Beobachtungen zwischen den Landtagswahltagen – am Tag „unbedeutender“ Kommunalwahlen

Was die permanente Vermessung politischer Stimmung über Journalismus, Demokratieverständnis und vielleicht auch über Machtverhältnisse in „unserer Demokratie“ verrät

Es sind zunächst nur drei Beobachtungen an einem Kommunalwahlsonntag. Sie scheinen wenig miteinander zu tun zu haben: Wahlumfragen simulieren fortwährend Wahlen, obwohl gar keine stattfinden. Eine tatsächlich stattfindende Kommunalwahl wird zum „Stimmungstest“ für die vermeintlich wichtigere Landespolitik erklärt. Und noch bevor eine einzige Stimme ausgezählt ist, präsentiert eine Ergebnisplattform Parteien bereits in einer nummerierten Rangfolge.

Zusammengenommen werfen diese Beobachtungen jedoch eine grundsätzlichere Frage auf: Welches Verständnis von Politik und Demokratie wird hier sichtbar?

Wenn keine Wahl ist, werden Bürgerinnen und Bürger fortwährend danach gefragt, wen sie wählen würden. Wenn sie tatsächlich wählen, interessiert ihre Entscheidung vor allem als Hinweis darauf, wie sie bei einer anderen Wahl möglicherweise wählen könnten. Und bevor ihre Stimmen überhaupt ausgezählt sind, hat die mediale Darstellung bereits eine Reihenfolge hergestellt.

Vielleicht sind das nur journalistische Routinen, Konventionen der Demoskopie und technische Eigenheiten digitaler Ergebnisdarstellung. Vielleicht zeigen sie aber auch etwas Grundsätzlicheres: eine politische Öffentlichkeit, in der Demokratie zunehmend als Wettbewerb von Parteien um messbare Zustimmung erscheint.

Dann wäre allerdings nach dem zu fragen, was dabei aus dem Blick gerät: Interessen und Konflikte, Eigentum und Verfügungsmacht, gesellschaftliche Ungleichheit und unterschiedliche Möglichkeiten politischer Einflussnahme – und vor allem die Frage, ob Bürgerinnen und Bürger Demokratie lediglich durch die Abgabe ihrer Stimme praktizieren oder als gesellschaftlich Handelnde ihre Lebensverhältnisse mitgestalten können.

Die drei Beobachtungen sind deshalb keine Beweise. Sie sind Spuren.

Ihnen soll im Folgenden nachgegangen werden:

1. Wenn keine Wahl ist, simulieren Umfragen eine Wahl.

2. Wenn wirklich gewählt wird, behandeln wir die Wahl wie eine Umfrage.

3. Wenn noch gar nichts ausgezählt ist, gibt es trotzdem schon Erste und Letzte.

Und schließlich führt die Spur zu einer vierten Frage:

Wer bestimmt eigentlich, worüber wir als politische Öffentlichkeit nachdenken – und wer verfügt über die Macht, die Fragen zu stellen?


 

1. Wenn keine Wahl ist, simulieren Umfragen eine Wahl

Untertitel: Die permanente Sonntagsfrage – wer vermisst politische Stimmung und wer gewinnt dadurch Deutungsmacht?

Bezugsseite: Wahlumfragen zur Bundestagswahl – Wahlrecht.de

Ausgangspunkt ist die inzwischen nahezu permanente Veröffentlichung von Wahlumfragen. Der Beitrag fragt nicht nur nach ihrer methodischen Aussagekraft, sondern nach Auftraggebern, Auswahl, Zeitpunkt und medialer Verarbeitung: Warum müssen wir eigentlich ständig wissen, wen Menschen „am nächsten Sonntag“ wählen würden, obwohl überhaupt keine Wahl stattfindet?

Im Mittelpunkt steht die These: Umfragen messen politische Wirklichkeit nicht nur, sondern werden durch Veröffentlichung, Kommentierung und Rückkopplung selbst Bestandteil dieser Wirklichkeit.

Leitfragen: Wer gibt Umfragen in Auftrag? Wer bezahlt sie? Was wird gefragt – und was nicht? Wer entscheidet, welches Ergebnis Nachricht wird? Welche Wirkung haben Rankings, Fünf-Prozent-Grenzen und Gewinner-Verlierer-Erzählungen?

Leitfrage: Wer gibt Umfragen in Auftrag? Wer bezahlt sie? Was wird gefragt – und was nicht? Wer entscheidet, welches Ergebnis Nachricht wird? Welche Wirkung haben Rankings, Fünf-Prozent-Grenzen und Gewinner-Verlierer-Erzählungen?

Mögliche Antworten – zu prüfen
  • Medien brauchen kontinuierlich Nachrichten. Eine neue Umfrage produziert auch dann ein politisches Ereignis, wenn politisch wenig Neues geschehen ist. Schon kleine Veränderungen lassen sich als Aufstieg, Absturz oder Trend erzählen.
  • Auftraggeber gewinnen Agenda- und Deutungsmacht. Sie bestimmen nicht notwendig die Antworten, aber sie können darüber entscheiden, welche Fragen überhaupt gestellt werden. Auch Nichtfragen strukturieren Öffentlichkeit.
  • Meinungsforschungsinstitute konkurrieren auf einem Markt. Umfragen sind nicht nur wissenschaftliche Untersuchungen, sondern Dienstleistungen, die von Auftraggebern bezahlt werden. Das macht ihre Ergebnisse nicht automatisch falsch, verweist aber auf ihren ökonomischen Entstehungszusammenhang.
  • Parteien erhalten kostenlos Informationen über ihre politische Marktposition. Umfragen ermöglichen permanente Beobachtung der Konkurrenz und können politische Strategien beeinflussen.
  • Politik wird personalisiert und als Wettbewerb inszeniert. Wer gewinnt? Wer verliert? Wer kann Kanzler? Welche Koalition reicht? Sachfragen und gesellschaftliche Interessenkonflikte können dadurch in den Hintergrund geraten.
  • Die Fünf-Prozent-Hürde verstärkt mögliche Rückkopplungen. Wer eine Partei bei drei oder vier Prozent sieht, kann seine Wahlentscheidung davon abhängig machen. Die Messung kann dadurch auf den gemessenen Gegenstand zurückwirken.
  • Umfragen erzeugen Normalität. Was häufig mit hohen Prozentwerten erscheint, wird als politisch bedeutsam wahrgenommen. Aufmerksamkeit kann weitere Aufmerksamkeit erzeugen.

Weiterführende Frage:
Wird hier noch öffentliche Meinung gemessen – oder wird durch ihre permanente Messung öffentliche Meinung mitproduziert?


2. Wenn wirklich gewählt wird, behandeln wir die Wahl wie eine Umfrage

Untertitel: Die Kommunalwahl als „Stimmungstest“ – wenn demokratische Entscheidungen zu Messwerten für die „große Politik“ werden

Bezugsseite: NDR: Kommunalwahl Niedersachsen 2026

Ausgangspunkt ist das journalistische Framing der niedersächsischen Kommunalwahlen als „Stimmungstest“.

Der Beitrag nimmt diese scheinbar selbstverständliche Bezeichnung ernst: Test wofür? Die Kommunalwahl ist schließlich keine Probe für eine spätere Landtags- oder Bundestagswahl. Hier werden reale Mandate vergeben und reale Machtverhältnisse in Städten, Gemeinden und Kreisen verändert.

Das Framing erzeugt eine Hierarchie politischer Bedeutung:

Bund → „große Politik“
Land → wichtig
Kommune → interessant als Indikator für Land und Bund

Damit verschiebt sich die journalistische Leitfrage von „Was haben die Menschen hier entschieden?“ zu „Was bedeutet das für die nächste Wahl?“

Die eigentliche politische Entscheidung wird dadurch nachträglich wieder zu einer Art Umfrage.

Leitfrage: Warum interessiert bei einer Kommunalwahl häufig stärker, was sie für die nächste Landtags- oder Bundestagswahl bedeutet, als das, was die Menschen vor Ort tatsächlich entschieden haben?

Mögliche Antworten – zu prüfen
  • Bundespolitik dominiert die mediale Wahrnehmung von Politik. Bundespolitische Akteure sind bekannter, Konflikte leichter überregional erzählbar und die bundesweite Parteienkonkurrenz bietet einen vertrauten Interpretationsrahmen.
  • Der Parteienwettbewerb schafft eine einfache Erzählung. Tausende unterschiedliche kommunale Konflikte sind kompliziert. „CDU gewinnt – SPD verliert – AfD legt zu“ reduziert Komplexität auf wenige Zahlen.
  • Kommunale Unterschiede stören die große Erzählung. In einer Kommune geht es um ein Krankenhaus, anderswo um Windkraft, Schulschließungen, Gewerbegebiete, Verkehr oder Wohnungsbau. Die Kategorie „Stimmungstest“ macht daraus einen einheitlichen politischen Vorgang.
  • Es existiert eine implizite Hierarchie politischer Ebenen. Bundespolitik erscheint als die „eigentliche“ Politik; Landespolitik wird teilweise auf ihre Bedeutung für Berlin hin betrachtet und Kommunalpolitik schließlich auf ihre Bedeutung für Land und Bund.
  • Damit wird konkrete Verfügungsmacht unsichtbar. Gerade Kommunen entscheiden über erhebliche Teile der unmittelbar erfahrbaren gesellschaftlichen Wirklichkeit.
  • Bürgerinnen und Bürger werden anders interpretiert, als sie möglicherweise gewählt haben. Eine Stimme für eine kommunale Liste wegen eines örtlichen Konflikts kann medial zum Ausdruck der Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der Bundesregierung werden.
  • Der „Stimmungstest“ verwandelt Entscheidung in Information. Die Wähler haben etwas entschieden; Journalismus fragt stattdessen, was ihre Entscheidung über etwas anderes verrät.

Weiterführende Frage:
Wer bestimmt eigentlich, welche politische Ebene als wichtig gilt – und woran bemisst sich politische Bedeutung?


3. Wenn noch gar nichts ausgezählt ist, gibt es trotzdem schon Erste und Letzte

Untertitel: 0 Prozent für alle – über Rankings, Algorithmen und die unsichtbare Macht politischer Darstellung

Bezugsseite: ebenfalls NDR: Ergebnisse der Kommunalwahl Niedersachsen 2026

Hier wird eine zunächst nebensächlich erscheinende Beobachtung zum Ausgangspunkt: Noch stehen die Parteien bei 0 Prozent und 0 Sitzen, dennoch zeigt die Ergebnisdarstellung bereits eine nummerierte Rangfolge – beispielsweise AfD vor CDU, Linke, FDP, Grünen und SPD.

Die entscheidende Frage lautet zunächst ausdrücklich nicht, ob damit eine politische Absicht verbunden ist. Zu klären wäre vielmehr: Nach welchem Prinzip entsteht diese Reihenfolge überhaupt?

Damit öffnet sich ein neues Feld der Medienkritik. Politische Öffentlichkeit wird heute nicht ausschließlich von Journalistinnen und Journalisten gestaltet. Datenbanken, Algorithmen, Templates und Benutzeroberflächen strukturieren ebenfalls, was wir sehen und in welcher Reihenfolge wir es sehen.

Die Leitfrage lautet deshalb:

Wer entscheidet über politische Sichtbarkeit – Redaktion, Datenlieferant oder Algorithmus?

Leitfrage: Wer entscheidet über politische Sichtbarkeit – Redaktion, Datenlieferant oder Algorithmus?

Mögliche Antworten – zu prüfen
  • Vielleicht handelt es sich lediglich um eine technische Sortierung. Die Reihenfolge könnte aus einem Datensatz übernommen worden sein. Gerade deshalb wäre zu untersuchen, woher sie stammt.
  • Technische Entscheidungen sind aber nicht wirkungslos. Ein Datenbankfeld muss sortiert, eine Liste dargestellt und eine Benutzeroberfläche programmiert werden. Jede Darstellung benötigt Regeln.
  • Die Oberfläche verwandelt eine Reihenfolge in ein Ranking. Besonders problematisch ist deshalb möglicherweise weniger die Reihenfolge selbst als ihre Nummerierung: Aus zwölf Parteien mit jeweils 0 Prozent entstehen Platz 1 bis Platz 12.
  • Position erzeugt Aufmerksamkeit. Was oben steht, wird früher und wahrscheinlich häufiger wahrgenommen als das, was erst nach Scrollen sichtbar wird.
  • Redaktionelle Verantwortung verschwindet nicht durch Automatisierung. „Das macht das System automatisch“ beantwortet die journalistische Frage nicht. Jemand hat das System entwickelt, übernommen oder dessen Darstellungsregeln akzeptiert.
  • Algorithmisches Framing kann ohne politische Absicht entstehen. Gerade das macht es interessant. Wirkung setzt keine Manipulationsabsicht voraus.
  • Digitale politische Öffentlichkeit besitzt eine technische Infrastruktur. Macht über öffentliche Wahrnehmung liegt damit nicht mehr ausschließlich bei Redaktionen. Softwareentwickler, Plattformarchitekturen, Datenanbieter und Algorithmen wirken an ihrer Strukturierung mit.

Weiterführende Frage:
Wenn niemand bewusst entschieden hat, wer bei 0 Prozent „Erster“ ist – wer trägt dann Verantwortung dafür, dass Millionen Nutzer trotzdem einen Ersten sehen?

Wenn Demokratie zur Stimmungskurve wird

Aus den drei Untersuchungen ergeben sich unterschiedliche mögliche Antworten auf die übergeordnete Frage nach Journalismus, Demokratieverständnis und Machtverhältnissen.

Die drei Beobachtungen könnten Ausdruck einer gemeinsamen Verschiebung sein:

Politik wird zunehmend als Wettbewerb um Zustimmung wahrgenommen.

Dann werden Bürger vor einer Wahl befragt, bei der Wahl gezählt und nach der Wahl erneut interpretiert.

Demokratie erscheint vor allem als Verfahren zur Verteilung von Stimmen auf Parteien. Ein anspruchsvolleres Demokratieverständnis würde dagegen danach fragen, wer gesellschaftliche Verhältnisse gestalten kann, wer über welche Ressourcen verfügt, welche Interessen sich durchsetzen und welche Möglichkeiten Bürgerinnen und Bürger haben, gemeinsam handlungsfähig zu werden.

Auch der Journalismus verändert dabei seine Rolle. Er wäre nicht nur Beobachter politischer Wirklichkeit, sondern durch Auswahl, Fragen, Rankings, Sprache, Visualisierung und Interpretation an ihrer Herstellung beteiligt.

Und schließlich führt die Untersuchung zur Machtfrage:

Wer über Geld verfügt, kann Umfragen in Auftrag geben.
Wer über Medien verfügt, kann Themen und Ergebnisse öffentlich machen.
Wer über Plattformen und technische Infrastruktur verfügt, kann Sichtbarkeit strukturieren.
Wer über politische und ökonomische Ressourcen verfügt, kann auf die so erzeugte Öffentlichkeit reagieren und sie wiederum beeinflussen.

Damit wäre allerdings noch nichts über eine zentral gesteuerte Manipulation bewiesen. Die interessantere Hypothese ist gerade eine andere:

Politische Beeinflussung braucht keinen zentralen Plan. Sie kann aus dem Zusammenspiel ökonomischer Interessen, journalistischer Routinen, institutioneller Macht und technischer Strukturen entstehen.

Die abschließende Frage der ganzen Reihe könnte deshalb lauten:

Wer darf in „unserer Demokratie“ wählen – das ist geklärt. Aber wer verfügt über die Mittel, die Fragen zu stellen, die öffentliche Aufmerksamkeit zu organisieren und festzulegen, was anschließend als politisch bedeutsam erscheint?

Damit wäre man von einer zunächst fast beiläufigen Beobachtung am Kommunalwahlsonntag ziemlich weit gekommen: von 0 Prozent auf einer NDR-Ergebnisseite zur Frage nach gesellschaftlicher Macht.


Und welche Geschichte erzählen und diese KI-generierten Bilder?

Die Demoskopisierung der Demokratie

Beobachtungen zwischen den Landtagswahlen – am Tag „unbedeutender“ Kommunalwahlen

Am Morgen danach – Gewinner, Verlierer und wieder ein „Stimmungstest“

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …