Zum Stellenwert von Zeitzeugen-Aussagen im historischen Unterrichtsfilm

Zeitzeugenaussagen nicht als Bestätigung eines „So war es“, sondern als Mittel zur Brechung, Perspektivierung und historischen Erkenntnis

Irmgard Wilharm (1993)

Aus dem FWU verlautet, daß Filme, die in größerem Maße oder ausschließlich mit Zeitzeugen-Aussagen arbeiten, seltener angefordert werden, sich also wohl geringerer Beliebtheit bei den Ausleihenden erfreuen. Damit stellt sich die Frage, ob auf diese Art von Filmen verzichtet werden kann oder ob der Stellenwert von Zeitzeugen im Film doch nicht beliebig ersetzbar ist. Falls das Letztere zutreffen sollte, muß seitens der ausleihenden Institutionen über mehr Hilfen (Begleitmaterial) für die Nutzung der Filme nachgedacht werden.

So schwierig es ist zu sagen, wie ein guter Unterrichtsfilm aussehen soll, so klar scheint mir zu sein, wie er auf keinen Fall wirken darf: Der fraglose Eindruck des »so war es«, der mit Bildern aufgrund der ihnen eigenen Suggestivkraft leicht erweckt werden kann, muß auf jeden Fall vermieden werden. Aus dem »so war es« entstehen keine Fragen, und damit wirkt der Film im Hinblick auf angestrebte Lernprozesse kontraproduktiv.

Mittel, mit denen die scheinbare Abbildung von Realität im Film für die Zuschauenden gebrochen und damit fragwürdig gemacht werden kann, gibt es viele: Verwendung von kontrastierendem Material, harten Schnitten, Unterbrechung des Bilderflusses durch Standbilder, Wechsel zwischen Schwarzweiß und Farbe (soweit vorhanden), bewußte Verwendung von Ton-Bild-Schere u. a. mehr. Zeitzeugen-Aussagen können in unterschiedlicher Weise helfen, die gewünschte Distanz zu schaffen, damit der Film nicht nur emotional wahrgenommen wird, sondern auch kognitive Dimensionen enthält und damit »aufklärend« wirkt.

Dieses Ziel wird nicht erreicht, wenn Zeitzeugen-Aussagen nur in Kurzform bestätigend und illustrierend im Film verwendet werden. Sie verdoppeln dann die ohnehin intendierte Aussage, sind überflüssig und damit langweilig.

Anders liegt der Fall, wenn »kleine Leute« ihre Erinnerungen an eine historische Situation erzählen und dabei Widersprüche auf der Erfahrungsebene der Zeitgenossen auftauchen. Ansatzweise ist dies in dem Film »Berlin: Blockade und Luftbrücke« (FWU 32 03923, Buch und Regie J. Paschen, 1988) gelungen. Die Erkenntnis, daß Geschichte auf der Erfahrungsebene der Zeitgenossen andere Perspektiven hat als eine nachträgliche historische Analyse, ist wichtig.

Erinnerung ist nicht die Geschichte, aber sie enthält eine Sicht auf das entsprechende historische Ereignis. Diese subjektive Sicht hat Einstellungen und Verhalten der jeweiligen Personen geprägt und ist damit auch historisch-politisch wirksam geworden. Am Beispiel von Blockade und Luftbrücke: Die Erfahrung einer bedrohlichen Ausnahmesituation oder einer Situation als Kind in einer Familie, in der es keine besonderen Versorgungsmängel gab, prägt politische Einschätzungen über das unmittelbare Ereignis hinaus. Erfahrungsgeschichte, Oral History auf der Basis lebensgeschichtlicher Interviews, ist mit gutem Grund eine in der Geschichtswissenschaft etablierte Disziplin.

Eine andere Funktion der Zeitzeugen-Aussagen kann in der Rekonstruktion eines historischen Zusammenhangs aus der Sicht der aktiv Beteiligten liegen. In dem Fall handelt es sich i. A. nicht um »kleine Leute«, sondern um historisch gewordene Persönlichkeiten. So ein Versuch der filmischen Rekonstruktion aus Zeitzeugen-Aussagen ist vor allem dann sinnvoll, wenn die vorliegenden anderen (schriftlichen) Quellen die Komplexität eines historischen Zusammenhangs weniger gut vermitteln können.

Die Entnazifizierung ist ein solcher Fall: Zwischen den Intentionen am Beginn des Verfahrens und den Ergebnissen in den westlichen Zonen ergab sich eine gewaltige Diskrepanz. Es ist sinnvoll, die »Macher« und informierte Zeitgenossen nach ihrer Einschätzung und deren möglicher Veränderung während der Entnazifizierungsverfahren und rückblickend aus großer zeitlicher Distanz zu fragen.

In dem Film von Lutz Lehmann »Die Entnazifizierung. Revolution auf dem Papier« (FWU 32 02436, ursprünglich NDR 1972) geschieht dies in ausgesprochen informativer Weise. Es kommen neun Zeitzeugen zu Wort, darunter zuerst Minor L. Wilson, der Autor des berühmten »Fragebogens« zur Entnazifizierung. Die anderen decken ein breites politisches Spektrum bei Amerikanern, Emigranten und Deutschen ab. Ihre Aussagen zum Scheitern der Entnazifizierung in der amerikanischen Zone, auf deren Akten der Film basiert, sind widersprüchlich und bleiben so bestehen. Damit wirft der Film mehr Fragen auf, als er beantwortet.

Das ist gut so, weil die Frage der »Verarbeitung« der NS-Zeit in West- und Ostdeutschland an Aktualität nichts verloren, nach 1989 eher neue Aktualität bekommen hat. Der Film ist gut zwanzig Jahre alt, aber nicht veraltet, weil er keine abgeschlossenen Antworten im Sinne eines »so war es« produziert.

Eine dritte Funktion von Zeitzeugen-Aussagen läßt sich an einem weiteren Film von Lutz Lehmann zeigen: »Ein Mittwoch im Juni vor 30 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch?« Es geht um den 17. Juni 1953, die Produktion entstand 1972 im NDR. Der Film ist in mehreren Landesmedienstellen und Landesbildstellen erhältlich. Auf der Grundlage von umfangreichem Film- und Fotomaterial, der Befragung von Zeitzeugen und Wissenschaftlern (Arnulf Baring) werden Erinnerungen und Hypothesen zum Ablauf und zur Interpretation des 17. Juni 1953 vorgestellt.

Das im Film verwendete Wochenschaumaterial ist weitgehend auch aus anderen Produktionen bekannt, inzwischen in Vollständigkeit in einem Bildplattenprojekt des IWF Göttingen zugänglich. Aber die Bilder allein (auch nicht in annähernder Vollständigkeit!) liefern eben keine Abbildung historischer Realität. Das Besondere von Lehmanns Film liegt darin, daß er die kontroversen Interpretationen des Aufstands und die Schwierigkeiten der Rekonstruktion (Zeitzeugen-Aussagen) selbst zum Thema macht.

Damit wird dreierlei erreicht:

  1. Auf der Ebene des Mediums Film wird die Funktionalisierung der Bilder gezeigt, am deutlichsten in den Fällen, in denen die gleichen Bilder in verschiedenen Zusammenhängen (neu) kommentiert werden (z. B. Abtransport eines Verletzten auf einer Bahre).
  2. Auf der Ebene historischer Rekonstruktion wird gezeigt, daß sie ein von der Verfügbarkeit von Quellen abhängiges Konstrukt, nicht Abbild historischer Realität ist und es nicht sein kann. Der in vielen »Dokumentationen« bezeichneten Filmen erweckte Anschein des »so war es« wird vermieden.
  3. Für den konkreten Fall des 17. Juni 1953 heißt dies, daß die zeitgenössischen Interpretationen Ost (»Agentenputsch«) und West (»Volksaufstand« für die Freiheit) relativiert werden, daß die Interpretation als »Arbeiterrevolte« aber ebenfalls Fragen offen läßt, insofern die Aussagen der Zeitzeugen über die Erweiterung der ursprünglichen Streikforderungen zu politischen Forderungen stehen bleiben und der Interpretation des jeweiligen Zuschauers bedürfen. Auch der abschließende Filmteil mit der Frage nach der »verpaßten Chance« liefert keine fertige Antwort, sondern läßt zwei teils kontroverse Aussagen nebeneinander stehen (zu Einzelheiten und Bewertung des Films vgl. Begleitmaterial dazu in der Landesmedienstelle Hannover).

Die Zeitzeugen-Aussagen helfen in diesem Fall, Geschichte als Konstrukt zu begreifen, das ein billiges »so war es« unmöglich macht und den Abbildungscharakter der Bilder dementiert.

Sowohl die Erfahrungsgeschichte im ersten Fall als auch die Rekonstruktion politischer Intentionen und Folgen im zweiten Fall, wie auch die Brechungen der Bildwirkungen im dritten Fall, scheinen mir Funktionen von Zeitzeugen-Aussagen im Film zu sein, die für historisches Begreifen zentral und kaum ersetzbar sind. Daß die Arbeit mit solchen Filmen anspruchsvoller und also arbeitsaufwendiger ist als mit glatteren Kompilationsfilmen, ist sicher zutreffend, aber kein Argument gegen die komplexeren Filme.

Die Frage ist nicht, ob man mit Zeitzeugen arbeitet, sondern wie man das tut. Begleitmaterial zu den Filmen muß den Lehrern so viel Information liefern, daß die Verwendung der Zeitzeugen keine zusätzliche Arbeit verursacht und daß der methodische und erkenntnistheoretische Wert der Zeitzeugen-Aussagen deutlich wird.


Quelle:

Wilharm, Irmgard (1993): Zum Stellenwert von Zeitzeugen-Aussagen im historischen Unterrichtsfilm. In: FWU Magazin 5/1993, S. 11f

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