Von Emden zur gegenwärtigen Krise des Volkswagen-Konzerns
Der Satz könnte über der gesamten Geschichte des Volkswagenwerks Emden stehen: „Im Kapitalismus geht es immer um Geld.“ Bemerkenswert ist, dass er sinngemäß bereits in einem NDR-Beitrag aus den frühen 1960er Jahren auftaucht – zu einem Zeitpunkt, als das neue Volkswagenwerk in Emden gerade als Ausdruck wirtschaftlicher Expansion, industrieller Modernisierung und regionaler Zukunft erschien.
Erster Anschluss: Emden – vom Aufbau zur Krise
Die frühen NDR-Bilder aus Emden erzählen eine Erfolgsgeschichte. Volkswagen errichtet ein Werk an der Küste. Die Lage am Seehafen bietet Vorteile für den Export, neue Arbeitsplätze entstehen, eine strukturschwächere Region erhält einen industriellen Entwicklungsschub. Was für Volkswagen ökonomisch zweckmäßig ist, scheint zugleich den Beschäftigten und der Region zu nutzen.
Es geht ums Geld – und zunächst scheinen fast alle davon zu profitieren.
Nur wenig mehr als ein Jahrzehnt später kehrt Klaus Wildenhahn mit seinem vierteiligen Dokumentarfilm Emden geht nach USA an denselben Ort zurück. Nun haben sich die Vorzeichen verändert. Rationalisierung, Arbeitsplatzabbau und die Verlagerung beziehungsweise der Aufbau von Produktionskapazitäten in den USA bedrohen jene Sicherheit, die mit der Ansiedlung des Werkes verbunden worden war.
Wieder geht es ums Geld.
Gerade die Gegenüberstellung der beiden NDR-Produktionen macht deshalb etwas sichtbar, das der einzelne Film allein kaum zeigen könnte. Dieselbe ökonomische Rationalität, die ein Werk entstehen lässt, kann unter veränderten Bedingungen seine Verkleinerung, Umstrukturierung oder im Extremfall seine Aufgabe nahelegen.
Für die Beschäftigten und die Region besitzt ein Werk jedoch eine andere Bedeutung. Es ist Arbeitsplatz, Einkommen, Lebensplanung, kommunale Infrastruktur und Bestandteil einer regionalen Geschichte. Für den Konzern bleibt es zugleich ein Produktionsstandort, dessen wirtschaftliche Funktion immer wieder neu kalkuliert wird.
Damit entsteht aus den Filmen eine Frage, die weit über ihre jeweilige Entstehungszeit hinausweist:
Wenn es im Kapitalismus ums Geld geht – um wessen Geld geht es eigentlich?
Zweiter Anschluss: Vom Werk Emden zum VW-Konzern
Diese Frage führt unmittelbar zur gegenwärtigen Krisenerzählung bei Volkswagen.
Seit 2024 ist von Krise, Überkapazitäten, zu hohen Kosten, mangelnder Wettbewerbsfähigkeit und notwendiger Restrukturierung die Rede. Werke müssten produktiver werden, Personalkosten sinken, Investitionen überprüft und Beschäftigung reduziert werden. In dieser Darstellung erscheint die Krise leicht als Folge eines Mangels: Volkswagen verdiene nicht mehr genügend Geld.
Doch was bedeutet „nicht genügend“?
Ein Blick auf die Gewinne der vergangenen Jahre verändert die Perspektive. Der Volkswagen-Konzern hat keineswegs über Jahre Verluste angehäuft. Zwischen 2016 und 2025 summieren sich die Ergebnisse nach Steuern auf rund 120 Milliarden Euro. Allein 2021 bis 2024 erzielte der Konzern Jahr für Jahr Milliardengewinne in zweistelliger Höhe. Gleichzeitig wurden erhebliche Beträge als Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet; 2022 kam die außergewöhnlich hohe Sonderdividende im Zusammenhang mit dem Börsengang der Porsche AG hinzu.
Die Feststellung einer Krise wird dadurch nicht automatisch falsch. Sinkende Gewinne, technologische Umbrüche, Fehlinvestitionen, chinesische Konkurrenz, Elektromobilität, Softwareprobleme und nicht ausgelastete Produktionskapazitäten sind reale Probleme.
Aber die Zahlen zwingen zu einer genaueren Frage:
Was wird eigentlich als Krise bezeichnet?
Ein Unternehmen kann Gewinne erzielen und sich trotzdem in einer Krise befinden – wenn die erzielten oder künftig erwarteten Gewinne hinter den Renditeerwartungen zurückbleiben. Entscheidend ist dann nicht allein, ob Gewinn entsteht, sondern welcher Gewinn mit dem eingesetzten Kapital erzielt werden kann.
Damit verändert sich auch die Bedeutung der häufig verwendeten Begriffe „Kosten“, „Produktivität“ und „Wettbewerbsfähigkeit“. Beschäftigte erscheinen in der Unternehmensrechnung als Personalkosten; Werke als gebundenes Kapital; Produktionskapazitäten als Problem, wenn sie nicht ausreichend ausgelastet werden.
Das ist eine mögliche betriebswirtschaftliche Perspektive. Sie darf jedoch nicht mit einer neutralen Beschreibung gesellschaftlicher Wirklichkeit verwechselt werden.
Denn damit ist noch nicht beantwortet, wer die Werte produziert, aus denen Umsätze und schließlich Gewinne entstehen; wem die Unternehmen gehören; wer über die Verwendung der Gewinne entscheidet; wer Dividenden erhält; wer die Kosten unternehmerischer Fehlentscheidungen trägt – und nach welchen Interessen entschieden wird, ob ein Werk erhalten, verkleinert oder geschlossen wird.
Zwei Erzählungen über denselben Gewinn
Wer erwirtschaftet die Gewinne?
Die scheinbar einfache Antwort des Geschäftsberichts lautet: Der Volkswagen-Konzern erwirtschaftet Gewinn. Schon sprachlich verschwindet damit aber, wer tatsächlich handelt.
2025 beschäftigte Volkswagen weltweit durchschnittlich rund 667.000 Menschen. Sie entwickelten Fahrzeuge und Software, produzierten Motoren, Batterien und Automobile, organisierten Logistik, Vertrieb, Verwaltung und Finanzdienstleistungen. Hinzu kommt die Arbeit Hunderttausender Menschen bei Zulieferern, die in der Konzernstatistik überhaupt nicht als VW-Beschäftigte erscheinen. Volkswagen produzierte 2025 rund 8,9 Millionen Fahrzeuge und erzielte 321,9 Mrd. Euro Umsatz.
Das ist wichtig, weil schon die Frage „Wer erwirtschaftet den Gewinn?“ theoretisch keineswegs neutral ist.
An dieser Stelle trennen sich zwei unterschiedliche Erklärungen.
| Erzählung des Vorstands / Mainstreamökonomie | Politisch-ökonomische / marxistische Perspektive | |
| Was produziert Wert? | Zusammenspiel der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital, Technologie, Management und Unternehmertum | Lebendige menschliche Arbeit schafft im Produktionsprozess neuen Wert; Produktionsmittel übertragen ihren bereits vorhandenen Wert |
| Rolle der Beschäftigten | Produktionsfaktor Arbeit; ihre Leistung wird durch Lohn vergütet | Produzenten des Neuwerts; der Lohn entspricht nicht dem gesamten von ihnen geschaffenen Wert |
| Rolle des Kapitals | Kapital wird bereitgestellt und trägt Risiko; dafür steht ihm eine Rendite zu | Eigentum an Produktionsmitteln ermöglicht die Aneignung eines Teils des gesellschaftlich erzeugten Mehrwerts |
| Gewinn | Ergebnis erfolgreicher Kombination von Kapital, Arbeit, Innovation, Produktivität und Marktstrategie | Erscheinungsform des realisierten Mehrwerts nach vielfältigen Umverteilungsprozessen |
| Dividende | legitime Vergütung der Aktionäre für das bereitgestellte Risikokapital | Teil des angeeigneten und anschließend an Kapitaleigentümer verteilten Mehrwerts |
| Lohn | Kostenfaktor und Preis der Arbeit | Preis der Arbeitskraft; deshalb grundsätzlich etwas anderes als der von Arbeit geschaffene Wert |
| Produktivität | Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und höhere Rendite | ermöglicht, mit gleicher oder weniger Arbeit mehr Wert bzw. Mehrwert zu realisieren; Produktivitätsgewinne gehören nicht automatisch den Produzenten |
| Krise | Kosten zu hoch, Produktivität zu niedrig, Nachfrage schwach, Konkurrenz stärker | Krise der Kapitalverwertung: Nicht fehlende gesellschaftliche Nützlichkeit, sondern unzureichende Profitabilität wird zum Problem |
Die beiden Perspektiven unterscheiden sich also nicht hauptsächlich darin, ob Beschäftigte wichtig sind. Das würde auch kein VW-Vorstand bestreiten. Sie unterscheiden sich darin, wie das Verhältnis von Arbeit, Eigentum und Gewinn erklärt wird.
Die betriebswirtschaftliche und wirtschaftsliberale Erzählung beschreibt Volkswagen als Unternehmen, das Kapital, Arbeit, Technologie, Management und Wissen miteinander kombiniert. Beschäftigte erhalten dafür Löhne, Kapitalgeber erwarten für die Bereitstellung ihres Kapitals und das damit verbundene Risiko eine Rendite. Gewinn erscheint als Ergebnis erfolgreicher unternehmerischer Tätigkeit.
Aus einer politisch-ökonomischen, insbesondere marxistischen Perspektive verschiebt sich die Frage. Sie beginnt nicht damit, was Arbeit kostet, sondern damit, wo neuer Wert entsteht und wer darüber verfügen kann.
Produktionsanlagen, Maschinen, Rohstoffe und Technologie sind notwendige Voraussetzungen der Produktion. Aber erst menschliche Arbeit setzt sie in einen Produktionsprozess, in dem Waren und Dienstleistungen entstehen. In der Marxschen Analyse schafft die lebendige Arbeit neuen Wert. Der Lohn entspricht dabei nicht dem gesamten von den Beschäftigten geschaffenen Wert. Die Differenz bildet die Grundlage des Mehrwerts, aus dessen Realisierung und weiterer Verteilung schließlich unter anderem Unternehmensgewinne, Zinsen und Dividenden hervorgehen.
Damit bekommt auch die Grafik über Gewinne und Dividenden eine andere Bedeutung. Sie zeigt nicht lediglich, wie erfolgreich Volkswagen in einem bestimmten Jahr gewesen ist. Sie führt zu einer Verteilungs- und Machtfrage:
Wer erwirtschaftet den gesellschaftlichen Reichtum – und wer verfügt anschließend darüber?
Und wieder Emden
Damit schließt sich der Kreis zu den NDR-Filmen.
Das Werk wird Anfang der 1960er Jahre errichtet, weil seine Errichtung innerhalb der damaligen Unternehmensstrategie wirtschaftlich sinnvoll erscheint. Wenige Jahre später erleben die Beschäftigten bei Wildenhahn, dass diese Sicherheit keineswegs selbstverständlich ist. Und mehr als fünfzig Jahre danach werden erneut Auslastung, Beschäftigtenzahlen und Zukunft des Standortes unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit diskutiert.
Der historische Abstand macht deshalb eine bemerkenswerte Kontinuität sichtbar:
Es geht beim Aufbau des Werkes ums Geld.
Es geht bei seiner Krise ums Geld.
Es geht bei Investitionen ums Geld.
Es geht beim Personalabbau ums Geld.
Und es geht bei der Ausschüttung von Dividenden ums Geld.
Aber „das Geld“ entscheidet nichts.
Deshalb beginnt die politisch-ökonomische Analyse erst dort, wo der Satz aus dem alten Film weitergeführt wird:
Im Kapitalismus geht es immer um Geld – aber um wessen Geld?
Wer erwirtschaftet es? Wer eignet sich welchen Anteil davon an? Wer entscheidet über seine Verwendung? Welche Rendite gilt als ausreichend? Und wer trägt die Folgen, wenn diese Rendite nicht erreicht wird?
Von hier aus lassen sich sowohl die NDR-Filme über Emden als auch die gegenwärtige Krisenerzählung über Volkswagen neu lesen. Die historischen Filme sind dann keine nostalgischen Dokumente einer vergangenen Arbeitswelt. Sie hinterlassen Spuren eines Konflikts, der in veränderter Form bis in die Gegenwart reicht.
VW-Konzern: Gewinne nach Steuern und Dividenden 2016–2025*
| Geschäftsjahr | Ergebnis nach Steuern | Dividende gesamt* |
| 2016 | 5,38 Mrd. € | ca. 1,02 Mrd. € |
| 2017 | 11,64 Mrd. € | ca. 1,97 Mrd. € |
| 2018 | 12,15 Mrd. € | ca. 2,42 Mrd. € |
| 2019 | 14,03 Mrd. € | ca. 2,42 Mrd. € |
| 2020 | 8,82 Mrd. € | ca. 2,42 Mrd. € |
| 2021 | 15,43 Mrd. € | 3,77 Mrd. € |
| 2022 | 15,85 Mrd. € | 4,37 Mrd. € regulär + ca. 9,55 Mrd. € Sonderdividende |
| 2023 | 17,93 Mrd. € | 4,52 Mrd. € |
| 2024 | 12,39 Mrd. € | 3,17 Mrd. € |
| 2025 | 6,90 Mrd. € | 2,62 Mrd. € vorgeschlagen |
* Zuordnung jeweils zum Geschäftsjahr, auch wenn die Dividende erst nach der Hauptversammlung des Folgejahres tatsächlich ausgezahlt wird. Die Sonderdividende 2022 resultierte aus dem Börsengang der Porsche AG.
Die Gewinnzahlen sind direkt aus den VW-Konzernabschlüssen entnommen. Für 2016/17 weist VW 5,379 bzw. 11,638 Mrd. € aus; 2018/19 12,153 bzw. 14,029 Mrd. €; 2020/21 8,824 bzw. 15,428 Mrd. €. Für 2019–2023 bietet VW zudem eine konsistente Fünfjahresreihe; 2023 betrug das Ergebnis nach Steuern 17,928 Mrd. €. Die inzwischen veröffentlichten Abschlüsse ergeben 12,394 Mrd. € für 2024 und nur noch 6,904 Mrd. € für 2025.
Bei den Dividenden sind insbesondere die letzten fünf Jahre sehr gut dokumentiert: regulär 3,772 Mrd. € (2021), 4,374 Mrd. € (2022), 4,524 Mrd. € (2023), 3,171 Mrd. € (2024) und für 2025 vorgeschlagene 2,619 Mrd. €. VW formuliert inzwischen ausdrücklich das strategische Ziel einer Ausschüttungsquote von mindestens 30 % des den VW-Aktionären zurechenbaren Konzernergebnisses.
Was daran für unseren Zusammenhang interessant wird
Rechnet man allein die Ergebnisse nach Steuern dieser zehn Jahre zusammen, kommt man auf rund 120,5 Milliarden Euro.
Und genau hier bekommt der alte Satz aus dem NDR-Film – „Im Kapitalismus gilt: Es geht ums Geld“ – eine andere Qualität. Denn die gegenwärtige VW-Krise folgt keineswegs auf zehn Jahre, in denen der Konzern kein Geld verdient hätte. Im Gegenteil: Selbst in den Krisenjahren wurde fast durchgängig Milliardenüberschuss erwirtschaftet.
Besonders bemerkenswert ist die zeitliche Nähe zur gegenwärtigen Krisenerzählung:
2021: 15,4 Mrd. € Gewinn nach Steuern
2022: 15,9 Mrd. €
2023: 17,9 Mrd. €
2024: 12,4 Mrd. €
2025: 6,9 Mrd. €
Das heißt: 2021 bis 2025 allein rund 68,5 Milliarden Euro Ergebnis nach Steuern.
Gleichzeitig wurden für diese fünf Geschäftsjahre reguläre Dividenden von rund 18,5 Milliarden Euro beschlossen bzw. für 2025 vorgeschlagen. Hinzu kommt die außergewöhnliche Sonderdividende infolge des Porsche-Börsengangs. VW selbst beziffert allein die Dividendenzahlungen für 2021–2024 einschließlich dieser Sonderausschüttung auf rund 25 Mrd. €.
Das verschärft unsere Frage erheblich. Sie lautet dann nicht:
„Warum muss Volkswagen sparen, wenn das Unternehmen Verluste macht?“
Sondern:
Wie kann ein Konzern über Jahre zweistellige Milliardengewinne erzielen und Milliarden an seine Eigentümer ausschütten – und nahezu gleichzeitig Arbeitskosten, Überkapazitäten und Standorte als Krisenproblem definieren?
Damit sind wir wieder bei Emden. Die Frage ist nicht, ob eine unternehmerische Kalkulation existiert. Natürlich existiert sie. Die interessantere politisch-ökonomische Frage lautet, welche Rendite als ausreichend gilt, wer darüber entscheidet und wie die erwirtschafteten Überschüsse zwischen Eigentümern, Investitionen, Beschäftigten und gesellschaftlichen Folgekosten verteilt werden.
Und damit wird aus dem NDR-Satz der 1960er Jahre tatsächlich eine hervorragende Leitfrage für die gesamte VW-Reihe:
„Im Kapitalismus gilt: Es geht ums Geld.“ – Aber um wessen Geld?
