Bürokratie als Problem von Arbeit, Herrschaft und Organisation

Bürokratieabbau, innerbetriebliche Bürokratie und hegemoniales Framing – eine gesellschaftskompetente Lernbewegung

 

Vom selbstverständlichen Begriff zu offenen Fragen

„Bürokratieabbau“ gehört gegenwärtig zu jenen politischen Forderungen, über deren grundsätzliche Richtigkeit erstaunlich wenig gestritten wird. Beim Wohnungsbau, im Gesundheits- und Sozialbereich, bei Investitionen und Wirtschaftswachstum lautet eine immer wiederkehrende Diagnose: Zu viel Bürokratie verhindere schnelleres und effizienteres Handeln.

Die Bundesregierung hat daraus ein quantitatives Ziel gemacht. Im Rahmen ihrer Modernisierungsagenda sollen die Bürokratiekosten um 25 Prozent reduziert werden. Die Bundesregierung verbindet damit Einsparungen von jährlich rund 16 Milliarden Euro bei den Bürokratiekosten und zehn Milliarden Euro beim Erfüllungsaufwand. [Bundesregierung 2025]

Aber bereits die scheinbar einfache Frage „Was ist Bürokratie?“ führt in ein sehr viel komplexeres gesellschaftliches Problem.

Bürokratie ist nicht einfach eine Eigenschaft des Staates. Sie entsteht überall dort, wo komplexe Organisationen Arbeit verteilen, Entscheidungen koordinieren, Verhalten kontrollieren, Informationen dokumentieren und Verantwortlichkeiten festlegen. Staatliche Verwaltungen produzieren Bürokratie – Unternehmen und Konzerne tun es ebenfalls.

Empirische Hinweise darauf sind erheblich. Das New-Work-Barometer 2026, eine Befragung von 734 Organisationsvertreterinnen und -vertretern, davon 79,4 Prozent aus Organisationen mit Sitz in Deutschland, unterscheidet ausdrücklich zwischen extern und intern erzeugter Bürokratie. 70 Prozent berichten von einer Zunahme des bürokratischen Aufwands innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Neben gesetzlichen Anforderungen und behördlichen Nachweispflichten werden interne Richtlinien, Vorgaben und Verfahren sowie interne Steuerungs- und Kontrollmechanismen als wichtige Ursachen wahrgenommen. Interne Bürokratie nimmt mit der Größe der Organisation zu. [Schermuly u. a. 2026]

Eine Untersuchung des Handelsblatt Research Institute, durchgeführt im Auftrag der Bayer AG, weist in eine ähnliche Richtung. Grundlage war unter anderem eine YouGov-Befragung von 1.068 Beschäftigten in Deutschland. Mit zunehmender Unternehmensgröße werden Hierarchie, Verwaltungsaufwand und interne Regeldichte stärker wahrgenommen. In Unternehmen mit mindestens 5.000 Beschäftigten berichteten 74 Prozent von einem gestiegenen Verwaltungsaufwand; 69 Prozent beklagten zu viele Vorgaben, Regeln und Leitfäden. [Haupt/May/Müller 2024]

Auch ausgeprägte Konferenzstrukturen können als besondere Erscheinungsform dieser Organisationsbürokratie betrachtet werden. Eine Stepstone-Befragung von 5.800 Beschäftigten ergab 2024, dass Vollzeitbeschäftigte nach eigener Einschätzung durchschnittlich 8,7 Stunden wöchentlich mit wenig produktiven Tätigkeiten wie unnötigen Meetings und redundanten Aufgaben verbringen. 58 Prozent gaben an, dass zu komplexe Prozesse ihre Arbeitsleistung beeinträchtigen. [The Stepstone Group 2024]

Eine Atlassian-Befragung weist in dieselbe Richtung: 80 Prozent der deutschen Befragten bezeichneten Meetings als häufig wenig zielführend; 78 Prozent erklärten, ihrer eigentlichen Tätigkeit kaum nachkommen zu können, wenn sie an allen angesetzten Meetings teilnehmen. 71 Prozent berichteten, Meetings endeten häufig mit der Planung weiterer Termine. [Atlassian 2024; Kannenberg 2024]

Damit stellt sich eine bislang wenig beachtete Frage:

Entsteht der beklagte bürokratische Aufwand tatsächlich unmittelbar durch staatliche Vorschriften – oder wird ein Teil davon erst durch die innerbetriebliche Verarbeitung dieser Vorschriften erzeugt?

Wir haben darauf zunächst keine hinreichend belastbare Antwort. Aber bereits die Frage verändert den Blick.

Zwischen staatlicher Regel und betrieblichem Aufwand liegt die Organisation.

Eine gesetzliche Dokumentationspflicht kann beispielsweise innerhalb eines Konzerns in Datenerfassung, interne Prüfung, Compliance-Verfahren, Controlling, Kennzahlenbildung, Reporting, Besprechungen, Maßnahmenpläne und weitere Kontrollverfahren übersetzt werden. Welcher Anteil des schließlich errechneten „Bürokratieaufwands“ unmittelbar aus der gesetzlichen Vorschrift und welcher aus ihrer betrieblichen Verarbeitung resultiert, müsste empirisch untersucht werden.

Besonders politisch wird diese Frage dort, wo staatliche Bürokratie gesellschaftliche Schutzfunktionen institutionalisiert: Arbeitnehmerrechte, Umweltstandards, Verbraucherrechte, Qualitätskontrolle, Datenschutz oder demokratische Beteiligung. Der damit verbundene Verwaltungsaufwand ist real. Ihn ausschließlich als Kostenfaktor zu betrachten, blendet jedoch seinen gesellschaftlichen Zweck aus.

Auffällig ist deshalb eine sprachliche Asymmetrie:

Staatliche Dokumentation heißt Bürokratie.
Innerbetriebliche Dokumentation heißt Reporting.
Staatliche Kontrolle heißt Regulierung.
Innerbetriebliche Kontrolle heißt Controlling.
Staatliche Vorgaben heißen Bürokratielasten.
Innerbetriebliche Vorgaben heißen Management.

Das muss nicht Ergebnis bewusster Manipulation sein. Es verweist aber möglicherweise auf hegemoniales Framing: Schon die gesellschaftliche Benennung strukturiert, wo nach dem Problem und anschließend nach Lösungen gesucht wird.

Die öffentlich geforderten Lösungen weisen entsprechend häufig in dieselbe Richtung: Abbau staatlicher Regulierung und insbesondere von Dokumentations-, Nachweis- und Kontrollpflichten. Unternehmensintern erzeugte Hierarchien, Berichtssysteme, Kontrollmechanismen und Konferenzstrukturen werden dagegen wesentlich seltener unter dem politischen Begriff „Bürokratie“ diskutiert.

Damit wird die Bürokratiedebatte zu einem exemplarischen Gegenstand gesellschaftskompetenter Bildung.

Nicht die schnelle Antwort steht am Anfang, sondern die Irritation eines scheinbar selbstverständlichen Zusammenhangs.

Ausgangspunkt sind öffentliche Äußerungen und Alltagserfahrungen.

Unternehmen berichten von Bürokratiebelastungen. Bürgerinnen und Bürger erleben komplizierte Antragsverfahren. Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich klagen über Dokumentationsaufwand. Bauvorhaben benötigen lange Genehmigungsverfahren.

Diese Erfahrungen sind real und müssen ernst genommen werden.

Die öffentlichen Untersuchungen konzentrieren sich allerdings häufig auf staatlich verursachten Aufwand. Die ifo-Studie zur Bürokratie in Deutschland von 2024 untersucht beispielsweise Bürokratie aus Sicht von Unternehmen, ihre Kosten sowie die Rolle öffentlicher Verwaltung. [Falck u. a. 2024]

Auch die aktuellen Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft konzentrieren sich wesentlich auf gesetzliche Berichts-, Dokumentations- und Nachweispflichten. [Röhl/Seyda/Schmitz 2026]

Damit entsteht eine erste Frage:

Gemessen wird, was zuvor als Bürokratie definiert wurde. Was bleibt unsichtbar, wenn Bürokratie vor allem als staatlich verursachter Aufwand untersucht wird?

Der scheinbar selbstverständliche Gegensatz

bürokratischer Staat ↔ effiziente Wirtschaft

gerät ins Wanken, sobald die Organisation der Unternehmen selbst betrachtet wird.

Das New-Work-Barometer 2026 unterscheidet ausdrücklich externe und intern erzeugte Bürokratie. Interne Richtlinien und Verfahren erreichen auf einer Siebener-Skala einen Mittelwert von 5,0, interne Steuerungs- und Kontrollmechanismen 4,7. Gesetzliche Anforderungen und behördliche Prüf- und Nachweispflichten liegen jeweils bei 5,6. Der Abstand zwischen extern und intern verursachter Bürokratie ist damit vorhanden, aber keineswegs so groß, wie die öffentliche Bürokratiedebatte vermuten lassen könnte. [Schermuly u. a. 2026]

Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Je stärker die Befragten interne Regeln als Ursache von Bürokratie wahrnehmen, desto schlechter beurteilen sie die Organisationsleistung (r = −0,33). Für extern verursachte Bürokratie zeigt sich dieser Zusammenhang in der Befragung praktisch nicht (r = 0,05). [Schermuly u. a. 2026]

Das korrespondiert mit einer internationalen Meta-Analyse von George u. a. zu „Red Tape“. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass organisatorisch selbst erzeugte Bürokratie negative Auswirkungen auf Organisationsleistung und Beschäftigte besitzt und intern erzeugtes „Red Tape“ schädlicher ausfallen kann als extern auferlegtes. [George u. a. 2021]

Die Irritation lautet deshalb:

Warum sprechen wir von Bürokratie vor allem dann, wenn der Staat Regeln setzt, obwohl große privatwirtschaftliche Organisationen selbst umfangreiche bürokratische Strukturen erzeugen?

 

Die Irritation erzeugt Fragen.

Nicht:

Ist Bürokratie gut oder schlecht?

Sondern:

Welche Bürokratie untersuchen wir überhaupt?

Mindestens vier Formen müssen unterschieden werden:

1. Staatliche Verwaltungsbürokratie

Genehmigungen, Anträge, Nachweise und gesetzlich vorgeschriebene Berichte.

2. Gesellschaftliche Schutz- und Kontrollbürokratie

Verfahren zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten, Sozialstandards, Verbraucherschutz, Umweltstandards, Datenschutz, Qualitätskontrolle und demokratischer Beteiligung.

3. Unternehmens- und konzerninterne Bürokratie

Hierarchien, Richtlinien, Reporting, Controlling, Zielvereinbarungen, Performance-Messung, Freigaben und interne Compliance.

Das New-Work-Barometer nennt hierfür sehr konkrete Beispiele: selbst geschaffene Formulare und Genehmigungsprozesse, mehrstufige Freigaben für Ausgaben, komplizierte Bestellprozesse sowie aufwendige Verfahren zur Beantragung von Software oder Zugriffsrechten. [Schermuly u. a. 2026]

4. Kommunikative Organisationsbürokratie

Jour fixes, Projektgruppen, Steuerungsgruppen, Abstimmungsrunden, Videokonferenzen, Vor- und Nachbesprechungen, Protokolle und daraus entstehende Folgetermine.

Die empirischen Hinweise auf die Belastung sind deutlich. Neben Stepstone und Atlassian kommt eine repräsentative, von HR WORKS beauftragte Befragung von 1.040 Beschäftigten 2025 zu dem Ergebnis, dass 48 Prozent Meetings für zu lang halten. Die Hälfte dieser Gruppe berichtet dadurch von erhöhtem beruflichen Stress; 38 Prozent nennen zusätzliche Überstunden aufgrund ungünstig geplanter Meetings. Durchschnittlich wurden 4,4 Meetings pro Woche angegeben, davon 2,9 als verzichtbar eingeschätzt. [HR WORKS 2025]

Diese Ergebnisse beruhen überwiegend auf Selbstauskünften und zum Teil auf von Unternehmen beauftragten Befragungen. Sie sind deshalb keine objektive Messung „unproduktiver Arbeitszeit“. Als Indizien für eine ausgeprägte Wahrnehmung innerbetrieblicher Organisationsbelastung sind sie dennoch bedeutsam.

Nun entsteht eine weiterführende Frage, auf die die bisherigen Untersuchungen noch keine befriedigende Antwort geben:

Werden staatliche Regulierung und gesellschaftliche Schutzregeln möglicherweise teilweise erst dadurch zu erheblichen „Effizienzproblemen“, wie Unternehmen sie organisatorisch verarbeiten?

Eine mögliche Wirkungskette wäre:

staatliche Regelung

gesellschaftlicher Schutz- oder Kontrollzweck

betriebliche Übersetzung

Zuständigkeit

Compliance

Datenerfassung

Controlling

Reporting

Meeting

Protokoll

Maßnahmenplan

Kontrolle des Maßnahmenplans

gemessener Bürokratieaufwand

Damit ist keineswegs bewiesen, dass Unternehmen die beklagten Bürokratiekosten überwiegend selbst erzeugen.

Die entscheidende Erkenntnis lautet vielmehr:

Wir wissen es nicht hinreichend genau.

Und daraus entsteht eine empirisch überprüfbare Forschungsfrage:

Welcher Anteil des gemessenen bürokratischen Aufwands wird unmittelbar durch eine staatliche Vorschrift verursacht – und welcher entsteht durch die organisatorische Form ihrer innerbetrieblichen Umsetzung?

Gerade diese Vermittlung zwischen externer Regulierung und innerbetrieblicher Organisation erscheint in der bisherigen Bürokratiedebatte noch erstaunlich wenig untersucht.

Bei gesellschaftlichen Schutz- und Kontrollregeln kommt eine weitere Perspektive hinzu.

Viele heute als Bürokratie wahrgenommene Vorschriften haben eine Geschichte.

Idealtypisch:

gesellschaftlicher Missstand

Erfahrung von Betroffenen

Konflikt

politische Auseinandersetzung

gesetzliche Regelung

institutionalisierter Schutz

Verwaltungsverfahren

Am Ende dieses Prozesses steht möglicherweise ein Formular.

Wenn nur noch dieses Formular wahrgenommen wird, verschwindet die gesellschaftliche Auseinandersetzung, aus der es entstanden ist.

Aus einem historisch erkämpften Schutzrecht kann dann sprachlich eine Bürokratielast werden.

Historische Kompetenz bedeutet deshalb auch:

Bevor eine Vorschrift als überflüssige Bürokratie bewertet wird, ist zu fragen, warum sie entstanden ist und welches gesellschaftliche Problem mit ihr gelöst werden sollte.

Bürokratie organisiert nicht nur Arbeit.

Sie organisiert Macht und Herrschaft.

Staatliche Vorschriften können Unternehmen kontrollieren.

Unternehmensinterne Vorschriften können Beschäftigte kontrollieren.

Dokumentationspflichten können Beschäftigte belasten – dieselben Dokumentationen können ihnen aber auch ermöglichen, Arbeitszeitüberschreitungen oder Personalunterbesetzung nachzuweisen.

Reporting ermöglicht Unternehmensleitungen die Kontrolle dezentraler Bereiche.

Meetings können Beteiligung ermöglichen – oder hierarchische Entscheidungen lediglich kommunizieren und legitimieren.

Damit verändert sich erneut die Fragestellung:

Wer dokumentiert für wen?
Wer kontrolliert wen?
Wer erhält Informationen?
Wer entscheidet?
Wer trägt den Arbeitsaufwand?
Wer profitiert von der Regel?

Bürokratie wird damit als ein Verhältnis von Arbeit, Organisation und Herrschaft sichtbar.

Nun kann zur öffentlichen Sprache zurückgekehrt werden.

Warum wird eine Stunde staatlich vorgeschriebener Dokumentationsarbeit als Bürokratiekosten bezeichnet, eine Stunde innerbetrieblicher Berichterstattung dagegen als Management?

Warum heißt staatliche Kontrolle „Regulierung“, innerbetriebliche Kontrolle aber „Controlling“?

Warum erscheint die staatliche Vorschrift als Eingriff in wirtschaftliche Tätigkeit, während die betriebliche Hierarchie als Bestandteil dieser wirtschaftlichen Tätigkeit erscheint?

Die Forschung zeigt zumindest, dass die Wahl des Bürokratiebegriffs darüber entscheidet, welche Belastungen überhaupt untersucht werden. Die ifo-Studie von 2024 verzichtet zwar bewusst auf eine wissenschaftliche Definition und fragt Unternehmen nach ihrem eigenen Bürokratieverständnis, konzentriert sich in ihrer Untersuchung aber stark auf die Rolle öffentlicher Verwaltung und Regulierung. [Falck u. a. 2024]

Demgegenüber macht das New-Work-Barometer die innerorganisatorische Produktion von Bürokratie ausdrücklich zum Untersuchungsgegenstand. [Schermuly u. a. 2026]

Das ist noch kein Beweis für eine neoliberale Absicht.

Es ist aber eine Spur kultureller Hegemonie:

Nicht erst die Antwort auf eine gesellschaftliche Frage kann politisch geprägt sein. Bereits die Begriffe, mit denen wir die Frage formulieren, strukturieren den Raum möglicher Antworten.

Aus dieser Kritik darf nicht die umgekehrte Behauptung entstehen:

Jede bestehende Vorschrift ist notwendig.

Regeln können überholt sein. Verfahren können unnötig kompliziert werden. Organisationen können Strukturen erhalten, deren ursprüngliche Funktion verschwunden ist.

Stefan Kühl schlägt in seiner funktionalen Analyse der Bürokratisierung und Entbürokratisierung gerade deshalb einen anderen Blick vor. Organisationsstrukturen, die heute als übermäßige Bürokratie, steile Hierarchie oder Abteilungsegoismus erscheinen, sind häufig einmal als Lösungen konkreter Probleme entstanden. Bürokratische Strukturen können etwa Standardisierung, unpersönlichere Entscheidungsverfahren oder Rechtssicherheit gewährleisten. Deshalb sollte nicht nur nach dem erklärten Zweck einer Regel, sondern nach ihren tatsächlichen Funktionen und Folgen gefragt werden. [Kühl 2026]

Das führt zu einem anderen Prüfraster:

Welches Problem besteht?

Welche Ursachen besitzt es?

Welche konkrete Regel ist betroffen?

Warum wurde sie eingeführt?

Welche Funktion erfüllt sie heute?

Welchen Aufwand erzeugt sie?

Wie entsteht dieser Aufwand organisatorisch?

Wer trägt ihn?

Welche Interessen und Rechte sind betroffen?

Gibt es eine weniger aufwendige Möglichkeit, denselben gesellschaftlichen Zweck zu erreichen?

Welche Folgen erwarten wir von einer Veränderung?

Wie können diese Folgen überprüft werden?

Erst jetzt kann sinnvoll über Bürokratieabbau gesprochen werden.

Dann kann die Konsequenz durchaus lauten:

abschaffen.

Sie kann aber ebenso lauten:

vereinfachen, digitalisieren, Zuständigkeiten verändern, Personal aufstocken, Daten nur einmal erheben, Berichtssysteme reduzieren, Hierarchieebenen abbauen, Konferenzstrukturen verändern oder Schutzrechte einfacher organisieren.

Entscheidend ist:

Die Maßnahme folgt aus der Problemanalyse – nicht die Problemanalyse aus der bereits feststehenden Forderung nach Bürokratieabbau.

Damit verändert sich auch politische Handlungsfähigkeit.

Nicht:

Wir müssen Bürokratie abbauen.

Sondern beispielsweise:

Diese konkrete Dokumentationspflicht erfüllt keinen erkennbaren gesellschaftlichen Zweck mehr und sollte abgeschafft werden.

Oder:

Dieser Nachweis ist notwendig, kann aber ohne Mehrfacherfassung organisiert werden.

Oder:

Diese Regel schützt Beschäftigte; nicht die Regel selbst, sondern ihre betriebliche Umsetzung erzeugt einen Teil des vermeidbaren Aufwands.

Damit werden politische Forderungen konkret – und überprüfbar.

Am Ende steht deshalb nicht die Zahl abgeschaffter Vorschriften.

Auch eingesparte Milliarden an „Erfüllungsaufwand“ beantworten noch nicht die gesellschaftliche Frage.

Wenn Bürokratieabbau den Wohnungsbau fördern soll, muss anschließend untersucht werden, ob tatsächlich mehr bezahlbare Wohnungen entstanden sind.

Wenn Dokumentationspflichten in der Pflege reduziert werden, muss geprüft werden, ob Pflegekräfte tatsächlich mehr Zeit für Menschen besitzen – und ob gleichzeitig notwendige Qualitätskontrolle erhalten bleibt.

Wenn Unternehmen interne Meetings reduzieren, wäre zu untersuchen, ob dadurch tatsächlich mehr produktiv verfügbare Arbeitszeit entsteht – oder ob lediglich Beteiligungs- und Kommunikationsmöglichkeiten verschwinden.

Die Lernbewegung endet deshalb nicht mit einer endgültigen Antwort:

Wahrnehmen → irritieren → fragen → Zusammenhänge herstellen → historisieren → Machtverhältnisse untersuchen → urteilen → handeln → Folgen überprüfen → erneut fragen.

Eine gewisse Ironie bleibt.

Auch das, was in den letzten drei Schritten gefordert wird, erzeugt Aufwand.

Wer urteilen will, muss Informationen zusammentragen, unterschiedliche Interessen berücksichtigen und Alternativen prüfen.

Wer handeln und konkrete Veränderungen vornehmen will, muss Entscheidungen begründen, Zuständigkeiten klären und Verfahren organisieren.

Und wer anschließend die Folgen überprüfen will, braucht Kriterien, Daten, Dokumentation und Evaluation.

Kurz:

Analyse → Beteiligung → begründete Entscheidung → Dokumentation → Evaluation → erneute Überprüfung.

Auch das könnte man „Bürokratie“ nennen.

Vielleicht ist es aber gerade die Bürokratie, die am notwendigsten ist.

Denn eine Gesellschaft, die politische Maßnahmen nicht begründen, dokumentieren und auf ihre tatsächlichen Wirkungen überprüfen will, spart zunächst Aufwand. Sie weiß anschließend allerdings auch nicht, ob ihre Maßnahmen Probleme gelöst, lediglich verlagert oder neue geschaffen haben.

Damit kehrt die Ausgangsfrage in veränderter Form zurück:

Nicht wie viel Bürokratie brauchen wir – sondern welche? Für welchen Zweck? Für wen? Wer leistet die damit verbundene Arbeit? Und wer kann mit den dabei entstehenden Informationen was anfangen?

Vielleicht wäre deshalb eine der sinnvollsten Formen des Bürokratieabbaus ausgerechnet eine, die zunächst neue „Bürokratie“ erzeugt:

Nicht mehr pauschal Bürokratieabbau fordern, sondern konkret dokumentieren und überprüfen, was abgebaut werden soll, warum es abgebaut werden soll, welche Wirkung davon erwartet wird – und ob diese Wirkung anschließend tatsächlich eingetreten ist.

Das kostet Zeit.

Es erzeugt Arbeit.

Es verlangt Dokumentation.

Es ist ineffizient – jedenfalls dann, wenn Effizienz nur bedeutet, möglichst schnell zu entscheiden.

Für eine demokratische Gesellschaft könnte genau diese vermeintliche Ineffizienz jedoch eine ihrer notwendigen Voraussetzungen sein.

Vielleicht besteht das Problem also gar nicht darin, dass wir zu viel Bürokratie haben. Vielleicht haben wir an manchen Stellen zu viel von der falschen – und zu wenig von der richtigen.

Bundesregierung (2025): Modernisierungsagenda für Staat und Verwaltung. Die Bundesregierung formuliert als Ziel unter anderem eine Reduktion der Bürokratiebelastung um 25 Prozent sowie Einsparungen bei Bürokratiekosten und Erfüllungsaufwand.

Falck, Oliver u. a. (2024): Firmenbefragung zum Thema Bürokratie in Deutschland. ifo Institut, München. Befragung von Unternehmensentscheidern zu Umfang, Kosten und Wahrnehmung von Bürokratie sowie zur öffentlichen Verwaltung.

George, Bert / Pandey, Sanjay K. / Steijn, Bram / Decramer, Adelien / Audenaert, Mieke (2021): Red Tape, Organizational Performance, and Employee Outcomes: Meta-analysis, Meta-regression, and Research Agenda. Public Administration Review. Meta-Analyse zum Zusammenhang von „Red Tape“, Organisationsleistung und Auswirkungen auf Beschäftigte; besonders interessant für die Unterscheidung zwischen intern und extern erzeugtem Red Tape.

Haupt, Sabine / May, Frank Christian / Müller, Hans Christian (2024): Wettbewerbsvorteile durch Organisationswandel. Handelsblatt Research Institute, Düsseldorf, im Auftrag der Bayer AG. Enthält eine YouGov-Befragung von jeweils mehr als 1.000 Beschäftigten in Deutschland, den USA und Brasilien; deutsche Stichprobe: 1.068 Personen.

HR WORKS (2025): Verschenkte Arbeitszeit im Konferenzraum. Studie zur Meetingkultur in Deutschland. Befragung von 1.040 Beschäftigten durch Bilendi im Auftrag von HR WORKS. Ergebnisse unter anderem zu Meetingdauer, wahrgenommenem Zeitverlust, Stress und Überstunden.

Kannenberg, Axel (2024): Angestellte: Wir müssen um Meetings herum planen, um Zeit für Arbeit zu haben. heise online, 22.03.2024. Darstellung der deutschen Ergebnisse der Atlassian-Untersuchung zur Meetingkultur.

Kühl, Stefan (2026): Eine funktionale Analyse der Bürokratisierung und Entbürokratisierung. Working Paper 1/2026, Universität Bielefeld. Organisationssoziologische Analyse der Funktionen vermeintlich dysfunktionaler bürokratischer Strukturen.

Röhl, Klaus-Heiner / Seyda, Susanne / Schmitz, Edgar (2026): Bürokratielasten aus Sicht der deutschen Wirtschaft. Befragungsergebnisse und Handlungsempfehlungen. IW-Policy Paper 4/2026, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln.

Schermuly, Carsten C. / Wilsker, Fried C. / Rinne, Carla / Meifert, Matthias (2026): New-Work-Barometer 2026: HR ist Bürokratiespitzenreiter. SRH University of Applied Sciences / Personalmagazin / HR Pepper. 734 Befragte; Schwerpunkt interne und externe Bürokratie in Organisationen.

The Stepstone Group (2024): Frust im Job: Beschäftigte verbringen mehr als 8 Stunden pro Woche mit unnötigen Aufgaben und Meetings. Befragung von 5.800 Beschäftigten in Deutschland.

Atlassian (2024): Workplace Woes: Meetings. Internationale Befragung von Wissensarbeitenden zu Meetinghäufigkeit, Arbeitsunterbrechungen und wahrgenommener Effektivität. Die veröffentlichten Deutschland-Ergebnisse weisen unter anderem auf hohe wahrgenommene Meetingbelastung hin.

Für eine theoretische Vertiefung sollte die aktuelle Bürokratiedebatte mit der älteren Organisations- und Gesellschaftstheorie verbunden werden:

Crozier, Michel (1964): The Bureaucratic Phenomenon. Chicago: University of Chicago Press.
Klassische Untersuchung darüber, wie bürokratische Organisationen eigene Machtbeziehungen, Routinen und Blockaden erzeugen.

Graeber, David (2015): The Utopia of Rules. On Technology, Stupidity, and the Secret Joys of Bureaucracy. Brooklyn/London: Melville House.
Provokative gesellschaftstheoretische Erweiterung des Bürokratiebegriffs; besonders interessant für die Kritik der Vorstellung, Bürokratie sei primär ein staatliches Phänomen.

Graeber, David (2018): Bullshit Jobs. A Theory. New York: Simon & Schuster.
Für die Frage nach gesellschaftlich und betrieblich erzeugter Arbeit, deren Sinn selbst von den Beschäftigten bezweifelt wird.

Kühl, Stefan (2020): Brauchbare Illegalität. Vom Nutzen des Regelbruchs in Organisationen. Frankfurt/New York: Campus.
Für den Widerspruch zwischen formalen Organisationsregeln und der tatsächlichen Funktionsfähigkeit von Organisationen.

Luhmann, Niklas (1964): Funktionen und Folgen formaler Organisation. Berlin: Duncker & Humblot.
Grundlegend für die Frage, warum formale Organisationsstrukturen entstehen und welche nicht intendierten Folgen sie besitzen.

Merton, Robert K. (1940): Bureaucratic Structure and Personality. Social Forces, 18(4), 560–568.
Klassischer Text über Dysfunktionen bürokratischer Organisation.

Weber, Max (1922): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr.
Ausgangspunkt einer Analyse bürokratischer Herrschaft. Wichtig gerade deshalb, weil Bürokratie bei Weber nicht einfach als ineffizient erscheint, sondern als spezifische Form rationalisierter Herrschaft.

Adler, Paul S. / Borys, Bryan (1996): Two Types of Bureaucracy: Enabling and Coercive. Administrative Science Quarterly, 41(1), 61–89.
Für unseren Zusammenhang besonders interessant: Die Autoren unterscheiden zwischen Bürokratie, die Arbeit ermöglicht und unterstützt, und Bürokratie, die primär kontrolliert und Zwang ausübt. Das bietet einen theoretischen Anknüpfungspunkt für die Frage nach der „richtigen“ und „falschen“ Bürokratie.

Bozeman, Barry (2000): Bureaucracy and Red Tape. Upper Saddle River: Prentice Hall.
Grundlegend für die wissenschaftliche Red-Tape-Forschung und die Unterscheidung zwischen notwendigen Regeln und Regeln, deren Aufwand nicht mehr durch ihren gesellschaftlichen bzw. organisatorischen Nutzen gerechtfertigt erscheint.

Graeber, David / Wengrow, David (2021): The Dawn of Everything. New York: Farrar, Straus and Giroux.
Nicht unmittelbar eine Bürokratiestudie, aber interessant für die weitergehende Frage, ob Hierarchie und bürokratische Organisation zwangsläufig aus gesellschaftlicher Komplexität entstehen.

Bundesregierung: Modernisierungsagenda für Staat und Verwaltung.
https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975954/2389948/9bedbfe034276b0587c4e3923092d38c/96-1-bmds-modernisierungsagenda-bt-data.pdf

Schermuly u. a.: New-Work-Barometer 2026: HR ist Bürokratiespitzenreiter.
https://www.haufe.de/personal/hr-management/new-work-barometer-2026-hr-ist-buerokratiespitzenreiter_80_693060.html

Handelsblatt Research Institute: Wettbewerbsvorteile durch Organisationswandel.
https://research.handelsblatt.com/wp-content/uploads/2024/10/2024_HRI_Bayer_Change_D_ES.pdf

ifo Institut: Firmenbefragung zum Thema Bürokratie in Deutschland.
https://www.ifo.de/DocDL/ifo_Studie_BMF_Buerokratieabbau.pdf

Institut der deutschen Wirtschaft: Bürokratielasten aus Sicht der deutschen Wirtschaft.
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/policy_papers/PDF/2026/IW-Policy-Paper_2026-B%C3%BCrokratielasten.pdf

Kühl: Eine funktionale Analyse der Bürokratisierung und Entbürokratisierung.
https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/soziologie/fakultaet/personen/kuehl/workingpapers/Kuhl-Stefan-Working-Paper-1-2026-Funktionale-Analyse-der-%28Ent-%29Burokratisierung.pdf

The Stepstone Group: Frust im Job.
https://www.thestepstonegroup.com/deutsch/newsroom/pressemitteilungen/frust-im-job-beschaeftigte-verbringen-mehr-als-8-stunden-pro-woche-mit-unnoetigen-aufgaben-und-meetings/

Kannenberg/Heise: Angestellte: Wir müssen um Meetings herum planen, um Zeit für Arbeit zu haben.
https://www.heise.de/news/Studie-Das-haeufigste-Ergebnis-von-Meetings-sind-weitere-Meetings-9663734.html

Die folgenden Beiträge dienen nicht nur als Belege für einzelne Sachverhalte. Sie können zugleich als Quellen für die Analyse des öffentlichen Framings von „Bürokratie“ und „Bürokratieabbau“ gelesen werden: Was wird überhaupt als Bürokratie bezeichnet? Welche Ursachen werden genannt? Wer erscheint als Verursacher, wer als Betroffener? Welche gesellschaftlichen Funktionen von Regelungen werden thematisiert – und welche bleiben ausgeblendet?

ARD/Tagesschau: Themenschwerpunkt Bürokratieabbau

Tagesschau (fortlaufend): Bürokratieabbau – aktuelle Nachrichten.
Themenseite mit Beiträgen zu den Maßnahmen der Bundesregierung, Wirtschaft, Mittelstand, Sozialstaat, Landwirtschaft, Umweltfragen und Digitalisierung. Besonders geeignet, um die Entwicklung und Wiederholung bestimmter Deutungsmuster über einen längeren Zeitraum zu verfolgen.

https://www.tagesschau.de/thema/b%C3%BCrokratieabbau

Tagesschau/ARD, 15.07.2026: „Entlastungskabinett“ billigt Maßnahmen

„Keine Plakette fürs E-Auto, keine Prüfung der Kaffeemaschine.“
Bericht über die Beschlüsse des sogenannten Entlastungskabinetts. Die Bundesregierung beziffert die erwartete jährliche Entlastung der beschlossenen Maßnahmen auf rund 600 Millionen Euro.

Für die Framing-Analyse interessant: Bürokratieabbau erscheint unmittelbar als „Entlastung“. An konkreten Einzelbeispielen lässt sich zugleich prüfen, was tatsächlich abgeschafft wird und welche gesellschaftliche Funktion die jeweilige Vorschrift ursprünglich besaß.

https://www.tagesschau.de/inland/regierung-buerokratie-abbau-100.html

Tagesschau/ARD, 15.07.2026: „Eine Ministerrunde, die das Leben einfacher machen soll“

Bericht über das „Entlastungskabinett“ und die politische Zielsetzung der Bundesregierung.

Bereits die Überschrift ist für die Analyse interessant: Bürokratieabbau = das Leben einfacher machen. Damit ist die positive Bewertung bereits sprachlich gesetzt, bevor einzelne Regelungen und ihre Funktionen untersucht werden.

https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kabinett-buerokratie-abbau-100.html

Plusminus/Tagesschau, 08./18.07.2026: „Skepsis statt Euphorie beim Mittelstand“

Der Beitrag greift die verbreitete These auf, Bürokratie sei eine erhebliche „Wachstumsbremse“, weist aber zugleich darauf hin, dass die Ursachen der beklagten Probleme nur teilweise auf der Bundesebene liegen.

Für den Portalbeitrag besonders interessant, weil hier bereits sichtbar wird, dass die einfache Wirkungskette

Bürokratie → Belastung → weniger Wachstum

bei genauerer Betrachtung differenziert werden muss.

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/buerokratie-bremst-wirtschaft-regierung-plant-reform-100.html

Deutsche Bundesbank, 29.07.2026: „Bürokratiekosten in Deutschland messbar gestiegen“

Bericht zur Unternehmensbefragung der Bundesbank mit rund 7.000 Unternehmen. Die Bundesbank kommt zu dem Ergebnis, dass die von den Unternehmen angegebenen Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 deutlich gestiegen seien.

Für unsere Fragestellung ist insbesondere die Definition wichtig: Untersucht werden Kosten durch regulatorische Vorgaben. Unternehmensintern selbst erzeugter Organisationsaufwand wird damit nicht in gleicher Weise als Bürokratie erfasst.

https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/bundesbank-monatsbericht-buerokratiekosten-in-deutschland-messbar-gestiegen-1004094

Telepolis: „HR wird zum Bürokratie-Spitzenreiter in Unternehmen“

Marcus Schwarzbach: HR wird zum Bürokratie-Spitzenreiter in Unternehmen.

Ausgangspunkt unserer Erweiterung um innerbetriebliche und konzerninterne Bürokratie. Der Beitrag greift Befunde des New-Work-Barometers 2026 auf und verweist auf interne Richtlinien, Reporting, Matrixorganisationen, Performance-Messung und andere von Unternehmen selbst erzeugte bürokratische Strukturen.

Gerade deshalb interessant: Der Beitrag argumentiert teilweise selbst innerhalb des vorherrschenden Effizienz- und Belastungsdiskurses, liefert aber zugleich Material, das die einfache Gegenüberstellung von „bürokratischem Staat“ und „effizienter Wirtschaft“ infrage stellt.

https://www.telepolis.de/article/HR-wird-zum-Buerokratie-Spitzenreiter-in-Unternehmen-11423747.html

Heise online, 22.03.2024: „Das häufigste Ergebnis von Meetings sind weitere Meetings“

Axel Kannenberg berichtet über Ergebnisse einer Atlassian-Befragung zur Meetingkultur. 80 Prozent der deutschen Befragten hielten Meetings häufig für wenig zielführend, 78 Prozent berichteten Schwierigkeiten, neben den angesetzten Meetings zur eigentlichen Arbeit zu kommen; 71 Prozent zufolge führen Meetings häufig zur Planung weiterer Meetings.

Der Beitrag erschließt eine Form von Bürokratie, die im öffentlichen Bürokratieabbau-Diskurs selten auftaucht: kommunikative Organisationsbürokratie.

https://www.heise.de/news/Studie-Das-haeufigste-Ergebnis-von-Meetings-sind-weitere-Meetings-9663734.html

Stepstone, 2024: „Mehr als 8 Stunden pro Woche mit unnötigen Aufgaben und Meetings“

Bericht über die Befragung von 5.800 Beschäftigten in Deutschland. Vollzeitbeschäftigte geben durchschnittlich 8,7 Wochenstunden für aus ihrer Sicht wenig produktive Tätigkeiten wie unnötige Meetings und redundante Aufgaben an.

Interessant als Gegenfolie zur öffentlichen Berechnung staatlich verursachter „Bürokratiekosten“: Auch unternehmensintern erzeugte Organisationsstrukturen binden erhebliche Arbeitszeit.

https://www.thestepstonegroup.com/deutsch/newsroom/pressemitteilungen/frust-im-job-beschaeftigte-verbringen-mehr-als-8-stunden-pro-woche-mit-unnoetigen-aufgaben-und-meetings/

Die mediale Berichterstattung sollte deshalb nicht nur als zusätzliche Belegsammlung verstanden werden. Sie kann selbst zum Untersuchungsgegenstand werden.

Vergleichend lässt sich fragen:

Welche Wörter stehen neben „Bürokratie“?
Belastung – Last – Hemmnis – Bremse – Kosten – Vorschriften.

Welche Wörter stehen neben „Bürokratieabbau“?
Entlastung – Beschleunigung – Modernisierung – Wachstum – einfacher – effizienter.

Wer erscheint als Verursacher von Bürokratie?
Überwiegend Staat, Gesetzgeber und Verwaltung.

Wer erscheint als Betroffener?
Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger, Beschäftigte.

Wo erscheinen Unternehmen als Produzenten von Bürokratie?
Sehr viel seltener – und dann häufig unter anderen Begriffen: Management, Reporting, Controlling, Compliance, Prozesse, Koordination.

Welche Frage wird selten gestellt?
Welchen gesellschaftlichen Zweck erfüllt die jeweils als „Bürokratie“ bezeichnete Regel?

Gerade der Vergleich zwischen Tagesschau, Wirtschaftspresse, Telepolis sowie Berichten über innerbetriebliche Bürokratie und Meetingstrukturen eröffnet deshalb eine zusätzliche Ebene des Spurenlesens:

Nicht nur untersuchen, ob Bürokratie ein gesellschaftliches Problem ist, sondern auch, wie sie medial zu einem bestimmten gesellschaftlichen Problem gemacht wird.

Damit werden die Medienbeiträge selbst zu Quellen für die Untersuchung kultureller Hegemonie und hegemonialen Framings.

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