Ein Mittwoch im Juni vor 20 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch? (1973)
von GFS-Admin_2021 · Veröffentlicht · Aktualisiert
Protestzug von Berliner Bauarbeitern
Annotation
Lutz Lehmanns Ein Mittwoch im Juni (NDR 1973) rekonstruiert den 17. Juni 1953 nicht als ein eindeutiges „So war es“. Historische Filmbilder, Zeitzeugenaussagen und konkurrierende Deutungen werden gegeneinandergestellt und selbst zum Gegenstand der Untersuchung. So entsteht ein bemerkenswert früher Versuch, historische Rekonstruktion als perspektivischen und quellenabhängigen Prozess sichtbar zu machen.
Filmtitel: Ein Mittwoch im Juni. Vor 20 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch?
Regie: Lutz Lehmann
Mitarbeit: Jürgen Drossart
Kamera: Hans Jacob
Ton: Jürgen Jannsen, Norbert Kinsky
Schnitt: Elke Düring
Produktion: NDR
Produktionsleitung: Wolfgang Kühnlenz
Redaktion: Ludwig Schubert
Land: Bundesrepublik Deutschland 1973
Lauflänge: 58:51 Min
Der Film „Ein Mittwoch im Juni“ ist auch in der Filmliste des Projektes „17. Juni 1953“ der Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.17juni53.de/material/filmliste_2.html) aufgeführt.
Lutz Lehmanns 1973 vom Norddeutschen Rundfunk produzierte Dokumentation setzt sich mit drei unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse des 17. Juni auseinander:
- der offiziellen SED-Propaganda-Doktrin vom Umsturzversuch durch West-Berliner Geheimdienste
- der verklärenden Westgeschichtsschreibung vom DDR-weiten Aufstand für Freiheit und Demokratie
- der Bewertung der Vorgänge im wesentlichen als Protestbewegung der Arbeiterschaft gegen die Normerhöhungen
Abschließend wird die Frage aufgeworfen, welche Möglichkeiten im Vorfeld und im Verlauf des 17. Juni von westlicher Seite hätten wahrgenommen werden können, um den Aufstand und seine Niederschlagung zu verhindern. Lehmann befragt Zeitzeugen und Sachverständige und verwendet Archiv-Foto- und -Filmmaterial, vor allem West-Wochenschauen und DDR-Fernsehen, die ausschnittweise mit Originalkommentar gezeigt werden.
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Nr. |
Inhalt |
Länge |
Zeit im Film |
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1 |
Einführung, moderiert von Lutz Lehmann. Bericht über die Schwierigkeit der Zeugenbefragung zum 17. Juni 1953 im Westen. Im Hintergrund: Das zerbrochene Amtsschild des Staatspräsidenten der DDR. |
0.54 |
0.00 – 0.54 |
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2 |
Originalbericht Deutsche Reportagefilm über die Demonstration und Ausschreitungen in Berlin am 17. Juni. Eingeschoben: Vorspann. Der Originalbericht wird durch Lehmann kommentiert: „Ursache, Ablauf und politische Bedeutung des Ereignisses sind umstritten, nicht nur zwischen West und Ost.“ |
1.42 |
0.54 – 2.36 |
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3 |
Texttafel: „Der 17. Juni: Ein Agentenputsch?“ SED-Propagandadoktrin zum 17. Juni: Putschversuch westlicher Agenten (Tag X). Beitrag des DDR-Fernsehens von 1967 über die Einordnung des 17. Juni in die imperialistische „Roll-back-Strategie“ mit Hinweis auf den Koreakrieg (Wochenschaumaterial). Originalbericht Deutscher Fernsehfunk Ost-Berlin: Indizien für die Putsch-Theorie, den „erste(n) konterrevolutionäre(n) Frontalangriff gegen die DDR“, Hinweise auf „den faschistischen Charakter des Aufstandes“. Verurteilungen durch die DDR-Justiz. Interviews mit den ehemaligen Angeklagten Horst Hertel und Werner Dyballa zu deren Beteiligung an den Ausschreitungen in Ost-Berlin. Untermauerung der These vom Tag X durch Schauprozesse. Zusammenfassender Kommentar durch Lutz Lehmann zur „politische(n) Legende“ eines „von langer Hand vom Westen vorbereiteten Tag X“ und Überleitung zum nächsten Filmabschnitt. |
10.13 |
2.36 – 12.49 |
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4 |
Texttafel: „Der 17. Juni: Ein Volksaufstand?“ Originalbericht Wochenschau Blick in die Welt über den Aufstand in Ost-Berlin. Veranschaulichung des Aufstandsgebietes anhand einer Karte. Solidaritätskundgebungen, Arbeitsniederlegungen und Bürobesetzungen in der Provinz und anderen Städten (Leipzig, Jena, Rathenow, Magdeburg). Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetischen Panzer, Verhängung des Ausnahmezustandes. Interview-Szenen mit Fritz Schorn (Leuna), Harry Christ (Ost-Berlin) und Richard Berendt (Leipzig). Trauerfeierlichkeiten in West-Berlin am 23.6.1953. Redemitschnitte Konrad Adenauer, Jakob Kaiser und Ernst Reuter. Zusammenfassender Kommentar durch Lutz Lehmann zum „Heldenepos vom Volksaufstand für die Freiheit“ und Überleitung zum nächsten Filmabschnitt. |
7.46 |
12.49 – 20.35 |
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5 |
Texttafel: „Der 17. Juni: Eine Arbeiterrevolte?“ Originalbericht Neue Deutsche Wochenschau. Frage nach politischen und ökonomischen Ursachen des Aufstandes: Rohstoffmangel, Belastungen durch Reparationen; Beschluss zum „Aufbau des Sozialismus“ auf der Zweiten Parteikonferenz der SED im Juni 1952: stalinistische innenpolitische Phase der DDR (Enteignungen, politische Verfolgung), Flüchtlingsströme in den Westen. Auf Stalins Tod folgen die Verkündung des „Neuen Kurses“ und Konzessionen an die ostdeutsche Bevölkerung, aber auch die Erhöhung der Arbeitsnormen. Interview Prof. Arnulf Baring zur Frage der Rechtmäßigkeit dieser Arbeitsnormen. Beginn der Arbeiterproteste in der Stalinallee. Interview Heinz Brandt (ehemals SED-Bezirksleitung). Protestmarsch vom 16. Juni. |
4.31 |
20.35 – 30.06 |
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6 |
Interviews mit Arbeitern des 17. Juni über ihre politischen Absichten: Werner Kalowski (West-Berlin), Harry Christ (Ost-Berlin), Walter Witt (Ost-Berlin), Richard Behrendt (Leipzig). Politische Radikalisierung der Proteste am 17. Juni. Originalbericht Wochenschau Blick in die Welt. Prof. Arnulf Baring zur Niederschlagung des Aufstandes durch die sowjetische Besatzungsmacht und zur Frage Streikbewegung oder Volksaufstand. |
8.11 |
30.06 – 38.17 |
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7 |
Texttafel: „Der 17. Juni: Eine verpaßte Chance?“ Originalbericht Neue Deutsche Wochenschau. Frage nach den Folgen des 17. Juni und nach der spontanen Ausbreitung der Proteste. Interviews mit Fritz Schorn und Richard Behrendt. Rolle des RIAS bei den Ereignissen des 17. Juni, Rundfunk-Ansprache des DGB-Vorsitzenden Ernst Scharnowski. Interview Scharnowski. Interview mit Eberhard Schütz, 1953 Programmdirektor des RIAS, über die uneinheitliche Linie des RIAS-Rundfunkprogramms am 17. Juni. Originalbericht Wochenschau Blick in die Welt. Eberhard Schütz zur Möglichkeit eines alliierten Eingreifens am 17. Juni. Fotodokumente: junge Männer gegen sowjetische Panzer. Werner Kalkowski und die Wochenschau-Kameramänner Erich Onasch und Helmut W. Sonntag über organisierte Randale von Westberliner Halbstarken. Frage nach der Rolle antikommunistischer Organisationen und Geheimdienste im Verlauf des 17. Juni: Der Journalist Hans Georg Schulz über Einstiegsversuche von Westberliner Untergrundorganisationen (Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit) in die Arbeiterprotestbewegung und Abgrenzung solcher Initiativen gegen die Leitlinien der offiziellen westdeutschen und US-amerikanischen Politik. Werner Kalkowski über seine Verurteilung als Westagent. Urteil über die harten Reaktionen der SED-Justiz. |
14.15 |
38.17 – 52.32 |
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8 |
Abschließende Bewertungen des 17. Juni durch Prof. Alfred Grosser (Paris) und Prof. Richard Löwenthal (Berlin). Abspann. |
6.19 |
52.32 – 58:51 |
Jugendliche „Randalierer“:
Horst Hertel und Werner Dyballa (Sequenz 03)
Beteiligte an den Arbeiterprotesten:
Fritz Schorn (Leuna) (Sequenzen 04, 07)
Harry Christ (Ost-Berlin) (Sequenzen 04, 06)
Richard Berendt (Leipzig) (Sequenzen 04, 06, 07)
Werner Kalowski (West-Berlin) (Sequenzen 06, 07)
Walter Witt (Ost-Berlin) (Sequenz 06)
Der Westberliner Arbeiter / angebliche Provokateur Werner Kalkowski (Sequenz 07)
Der DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski (Sequenz 07)
Der RIAS-Programmdirektor Eberhard Schütz (Sequenz 07)
die Wochenschau-Kameramänner Erich Onasch und Helmut W. Sonntag (Sequenz 07)
Sachverständige:
Prof. Arnulf Baring (Sequenzen 05, 06)
Der Journalist Hans Georg Schulz (Sequenz 07)
Prof. Alfred Grosser (Paris) und Prof. Richard Löwenthal (Berlin) (Sequenz 08)
Zum Stellenwert der Zeitzeugen-Aussagen
(…) Eine dritte Funktion von Zeitzeugen-Aussagen läßt sich an einem weiteren Film von Lutz Lehmann zeigen: »Ein Mittwoch im Juni vor 20 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch?« (…) Auf der Grundlage von umfangreichem Film- und Fotomaterial, der Befragung von Zeitzeugen und Wissenschaftlern (Arnulf Baring) werden Erinnerungen und Hypothesen zum Ablauf und zur Interpretation des 17. Juni 1953 vorgestellt. Das im Film verwendete Wochenschaumaterial ist weitgehend auch aus anderen Produktionen bekannt, inzwischen in Vollständigkeit in einem Bildplattenprojekt des IWF Göttingen zugänglich. Aber die Bilder allein (auch nicht in annähernder Vollständigkeit!) liefern eben keine Abbildung historischer Realität. Das Besondere von Lehmanns Film liegt darin, daß er die kontroversen Interpretationen des Aufstands und die Schwierigkeiten der Rekonstruktion (Zeitzeugen-Aussagen) selbst zum Thema macht. Damit wird dreierlei erreicht:
- Auf der Ebene des Mediums Film wird die Funktionarisierung der Bilder gezeigt, am deutlichsten in den
Fällen, in denen die gleichen Bilder in verschiedenen Zusammenhängen (neu) kommentiert werden (z.B. Ab
transport eines Verletzten auf einer Bahre). - Auf der Ebene historischer Rekonstruktion wird gezeigt, daß ein von der Verfügbarkeit von Quellen ab
hängiges Konstrukt nicht Abbild historischer Realität ist und es nicht sein kann. Der in vielen als »Doku-mentation« bezeichneten Filmen erweckte Anschein des »so war es« wird vermieden. - Für den konkreten Fall des 17. Juni 1953 heißt dies, daß die zeitgenössischen Interpretationen Ost (»Agentenputsch«) und West (»Volksaufstand« für die Freiheit) relativiert werden, daß die Interpretation als »Arbeiterrevolte« aber ebenfalls Fragen offen läßt, insofern die Aussagen der Zeitzeugen über die Erweiterung der ursprünglichen Streikforderungen zu politischen Forderungen stehen bleiben und der Interpretation des jeweiligen Zuschauers bedürfen. Auch der abschließende Filmteil mit der Frage nach der »verpaßten Chance« liefert keine fertige Antwort, sondern läßt zwei teils kontroverse Aussagen nebeneinander stehen (zu Einzelheiten und Bewertung des Films vgl. Begleitmaterial dazu in der Landesmedienstelle Hannover).
Die Zeitzeugen-Aussagen helfen in diesem Fall, Geschichte als Konstrukt zu begreifen, das ein naives »so war es« unmöglich macht und den Abbildungscharakter der Bilder dementiert. (…)
Auszug aus: Irmgard Wilharm: Zum Stellenwert von Zeitzeugen-Aussagen im historischen Unterrichtsfilm. In: FWU Magazin 5/1993, S. 12
Lutz Lehmanns Film ist nicht als nacherzählende Chronik des 17. Juni 1953 angelegt. Bereits der Titel Ein Mittwoch im Juni vor 30 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch? macht unterschiedliche zeitgenössische und spätere Deutungen selbst zum Gegenstand. Die vier durch Texttafeln voneinander abgegrenzten Abschnitte strukturieren den Film entsprechend als Untersuchung konkurrierender Interpretationen.
Bemerkenswert ist zunächst Lehmanns Umgang mit dem historischen Filmmaterial. Er verwendet die überlieferten Bilder nicht als scheinbar unmittelbare Abbilder des Geschehens. Indem dasselbe Material mit unterschiedlichen Kommentierungen aus zeitgenössischen Wochenschauen vorgeführt wird, macht er vielmehr sichtbar, dass historische Filmbilder ihre Bedeutung erst in konkreten Verwendungszusammenhängen erhalten. Die Bilder werden damit nicht nur als Quellen für den 17. Juni, sondern zugleich als Quellen für dessen zeitgenössische mediale Deutung behandelt.
Damit verbindet sich ein zweiter Gesichtspunkt. Der Film demonstriert, dass aus dem verfügbaren Bildmaterial keine geschlossene Rekonstruktion nach dem Muster eines „So war es“ hergestellt werden kann. Zwischen Bild, Kommentar, Erinnerung und späterer Interpretation bleiben Differenzen bestehen. Gerade dadurch bewahrt der Film eine kritische Distanz gegenüber seinem eigenen Quellenmaterial.
Diese Offenheit bedeutet allerdings nicht, dass Lehmann selbst keinen Standpunkt einnimmt. Der SED-Deutung des 17. Juni als „Agentenputsch“ erteilt er eine klare Absage. Zugleich übernimmt er aber auch nicht die in der Bundesrepublik etablierte Interpretation als einheitlichen „Volksaufstand“. Er gibt vielmehr der Deutung als Arbeiterrevolte den Vorzug und fragt danach, wie sich die zunächst sozial und betrieblich motivierten Arbeiterproteste ausweiteten und politisch radikalisierten.
Gerade an diesem Punkt wird allerdings auch Lehmanns eigene Konstruktion der Ereignisse problematisch. Bereits in seiner Eingangsmoderation bringt er das im Hintergrund sichtbare zerbrochene Amtsschild Wilhelm Piecks mit „fanatischen Antikommunisten“ in Verbindung, die an der Eskalation beteiligt gewesen seien. Im weiteren Verlauf untersucht er mögliche Einflüsse aggressiver Agitation aus West-Berlin und möglicher westlicher Geheimdienstaktivitäten. Zugleich zieht er eine deutliche Trennlinie zwischen den Massenprotesten und den nach dem Eingreifen sowjetischer Panzer entstehenden bürgerkriegsähnlichen Szenen im Zentrum Berlins. Für seine weitgehende Zuschreibung dieser Gewalthandlungen an „fanatische Antikommunisten“ aus dem Westen liefert der Film jedoch keinen hinreichenden Beleg.
Gerade dieser Widerspruch macht den Film analytisch interessant. Lehmann kritisiert mit guten Gründen die Funktionalisierung historischer Bilder und führt vor, dass aus ihnen keine historische Realität unmittelbar abgelesen werden kann. Zugleich erzeugt er durch Auswahl, Kommentar, Montage und Gewichtung selbst eine bestimmte Interpretation. Der Film dekonstruiert Geschichtsbilder und konstruiert zugleich ein eigenes.
Hier gewinnt die Verwendung der Zeitzeugen besondere Bedeutung. Ihre Aussagen erscheinen nicht lediglich als persönliche Erinnerungen, die einer ansonsten feststehenden Darstellung Authentizität verleihen. Sie gehören vielmehr zu dem Material, aus dem unterschiedliche Rekonstruktionen des 17. Juni entstehen. Widersprüche zwischen Aussagen müssen deshalb nicht als Mangel des Films verstanden werden. Sie können gerade sichtbar machen, dass Erinnerung perspektivisch ist und dass Zeitzeugen aufgrund ihrer jeweiligen Position nur Ausschnitte des Geschehens wahrnehmen konnten.
Für die Arbeit mit dem Film bietet sich ein Vergleich mit Peter Ottos Jene Tage im Juni und Joachim Paschens Der Einheit der Nation verpflichtet an. Interessant wäre dann nicht primär die Frage, welcher Film den 17. Juni „richtiger“ darstellt, sondern wie unterschiedliche Produktionszeiten, Fragestellungen, Quellenverwendungen und Zeitzeugenauswahlen unterschiedliche Geschichten desselben Ereignisses hervorbringen.
Ein Mittwoch im Juni eignet sich weniger als ein Film, aus dem Schülerinnen und Schüler schlicht erfahren sollen, „was am 17. Juni 1953 geschah“. Seine besondere Qualität liegt vielmehr darin, dass er unterschiedliche Deutungen des Ereignisses, die Verwendung historischer Filmquellen und die Aussagen von Zeitzeugen selbst zum Gegenstand der Untersuchung macht. Die Kapitelstruktur unterstützt eine abschnittsweise Arbeit; auch zeitgenössische Beschreibungen des Films betonen, dass die einzelnen Thesen getrennt gesehen und diskutiert werden können.
Vorausgesetzt werden sollten Grundkenntnisse über die Entstehung von Bundesrepublik und DDR, die politische und wirtschaftliche Entwicklung der DDR bis 1953 sowie den Kalten Krieg. Nicht vorgegeben werden sollte dagegen bereits eine abschließende Interpretation des 17. Juni. Gerade die im Titel formulierten Alternativen – „Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch?“ – können als Ausgangsfragen dienen.
Für die Arbeit mit dem Film bieten sich insbesondere folgende Zugänge an:
- Konkurrierende Geschichtsbilder: Welche Argumente und Quellen werden für „Agentenputsch“, „Volksaufstand“ und „Arbeiterrevolte“ angeführt? Welche Deutungen verwirft Lehmann, welcher nähert er sich an – und wo bleiben Fragen offen?
- Historische Filmbilder als Quellen: Besonders ergiebig sind Stellen, an denen gleiches oder ähnliches Bildmaterial mit unterschiedlichen Kommentaren erscheint. Was „zeigt“ das Bild tatsächlich, was erfahren wir erst durch den Kommentar, und wie verändert dieser die Bedeutung des Bildes? Lehmann verwendet dafür vor allem Material westdeutscher Wochenschauen und des DDR-Fernsehens.
- Zeitzeugen als Quellen: Wer wird befragt? Welche Position hatten die Personen 1953, was konnten sie selbst wahrnehmen und worüber können sie lediglich Vermutungen äußern? Wo widersprechen sich Erinnerungen? Entscheidend ist nicht vorschnell, welche Aussage „stimmt“, sondern zunächst, warum unterschiedliche Beteiligte dasselbe Geschehen unterschiedlich erinnern und deuten.
- Zeitzeugen und filmische Argumentation: An welchen Stellen lässt Lehmann Aussagen offen nebeneinanderstehen, und wo verwendet er sie zur Stützung seiner eigenen Interpretation? Damit kann das allgemeine Analyseraster zur Zeitzeugenschaft konkret am Film erprobt werden.
- Lehmann als Konstrukteur: Der Film kritisiert die Vorstellung, historische Bilder könnten Vergangenheit einfach abbilden. Dasselbe kritische Verfahren muss aber auf Lehmanns eigenen Film angewendet werden: Welche Bilder, Zeitzeugen und Experten wählt er aus? Wie kommentiert und montiert er sie? Wo argumentiert er überzeugend – und wo bleibt er selbst einen Beleg schuldig?
- Produktionszeit 1973: Der Film ist zugleich eine Quelle für den westdeutschen Umgang mit dem 17. Juni zwanzig Jahre nach dem Ereignis. Er entstand zu einer Zeit, in der der 17. Juni noch staatlicher Feiertag war, zugleich aber im Umfeld der neuen Ostpolitik tradierte Deutungsmuster der deutschen Teilung neu diskutiert wurden. Bereits eine zeitgenössische Rezension in der ZEIT hob gerade Lehmanns Verfahren hervor, vorgeprägtes Wissen des Zuschauers durch die dokumentarische Argumentation infrage zu stellen.
Nicht: Welche These ist richtig?
Als Abschluss sollte deshalb nicht lediglich darüber abgestimmt werden, ob der 17. Juni „Volksaufstand“, „Arbeiterrevolte“ oder „Agentenputsch“ gewesen sei. Weiterführend wäre die Frage:
Wie entstehen solche Begriffe und historischen Deutungen überhaupt, auf welche Quellen stützen sie sich, welche Erfahrungen und Interessen gehen in sie ein – und wie trägt ein Dokumentarfilm selbst dazu bei, eine bestimmte historische Wirklichkeit zu konstruieren?
Damit kann der Film zugleich historisch und medienkritisch gelesen werden. Die Lernenden untersuchen den 17. Juni und die Bedingungen, unter denen aus vergangenen Ereignissen Geschichte wird. Genau darin liegt auch heute noch die besondere didaktische Qualität eines Films von 1973. Die vorhandene Filmseite bietet dafür bereits Sequenzprotokoll, Angaben zu Zeitzeugen und Sachverständigen sowie die älteren didaktisch-methodischen Hinweise.
Besonders sinnvoll erscheint anschließend der Vergleich mit einer stärker dem westdeutschen Deutungsmuster folgenden Produktion. Die bestehende Zusammenstellung zum 17. Juni weist selbst darauf hin, dass Lehmann innerhalb des westdeutschen Filmkorpus eine auffällige Sonderstellung einnimmt.