Klassengesellschaft im Kapitalismus
Klassen, Milieus und die Sichtbarkeit von Herrschaft
Detlef Endeward (03/2026)
Der Begriff der „Klasse“ gehört zu den zentralen analytischen Werkzeugen der Sozialwissenschaften. Zugleich ist er umkämpft, weil sich an ihm entscheidet, ob gesellschaftliche Ungleichheit als strukturierter Herrschaftszusammenhang oder als bloße Differenz sozialer Lagen erscheint. Während klassische Ansätze – insbesondere bei Karl Marx – Klassen als Ausdruck von Produktionsverhältnissen und damit als strukturell antagonistische Beziehungen begreifen (vgl. Das Kapital, Manifest der Kommunistischen Partei), tendieren Teile der modernen Sozialstrukturforschung dazu, soziale Ungleichheit primär empirisch zu beschreiben und zu differenzieren.
In der gegenwärtigen Sozialwissenschaft dominieren häufig Konzepte sozialer Lagen, Lebensstile und Milieus, die Unterschiede entlang von Einkommen, Bildung, Konsum oder Wertorientierungen erfassen. Diese Ansätze – etwa im Anschluss an Max Weber oder Pierre Bourdieu – liefern differenzierte und empirisch belastbare Beschreibungen sozialer Wirklichkeit. Sie beantworten die Frage, „wer wie lebt“ oder „wer welche Chancen hat“, und machen soziale Differenz sichtbar.
Eine solche Perspektive birgt jedoch die Gefahr, strukturelle Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu relativieren, wenn sie sich auf Beschreibung beschränkt. Wo soziale Ungleichheit primär als Vielfalt von Lebenslagen erscheint, tritt die Frage nach Eigentum, Verfügungsmacht und Ausbeutung in den Hintergrund. Die gesellschaftliche Struktur wird dann weniger als konflikthafte Ordnung denn als differenzierte soziale Landschaft sichtbar.
Der Milieubegriff nimmt in dieser Konstellation eine ambivalente Stellung ein. In weiten Teilen der empirischen Sozialforschung fungiert er als Instrument zur Beschreibung sozialer Differenz. In der Tradition von Michael Vester hingegen ist er ausdrücklich anders konzipiert: nicht als Ersatz für den Klassenbegriff, sondern als Vermittlungsbegriff, der strukturelle Lage und soziale Praxis miteinander verbindet.
Milieus bezeichnen bei Vester soziale Gruppen, die durch gemeinsame Lebensweisen, Wertorientierungen und Habitusformen geprägt sind. Sie sind Ausdruck sozialer Ungleichheit, aber zugleich auch Formen ihrer kulturellen Verarbeitung. In ihnen zeigt sich, wie Menschen ihre objektive Lage wahrnehmen, deuten und praktisch gestalten. Damit knüpft Vester sowohl an marxistische Klassenanalyse als auch an die Habituskonzeption von Pierre Bourdieu an.
Für eine kritisch-materialistische Perspektive liegt die Stärke dieses Ansatzes gerade in seiner vermittelnden Funktion. In Verbindung mit Karl Marx und E. P. Thompson lässt sich der Milieubegriff präzise verorten: Marx’ Konzept der „Klasse an sich“ verweist auf die objektiven Strukturen von Ungleichheit und Herrschaft. Thompson begreift Klasse als historischen Prozess, in dem Menschen durch gemeinsame Erfahrungen und Konflikte zu kollektiven Akteuren werden („Klasse für sich“).
Milieus bilden in diesem Zusammenhang die Ebene, auf der sich dieser Übergang vollzieht. Sie sind die sozialen Räume, in denen strukturelle Lagen in alltägliche Praxis übersetzt werden. Hier entstehen Deutungsmuster, Solidaritäten, aber auch Abgrenzungen und Fragmentierungen. Milieus sind damit weder bloß Ausdruck von Struktur noch bereits politisches Subjekt, sondern der Ort ihrer Vermittlung.
Die Arbeiten von Adelheid von Saldern zeigen exemplarisch, wie sich solche Milieus historisch konkret ausbilden – etwa in Wohnformen, Nachbarschaften und Alltagskulturen. Sie machen sichtbar, wie Klassenverhältnisse gelebt werden, ohne in diesen Lebenswelten aufzugehen.
Für die Lernwerkstatt Film und Geschichte ergibt sich daraus ein differenzierter Zugriff: Filme zeigen Milieus – konkrete Lebenswelten mit ihren Symbolen, Routinen und Konflikten. Eine rein beschreibende Perspektive würde diese als Vielfalt sozialer Lebensformen erfassen. Eine an Marx, Thompson und Vester orientierte Analyse fragt darüber hinaus nach den strukturellen Bedingungen, die diese Milieus hervorbringen, und nach den Möglichkeiten, in denen aus gelebter Erfahrung kollektive Handlungsmacht entstehen kann.
Der Milieubegriff fungiert damit nicht als Alternative, sondern als notwendige Ergänzung zur Klassenanalyse. Er ermöglicht es, die Verbindung von Struktur und Praxis sichtbar zu machen – und damit auch die Bedingungen, unter denen gesellschaftliche Verhältnisse stabilisiert oder verändert werden.
Klasse an sich (strukturell)
bezeichnet die objektive Lage einer sozialen Gruppe im Produktionsprozess.
Beispiel: Arbeiter, die keine Produktionsmittel besitzen und gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.
Hier ist Klasse eine ökonomische Kategorie, unabhängig davon, ob die Betroffenen sich dessen bewusst sind.
Klasse für sich (kulturell/politisch)
entsteht, wenn die soziale Gruppe ihre gemeinsame Lage erkennt und kollektives Bewusstsein entwickelt.
Klasse wird zur politischen und kulturellen Akteurin: Solidarität, Organisation, Protest, kulturelle Selbstdefinition.
Das schließt nicht aus, dass es klasseninterne Differenzen geben kann, die sich in Konkurrenz untereinander bis hin zur Ausgrenzung von Klassenfraktionen
Was sind Klassen
Als „Klassen“ werden Personenvielheiten bezeichnet, die durch den Besitz bzw. Nicht-Besitz an (Verfügungsmacht bzw. Nicht-Verfügungsmacht über) Kapital und daraus folgende gemeinsame bzw. entgegengesetzte Interessen definiert sind, die sich der Tendenz nach aufgrund dieser Merkmale als zusammengehörig bzw. einander entgegengesetzt begreifen und die sich – wieder der Tendenz nach – auf dieser Grundlage zu gemeinsamen bzw. entgegengesetzten Aktionen zusammenschließen und organisieren.
Klassenbegriff bei Max Weber
Max Weber verschiebt die Perspektive, indem er Klassen nicht nur über Eigentum, sondern über Marktchancen definiert. Für Weber sind Klassen Gruppen von Menschen, die aufgrund ihrer Qualifikationen, ihres Berufs oder ihres Einkommens ähnliche Chancen auf dem Arbeits- und Gütermarkt besitzen. Die Leitfrage lautet: Wer kann was erreichen? Klassen sind bei Weber weniger antagonistische Kollektive als vielmehr „Lagen“, die sich durch Chancenstrukturen unterscheiden (vgl. Wirtschaft und Gesellschaft). Weber ergänzt den Klassenbegriff zudem durch die Kategorien „Status“ und „Partei“, wodurch soziale Ungleichheit multidimensional wird, aber zugleich auch Macht- und Herrschaftsstrukturen verschleiert werden.
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