Filmgeschichte als Gesellschafts- und Kulturgeschichte
Zugänge, historische Zusammenhänge und Lernwege
Filme erzählen Geschichten. Sie unterhalten, berühren, irritieren und vermitteln Vorstellungen von der Welt. Sie sind zugleich Produkte gesellschaftlich organisierter Arbeit, Ergebnisse künstlerischer und technischer Gestaltung und Bestandteile kultureller Kommunikation.
Wer sich mit Filmgeschichte beschäftigt, untersucht deshalb mehr als die Entwicklung filmischer Kunstformen oder die Geschichte bedeutender Filme und Regisseure. Filmgeschichte ist immer auch Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Sie handelt von den Bedingungen, unter denen Filme entstehen, von den gesellschaftlichen Erfahrungen, die in ihnen verarbeitet werden, und von den Bedeutungen, die sie für unterschiedliche Zuschauerinnen und Zuschauer gewinnen.
Die Lernwerkstatt Film und Geschichte erschließt diese Zusammenhänge über vier miteinander verbundene Zugänge. Sie ermöglichen unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte des Films und bilden zugleich Ausgangspunkte für historisch-politische Lernwege mit unterschiedlicher Erklärungsreichweite und Komplexität.
Die theoretischen und methodischen Voraussetzungen werden in den Grundlagen der historisch-politischen Filmbildung behandelt. Die zur Einordnung notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhänge erschließen die Historischen Themen. Den gegenwartsbezogenen Orientierungsrahmen bietet das Konzept der Gesellschaftskompetenz.
Vier Zugänge zur Filmgeschichte
- Film als Ausdruck und Element der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft
- Filmproduktion und Kinolandschaft
- Die Filme selbst: Genres, Motivkomplexe und Filmdossiers
- Film und Geschichte – ein komplexes Verhältnis
Historisch-politische Lernwege verbinden diese Perspektiven mit den Materialien der Historischen Themen und dem Konzept der Gesellschaftskompetenz.
Film als Ausdruck und Element der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft
Filme entstehen in historisch bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie greifen Erfahrungen, Konflikte, Hoffnungen und Ängste auf, verarbeiten Vorstellungen von Arbeit, Familie, Herrschaft, sozialer Ordnung und gesellschaftlicher Veränderung und gestalten diese in filmischen Bildern und Erzählungen.
Dabei bilden Filme gesellschaftliche Wirklichkeit nicht einfach ab. Zwischen gesellschaftlichen Erfahrungen und ihrer filmischen Darstellung liegen Prozesse der Auswahl, Interpretation und ästhetischen Gestaltung. Was sichtbar wird, welche Konflikte aufgegriffen, welche Lösungen angeboten und welche gesellschaftlichen Verhältnisse als selbstverständlich vorausgesetzt werden, ist selbst historisch erklärungsbedürftig.
Filme sind jedoch nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen. Als Medien der Unterhaltung und öffentlichen Kommunikation wirken sie selbst an kulturellen Prozessen mit. Sie können bestehende Vorstellungen bestätigen, gesellschaftliche Leitbilder verbreiten, Widersprüche sichtbar machen oder alternative Möglichkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens vorstellbar werden lassen.
Die Untersuchung dieser Zusammenhänge eröffnet einen Zugang zur Geschichte gesellschaftlicher Mentalitäten, kultureller Deutungsmuster und hegemonialer Vorstellungen. Sie verbindet Filmgeschichte mit Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte und der Geschichte gesellschaftlicher Konflikte.
Eine theoretische Vertiefung bietet der Grundlagenbeitrag Geschichte und Gesellschaft im Zusammenhang denken. Die Frage, wie gesellschaftliche Vorstellungen zu allgemein anerkannten Selbstverständlichkeiten werden, wird im Beitrag Kulturelle Hegemonie behandelt. Die besondere Rolle des Films untersucht Film als Seismograph und Medium kultureller Hegemonie.
Gesellschaftliche Erfahrungen und ihre filmische Verarbeitung
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen.
Die Filme der Weimarer Republik entstanden vor dem Hintergrund des verlorenen Ersten Weltkriegs, der Revolution von 1918/19, der politischen und wirtschaftlichen Krisen, der relativen Stabilisierung in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre und der erneuten Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte während der Weltwirtschaftskrise.
Diese Entwicklungen spiegeln sich nicht unmittelbar und einheitlich in der Filmproduktion wider. Sie werden in unterschiedlichen filmischen Formen aufgegriffen, umgedeutet oder ausgeblendet. Gesellschaftliche Unsicherheit kann in einem sozialen Drama als materieller Existenzkampf erscheinen, in einem Kriminalfilm als Bedrohung der öffentlichen Ordnung und in einer musikalischen Komödie durch die zeitweilige Aufhebung sozialer Konflikte bearbeitet werden.
Gerade der Vergleich unterschiedlicher filmischer Darstellungen macht sichtbar, dass Filme nicht nur von gesellschaftlichen Verhältnissen erzählen, sondern auch unterschiedliche Möglichkeiten anbieten, diese Verhältnisse wahrzunehmen und zu deuten.
Die historische Einordnung verlangt den Rückgriff auf die Materialien zu den jeweiligen Epochen innerhalb der Historischen Themen. Ohne solche Kenntnisse besteht die Gefahr, gegenwärtige Vorstellungen auf vergangene Filme zu übertragen oder filmische Darstellungen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit ihrer Entstehungszeit gleichzusetzen.
Filmproduktion und Kinolandschaft
Filme sind Produkte gesellschaftlich organisierter Arbeit. Ihre Herstellung erfordert Kapital, technische Einrichtungen, Arbeitskräfte, organisatorische Strukturen und den Zugang zu Absatzmärkten.
Die Entwicklung des Films ist deshalb eng mit der Geschichte der Filmwirtschaft verbunden. Eigentumsverhältnisse, Unternehmensstrategien, technische Innovationen, wirtschaftliche Krisen und staatliche Eingriffe beeinflussen, welche Filme produziert werden, unter welchen Bedingungen sie entstehen und wie sie verbreitet werden.
Die Untersuchung der Filmproduktion richtet den Blick auf die Filmgesellschaften und ihre wirtschaftlichen Interessen, auf die Beschäftigten vor und hinter der Kamera, auf die Organisation der Produktion und auf die Veränderungen filmtechnischer Möglichkeiten.
Wirtschaftliche und künstlerische Entwicklungen sind dabei nicht voneinander zu trennen. Die Herausbildung bestimmter Filmformen und Genres hängt auch mit Produktionskosten, technischen Voraussetzungen, Verleihstrukturen und Erwartungen an den wirtschaftlichen Erfolg zusammen.
Filmwirtschaft und gesellschaftliche Machtverhältnisse
Die Geschichte der deutschen Filmindustrie während der Weimarer Republik bietet dafür zahlreiche Beispiele.
Die Gründung der Ufa während des Ersten Weltkriegs, ihre Entwicklung zu einem großen Filmkonzern, ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Veränderungen ihrer Eigentums- und Finanzierungsverhältnisse lassen sich nicht allein als Unternehmensgeschichte verstehen.
Sie sind eingebunden in die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Deutschlands, in internationale Konkurrenzverhältnisse und in Auseinandersetzungen um den Film als Wirtschaftsgut und gesellschaftlich einflussreiches Medium.
Auch der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm war nicht nur ein technischer Fortschritt. Er erforderte erhebliche Investitionen, veränderte Produktionsabläufe, Arbeitsanforderungen und Verleihbedingungen und wirkte sich auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Unternehmen und Kinobetreiber aus.
Die Untersuchung der Filmwirtschaft eröffnet damit Fragen nach den Beziehungen zwischen Kapital, Arbeit, Technik, Kultur und gesellschaftlicher Verfügungsmacht.
Kinos als Orte gesellschaftlicher Öffentlichkeit
Zur Filmgeschichte gehört ebenso die Geschichte der Kinolandschaft.
Kinos sind nicht nur Orte, an denen Filme vorgeführt werden. Sie sind Bestandteil der städtischen und regionalen Infrastruktur, Orte sozialer Begegnung und kultureller Erfahrung. Ihre Lage, Ausstattung, Preisgestaltung und Programmstruktur geben Auskunft über gesellschaftliche Unterschiede und Veränderungen des Freizeitverhaltens.
Die großen Filmpaläste der Innenstädte, die kleineren Stadtteilkinos und die Kinos in ländlichen Regionen boten unterschiedliche Bedingungen des Filmerlebens. Welche Filme tatsächlich zu sehen waren, hing von Verleihstrukturen, wirtschaftlichen Möglichkeiten der Betreiber und der Zusammensetzung des Publikums ab.
Für die regionale Filmgeschichtsforschung ist die Rekonstruktion der Kinolandschaft deshalb besonders aufschlussreich.
Am Beispiel Hannovers lässt sich untersuchen, wie sich Kinostandorte, Kinoprogramme und Besuchsbedingungen im Zusammenhang mit Stadtentwicklung, sozialen Verhältnissen und kulturellen Veränderungen entwickelten.
Die Kinogeschichte ermöglicht damit einen Zugang zur Alltags- und Sozialgeschichte, der über die Beschäftigung mit bekannten Filmen weit hinausreicht.
Die Filme selbst
Die Untersuchung der Filme bildet einen eigenständigen Schwerpunkt filmhistorischer Arbeit. Im Mittelpunkt stehen ihre Inhalte, Erzählweisen, ästhetischen Gestaltungsmittel und historischen Besonderheiten.
Dabei lassen sich drei Zugänge unterscheiden: Filmgenres, wiederkehrende Motivkomplexe und die Analyse einzelner Filme.
Diese Perspektiven ergänzen sich, sind aber nicht gleichzusetzen. Ein Film kann einem bestimmten Genre angehören, mehrere gesellschaftliche Motivkomplexe aufgreifen und zugleich ästhetische und inhaltliche Besonderheiten besitzen, die erst in einer Einzelanalyse sichtbar werden.
Filmgenres – historische Formen filmischen Erzählens
Filmgenres sind historisch entstandene und veränderliche Formen filmischen Erzählens. Sie beruhen auf wiederkehrenden Themen, Handlungsmustern, Figurenkonstellationen, ästhetischen Konventionen und Erwartungen des Publikums.
Genres sind keine zeitlosen Ordnungssysteme. Sie entwickeln sich unter bestimmten gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen. Ihre Grenzen sind fließend, und einzelne Filme können Elemente mehrerer Genres miteinander verbinden.
Die Untersuchung der Filmgenres ermöglicht es, längerfristige Entwicklungen der Filmgeschichte zu erkennen.
Für die Weimarer Republik lassen sich beispielsweise Historienfilme, Melodramen, Kriminalfilme, Komödien, Straßenfilme, Bergfilme und musikalische Unterhaltungsfilme untersuchen.
Dabei ist zwischen Genres und ästhetischen Strömungen zu unterscheiden. Der Expressionismus bezeichnet beispielsweise keine mit dem Kriminalfilm oder der Komödie unmittelbar vergleichbare Genrekategorie, sondern eine künstlerische Ausdrucksweise, die unterschiedliche filmische Formen beeinflussen konnte.
Eine historisch angelegte Genreanalyse fragt nicht nur danach, welche Merkmale bestimmte Filme gemeinsam haben. Sie untersucht auch, warum sich bestimmte Erzählformen in einer historischen Situation durchsetzen, wie sie gesellschaftliche Erfahrungen verarbeiten und welche Veränderungen sie im Laufe ihrer Entwicklung erfahren.
Motivkomplexe – wiederkehrende gesellschaftliche Vorstellungen und Konflikte
Ein anderer Zugang ergibt sich aus der Untersuchung wiederkehrender Motive und Themen, die sich über unterschiedliche Filme und Genres hinweg verfolgen lassen.
Solche Motivkomplexe können Vorstellungen von Herrschaft und Unterwerfung, Erfahrungen von Unsicherheit, Bilder gesellschaftlicher Ordnung oder Formen von Auflehnung und Widerstand umfassen.
Sie ermöglichen es, Zusammenhänge zwischen Filmen herzustellen, die hinsichtlich ihrer Handlung, Genrezugehörigkeit oder ästhetischen Gestaltung zunächst wenig gemeinsam haben.
Eine wichtige Grundlage für diesen Zugang bietet Siegfried Kracauers Untersuchung From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film (1947).
Kracauer untersuchte wiederkehrende Motive im deutschen Film der Weimarer Republik und interpretierte sie als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialpsychologischer Entwicklungen. Seine Motivkomplexe – etwa Tyrannei, Schicksal, Chaos, Unterwerfung und Auflehnung – sollten Zusammenhänge zwischen filmischen Darstellungen und gesellschaftlichen Mentalitäten sichtbar machen.
Dieser Ansatz ist filmhistorisch bedeutsam, zugleich aber kritisch zu prüfen.
Kracauers Interpretationen sind keine unmittelbaren Aussagen der Filme selbst. Sie beruhen auf einer bestimmten theoretischen Perspektive und einer Auswahl von Filmen. Ihre Erklärungsreichweite hängt davon ab, wie überzeugend die filmischen Beobachtungen mit historischen Entwicklungen verbunden werden können.
Gerade deshalb bietet die Auseinandersetzung mit Kracauer eine produktive Möglichkeit, filmhistorische Interpretationen zu untersuchen und ihre Voraussetzungen und Grenzen zu reflektieren.
Einzelanalysen – Filmdossiers
Die Untersuchung einzelner Filme ermöglicht eine genauere Auseinandersetzung mit ihrer historischen und ästhetischen Eigenart.
Ein Filmdossier verbindet die Analyse des Films mit der Rekonstruktion seiner Entstehungsbedingungen, seiner gesellschaftlichen Bezüge und seiner Rezeption.
Dazu gehören zunächst eine sachliche Inhaltsangabe und die Beschreibung der filmischen Gestaltung. Sequenz- und Einstellungsanalysen ermöglichen es, genauer zu untersuchen, wie ein Film seine Gegenstände inszeniert, welche Perspektiven er eröffnet und welche Wirkungen seine Gestaltungsmittel nahelegen.
Ergänzend werden Produktionsbedingungen, zeitgenössische Filmkritiken, Zensurentscheidungen, Verleih- und Aufführungsbedingungen sowie spätere Interpretationen herangezogen.
Die Einzelanalyse darf dabei nicht auf die Bestätigung bereits vorhandener Genre- oder Motivzuordnungen reduziert werden.
Sie kann solche Zuordnungen bestätigen, differenzieren oder infrage stellen. Gerade die Widersprüche eines Films, seine Mehrdeutigkeit und die Unterschiede zwischen intendierten Aussagen und möglichen Wahrnehmungen sind für eine historisch-politische Filmanalyse von Bedeutung.
Filmdossiers bilden damit eine wichtige Verbindung zwischen filmwissenschaftlicher Untersuchung, historischer Kontextualisierung und der Entwicklung konkreter Lernwege.
Eine methodische Vertiefung bietet der Beitrag Didaktische Analysemodelle.
Film und Geschichte – ein komplexes Verhältnis
Filme sind historische Quellen. Doch ihr Quellenwert erschließt sich nicht allein aus dem, was sie zeigen.
Ein Spielfilm über ein historisches Ereignis ist nicht mit einer unmittelbaren Dokumentation dieses Ereignisses gleichzusetzen. Seine Darstellung entsteht unter bestimmten Produktionsbedingungen und folgt filmischen Erzählweisen, ästhetischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Vorstellungen.
Zugleich können Filme wichtige Erkenntnisse über ihre Entstehungszeit ermöglichen, selbst wenn ihre Handlung in einer anderen historischen Epoche angesiedelt ist.
Ein Historienfilm über Friedrich den Großen kann beispielsweise nicht nur unter dem Gesichtspunkt untersucht werden, wie er das 18. Jahrhundert darstellt. Ebenso aufschlussreich ist die Frage, welche Vorstellungen von Herrschaft, Nation und politischer Ordnung in seiner jeweiligen Entstehungszeit mit dieser Darstellung verbunden waren.
Film und Geschichte stehen somit in einem mehrschichtigen Verhältnis.
Filme als komplexe Spuren in und von Geschichte
Ein zentraler theoretischer Ausgangspunkt der Lernwerkstatt ist die Auffassung von Filmen als komplexen Spuren in und von Geschichte.
Filme zeigen nicht einfach vergangene Wirklichkeit. In ihnen überlagern sich unterschiedliche historische Zeiten, gesellschaftliche Erfahrungen, Interessen, Wahrnehmungen und Deutungen.
Jeder Film entsteht an einem bestimmten historischen Ort und zu einer bestimmten Zeit. Er ist in politische, ökonomische, technische und kulturelle Bedingungen eingebettet. Zugleich nimmt er auf gesellschaftliche Wirklichkeiten Bezug, gestaltet diese nach filmischen Regeln und wird in unterschiedlichen historischen Situationen wahrgenommen und interpretiert.
Der Grundlagenbeitrag Filme als komplexe Spuren in und von Geschichte entfaltet diesen Zusammenhang ausführlich.
Filme als Spuren ihrer Entstehungszeit
Filme können Aufschluss über gesellschaftliche Erfahrungen, Mentalitäten, Konflikte und Vorstellungen ihrer Entstehungszeit geben.
Dabei sind nicht nur ihre ausdrücklich formulierten Aussagen von Bedeutung. Auch Selbstverständlichkeiten, Auslassungen, Widersprüche und unbeabsichtigte Hinweise können historisch aufschlussreich sein.
Ein Spielfilm der Nachkriegszeit kann beispielsweise Vorstellungen von Schuld und Verantwortung, Erfahrungen von Zerstörung und Verlust oder Erwartungen an gesellschaftlichen Wiederaufbau sichtbar machen, selbst wenn diese nicht ausdrücklich zum Thema seiner Handlung werden.
Filme als historische Erzählungen
Filme stellen nicht nur Spuren ihrer Entstehungszeit dar. Sie erzählen auch Geschichte und erzeugen Geschichtsbilder.
Ein Film über den Nationalsozialismus oder den Zweiten Weltkrieg kann daher aus zwei unterschiedlichen, miteinander verbundenen Perspektiven untersucht werden: Was erzählt er über die dargestellte Vergangenheit? Und was sagt die Art seiner Darstellung über die Gesellschaft aus, in der er entstanden ist?
Die historische Erzählung selbst wird damit zur historischen Spur.
Vier Realitätsebenen der Filmanalyse
Um diese Beziehungen systematisch zu untersuchen, unterscheidet das Analysemodell der Lernwerkstatt vier miteinander verbundene Realitätsebenen.
| Realitätsebene | Erkenntnisinteresse |
|---|---|
| Filmrealität | Was zeigt und erzählt der Film, und wie gestaltet er seine Gegenstände? |
| Bedingungsrealität | Unter welchen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen ist der Film entstanden? |
| Bezugsrealität | Auf welche historische oder gesellschaftliche Wirklichkeit nimmt der Film Bezug, und wie verändert er sie durch seine Darstellung? |
| Wirkungsrealität | Wie wurde und wird der Film wahrgenommen, interpretiert, verwendet und gesellschaftlich wirksam? |
Diese Ebenen müssen analytisch unterschieden und anschließend wieder aufeinander bezogen werden.
Damit verbunden sind grundlegende Fragen nach dem Quellenwert von Spielfilmen, nach Film und Erinnerungskultur, nach der Konstruktion von Geschichtsbildern sowie nach den Möglichkeiten und Grenzen historisch-politischer Bildung mit Film.
Von den Zugängen zu historisch-politischen Lernwegen
Die vier Zugänge zur Filmgeschichte sind nicht als voneinander getrennte Lernbereiche oder als aufeinanderfolgende Stufen zu verstehen.
Jeder Zugang kann Ausgangspunkt eines eigenständigen Lernwegs sein. Die Lernwege unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Fragestellungen, der verwendeten Materialien, ihrer methodischen Anforderungen und ihrer Erklärungsreichweite.
Ein Lernweg kann mit der Untersuchung einer einzelnen Filmszene beginnen. Er kann sich auf die Entwicklung eines Genres konzentrieren, wiederkehrende Motive in mehreren Filmen vergleichen oder die wirtschaftlichen Bedingungen der Filmproduktion untersuchen.
Dabei können sich die Fragestellungen erweitern und unterschiedliche Zugänge miteinander verbinden.
Eine Untersuchung des Films Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? kann beispielsweise mit der Analyse einzelner Szenen beginnen, die Darstellung von Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Konflikten untersuchen, die Produktions- und Zensurgeschichte einbeziehen und schließlich Fragen nach den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der späten Weimarer Republik aufwerfen.
Die Komplexität eines Lernwegs ergibt sich nicht allein aus der Anzahl der behandelten Filme oder Themen. Entscheidend ist, welche Zusammenhänge untersucht und welche Erklärungen angestrebt werden.
Unterschiedliche Lernwege können deshalb zu unterschiedlich weitreichenden historischen Erkenntnissen führen, ohne dass jeder Lernweg sämtliche Zugänge berücksichtigen muss.
Historische Themen und Materialien als Grundlage
Die gesellschaftlichen Zusammenhänge, auf die Filme Bezug nehmen, lassen sich nicht allein aus den Filmen erschließen.
Wer einen Film historisch einordnen möchte, benötigt Kenntnisse über die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen seiner Entstehungszeit und gegebenenfalls der Zeit, die er darstellt.
Die Lernwege greifen deshalb auf die Materialien der Historischen Themen innerhalb der Lernwerkstatt zurück.
Diese umfassen historische Darstellungen, Quellen, Forschungsergebnisse, zeitgenössische Dokumente und Materialien zu gesellschaftlichen Konflikten und Entwicklungen.
Sie ermöglichen es, filmische Darstellungen mit historisch rekonstruierbaren Sachverhalten zu vergleichen, Produktionsbedingungen einzuordnen und unterschiedliche Interpretationen kritisch zu prüfen.
Historische Materialien erfüllen damit keine bloß ergänzende Funktion. Sie sind eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass aus der Beschäftigung mit Filmen historisch begründete Erkenntnisse entstehen können.
Das gilt für alle vier Zugänge, auch wenn Umfang und Art der benötigten Materialien unterschiedlich ausfallen.
Gesellschaftskompetenz als gegenwartsbezogener Orientierungsrahmen
Die Beschäftigung mit Filmgeschichte soll nicht bei der Rekonstruktion vergangener Entwicklungen stehen bleiben.
Historisch-politische Bildung zielt darauf, gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungen verstehen, beurteilen und eigene Handlungsmöglichkeiten reflektieren zu können.
Das Konzept der Gesellschaftskompetenz bietet hierfür einen übergreifenden Orientierungsrahmen.
Es geht davon aus, dass gesellschaftliche Wirklichkeit nicht angemessen verstanden werden kann, wenn politische, wirtschaftliche, kulturelle, soziale, historische und weitere Dimensionen isoliert betrachtet werden.
Gesellschaftliche Entwicklungen entstehen aus ihren Wechselbeziehungen. Sie sind historisch geworden, durch menschliches Handeln gestaltet und grundsätzlich veränderbar.
Die Beschäftigung mit Filmgeschichte kann dazu beitragen, solche Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Filme ermöglichen Einblicke in vergangene Erfahrungen und gesellschaftliche Vorstellungen. Die Untersuchung ihrer Produktionsbedingungen erschließt wirtschaftliche und politische Machtverhältnisse. Die Analyse von Genres und Motivkomplexen zeigt, wie gesellschaftliche Deutungsmuster entstehen und sich verändern. Die Reflexion des Verhältnisses von Film und Geschichte fördert einen kritischen Umgang mit medial vermittelten Wirklichkeits- und Geschichtsbildern.
Historische Erkenntnis und gegenwärtige Orientierung
Der Gegenwartsbezug ergibt sich dabei nicht aus einer unmittelbaren Übertragung historischer Erfahrungen auf heutige Verhältnisse.
Die Gesellschaft der Weimarer Republik unterscheidet sich grundlegend von der Gegenwart. Historische Vergleiche müssen diese Unterschiede ebenso berücksichtigen wie mögliche Kontinuitäten und strukturelle Gemeinsamkeiten.
Gerade die Auseinandersetzung mit historisch unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen kann jedoch dazu beitragen, gegenwärtige Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen.
Die Untersuchung der Filmwirtschaft eröffnet beispielsweise Fragen nach der Organisation kultureller Produktion, nach Eigentumsverhältnissen und wirtschaftlicher Macht. Die Analyse filmischer Darstellungen sozialer Ungleichheit kann helfen, historische und gegenwärtige Formen gesellschaftlicher Konflikte zu unterscheiden und miteinander in Beziehung zu setzen.
Die Beschäftigung mit filmischen Geschichtsbildern wiederum fördert die Fähigkeit, gegenwärtige mediale Darstellungen kritisch zu beurteilen und ihre Entstehungsbedingungen und gesellschaftlichen Funktionen zu hinterfragen.
Gesellschaftskompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, aus historischen Filmen vorgegebene politische Schlussfolgerungen abzuleiten.
Sie bezeichnet vielmehr die Fähigkeit, gesellschaftliche Zusammenhänge wahrzunehmen, sich mit ihnen handelnd und untersuchend auseinanderzusetzen und die dabei gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse kritisch zu reflektieren.
Der Beitrag Gesellschaftskompetenz entwickeln – vom Verstehen zum Handeln vertieft die Verbindung zwischen Erkenntnis, Urteilsbildung und gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit.
Wahrnehmen – Handeln – Reflektieren
Die Lernwege orientieren sich an einem Lernverständnis, das Wahrnehmung, eigenes Handeln und Reflexion miteinander verbindet.
Wahrnehmen bedeutet, Filme, historische Quellen und gesellschaftliche Erfahrungen aufmerksam zu erschließen, Fragen zu entwickeln und unterschiedliche Perspektiven zu erkennen.
Handeln umfasst die aktive Auseinandersetzung mit den Gegenständen: Filme analysieren, historische Materialien untersuchen, Zusammenhänge recherchieren, Vergleiche anstellen, Deutungen formulieren und zur Diskussion stellen.
Reflektieren bedeutet, die gewonnenen Erkenntnisse kritisch zu überprüfen, eigene Vorstellungen zu hinterfragen und ihre Bedeutung für das Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen und gegenwärtiger Handlungsmöglichkeiten zu bedenken.
Diese Prozesse bilden keine starre Abfolge. Sie greifen ineinander und können je nach Gegenstand und Fragestellung unterschiedlich gewichtet werden.
Filmgeschichte verstehen – Gesellschaft im Zusammenhang denken
Die vier Zugänge zur Filmgeschichte, die Materialien der Historischen Themen und das Konzept der Gesellschaftskompetenz erfüllen unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Funktionen.
Die Zugänge bestimmen, aus welchen Perspektiven Filme und Filmgeschichte untersucht werden. Die historischen Materialien erschließen die gesellschaftlichen Zusammenhänge und ermöglichen begründete Erklärungen. Das Konzept der Gesellschaftskompetenz bietet den gegenwartsbezogenen Orientierungsrahmen für die Entwicklung und Reflexion historisch-politischer Lernwege.
Damit wird Filmgeschichte weder auf eine Geschichte filmischer Kunstwerke noch auf eine Illustration allgemeiner Geschichte reduziert.
Filme werden als eigenständige kulturelle Ausdrucksformen ernst genommen, deren Entstehung, Gestaltung, Verbreitung und Wahrnehmung zugleich Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklungen sind.
Filme in ihrer Zeit zu untersuchen heißt, Filmgeschichte als Gesellschafts- und Kulturgeschichte zu erschließen – und die Beschäftigung mit vergangenen gesellschaftlichen Erfahrungen für ein differenziertes Verständnis der Gegenwart fruchtbar zu machen.
Grundlagen und weiterführende Beiträge
- Grundlagen der historisch-politischen Filmbildung
- Filme als komplexe Spuren in und von Geschichte
- Didaktische Analysemodelle
- Geschichte und Gesellschaft im Zusammenhang denken
- Kulturelle Hegemonie
- Film als Seismograph und Medium kultureller Hegemonie
- Historische Themen
- Das Konzept der Gesellschaftskompetenz
- Gesellschaftskompetenz entwickeln – vom Verstehen zum Handeln
