Das Zwischenspiel

Massey-Ferguson übernimmt die Hanomag: große Versprechen, neue Produktion – und schon nach wenigen Jahren beginnt der nächste Niedergang

Am 1.10.1974 übernahm der kanadische Bau- und Landmaschinenkonzern Massey-Ferguson (MF) die HANOMAG vom Rheinstahl-Konzern mit 2.600 Beschäftigten.

MF gehörte neben International Harvester und John Deere zu den drei großen Super-Multis in dieser Branche mit einem Weltjahresumsatz von fast 3 Milliarden Dollar, wobei die Landmaschinenproduktion mit Abstand an erster Stelle der Produktionspalette vor den Industrie- und Baumaschinen rangierte. In der Bundesrepublik besaß MF neben dem neuen Hauptwerk HANOMAG noch eine Landmaschinenfabrik in Eschwege (mit ca. 1.500 Beschäftigten) und eine Beteiligung an der Eichler GmbH in Landau mit knapp 1.000 Beschäftigten.

Der Kauf der HANOMAG wurde ausdrücklich damit begründet, dass man sich von dem – im Gegensatz zu England, Frankreich und Italien – in der Bundesrepublik „ruhigeren Sozialklima“ günstigere Gewinnchancen ausrechnete: „Im Geschäftsjahr 1973 ist MF schmerzhaft klargeworden, daß niedrigere Löhne – wie in England/Italien/Frankreich – jeden Sinn verlieren, wenn langwierige Sozialkonflikte zu großen Produktionsausfällen führen und die internationale Arbeitsteilung die Produktion und den Vertrieb des Konzerns lähmen“ (FAZ 21.9.1974).

Als Verkaufspreis für die HANOMAG wurden zunächst 120 Mio. DM genannt. Diese Zahl wurde zwar nie laut dementiert, jedoch korrigierte sich die Presse kurze Zeit später auf Vermutungen, die zwischen 40 und 50 Mio. DM lagen (vgl. HAZ vom 18.7. und 11.9.74) – ebenfalls undementiert. Auf jeden Fall musste Rheinstahl bei diesem Geschäft „Geld mitbringen“, so Rheinstahl-Chef Schmücker.

Zu dem ohnehin geringen Kaufpreis erhielt der neue Besitzer auch noch Zuschüsse des Landes Niedersachsen aus dem Programm für „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ in Höhe von 3 Mio. DM. Auflage: Erhalt des Betriebes in der derzeitigen Größenordnung. Voraussetzung: Stilllegung des Werkes bei Nichtzustandekommen des Verkaufes.

Und diese Stilllegung hatte Rheinstahl-Chef Schmücker dem Land während der Verkaufsverhandlungen angedroht (vgl. HAZ v. 11.9.74). Vermutlich das erste wahre Wort, das aus Rheinstahls Chefetagen seit langem zum Fall Hanomag verlautete! Im Übrigen meint Schmücker zum Hanomag-Verkauf, dass „das Werk Hanomag einen wichtigen Platz in den weltweiten Expansionsplänen von MF übernehmen wird … Unter diesem Aspekt hätten die jahrelangen Umstrukturierungsmaßnahmen auf ein reines und leistungsfähiges Baumaschinenwerk ihren Zweck erfüllt.“ (HAZ v. 18.7.74)

„2.000 neue Arbeitsplätze“

Am 18.10.1974 kündigte der Präsident der Massey-Ferguson Ltd., Toronto, auf einer internationalen Pressekonferenz in Hannover an: 500 neue Arbeitsplätze für die neue Motoren- und 1.300 für die Baumaschinenproduktion. Und wenn man schon beim Einstellen sei, über 2.000 „neue“ würden es bestimmt. Mit anderen Worten: Die Gesamtbelegschaft der Hanomag sollte auf insgesamt über 4.600 gesteigert werden. Ob’s wohl jemanden gab, der das glaubte?

Im ersten Jahr wurden einige Versprechen auch noch gehalten.

Am 4.11.1975 setzte die Generaldirektorin der MF-Gesellschaften in der BRD, Frau Dr. Ursula Brinkmann, in Anwesenheit der Presse demonstrativ das Montageband der ersten Fertigungsstraße für Dieselmotoren in Betrieb. Der „langfristige“ Liefervertrag mit VW hatte sich inzwischen als Drei-Jahresvertrag herausgestellt (Lieferung pro Jahr 26.000 Stück). Frau Brinkmann kündigte dennoch optimistisch eine Verdoppelung der Kapazität bis 1985 an (NHP v. 5.11.75).

Immerhin war die Belegschaft bis zum Herbst 1975 auf 2.900 Beschäftigte aufgestockt worden.

Nach 2 Jahren: 500 Neueinstellungen

Im Februar ’76 verkündete MF als großen Verkaufserfolg, dass jede 5. Baumaschine, die in der BRD verkauft wurde, von MF stammt. Und wenn die mal angekündigten 4.600 Arbeitsplätze bei Hanomag trotz des guten Geschäftsverlaufs noch längst nicht in Sicht waren, genügte doch als „Erfolgsmeldung“ und gesicherte Zukunftsaussicht, dass es wenigstens 3.100 waren; seit Übernahme der Hanomag durch MF damit schon 500 mehr.

Als Wermutstropfen in diese Erfolgsbilanz fiel lediglich, dass die Hanomag nach wie vor mit Verlust arbeitete. Offiziell verlautete für 1975, das erste MF-Jahr, 40 Mio. DM, für das Jahr 1976 immerhin noch 30 Mio. DM. Gewinnerwartungen wurden erst für das Jahr 1978 geäußert.

Die Wende

Und während offiziell für 1977 noch der Ausbau eines weiteren Produktionsschwerpunktes bei der Hanomag angekündigt wurde, die Getriebe- und Achsenfertigung (für die laut HAZ v. 20.1.77 bereits 16,5 Mio. DM investiert worden waren), drohte der Motorenproduktion Schlimmes.

VW und MAN gingen eine Kooperation ein, die auch die Motorenproduktion umfasste. Bei MF-Hanomag tröstete man sich damit, dass das Transporterprogramm von VW, für das Hanomag die Motoren lieferte, nicht Bestandteil der Kooperation war. Auch die VW-Eigenentwicklung von Dieselmotoren wurde nicht als Bedrohung empfunden, da diese sich angeblich nur auf den Pkw-Bereich beschränkte. Stattdessen „sollen Perkins-Motoren künftig auch an andere Kunden in den USA, England und der Iberischen Halbinsel geliefert werden.“ (HAZ 26.5.76)

Diese Geschäftsentwicklung blieb Utopie. Infolgedessen konnte die Hanomag auch – entgegen den Erwartungen – 1978 nicht mit Gewinnen aufwarten.

Entgegen der Praxis früherer Jahre machte MF keine Angaben zur Ertragsentwicklung bei der Hanomag mehr. Zwar stieg die Beschäftigtenzahl noch bis Ende 1977 kontinuierlich auf rund 3.500 an, aber die rosigen Zukunftsmeldungen blieben langsam aus.

Welche Perspektiven der Mutterkonzern Massey-Ferguson damals schon der Hanomag einräumte, mag die Tatsache verdeutlichen, dass zur gleichen Zeit ein neues Motorenwerk für die Perkins-Dieselmotoren in Mexiko gebaut wurde!!

So kann vermutet werden, dass auch das Auswechseln des Managements Anfang 1978 – Frau Brinkmann musste samt Mitarbeitern gehen – nicht die Konsolidierung der Hanomag im MF-Konzern bewerkstelligen sollte, sondern lediglich einen einigermaßen „gesundeten“ Betrieb „verkaufsfertig“ zu machen.

Im Frühjahr 1978 wurde es dann konkret: Rund 40 % der inzwischen 3.500 Beschäftigten mussten zwischen April und Mai kurzarbeiten! Weitere Kurzarbeit zwischen Juli und Oktober wurde bereits angekündigt.

Durch ungünstige Wechselkurse musste der Export in die USA völlig eingestellt werden. Gleichzeitig wurde durch Einstellungsstopp die Belegschaft reduziert: Im Sommer ’78 waren es bereits nur noch 3.400. Doch das Mittel des Einstellungsstopps reichte nicht mehr aus: Im Juli wurden 200 entlassen!

Der Betriebsrat zeigte sich auf Anfragen von Kollegen informiert: Die Motorenproduktion wird stillgelegt. VW erneuerte den Vertrag mit der Hanomag nach Ablauf der 3 Jahre nicht mehr und baute seine Dieselmotoren stattdessen selbst!

Auch das neue Management von MF-Hanomag erwies sich als unfähig, neue Interessenten aufzutreiben. Stattdessen begann der schnelle Niedergang: Schließung eines Teils der Motorenproduktion („Halle II“) bereits im Juli (damit verbunden war die Entlassung von 200 Beschäftigten). Ein weiterer Teil sollte bis Dezember dichtgemacht werden und weitere 450 Entlassungen wurden beim Arbeitsamt Hannover angemeldet!

Und dann ging’s Schlag auf Schlag: Obwohl das im Betrieb längst klar war, wurde die Stilllegung der Motorenproduktion offiziell erst im August verkündet. 450 Arbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Das Motorenwerk sollte bis Ende des Jahres endgültig geschlossen werden.

Die Verluste stiegen, die Produktion sank und die Belegschaft wurde weiter reduziert.

Im September wurde Kurzarbeit bis zum Jahresende angekündigt, die Produktion für 1979 um 20 % gekürzt und gleichzeitig bekanntgegeben, dass weitere Entlassungen geplant seien.

Massey-Ferguson selbst geriet immer stärker in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die weltweite Krise des Konzerns wirkte unmittelbar auf die HANOMAG zurück. Die Hoffnung, mit der Übernahme durch einen internationalen Großkonzern sei eine dauerhafte Zukunft des hannoverschen Werkes gesichert, erwies sich damit innerhalb weniger Jahre als Illusion.


Bemerkenswert für die aktuelle Wiederveröffentlichung: In diesem Kapitel taucht VW als wichtiger Faktor der Hanomag-Geschichte auf. Der zunächst als „langfristig“ dargestellte Motorenvertrag erweist sich als auf drei Jahre begrenzt; anschließend produziert VW die Dieselmotoren selbst. Das ist noch keine Parallele zur heutigen VW-Krise, aber eine interessante historische Verbindung zwischen beiden Unternehmensgeschichten. (D.E.)

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