeitzeugenaussagen arbeitender Film für den Unterricht verfügbar gemacht wurde.[5]
Der Produktionskontext eröffnet deshalb eine zusätzliche Ebene der Filmanalyse:
Nicht nur: Was sagt der Film über die Entnazifizierung? Sondern auch: Warum konnte und sollte Anfang der 1970er Jahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerade auf diese Weise über das Scheitern der Entnazifizierung gesprochen werden?
Die Entnazifizierung – Revolution auf dem Papier wird damit zugleich zur Quelle für zwei historische Zusammenhänge: für die filmisch rekonstruierte Entnazifizierung nach 1945 und für die Auseinandersetzung der Bundesrepublik mit ihrer eigenen Nachkriegsgeschichte in den frühen 1970er Jahren.
Anmerkungen
[1] Hans-Ulrich Wagner: „Krisengeschüttelt – Der NDR in den 1970er-Jahren“, NDR, 30. Januar 2015. Wagner beschreibt das NDR-Fernsehen dieser Jahre ausdrücklich als sozialkritisch und politisch profiliert und verweist neben Panorama auf zahlreiche engagierte dokumentarische und fiktionale Produktionen.
[2] Ebd. Besonders aufschlussreich sind die vom NDR dokumentierten Auseinandersetzungen um politische Einflussnahme sowie um gesellschaftspolitische Programme. So führte etwa der Konflikt um die gemeinsam von NDR und WDR produzierte Reihe Der Betriebsrat bis zu einer Organklage des NDR-Intendanten gegen den eigenen Verwaltungsrat.
[3] Zu Ein Mittwoch im Juni vgl. die filmografischen Angaben und die Filmbewertung in der Lernwerkstatt Film und Geschichte. Der Film wurde 1973 vom NDR produziert; Redaktion: Ludwig Schubert, Autor und Regie: Lutz Lehmann. Er arbeitet mit Zeitzeugen, Sachverständigen sowie Archivmaterial insbesondere aus westdeutschen Wochenschauen und dem DDR-Fernsehen.
[4] Wagner, „Krisengeschüttelt“. Der NDR ordnet insbesondere seine Fernsehspielproduktion unter die zeitgenössische Forderung nach gesellschaftlicher Aufklärung ein. Diese Aussage kann nicht ohne Weiteres auf sämtliche NDR-Dokumentarfilme übertragen werden, kennzeichnet aber einen wichtigen Teil des damaligen Programmklimas.
[5] Filmportal verzeichnet Die Entnazifizierung – Revolution auf dem Papier als 46-minütigen Kurz-Dokumentarfilm und nennt NDR und FWU als Produktionsfirmen. Die Lernwerkstatt Film und Geschichte führt die Produktion unter dem Jahr 1971, nennt Lutz Lehmann als Autor und das FWU als Erstveröffentlicher.

| Produktionsjahr: | 1971 |
| Genre: | Dokumentarfilm |
| Produktion: | Norddeutscher Rundfunk (Hamburg) |
| First released by: | FWU (Grünwald) |
| Verleih: | IWF (Göttingen) |
| Autor: | Lutz Lehmann |