Der „Machtkampf“ geht auf die Zeilgerade – vorläufig!
Vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung verhärten sich bei Volkswagen die Fronten – und hinter dem Streit um Werke und Arbeitsplätze wird die besondere Machtstruktur des Konzerns sichtbar.
Detlef Endeward (02.09.2029
Die Auseinandersetzung bei Volkswagen nähert sich ihrer vorläufigen Entscheidung. Wenige Tage vor der Aufsichtsratssitzung am 4. September werden die Positionen nicht weicher, sondern härter.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner formuliert inzwischen eine unmissverständliche rote Linie: Mit der IG Metall würden die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm nicht geschlossen. Zugleich wirft sie Oliver Blume vor, mit seinen Plänen bestehende Vereinbarungen infrage zu stellen. Die Beschäftigten hätten mit dem bereits vereinbarten Abbau von rund 50.000 Stellen erhebliche Zugeständnisse gemacht; nun könne der Vorstand nicht einfach ein noch radikaleres Programm nachschieben.
Auf der anderen Seite hat der Vorstand seine Vorstellungen offenbar weiter konkretisiert. Nach Medienberichten sieht ein internes Konzept das Ende der Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031, Hannover 2032 und Neckarsulm 2034 vor. Ein heute bekannt gewordenes 147-seitiges Dossier für den Aufsichtsrat beschreibt einen Konzernumbau von außergewöhnlicher Größenordnung.
Damit wird aus dem bisherigen Streit über Kosten und Rendite zunehmend eine Machtfrage.
Besonders aufschlussreich ist, dass der Vorstand offenbar prüft, welche Maßnahmen er auch ohne Zustimmung des Aufsichtsrats durchsetzen könnte. Sollte der Aufsichtsrat erneut blockieren, steht darüber hinaus weiterhin die Möglichkeit einer außerordentlichen Hauptversammlung im Raum.
Genau hier zeigt sich die Bedeutung der besonderen VW-Konstruktion, die wir historisch verfolgt haben.
Im Aufsichtsrat können Arbeitnehmerseite und Niedersachsen erhebliche Gegenmacht entfalten. Im Juli haben sie Blumes Pläne bereits gestoppt. Auf der Hauptversammlung verschieben sich dagegen die Kräfteverhältnisse zugunsten der Kapitalseite und insbesondere der Porsche SE beziehungsweise der Familien Porsche/Piëch.
Der Konflikt lautet deshalb inzwischen nicht mehr lediglich:
Welche Werke werden geschlossen und wie viele Arbeitsplätze werden abgebaut?
Es geht zunehmend darum:
Welche der historisch entstandenen Machtstrukturen bei Volkswagen kann sich durchsetzen – Eigentum und Vorstandsmacht oder die besondere Verbindung aus Mitbestimmung und staatlicher Beteiligung?
Dabei bleibt die Asymmetrie bestehen, die wir zuvor herausgearbeitet haben. Die Arbeitnehmerseite und Niedersachsen kämpfen wesentlich darum, Entscheidungen zu verhindern oder zu verändern, die andere auf die Tagesordnung gesetzt haben. Sie müssen begründen, warum Werke weiterbetrieben werden sollen.
Die Eigentümerseite und der Vorstand müssen dagegen nicht zunächst begründen, warum sie grundsätzlich darüber verfügen dürfen, Investitionen, Produkte und Kapital zwischen Standorten neu zu verteilen.
Genau deshalb ist der Machtkampf offen – und zugleich strukturell ungleich.
Der 4. September wird vermutlich auch deshalb nicht das Ende des Konflikts sein. Scheitert dort erneut Blumes Konzept, ist die entscheidende Frage nicht nur, wer die Abstimmung gewonnen hat, sondern welchen Weg Vorstand und Eigentümer anschließend wählen, um ihre Strategie dennoch durchzusetzen – und welche Gegenmacht Arbeitnehmerseite und Niedersachsen dem entgegensetzen können.
Damit wird Volkswagen geradezu zu einem Lehrstück politischer Ökonomie:
Wer besitzt? Wer entscheidet? Wer kann verhindern? Wer kann selbst gestalten? Und wer besitzt schließlich die Macht, seine Vorstellung davon, was „wirtschaftlich notwendig“ ist, zur Grundlage der Unternehmenspolitik zu machen?
Ein Detail verschärft dabei die bisherige Analyse:
Das offizielle VW-Verzeichnis zeigt, wer im mächtigen Präsidium des Aufsichtsrats unmittelbar aufeinandertrifft: Hans Dieter Pötsch, Christiane Benner, Daniela Cavallo, Olaf Lies, Hans Michel Piëch, Wolfgang Porsche sowie Rita Beck und Gerardo Scarpino. Dieses Präsidium tagt bereits am 3. September. Der eigentliche „Showdown“ könnte deshalb schon dort stattfinden; der 4. September wäre dann entweder die Bestätigung eines in letzter Minute gefundenen Arrangements – oder die öffentliche Manifestation des Scheiterns.
Handelsblatt: Kompromisssuche bei Volkswagen gescheitert
Reuters: Chancen auf Einigung schwinden
WirtschaftsWoche: Das 147-seitige VW-Dossier
Volkswagen: Zusammensetzung des Aufsichtsrats und seiner Ausschüsse