1966–1974: Rheinstahl schrumpft sich auf Kosten der Hanomag gesund
Vom florierenden Werk zur systematischen Reduzierung – Produktionsverlagerungen, Arbeitsplatzabbau und Konzernfusion
Unmittelbar nach der Krise von 1966/67 merkte allerdings noch niemand was davon. Im Gegenteil: Im November 1968 erreichte die HANOMAG mit 10.000 Beschäftigten den höchsten Beschäftigtenstand seit der Krise.
Der spekulative Bauboom jener Jahre (der u. a. zu den Halden unverkaufter Luxus- und Eigentumswohnungen ein paar Jahre später führte) und eine Exportoffensive führten nochmals zu einer kurzzeitigen Vollauslastung der Produktion. Für Produkte der HANOMAG gab es Lieferfristen!
Doch den Herren der Rheinstahl passte eine florierende HANOMAG nicht mehr ins Konzept: Die vielseitige Produktionspalette der HANOMAG sollte stromlinienförmig ins Gesamtkonzept des Rheinstahl-Konzerns eingepasst werden – und da war nur Platz für die Baumaschinen-Produktion, zunächst jedenfalls. Und öffentlich bekannt wurde das alles sowieso erst Jahre später.
Zunächst ging die Hanomag-Tochter Hanomag-Henschel im Jahre 1969 – als von einem Produktionsrückgang noch kaum was zu spüren war – eine Kooperation mit Daimler-Benz ein. Doch mehr war geplant, denn bereits einen Monat später übernahm Daimler-Benz die Aktienmehrheit der Hanomag-Henschel. Damit war HANOMAG die Lkw-Produktion und den anerkannt besten Diesel-Motor Europas los.
Hier wurde eine Strategie des Rheinstahl-Konzerns im Zusammenspiel mit dem Daimler-Benz-Konzern deutlich: die Ausschaltung der Konkurrenz auf dem Binnenmarkt. Der Niedergang der HANOMAG war eng mit dem zunehmenden Einfluss des Daimler-Benz-Konzerns verbunden. HANOMAG war am Motoren- und Lastkraftwagenmarkt für Daimler-Benz ein Konkurrent. Diese Konkurrenz wurde systematisch zunächst über den Aufkauf der Hanomag-Henschel Fahrzeugwerke in Kassel und über sogenannte Kooperationsverträge mit dem Motorenwerk in Hannover (Daimler-Benz nahm monatlich soundsoviele Motoren ab) und schließlich über Anteilsaufkäufe und Anteilstransaktionen ausgeschaltet. Ein kompletter Unternehmensteil wurde zwischen den Konzernen profitabel ausgetauscht und damit Daimler-Benz zu einer Monopolstellung im Lastkraftwagenbau verholfen. Opfer dieser in diesem System legalen Schieberei der Konzernleitungen waren die Kollegen der HANOMAG.
Als Folge davon wurde Anfang 1969 die Baumaschinenproduktion zum „stärksten Bein“ der HANOMAG. Die systematische Vernachlässigung der anderen Produktionsbereiche war nach dem Verkauf der Lkw-Produktion offensichtlich geworden. Folgerichtig wurde im April 1970 – also nur 1 Jahr später – die Ackerschlepperproduktion eingestellt.
Zur organisatorischen Absicherung dieses Prozesses wurde die HANOMAG – seit 1952 selbständige Tochter der Rheinstahl AG – im Juni 1970 vollständig in den Mutterkonzern integriert.
Die Konsequenzen folgten auf dem Fuß: Im August desselben Jahres wurden 200 Arbeiter entlassen! Das waren die ersten Entlassungen seit der Krise von 1966/67. Und die Entlassungen rissen in den folgenden 2 Jahren nicht mehr ab.
Anfang 1971 wurde die Sattelschlepperproduktion eingestellt. Durch die dabei „freiwerdenden“ Arbeitskräfte waren’s nur noch 6.000. Und übers Jahr 1971 ging’s munter so weiter. Zusammen mit den unterlassenen Neueinstellungen gelang es bis Dezember, die Belegschaft auf 4.800 zu „schrumpfen“.
Damit war die Zeit reif für neue Dinge: Endlich wurde die Reduktion der HANOMAG auf die reine Baumaschinenproduktion auch offiziell als Konzernstrategie verkündet. Im Klartext hieß das zu diesem Zeitpunkt: Die restlichen Produktionsbereiche, die nicht mit der Baumaschinenproduktion nötig waren – die Lkw-Motoren- und die Getriebefertigung – und damit zusammenhängend die Gießerei und die Schmiede der HANOMAG – wurden binnen Jahresfrist stillgelegt.
Das bedeutete für 1.500 bis 1.800 Beschäftigte den Verlust ihres Arbeitsplatzes, denn im Baumaschinensektor waren nur rund 3.000 tätig. An die angekündigte Umschulung eines Teils der „freiwerdenden“ Arbeitskräfte glaubte niemand.
Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Rheinstahl-Konzern in Südamerika Werke baute, in denen eben diese Baumaschinen kostengünstiger hergestellt werden sollten oder bereits gebaut wurden. Rheinstahl investierte mehr im Ausland und ließ HANOMAG austrocknen. Seit 1967 wurde vom Rheinstahl-Konzern keine müde Mark mehr im HANOMAG-Werk investiert!
Endlich merkte die „Basis“ der HANOMAG, was los ist. Im Juni 1972 streikte die Belegschaft gegen die Teilstilllegungspläne von Hammerwerk und Gießerei. Am 12. Juni kam es zu einer spontanen Demonstration durch Linden und die Innenstadt Hannovers. „Protestmarsch unter roten und schwarzen Fahnen – Hanomag-Arbeiter protestieren gegen Massenentlassungen“ – so lautete die Schlagzeile der „Hannoverschen Presse“.
In einer Kundgebung vor dem Rathaus forderten Sprecher des Betriebsrates – schon damals unter der Führung des bewährten Siegesbert Kassubowski –, der IG Metall und der Stadt Hannover (!) eine bessere Unternehmenspolitik und sichere Arbeitsplätze. Der frischgebackene Oberbürgermeister Schmalstieg sicherte den Arbeitern seine Hilfe zu.
Der SPD-Ortsverein Linden brachte im Rat einen Antrag ein: Die Stadt solidarisierte sich mit den um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Arbeitnehmern bei der Hanomag und warf der Rheinstahl-AG vor, verfehlte Konzernpolitik auf dem Rücken der Arbeitnehmer auszutragen. Der Konzern wurde aufgefordert, die beabsichtigten Maßnahmen nochmals zu überprüfen.
Doch Oberstadtdirektor Neuffer schätzte die Möglichkeiten der Stadt schon damals realistisch ein. In einem Interview mit der „Hannoverschen Presse“ betonte Neuffer, dass die Stadt, wenn der Konzern bei seinem Beschluss bleibe, „nur sehr begrenzte Möglichkeiten“ habe.
Und es geschah auch nichts. Die Schmiede wurde wie geplant im Oktober stillgelegt, im Dezember die Lkw-Motorenstraße an den schwedischen Volvo-Konzern verkauft.
Aber noch Bedeutsameres wurde bekannt: Im November 1972 erfuhr die Öffentlichkeit von den Fusionsverhandlungen zwischen der Rheinstahl-AG und der August-Thyssen-Hütte (ATH) – und das Szenario komplettierte sich.
Langsam, aber deutlich wurde für alle sichtbar, was hinter der scheinbar widersinnigen Politik des Rheinstahl-Konzerns steckte. Rheinstahl und August-Thyssen-Hütte versuchten ihre Produktion aufeinander abzustimmen – und deshalb sollte der HANOMAG die Luft abgedreht werden.
Damit das alles nicht so deutlich wurde, passte es gut, dass ein kurzzeitiger Aufschwung in der Baumaschinenproduktion im ersten Halbjahr 1973 zu Neueinstellungen im Baumaschinensektor führte – so fiel die endgültige Schließung der Gießerei im Mai nicht so auf.
Es fiel auch kaum auf, dass sich bis zum Sommer die Gesamtbelegschaft der HANOMAG auf 3.300 reduziert hatte – genau so, wie es ein Jahr zuvor angekündigt worden war. Und dass die Fusion der Rheinstahl mit der ATH völlig konjunkturunabhängige Konsequenzen auf die HANOMAG haben könnte – das rückte auch wieder in den Hintergrund.
Bis zum Oktober 1973. Dann platzte die Bombe: 1.000 Beschäftigte sollen entlassen werden! Antrag auf Massenentlassung beim Arbeitsamt gestellt! So lauteten die Schlagzeilen der Lokalpresse.
Ein Jahr zuvor hatte der Hanomag-Vorstand auf die Frage nach der weiteren Arbeitsplatzentwicklung noch öffentlich bekanntgegeben, dass eine auf Baumaschinen spezialisierte HANOMAG mit weniger als 3.000 Arbeitsplätzen nicht rentabel wirtschaften könnte.
Damit war auch dem Letzten klar, dass es bei der HANOMAG nicht um konjunkturbedingten Arbeitsplatzabbau ging, sondern um die absichtliche Stilllegung eines ganzen Werkes.
Der SPD-Ortsverein Linden-Limmer forderte angesichts der drohenden Stilllegung der ganzen HANOMAG die Überführung des Betriebes in die Selbstverwaltung der Arbeiter und Angestellten und Unterstützung durch das Land. Die SPD-Landtagsfraktion zog – ein wenig – mit und klagte den Rheinstahl-Konzern öffentlich an.
Auch wurde erstmalig die einseitige Ausrichtung auf die Baumaschinenproduktion kritisiert: Die IG Metall stellte fest, dass nur mit zusätzlichen Produktionsbereichen die Arbeitsplätze gesichert würden. Es sei „wirtschaftlich nicht vertretbar, dass ein Unternehmer dieser Größenordnung nur auf einem Bein – der Baumaschinenherstellung – stehe, da der Absatz auf dem Baumaschinensektor besonders anfällig sei.“
Angesichts dieser öffentlichen Aufwallung kam es zu Verhandlungen des Konzerns mit Bund und Land. Der Rheinstahl-Konzern verlangte u. a. Beihilfen von der niedersächsischen Landesregierung.
Einen Monat wurde verhandelt. Im November wurde der HANOMAG-Konflikt offiziell beigelegt: Das Land zahlte (wieviel ist nie bekannt geworden) und statt der angekündigten (und angedrohten) Massenentlassungen wurde Kurzarbeit vereinbart. Nicht vereinbart, aber vom Konzern praktiziert wurden Einzelentlassungen – nämlich bis zu 49 pro Monat, da 50 Entlassungen meldepflichtig sind.
Im Hintergrund der Konfliktbeilegung mag eine Rolle gespielt haben, dass Rheinstahl und August-Thyssen-Hütte für ihre geplante „Elefanten-Hochzeit“ die Zustimmung des Bundesministeriums brauchten und von daher das rigorose Abwürgen der HANOMAG nicht unbedingt in dieser Zeit vollziehen wollten – aus kosmetischen Gründen, versteht sich. Zwei Tage vor Weihnachten ’73 war die Stahlfusion Rheinstahl/ATH perfekt – und die HANOMAG kleiner denn je.
Im Frühjahr 1974 hörten die Entlassungen sogar ganz auf – vereinzelt wurden sogar Neueinstellungen vorgenommen. Allerdings weniger, als Beschäftigte das Unternehmen verließen, sodass die Beschäftigtenzahl kontinuierlich sank.
Währenddessen hielt die Rheinstahl Ausschau nach einem Käufer für die ausgepresste und abgewirtschaftete HANOMAG. Ein Verkauf wäre natürlich die elegantere Methode für den Konzern, die HANOMAG loszuwerden.
Und im Oktober ’74 fand sich dann ein „Dummer“: der kanadische Massey-Ferguson-Konzern.
Aber das ist ein anderes – trauriges – Kapitel.