Demokratisierung der Wirtschaft – von der Rätedemokratie zur Wirtschaftsdemokratie

Erweiterung um historische Perspektiven

Eine historisch-materialistisch orientierte ökonomische Kompetenz muss die Frage nach der Demokratisierung wirtschaftlicher Macht in ihrer historischen Entwicklung betrachten. Die Forderung nach einer demokratischen Gestaltung der Ökonomie entstand nicht erst in aktuellen Debatten über Genossenschaften, Gemeinwohlökonomie oder Vergesellschaftung, sondern ist eng mit den sozialen Kämpfen der Arbeiterbewegung, den Erfahrungen der Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg und den Neuordnungsdebatten nach 1945 verbunden.

Sie macht sichtbar, dass die Wirtschaftsordnung nicht allein durch technische Sachzwänge oder Marktmechanismen bestimmt wird, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Konflikte um Eigentum, Verfügungsmacht und demokratische Kontrolle ist.


1. Rätedemokratie: Demokratische Selbstverwaltung von Arbeit und Gesellschaft

Die Idee der Rätedemokratie entstand aus den revolutionären Bewegungen am Ende des Ersten Weltkriegs. Arbeiter- und Soldatenräte bildeten 1918/19 eine Form unmittelbarer demokratischer Organisierung, die nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Entscheidungsstrukturen verändern wollte.

Im Zentrum stand die Vorstellung, dass diejenigen, die in Produktionsprozessen tätig sind, auch über deren Gestaltung mitentscheiden sollen. Wirtschaftliche Demokratie wurde dabei nicht nur als Mitbestimmung innerhalb bestehender Eigentumsverhältnisse verstanden, sondern als grundsätzliche Frage gesellschaftlicher Verfügung über Produktion und Ressourcen.

Die Rätebewegung stellte damit eine grundlegende Frage:

Kann politische Demokratie dauerhaft bestehen, wenn die zentralen wirtschaftlichen Entscheidungen weiterhin einer kleinen Gruppe von Eigentümern und Kapitalverfügenden vorbehalten bleiben?

Aus dieser Perspektive war die Demokratisierung der Wirtschaft eine notwendige Ergänzung parlamentarischer Demokratie.

Bedeutung für ökonomische Kompetenz

Die Beschäftigung mit der Rätedemokratie ermöglicht Lernenden, Wirtschaft als gesellschaftlichen Entscheidungsraum zu verstehen. Sie eröffnet eine Analyseperspektive auf:

  • das Verhältnis von politischer und wirtschaftlicher Macht,
  • Eigentumsstrukturen,
  • direkte Demokratie und Selbstverwaltung,
  • Grenzen parlamentarischer Demokratie ohne ökonomische Teilhabe.

Die Rätebewegung ist damit ein historisches Beispiel für die Frage, wie demokratische Prinzipien auf die Arbeitswelt übertragen werden können.


2. Wirtschaftsdemokratie in der Weimarer Republik

Die Debatte um Wirtschaftsdemokratie wurde in der Weimarer Republik insbesondere durch sozialdemokratische und gewerkschaftliche Theoretiker entwickelt.

Während die politische Demokratie mit der Weimarer Verfassung institutionell verankert wurde, blieb die Wirtschaft weitgehend durch private Eigentumsverhältnisse und hierarchische Unternehmensstrukturen geprägt.

Vertreter der Wirtschaftsdemokratie argumentierten deshalb, dass Demokratie nicht am Fabriktor enden dürfe.

Der Gewerkschaftstheoretiker Fritz Naphtali entwickelte 1928 im Auftrag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) das Konzept der Wirtschaftsdemokratie. Dieses verband:

  • betriebliche Mitbestimmung,
  • gesellschaftliche Kontrolle wirtschaftlicher Macht,
  • Demokratisierung wirtschaftlicher Institutionen.

3. Viktor Agartz und die Wirtschaftsdemokratie nach 1945

Nach dem Ende des Nationalsozialismus gewann die Frage einer demokratischen Wirtschaftsordnung erneut zentrale Bedeutung. Die Erfahrungen mit der Konzentration wirtschaftlicher Macht im Nationalsozialismus führten in den ersten Nachkriegsjahren zu weitreichenden Diskussionen über eine Neuordnung von Eigentum und Wirtschaft.

Eine zentrale Figur dieser Debatte war Viktor Agartz (1897–1964), Ökonom, Gewerkschafter und von 1948 bis 1955 Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts des Deutschen Gewerkschaftsbundes (WWI).

Agartz vertrat eine weitreichende Vorstellung von Wirtschaftsdemokratie. Für ihn bedeutete demokratische Gesellschaft nicht nur politische Freiheit, sondern auch die Überwindung einer Wirtschaftsordnung, in der private Kapitalmacht gesellschaftliche Entscheidungen bestimmt.

Seine Position verband:

  • demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Schlüsselbereiche,
  • gesellschaftliche Planung wirtschaftlicher Entwicklung,
  • Ausbau gewerkschaftlicher Einflussmöglichkeiten,
  • Überführung zentraler Wirtschaftsbereiche in gesellschaftliche Verantwortung.

Dabei verstand Agartz Wirtschaftsdemokratie nicht als bloße Ergänzung des Kapitalismus durch Mitbestimmung, sondern als einen Transformationsprozess hin zu einer sozial gerechteren Wirtschaftsordnung.

Ein wichtiger Ausgangspunkt war die Überzeugung:

Demokratie müsse auch dort gelten, wo über Produktion, Investitionen und Verteilung entschieden wird.

Damit stand Agartz in einer Tradition, die politische Demokratie und soziale Demokratie als untrennbar miteinander verbunden betrachtete..


4. Bedeutung für das Konzept der Gesellschaftskompetenzen

Im Rahmen der Gesellschaftskompetenzen erweitert die historische Betrachtung von Rätedemokratie und Wirtschaftsdemokratie den Begriff ökonomischer Kompetenz entscheidend.

Ökonomische Kompetenz bedeutet nicht nur:

  • Haushalte führen,
  • Märkte verstehen,
  • wirtschaftliche Entscheidungen treffen.

Sie bedeutet vielmehr:

  • wirtschaftliche Machtstrukturen erkennen,
  • historische Alternativen analysieren,
  • Interessen und Konflikte sichtbar machen,
  • demokratische Gestaltungsmöglichkeiten entwickeln.

Die Auseinandersetzung mit Rätebewegung und Wirtschaftsdemokratie ermöglicht eine Verbindung von historischem Lernen, politischer Bildung und ökonomischer Analyse.

Sie stärkt insbesondere:

  • historische Kompetenz, indem wirtschaftliche Ordnungen als veränderbare historische Produkte verstanden werden;
  • politische Kompetenz, indem Macht- und Entscheidungsstrukturen analysiert werden;
  • Identitätskompetenz, indem Menschen als gesellschaftliche Akteure und nicht nur als Marktteilnehmer begriffen werden;
  • Utopiefähigkeit, indem alternative Formen wirtschaftlicher Organisation denkbar werden.

Literatur

Rätedemkoratie:

  • Abendroth, Wolfgang (1965): Aufstieg und Krise der deutschen Sozialdemokratie. Das Problem der Zweckentfremdung einer politischen Partei durch die Anpassung an gesellschaftliche Machtverhältnisse. Frankfurt am Main: Stimme-Verlag.
  • Broué, Pierre (2023): Die deutsche Revolution 1917–1923. Berlin: Manifest Verlag.
  • Korsch, Karl (1923): Marxismus und Philosophie. Leipzig: Hirschfeld.

Wirtschaftsdemokratie in der Weimarer Republik

  • Fritz Naphtali (Hrsg.): Wirtschaftsdemokratie. Ihr Wesen, Weg und Ziel. Berlin 1928 (Neudruck: Bund-Verlag, Köln 1984
  • ADGB (1928): Resolution des ADGB-Kongress 1928 in Hamburg über „Die Verwirklichung der Wirtschaftsdemokratie“. In: Michael Schneider (Hrsg.): Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland von den Anfängen bis heute. Dietz, Bonn 2000, S. 524–525 (Dokument 16).
  • DGB (1949): Wirtschaftspolitische Grundsätze des Deutschen Gewerkschaftsbundes vom Oktober 1949. In: Michael Schneider (Hrsg.): Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland von den Anfängen bis heute. Dietz, Bonn 2000, S. 544–550 (Dokument 24).
  • Wirtschaftsdemokratie. In: Salomon Schwarz: Handbuch der deutschen Gewerkschaftskongresse (Kongresse des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes). Verlagsgesellschaft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Berlin 1930, S. 406–425.
  • Hilferding, Rudolf (1910): Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung.

Wirtschaftsdemokratie nach 1945

  • Abendroth, Wolfgang (1972): Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie. Aufsätze zur politischen Soziologie. Neuwied: Luchterhand.
  • Huster, Ernst-Ulrich (1980): Die Entwicklung der Theorie der Wirtschaftsdemokratie in Deutschland. Frankfurt am Main: Campus
  • Jünke, Christoph (Hrsg.): Viktor Agartz oder: Ein Leben für und wider die Wirtschaftsdemokratie, Karl Dietz Verlag, Berlin 2024
  • Schmidt, Eberhard (1970): Die verhinderte Neuordnung 1945–1952. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1970

 

 

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