Demokratie stirbt mit Beifall
Die gut begründete Abschaffung der Freiheit
Demokratie stirbt nicht unbemerkt, nicht im Verborgenen und nicht durch einen plötzlichen, äußeren Angriff. Sie stirbt ganz offen – im Inneren und in der Mitte der Gesellschaft. Gerade darin liegt ihre größte Gefahr. Denn was sichtbar, begründet und mehrheitsfähig erscheint, wird selten als Bedrohung erkannt.
Der Zerfall demokratischer Substanz beginnt nicht an den Rändern, sondern im Zentrum. Er vollzieht sich durch Verfahren, die demokratisch aussehen: Gesetze werden verabschiedet, Parlamente stimmen zu, Gerichte legitimieren, Expertengremien erklären Alternativlosigkeit. Alles folgt formaler Rationalität, alles bewegt sich innerhalb institutioneller Ordnung. Und genau dadurch wird der Abbau von Freiheit normalisiert und entpolitisiert.
In der Mitte der Gesellschaft gewinnt dieser Prozess seine Stabilität. Einschränkungen von Rechten richten sich nicht zunächst gegen klar definierte „Andere“, sondern werden als kollektiver Schutz verkauft – im Namen von Sicherheit, Ordnung, Stabilität oder Wettbewerbsfähigkeit. Was als Ausnahme beginnt, wird zur Regel. Was temporär gedacht ist, wird dauerhaft. Freiheit wird nicht aufgehoben, sondern zur Verhandlungsmasse erklärt.
Entscheidend ist dabei nicht der Ausnahmezustand selbst, sondern seine Normalisierung. Nicht offene Gewalt zerstört Demokratie, sondern Zustimmung. Nicht der äußere Feind, sondern der innere Konsens, dass Freiheit relativierbar sei. Je stärker diese Logik greift, desto mehr verschiebt sich das gesellschaftliche Koordinatensystem: Repression erscheint als Vernunft, Anpassung als Verantwortung und Kritik als Gefahr für das Gemeinwohl.
Wenn Demokratie offen im Zentrum zerfällt, dann nicht trotz gesellschaftlicher Beteiligung, sondern durch sie. Große Teile der Gesellschaft lernen, Einschränkungen nicht nur hinzunehmen, sondern aktiv zu rechtfertigen. Demokratische Praxis reduziert sich auf formale Mitwirkung, während ihr emanzipatorischer Gehalt schwindet.
In diesem Sinne ist Demokratie kein Opfer eines plötzlichen Angriffs, sondern eines schleichenden Funktionswandels. Sie bleibt als Form erhalten – als Institution, als Ritual, als Begriff. Doch ihr Inhalt wird autoritär umprogrammiert. Was bleibt, ist eine demokratische Hülle, die zunehmend mit Kontrolle, Disziplin und Ausschluss gefüllt wird – legitimiert durch Recht, stabilisiert durch Zustimmung und getragen von der gesellschaftlichen Mitte.
