Die Doppelfunktion der Gewerkschaften im Kapitalismus
Zwischen Arbeitsplatzsicherung, Standortlogik und gesellschaftlicher Transformation
Detlef Endeward (08/2026)
Die gegenwärtige Krise der deutschen Automobilindustrie macht ein Grundproblem gewerkschaftlicher Interessenvertretung besonders sichtbar. Gewerkschaften vertreten unmittelbar die Interessen abhängig Beschäftigter innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Sie kämpfen um Löhne, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen und Beschäftigungssicherung. Zugleich berühren gerade Strukturkrisen Fragen, die über diese unmittelbare Interessenvertretung hinausgehen: Was soll produziert werden? Wer entscheidet über Investitionen? Welche gesellschaftlichen Bedürfnisse sollen industrielle Produktivkräfte befriedigen? Und wer trägt die Kosten einer Transformation?
Diese Spannung lässt sich als Doppelfunktion der Gewerkschaften im Kapitalismus beschreiben.
Gewerkschaften sind einerseits Organisationen zur Verbesserung der Lage der Lohnabhängigen innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Andererseits können sie zu Organisationen werden, die diese Verhältnisse selbst infrage stellen und gesellschaftliche Gestaltungsmacht der Beschäftigten erweitern.
Gerade am Beispiel der deutschen Automobilindustrie und der gegenwärtigen Verlagerung industrieller Kapazitäten in Richtung Rüstungsproduktion wird sichtbar, wie schwierig es ist, beide Funktionen miteinander zu verbinden.
Gewerkschaften als Organisationen innerhalb des Lohnverhältnisses
Bereits Marx beschreibt die widersprüchliche Stellung der Gewerkschaften. Sie entstehen aus dem unmittelbaren Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Einzelne Beschäftigte sind auf dem Arbeitsmarkt dem Kapital strukturell unterlegen. Gewerkschaftliche Organisation ermöglicht es ihnen, diese Konkurrenz untereinander zumindest teilweise zu überwinden und ihre Arbeitskraft kollektiv gegenüber dem Kapital zu vertreten.
In diesem Sinne sind Gewerkschaften zunächst Organisationen innerhalb des Lohnverhältnisses. Sie heben das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nicht auf, sondern verändern die Kräfteverhältnisse innerhalb dieses Verhältnisses.
Marx warnte deshalb bereits 1866 davor, Gewerkschaften auf einen Kampf um die Folgen kapitalistischer Ausbeutung zu reduzieren. Sie sollten nicht nur „Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems“ führen, sondern zugleich ihre organisierte gesellschaftliche Kraft für dessen Veränderung einsetzen (Marx 1962 [1866], MEW 16).
Diese Spannung prägt Gewerkschaftspolitik bis heute.
Die erste Funktion besteht darin,
den Verkauf der Arbeitskraft unter möglichst günstigen Bedingungen zu organisieren.
Die zweite reicht darüber hinaus:
die gesellschaftlichen Bedingungen infrage zu stellen, unter denen Menschen ihre Arbeitskraft überhaupt als Ware verkaufen müssen.
Damit sind Gewerkschaften weder automatisch reformistisch noch automatisch antikapitalistisch. Welche der beiden Dimensionen dominiert, hängt von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, gewerkschaftlichen Strategien und konkreten Konflikten ab.
Die Doppelfunktion wird in Strukturkrisen besonders sichtbar
In Zeiten stabilen Wachstums kann dieser Widerspruch teilweise verdeckt bleiben. Ein Unternehmen erzielt steigende Profite, Beschäftigung wächst und gewerkschaftliche Forderungen nach höheren Löhnen oder kürzeren Arbeitszeiten können innerhalb eines expandierenden Produktionsmodells durchgesetzt werden.
Anders ist die Situation in einer Strukturkrise.
Wenn Produktionskapazitäten nicht mehr ausgelastet werden, Werke geschlossen werden sollen oder ganze technologische Produktionslinien ihre bisherige Bedeutung verlieren, reicht klassische Verteilungspolitik nicht mehr aus.
Dann geht es nicht nur um:
Wie viel Lohn erhalten die Beschäftigten?
Sondern um:
Was wird zukünftig produziert?
Damit verschiebt sich der Konflikt von der Verteilung des produzierten Mehrwerts zunehmend auf die Verfügung über Investitionen und Produktionsentscheidungen.
Genau diese Situation entsteht derzeit in Teilen der deutschen Automobilindustrie.
Das unmittelbare Interesse: Arbeitsplätze erhalten
Für Gewerkschaften und Betriebsräte ist die erste Reaktion auf angekündigte Werksschließungen oder Beschäftigungsabbau zwangsläufig die Verteidigung der Arbeitsplätze.
Das ist keine bloße „Standortideologie“. Der Arbeitsplatz ist für abhängig Beschäftigte die materielle Grundlage ihrer Existenz. Arbeitsplatzverlust bedeutet Einkommensverlust, gesellschaftlichen Statusverlust und häufig erhebliche soziale Unsicherheit.
Am VW-Standort Osnabrück wird dieses Problem exemplarisch sichtbar. IG Metall und Betriebsrat fordern seit längerem eine verbindliche Zukunftsperspektive für das Werk. Die örtliche IG Metall formulierte bereits 2025 die Forderung: „Zukunft für alle“; der Konzern müsse eine langfristige Perspektive für den Industriestandort schaffen.
Diese Orientierung besitzt eine breite betriebliche Grundlage. Bei der Betriebsratswahl 2026 erhielt die IG Metall in Osnabrück mehr als 92 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Beschäftigten geben ihrer gewerkschaftlichen Interessenvertretung damit ein ausgesprochen starkes Mandat zur Verteidigung des Standortes.
Wenn anschließend ein Rüstungskonzern anbietet, den Standort weiterzubetreiben und Arbeitsplätze zu erhalten, entsteht deshalb ein reales gewerkschaftliches Dilemma.
Die unmittelbare Alternative lautet für die Beschäftigten nicht:
Rüstungsproduktion oder eine idealtypische sozial-ökologische Produktion.
Sie lautet zunächst:
Rüstungsproduktion oder möglicherweise Arbeitsplatzverlust.
Wer diese konkrete Situation ignoriert, kann leicht eine abstrakt moralische Position vertreten, die an den materiellen Interessen der Beschäftigten vorbeigeht.
Genau hier beginnt aber die zweite Funktion der Gewerkschaft
Das unmittelbare Beschäftigungsinteresse darf jedoch nicht mit dem gesamten gesellschaftlichen Interesse der Lohnabhängigen identifiziert werden.
Denn abhängig Beschäftigte sind nicht nur Beschäftigte eines bestimmten Unternehmens.
Sie sind zugleich
Lohnabhängige anderer Branchen,
Steuerzahlende,
Nutzer öffentlicher Infrastruktur,
Bewohner von Städten und Regionen,
Eltern,
Konsumenten
und Mitglieder einer Gesellschaft, deren zukünftige Entwicklung sie betrifft.
Eine Gewerkschaft, die ihre Aufgabe ausschließlich darin sieht, jeden bestehenden Arbeitsplatz unabhängig von seiner gesellschaftlichen Funktion zu erhalten, reduziert das Interesse der Beschäftigten auf ihre aktuelle Position innerhalb einer gegebenen Kapitalverwertung.
Damit droht die erste Funktion der Gewerkschaft die zweite vollständig zu verdrängen.
Vom Arbeitsplatzinteresse zur Standortlogik
An diesem Punkt kann gewerkschaftliche Interessenvertretung ungewollt in die Logik des Unternehmens hineingezogen werden.
Das Unternehmen argumentiert:
Der Standort müsse wettbewerbsfähig sein.
Der Betriebsrat antwortet:
Der Standort müsse erhalten bleiben.
Beide Seiten haben unterschiedliche Interessen, teilen aber zunehmend eine gemeinsame Bezugsgröße:
die Konkurrenzfähigkeit des einzelnen Unternehmens oder Standortes.
Diese Entwicklung wurde in der internationalen Gewerkschaftsforschung häufig als Problem einer wettbewerbsorientierten oder „competitive solidarity“ beschrieben. Richard Hyman hat darauf hingewiesen, dass Gewerkschaften permanent zwischen drei Orientierungen oszillieren: Markt, Klasse und Gesellschaft. Sie können sich als Interessenorganisation innerhalb des Arbeitsmarktes, als Klassenorganisation oder als gesellschaftliche Bewegung verstehen (Hyman 2001).
Unter dem Druck globaler Standortkonkurrenz gewinnt häufig die erste Orientierung an Gewicht.
Dann lautet die gewerkschaftliche Strategie:
Wir müssen unseren Standort gegenüber anderen Standorten sichern.
Dadurch kann eine problematische Konkurrenz zwischen Beschäftigten entstehen:
Osnabrück gegen Wolfsburg,
Deutschland gegen Spanien,
europäische Beschäftigte gegen chinesische Beschäftigte.
Die Konkurrenz der Kapitale wird damit teilweise in eine Konkurrenz der Belegschaften übersetzt.
Gerade hierin liegt eine der strukturellen Grenzen rein betrieblicher Interessenvertretung.
Die Rüstungsoption verschärft diesen Widerspruch
Die gegenwärtige Rüstungskonjunktur verschärft das Problem.
Wenn zivile Produktionskapazitäten nicht mehr ausgelastet werden und gleichzeitig ein stark wachsender, durch staatliche Beschaffung abgesicherter Rüstungsmarkt entsteht, ist es aus betrieblicher Perspektive rational, diesen Markt zu nutzen.
Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, brachte diese Position bereits 2025 auf eine prägnante Formel: Entscheidend sei, dass Beschäftigung erhalten bleibe; wenn ein Werk zukünftig etwas anderes produziere, sei dies keine Werksschließung.
Auch die gemeinsame Stellungnahme von IG Metall und VW-Betriebsrat vom Mai 2026 verweist ausdrücklich darauf, dass bei nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodellen neue Geschäftsfelder erschlossen werden müssten. Kooperationen mit externen Partnern werden dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen; entscheidend seien langfristig sichere Arbeitsplätze und gute Arbeit.
Aus unmittelbarer Beschäftigungsperspektive ist diese Position nachvollziehbar.
Aber sie enthält ein Problem:
Wenn die Frage nach dem Was der Produktion gegenüber der Frage nach der Sicherung von Beschäftigung vollständig zurücktritt, wird die Gewerkschaft faktisch zum Mitorganisator eines von Staat und Kapital vorgegebenen Strukturwandels.
Dann lautet ihre Funktion lediglich noch:
Transformation ja – aber sozial abgefedert.
Eine emanzipatorische Gewerkschaftspolitik müsste weiter gehen:
Transformation ja – aber Beschäftigte müssen über Richtung und Zweck der Transformation mitentscheiden.
Gerade die IG Metall besitzt dafür eine andere programmatische Tradition
Interessanterweise enthält die Programmatik der IG Metall selbst Ansatzpunkte für eine solche weitergehende Perspektive.
Der 25. Ordentliche Gewerkschaftstag 2023 stellte ausdrücklich fest, dass viele Unternehmen keine überzeugende Transformationsstrategie besitzen. „Fahren auf Sicht“ dominiere; die Arbeitgeber dürften deshalb nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden. Die IG Metall fordert vorausschauendes strategisches Handeln und eine aktive öffentliche Industriepolitik.
Damit wird genau jene Problematik angesprochen, die sich heute bei Volkswagen zeigt: Beschäftigte sollen nicht nachträglich die Konsequenzen strategischer Unternehmensentscheidungen tragen.
Noch bemerkenswerter ist die gewerkschaftliche Programmatik zur Rüstungsindustrie.
Die IG Metall bekennt sich zwar zur Beschäftigungssicherung in der wehr- und sicherheitstechnischen Industrie und unterstützt eine angemessene Ausrüstung von Bundeswehr und verbündeten Streitkräften. Gleichzeitig lehnt sie ausdrücklich eine „Aufrüstungsspirale“ ab.
Vor allem fordert sie einen Technologiefahrplan, der ausdrücklich für Konversion und Diversifizierung in zivile Märkte anschlussfähig sein soll. Der Gewerkschaftstag bekräftigte zudem die Forderung nach Programmen für Konversion und Diversifizierung in Deutschland und Europa und kündigte Unterstützung für Betriebsräte und Vertrauenskörper an, die solche Projekte entwickeln.
Damit existiert innerhalb der IG Metall selbst ein Ansatz, der erheblich über die Formel
„Hauptsache, der Arbeitsplatz bleibt erhalten“
hinausweist.
Konversion müsste heute umgekehrt gedacht werden
Historisch bezeichnete Rüstungskonversion vor allem die Umstellung militärischer Produktionskapazitäten auf zivile Produktion.
Die gegenwärtige Situation erzeugt paradoxerweise die umgekehrte Bewegung:
Automotive → Defence.
Gerade deshalb gewinnt die ältere Konversionsdebatte neue Bedeutung.
In den 1970er und 1980er Jahren entstanden in verschiedenen Rüstungsbetrieben betriebliche Initiativen, in denen Beschäftigte, Vertrauensleute und Betriebsräte selbst Vorschläge für alternative zivile Produkte entwickelten. Konversion sollte nicht erst nach einer politischen Abrüstungsentscheidung beginnen, sondern als demokratische Aneignung von Produktionswissen innerhalb der Betriebe vorbereitet werden.
Die entsprechende Forschung hebt deshalb hervor, dass solche Ansätze eine andere Form von Gewerkschaftspolitik erfordern: Betriebsräte und Gewerkschaften müssten über die traditionelle duale Interessenvertretung hinausgehen und Beschäftigte aktiv in die Entwicklung alternativer Produktionskonzepte einbeziehen.
Diese Tradition wäre für die gegenwärtige Automobilkrise neu zu aktualisieren.
Nicht erst:
Wie können wir ein Automobilwerk in einen Rüstungsbetrieb verwandeln?
Sondern vorher:
Welche gesellschaftlich notwendigen Produkte könnten mit den dort vorhandenen Produktivkräften hergestellt werden?
Das Wissen darüber liegt zum Teil bei den Beschäftigten selbst
Eine emanzipatorische Transformationsstrategie würde dabei von einem wichtigen Gedanken ausgehen:
Beschäftigte besitzen nicht nur eine Ware namens Arbeitskraft.
In ihnen steckt Arbeitsvermögen – erworbenes Wissen, technische Erfahrung, Kooperationsfähigkeit, Problemlösungskompetenz und Kenntnis konkreter Produktionsprozesse.
Gerade hier lässt sich an Negt und Kluge anschließen. Arbeitsvermögen sind historisch erzeugte gesellschaftliche Fähigkeiten. Sie werden im kapitalistischen Produktionsprozess genutzt, aber sie gehen in seiner Verwertungslogik nicht vollständig auf.
Damit verändert sich die Frage nach der Zukunft eines Werkes.
Nicht:
Was kann Volkswagen mit dem Werk noch profitabel anfangen?
Sondern:
Was können die dort vorhandenen gesellschaftlichen Arbeitsvermögen produzieren?
Diese Verschiebung ist zentral.
Denn damit werden Beschäftigte von Objekten des Strukturwandels zu möglichen Subjekten gesellschaftlicher Transformation.
Emanzipatorische Strategie: Beschäftigungssicherung und Produktionsdemokratie verbinden
Eine emanzipatorische Gewerkschaftspolitik kann deshalb die Verteidigung von Arbeitsplätzen nicht einfach aufgeben. Sie muss sie aber mit einer weitergehenden Forderung verbinden.
Die zentrale Formel müsste lauten:
Nicht Arbeitsplatz oder gesellschaftlicher Produktionszweck – sondern Arbeitsplatz durch gesellschaftlich sinnvolle Transformation.
Daraus ergibt sich eine Strategie mit mehreren miteinander verbundenen Elementen:
- Keine Übernahme des Management-Framings.
Gewerkschaften sollten sich nicht die Erklärung zu eigen machen, hohe Löhne, Sozialstandards oder Umweltauflagen seien die wesentlichen Ursachen der Automobilkrise. Sonst verteidigen sie Arbeitsplätze, indem sie gleichzeitig jene sozialen Standards infrage stellen, die sie historisch erkämpft haben. - Managementverantwortung benennen.
Unternehmen müssen offenlegen, welche Investitionsentscheidungen getroffen oder unterlassen wurden, welche Gewinne ausgeschüttet wurden und welche Alternativstrategien geprüft wurden. Beschäftigungssicherung darf nicht bedeuten, strategisches Versagen gesellschaftlich zu finanzieren. - Investitionsentscheidungen demokratisieren.
Mitbestimmung muss von Personal- und Sozialfragen auf Investitions- und Produktentscheidungen erweitert werden. Wer die Folgen unternehmerischer Entscheidungen trägt, muss auch Einfluss darauf erhalten, was produziert wird. - Betriebliche Transformationsräte schaffen.
Beschäftigte, Betriebsräte, Gewerkschaften, regionale Akteure, Wissenschaft und öffentliche Hand könnten alternative Produktionsmöglichkeiten systematisch entwickeln. Das wäre mehr als klassische Mitbestimmung: Es wäre ein Ansatz von Wirtschaftsdemokratie. - Öffentliche Finanzierung an öffentliche Ziele binden.
Wenn der Staat Milliarden für industrielle Transformation bereitstellt, darf er nicht lediglich private Rentabilitätsrisiken übernehmen. Öffentliche Mittel müssen an Beschäftigung, ökologische Ziele, Mitbestimmung und gesellschaftlich definierte Produktionsziele gebunden werden. - Zivile Nachfrage politisch organisieren.
Die Attraktivität des Rüstungssektors besteht wesentlich darin, dass der Staat langfristige Nachfrage garantiert. Eine emanzipatorische Industriepolitik müsste ähnliche Planungssicherheit für Schienenverkehr, öffentlichen Nahverkehr, Energieinfrastruktur, kommunale Fahrzeuge, Speichertechnik und andere gesellschaftliche Zukunftsfelder schaffen. - Standortkonkurrenz durch überbetriebliche Solidarität ersetzen.
Gewerkschaftliche Strategie darf nicht Osnabrück gegen Wolfsburg oder deutsche gegen ausländische Beschäftigte stellen. Notwendig sind überbetriebliche, europäische und möglichst internationale Transformationsstrategien.
Das bedeutet auch: Beschäftigungsgarantie statt Produktgarantie
Ein entscheidender strategischer Unterschied wäre deshalb:
Gewerkschaften sollten nicht unbedingt die bestehenden Produkte verteidigen.
Sie sollten die Beschäftigten und ihre Arbeitsvermögen verteidigen.
Das ist nicht dasselbe.
Die Forderung müsste lauten:
Garantiert Beschäftigung, Einkommen, Qualifizierung und gesellschaftliche Teilhabe – aber macht das konkrete Produkt verhandelbar.
Damit ließe sich der ökologische Strukturwandel überhaupt erst offensiv vertreten.
Denn eine Gewerkschaft, die jede bestehende Produktionsstruktur verteidigen muss, weil jede Veränderung Arbeitsplatzverlust bedeutet, wird zwangsläufig konservativ.
Erst wenn Beschäftigte eine reale soziale Garantie besitzen, kann über die gesellschaftliche Sinnhaftigkeit von Produktion demokratisch entschieden werden.
Von der Mitbestimmung zur Wirtschaftsdemokratie
Hier liegt schließlich der emanzipatorische Kern.
Die deutsche Mitbestimmung gibt Arbeitnehmervertretern beträchtliche Einflussmöglichkeiten. Aber die letztendliche Verfügung über Investitionen und Produktionsmittel verbleibt grundsätzlich beim Kapital.
Eine emanzipatorische Strategie müsste deshalb die Frage der Wirtschaftsdemokratie wieder aufnehmen.
Die Kernfrage lautet:
Warum sollen diejenigen, die ihr gesamtes Arbeitsleben in einem Unternehmen verbringen und die Folgen seiner Entscheidungen tragen, lediglich über die sozialen Folgen von Investitionsentscheidungen mitbestimmen – nicht aber über die Investitionsentscheidungen selbst?
Gerade Strukturkrisen zeigen die Grenze einer Mitbestimmung, die erst eingreift, wenn Managemententscheidungen bereits getroffen wurden.
Wirtschaftsdemokratie würde bedeuten, die Verfügung über gesellschaftliche Produktivkräfte selbst zum Gegenstand demokratischer Entscheidung zu machen.
Die eigentliche Doppelfunktion
Damit lässt sich die Doppelfunktion von Gewerkschaften präziser bestimmen.
Ihre erste Aufgabe bleibt unverzichtbar:
Schutz der Beschäftigten innerhalb kapitalistischer Arbeitsverhältnisse.
Ohne diese Funktion verlieren Gewerkschaften ihre materielle Basis und ihre Glaubwürdigkeit.
Aber ihre zweite Funktion ist ebenso wichtig:
die kollektive Handlungsfähigkeit der Beschäftigten so zu erweitern, dass diese nicht lediglich bessere Bedingungen innerhalb vorgegebener Produktionsverhältnisse aushandeln, sondern zunehmend über diese Verhältnisse selbst verfügen können.
Im Fall VW Osnabrück bedeutet das:
Eine Gewerkschaft kann nicht von den Beschäftigten verlangen, ihre Arbeitsplätze aus abstrakten friedenspolitischen Gründen preiszugeben.
Sie sollte aber ebenso wenig akzeptieren, dass die einzige Alternative zum Arbeitsplatzverlust ausgerechnet die Rüstungsproduktion sein soll.
Die emanzipatorische Forderung müsste vielmehr lauten:
Wenn der Staat die finanzielle Kraft besitzt, Rüstungsnachfrage über Jahrzehnte zu garantieren, dann besitzt er auch die Kraft, zivile industrielle Transformation und Beschäftigung zu garantieren.
Vom defensiven zum offensiven Interessenbegriff
Darin liegt letztlich der Unterschied zwischen defensiver und emanzipatorischer Gewerkschaftspolitik.
Defensiv lautet die Frage:
Wie retten wir möglichst viele Arbeitsplätze unter den Bedingungen, die Kapital und Staat vorgeben?
Emanzipatorisch lautet sie:
Wie verändern wir die Bedingungen so, dass Beschäftigte selbst über ihre Arbeit und deren gesellschaftlichen Zweck mitentscheiden können?
Das ist keine Alternative zum täglichen Kampf um Löhne, Arbeitszeit und Beschäftigung.
Es ist dessen Erweiterung.
Die Doppelfunktion der Gewerkschaften besteht deshalb nicht darin, zwischen „betrieblicher Interessenvertretung“ und „politischer Gesellschaftskritik“ zwei voneinander getrennte Aufgaben zu erfüllen.
Beides muss miteinander verbunden werden.
Gerade die Krise der Automobilindustrie macht sichtbar, weshalb:
Wer nur den Arbeitsplatz verteidigt, kann am Ende die jeweilige Verwertungsstrategie des Kapitals verteidigen müssen. Wer dagegen die Arbeitsvermögen der Beschäftigten verteidigt, kann die Frage stellen, welchem gesellschaftlichen Zweck diese Produktivkräfte dienen sollen.
Hier beginnt der Übergang von gewerkschaftlicher Interessenvertretung zu emanzipatorischer Gesellschaftsgestaltung.
Literatur
Deppe, Frank (2012): Gewerkschaften in der Großen Transformation. Von den 1970er Jahren bis heute. Köln: PapyRossa.
Demirović, Alex (2007): Demokratie in der Wirtschaft. Positionen – Probleme – Perspektiven. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Hyman, Richard (2001): Understanding European Trade Unionism. Between Market, Class and Society. London: Sage.
Marx, Karl (1962 [1866]): „Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats zu den einzelnen Fragen“. In: Marx/Engels, Werke, Bd. 16. Berlin: Dietz.
Marx, Karl (1962 [1867]): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. MEW 23. Berlin: Dietz.
Negt, Oskar (1968): Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.
Negt, Oskar / Kluge, Alexander (1981): Geschichte und Eigensinn. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
Poulantzas, Nicos (2002 [1978]): Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, autoritärer Etatismus. Hamburg: VSA.
Urban, Hans-Jürgen (2013): Der Tiger und seine Dompteure. Wohlfahrtsstaat und Gewerkschaften im Gegenwartskapitalismus. Hamburg: VSA.
Internetquellen
IG Metall (2024): Beschlüsse des 25. Ordentlichen Gewerkschaftstags. Der Grundsatzbeschluss kritisiert fehlende langfristige Unternehmensstrategien und fordert eine aktiv gestaltende Industriepolitik. Zur wehrtechnischen Industrie beschließt die IG Metall zugleich die Unterstützung von Beschäftigungssicherung und Programme für Konversion und Diversifizierung in zivile Märkte.
IG Metall Osnabrück (11.09.2025): „IG Metall fordert ZUKUNFT FÜR ALLE! – VW Vorstand muss liefern“. Zur gewerkschaftlichen Forderung nach einer langfristigen industriellen Perspektive für den Standort Osnabrück.
IG Metall / Volkswagen-Betriebsrat (15.05.2026): Stellungnahme zur Zukunft der VW-Werke. Zur Forderung nach Standorterhalt und der Bereitschaft, bei nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodellen neue Geschäftsfelder und Kooperationen zu prüfen.
NDR (25.03.2026): „Iron Dome aus Deutschland? VW-Werk vor Rüstungsdeal“. Zur diskutierten Produktion von Komponenten des Raketenabwehrsystems am VW-Standort Osnabrück.
Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen: „Rüstungskonversion und alternative Produktion“. Zur historischen Konversionsbewegung und zur Notwendigkeit einer über traditionelle Betriebsrats- und Gewerkschaftspolitik hinausgehenden Beteiligung der Beschäftigten an alternativen Produktionskonzepten.