Station 3: 1918–1933 – Der Krieg ist vorbei. Wie macht man daraus Frieden?

Die dritte Station unserer Reise

1918 schweigen die Waffen. Der Erste Weltkrieg ist beendet.

Aber damit ist noch kein Frieden gemacht.

Millionen Tote und Verwundete, zerstörte Regionen, wirtschaftliche Not und politische Umbrüche prägen Europa. Monarchien verschwinden, neue Staaten entstehen, Grenzen werden verändert. Die ehemaligen Gegner müssen eine politische Ordnung für die Zeit nach dem Krieg finden.

1919 wird in Versailles ein Friedensvertrag geschlossen.

Aber was braucht es eigentlich, damit aus einem Friedensvertrag Frieden wird?

Wir wissen, dass 1939 ein neuer Weltkrieg beginnt. Dadurch erscheint die Zwischenkriegszeit im Rückblick leicht als bloßer Weg von Versailles zu Hitler und zum nächsten Krieg.

Für die Menschen der 1920er Jahre war diese Zukunft aber nicht entschieden.

Es gab Nationalismus, Revancheforderungen und politische Gewalt. Aber es gab auch den Völkerbund, internationale Verständigungsversuche, Abrüstungsinitiativen und Friedensbewegungen. Deutschland und Frankreich näherten sich zeitweise an.

Wir suchen deshalb gerade auch nach diesen nicht verwirklichten Möglichkeiten.


Fragen für diese Station

Was braucht es nach einem Krieg, damit ehemalige Feinde wieder miteinander leben können?

Kann ein Friedensvertrag Frieden schaffen, wenn eine Seite ihn als Demütigung empfindet?

Welche Bedeutung haben Gerechtigkeit, Reparationen und Sicherheitsinteressen für eine Friedensordnung?

Wie wird an einen vergangenen Krieg erinnert – und was bewirken unterschiedliche Erinnerungen für die Gegenwart?

Warum können aus derselben Kriegserfahrung Forderungen nach „Nie wieder Krieg“ und nach Revanche entstehen?

Welche Möglichkeiten bieten internationale Institutionen, Diplomatie und Abrüstung?

Welche Bedeutung haben Friedensbewegungen und gesellschaftliche Verständigung?

Wer besitzt die Macht, solche Möglichkeiten tatsächlich durchzusetzen?

Und schließlich:

Warum erinnern wir uns so genau an das Scheitern der Weimarer Republik – und so viel weniger an die Versuche, nach 1918 eine neue europäische Friedensordnung aufzubauen?


Historischer Kontext – einige Spuren

1. Versailles – Frieden durch Vertrag?
Der Versailler Vertrag beendet formal den Kriegszustand zwischen Deutschland und den Alliierten. Gebietsverluste, Reparationen, militärische Beschränkungen und die Frage deutscher Verantwortung werden jedoch selbst zu Gegenständen politischer Auseinandersetzung.

Für unseren Lernweg interessiert weniger die alte Frage, ob Versailles „zu hart“ oder „zu weich“ gewesen sei, sondern: Welche Bedingungen braucht ein Friedensvertrag, damit daraus eine akzeptierte Friedensordnung entstehen kann?

Kaiserreich, Imperialismus und Erster Weltkrieg

2. Revolution und Demokratie
Das Ende des Krieges fällt mit dem Ende des Kaiserreichs zusammen. Die Weimarer Republik entsteht aus Revolution, Niederlage und gesellschaftlichen Konflikten. Frieden machen bedeutet deshalb zugleich, eine neue politische Ordnung aufzubauen.

100 Jahre Geschichte – Zeit der Katastrophen und gesellschaftlichen Umbrüche

3. Wie erinnern wir den Krieg?
Pazifistische Erinnerung, soldatische Kameradschaft, nationale Opfererzählungen und die sogenannte Dolchstoßlegende konkurrieren miteinander. Die Vergangenheit wird zum politischen Kampfplatz der Gegenwart.

Umkämpfte Erinnerung – Die Weimarer Gesellschaft und der Krieg

4. Völkerbund – Frieden institutionalisieren
Mit dem Völkerbund entsteht der Versuch, internationale Konflikte nicht allein durch das Kräftegleichgewicht bewaffneter Staaten, sondern durch gemeinsame Regeln und Institutionen zu bearbeiten. Deutschland wird 1926 Mitglied.

Damit entsteht eine neue Möglichkeit unseres Lernwegs: Frieden durch Institutionen statt allein durch Abschreckung.

Kaiserreich, Imperialismus und Erster Weltkrieg

5. Verständigung statt Revanche
Gustav Stresemann und Aristide Briand stehen exemplarisch für eine Phase deutsch-französischer Annäherung. Die Verträge von Locarno 1925 zeigen, dass die ehemaligen Kriegsgegner ihre Beziehungen auch anders gestalten konnten.

Das ist für unseren Lernweg wichtig: 1925 enthält eine andere mögliche Zukunft als 1933.

6. Abrüstung und Friedensbewegung
Internationale Friedensorganisationen, Pazifisten und Teile der Arbeiterbewegung versuchen, aus den Erfahrungen des Weltkriegs Konsequenzen zu ziehen. Der Briand-Kellogg-Pakt von 1928 ächtet den Krieg als Mittel nationaler Politik.

Der Erste Weltkrieg im Film der Weimarer Republik

Zwei Filme begleiten uns

NIEMANDSLAND – Victor Trivas, 1931

Fünf Soldaten verschiedener Nationen geraten während des Ersten Weltkriegs in einem Unterstand zwischen die Fronten. Sie können einander nicht verstehen – und entdecken dennoch, dass die Männer, die der Krieg zu Feinden gemacht hat, miteinander leben können.

Für unseren Lernweg: Der Film fragt nach der Möglichkeit, Feindschaft wieder zu verlernen. Sind Menschen Feinde, weil sie sich feindlich gegenüberstehen – oder weil Staaten, Nationalismus und Krieg sie zu Feinden machen?

Besonders wichtig ist seine Entstehungszeit. Der Film kommt 1931 in die Kinos. Seine Produzenten und Zuschauer kennen weder 1933 noch 1939 oder 1945.

Niemandsland wird damit für uns zu einer historischen Spur einer möglichen Zukunft, die nicht Wirklichkeit wurde.

Umkämpfte Erinnerung – Die Weimarer Gesellschaft und der Krieg

Der Erste Weltkrieg im Film der Weimarer Republik


BERGE IN FLAMMEN – Luis Trenker / Karl Hartl, 1931

Auch dieser Film blickt 1931 auf den Ersten Weltkrieg zurück. Doch die Erinnerung ist eine andere. Kameradschaft, soldatische Bewährung, Heimat und Opferbereitschaft erhalten ein anderes Gewicht als in den pazifistisch orientierten Filmen.

Für unseren Lernweg: Gerade die Gegenüberstellung mit Niemandsland ist produktiv. Derselbe Krieg erzeugt nicht dieselbe Erinnerung.

Filme tragen dazu bei, welche Erfahrungen bewahrt, welche vergessen und welche gesellschaftlichen Vorstellungen für die Zukunft daraus entwickelt werden.

Damit können wir fragen: Welche Erinnerung an einen vergangenen Krieg hilft, Frieden zu machen – und welche kann neue Feindschaften vorbereiten?

Krieg: Heldenhafter Weg zu Ruhm und Ehre?

Umkämpfte Erinnerung – Die Weimarer Gesellschaft und der Krieg

7. Krise verändert Möglichkeiten
Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit verändern seit 1929 die politischen Kräfteverhältnisse. Demokratische und internationale Lösungen verlieren an Unterstützung, nationalistische und autoritäre Angebote gewinnen an Bedeutung.

100 Jahre Geschichte – Zeit der Katastrophen und gesellschaftlichen Umbrüche

8. Möglichkeiten verschwinden nicht von selbst
1933 endet die demokratische Entwicklung der Weimarer Republik. Friedensbewegungen werden verfolgt, politische Gegner ausgeschaltet und internationale Verständigung zunehmend durch eine Politik von Aufrüstung und Expansion ersetzt.

Für unseren Lernweg ist deshalb entscheidend: Welche gesellschaftlichen und politischen Bedingungen müssen erhalten oder geschaffen werden, damit friedliche Handlungsmöglichkeiten überhaupt bestehen bleiben?

100 Jahre Geschichte – Zeit der Katastrophen und gesellschaftlichen Umbrüche

Drei Titel zur Vertiefung
  • Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik.
    Ein kompakter Überblick über politische Ordnung, gesellschaftliche Konflikte, internationale Beziehungen und die unterschiedlichen Phasen der Republik.
  • Detlev J. K. Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne.
    Besonders hilfreich, weil Weimar nicht nur von seinem Scheitern her betrachtet wird, sondern als widersprüchliche moderne Gesellschaft mit unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten.
  • Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923.
    Für unseren Lernweg besonders ergiebig: Leonhard untersucht die Schwierigkeiten, nach einem globalen Krieg eine neue internationale Ordnung herzustellen.

Was nehmen wir mit zur nächsten Station?

Wir verlassen diese Station mit einer wichtigen Erfahrung:

Nach 1918 gab es nicht nur den Weg zum nächsten Krieg. Es gab auch Versuche, Frieden institutionell zu organisieren, abzurüsten, ehemalige Gegner miteinander zu versöhnen und Krieg politisch zu ächten.

Sie haben den nächsten Krieg nicht verhindert.

Aber daraus folgt nicht, dass sie bedeutungslos waren.

Es zwingt uns vielmehr zu fragen, warum andere gesellschaftliche Kräfte schließlich mächtiger wurden und warum Möglichkeiten, die Mitte der 1920er Jahre noch vorhanden waren, wenige Jahre später zerstört werden konnten.

1933 beginnt noch kein neuer Weltkrieg.

Noch herrscht Frieden.

Aber die Bedingungen verändern sich.

Station 4: 1933–1939 – Wie wird eine Gesellschaft kriegsfähig gemacht, während noch Frieden ist?

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