Zwischenstation: 1933–1945 – Wie kann eine Gesellschaft dazu fähig werden?

Dieser Krieg war nicht „nur“ Krieg

Wir müssen an dieser Stelle unserer Reise noch einmal anhalten.

Denn wenn wir den Zweiten Weltkrieg nur als einen besonders großen und zerstörerischen Krieg betrachten, verstehen wir nicht, was für ein Krieg von Deutschland geführt wurde.

Eroberung sollte neuen Herrschaftsraum schaffen. Besetzte Gebiete sollten wirtschaftlich ausgebeutet, Rohstoffe und Nahrungsmittel für Deutschland verfügbar gemacht und Millionen Menschen als Arbeitskräfte eingesetzt werden.

Vor allem im Osten verband sich dieser Eroberungs- und Ausbeutungskrieg von Anfang an mit einer rassistischen Vernichtungspolitik.

Menschen wurden nicht nur zu militärischen Gegnern erklärt. Ganze Bevölkerungsgruppen wurden entrechtet, vertrieben, ausgehungert und ermordet.

Und schließlich wurden die europäischen Juden systematisch verfolgt, deportiert und ermordet.

Der Holocaust ist deshalb keine weitere Episode unserer Kriegsgeschichte.

Er zwingt uns, unsere bisherige Frage grundsätzlich zu verändern.

Wir haben gefragt, wie eine Gesellschaft kriegsfähig gemacht wird.

Jetzt müssen wir fragen:

Wie kann eine Gesellschaft so werden, dass Menschen andere Menschen systematisch entrechten, ausbeuten, deportieren und vernichten können?


Fragen für diese Zwischenstation

Wie werden aus Mitmenschen zunächst „Andere“ und schließlich „Feinde“?

Was geschieht, wenn Menschen schrittweise Rechte entzogen werden?

Welche Bedeutung haben Rassismus und Antisemitismus – und wie werden sie gesellschaftlich wirksam?

Wie wird aus Ausgrenzung Verfolgung und aus Verfolgung organisierter Mord?

Wer entscheidet, wer plant, wer organisiert?

Wer stellt Züge, Gebäude, Waffen, Chemikalien, Verwaltungswissen und Arbeitskräfte zur Verfügung?

Welche Rolle spielen Staat und Partei, SS und Wehrmacht, Verwaltung und Polizei, Unternehmen und Wissenschaft?

Wer profitiert von Enteignung, Zwangsarbeit, Besatzung und Vernichtung?

Was wissen diejenigen, die nicht unmittelbar an den Verbrechen beteiligt sind?

Wer macht mit, wer passt sich an, wer profitiert, wer schaut weg, wer hilft – und wer widersetzt sich?

Und eine besonders schwierige Frage:

Muss ein Mensch von einer Ideologie überzeugt sein, um an einem verbrecherischen System mitzuwirken?

Schließlich:

Wie wird aus individuellen Handlungen, institutionellen Routinen, wirtschaftlichen Interessen, rassistischen Vorstellungen und staatlicher Gewalt ein gesellschaftliches System, das millionenfachen Mord organisieren kann?


Historischer Kontext – einige Spuren

1. Ausgrenzung beginnt lange vor dem Mord
Entrechtung und Verfolgung entwickeln sich schrittweise: Berufsverbote, antisemitische Gesetzgebung, Enteignung, gesellschaftliche Ausgrenzung und offene Gewalt verändern seit 1933 die Lebensmöglichkeiten jüdischer Menschen.

Die spätere Vernichtung darf nicht rückwärts als zwangsläufiges Ergebnis jeder einzelnen Maßnahme gelesen werden. Aber wir können untersuchen, wie mit jedem Schritt gesellschaftliche Grenzen des bislang Vorstellbaren verschoben werden.

Nationalsozialismus – historische Themen

2. „Volksgemeinschaft“ bedeutet auch Ausschluss
Die nationalsozialistische Vorstellung einer rassisch definierten Gemeinschaft verbindet Zugehörigkeit mit Ausgrenzung. Wer dazugehören darf und wer ausgeschlossen wird, entscheidet nicht der Einzelne.

Damit wird eine unserer Friedensfragen grundsätzlich:

Kann es Frieden innerhalb einer Gesellschaft geben, wenn ihre Gemeinschaft darauf beruht, andere auszuschließen?

3. Eroberung ist auch ein ökonomisches Projekt
Besetzte Gebiete liefern Rohstoffe, Nahrungsmittel und Arbeitskräfte. Eigentum wird geraubt, Unternehmen profitieren von Aufträgen und Zwangsarbeit.

Der Krieg besitzt deshalb eine politische, militärische und ökonomische Wirklichkeit.

Volkswagen im Nationalsozialismus: 1937–1945

4. Der Krieg im Osten ist Vernichtungskrieg
Der Angriff auf die Sowjetunion 1941 verbindet militärische Eroberung mit ideologisch-rassistischen Zielen. Wehrmacht, SS, Einsatzgruppen und zivile Verwaltungen sind auf unterschiedliche Weise an Massenverbrechen beteiligt.

Hier reicht die Kategorie „Krieg“ nicht mehr aus.

5. Aus Menschen werden Arbeitskräfte – und Eigentum
Millionen Menschen werden zur Zwangsarbeit verschleppt. Ihre Arbeitskraft wird Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft.

Damit führt unsere Eigentumsfrage weiter:

Was geschieht, wenn eine Gesellschaft nicht nur über Sachen und Produktionsmittel verfügt, sondern Menschen selbst wie verfügbare Produktionsressourcen behandelt?

Volkswagen im Nationalsozialismus: 1937–1945

6. Der Holocaust wird organisiert
Deportationen und Massenmord benötigen Verwaltungen, Fahrpläne, Personal, Lager, Beschaffung und technische Organisation.

Gerade darin liegt eine besondere Herausforderung für unsere Frage: Außergewöhnliche Verbrechen können durch scheinbar gewöhnliche organisatorische Abläufe ermöglicht werden.

7. Täter – Zuschauer – Profiteure – Helfer – Widerständige
Die Gesellschaft lässt sich nicht in „Nazis“ und „die anderen Deutschen“ aufteilen. Menschen besitzen unterschiedliche Handlungsspielräume und verhalten sich unterschiedlich.

Zwei Filme begleiten uns

DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS – Michail Romm, 1965

Michail Romm arbeitet mit Bildern, die das nationalsozialistische Deutschland selbst hinterlassen hat: Wochenschauen, Propagandafilmen, Fotografien und anderem Archivmaterial.

Er betrachtet dabei nicht nur Hitler und die nationalsozialistische Führung. Immer wieder richtet er den Blick auf Menschen, Gesichter, Zuschauer, Rituale und Alltag.

Für unseren Lernweg ist genau das entscheidend.

Der Film fragt nicht nur: Was haben die Nationalsozialisten getan?

Er zwingt zu der viel beunruhigenderen Frage:

Wie kann Faschismus gesellschaftlicher Alltag werden?

Wie verändern Propaganda, Wiederholung, Gemeinschaftserlebnisse, Feindbilder und Gewöhnung die Wahrnehmung? Wie wird das Außergewöhnliche gewöhnlich?

Zugleich betrachten wir auch diesen Film in seiner Mehrfachzeit: Romm montiert 1965 in der Sowjetunion Bilder des deutschen Faschismus. Seine Auswahl, Montage und sein Kommentar sind eine spätere Deutung.

Deshalb fragen wir auch:

Wie macht Romm aus den Bildern des NS-Regimes eine Analyse des Faschismus – und welche Erklärung bietet er uns an?


AUS EINEM DEUTSCHEN LEBEN – Theodor Kotulla, 1977

Kotullas Film orientiert sich an der Biografie Rudolf Höß‘, des Kommandanten von Auschwitz. Die Figur Franz Lang durchläuft Militär, Freikorps, Nationalsozialismus und SS, bis er schließlich die industrielle Organisation des Massenmordes übernimmt.

Der Film verweigert eine beruhigende Erklärung.

Sein Protagonist erscheint nicht als dämonisches Monster außerhalb der Gesellschaft. Er arbeitet, gehorcht, organisiert und erfüllt Aufgaben.

Für unseren Lernweg: Damit führt der Film zu einer anderen Dimension unserer Frage:

Wie wird aus einem Menschen ein Täter, für den organisierter Massenmord zur Aufgabe wird, die möglichst zuverlässig erledigt werden soll?

Gehorsam, Karriere, Institution, Ideologie und bürokratische Rationalität greifen ineinander.

Aber auch hier dürfen wir nicht bei der individuellen Täterbiografie stehen bleiben. Höß konnte Auschwitz nicht allein betreiben.

Gerade deshalb führt der Film vom einzelnen Täter wieder zurück zur Gesellschaft:

Welche Institutionen, Unternehmen, Verwaltungen und Menschen mussten zusammenwirken, damit Auschwitz funktionieren konnte?

Deshalb müssen wir genauer fragen:

Wer tut was – unter welchen Bedingungen, mit welchen Interessen und mit welchen Möglichkeiten, anders zu handeln?

8. Was bleibt vom Menschen?
Die Vernichtungspolitik richtet sich darauf, Menschen zunächst Rechte, Besitz, gesellschaftliche Zugehörigkeit und schließlich ihre Existenz zu nehmen.

Damit erreichen wir den ethischen Kern unseres gesamten Lernwegs:

Frieden beginnt dort, wo das Lebensrecht und die gleiche Würde des anderen Menschen nicht zur Disposition stehen.

Drei Titel zur Vertiefung
  • Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden.
    Grundlegend für das Verständnis des Holocaust als arbeitsteiligen Prozess, an dem unterschiedliche Institutionen, Behörden und Organisationen beteiligt waren.
  • Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen.
    Browning untersucht, wie Männer zu unmittelbaren Tätern des Massenmordes wurden und welche Bedeutung Gruppendruck, Gehorsam, Handlungsspielräume und individuelle Entscheidungen hatten.
  • Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus.
    Für unseren Lernweg besonders interessant, weil Aly die materielle Seite von Herrschaft, Raub, Besatzung und gesellschaftlicher Beteiligung hervorhebt. Seine Interpretation und Gewichtung sind in der Forschung allerdings kontrovers diskutiert worden.

Was nehmen wir mit?

Wir haben unsere Frage noch einmal verändert.

Es reicht nicht zu fragen:

Wie verhindert man Krieg?

Denn Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit militärischer Kampfhandlungen.

Eine Gesellschaft kann nur friedensfähig sein, wenn Menschen nicht nach Herkunft, Religion oder zugeschriebener Zugehörigkeit unterschiedliche Lebensrechte besitzen; wenn Konflikte ohne Vernichtung des Gegners ausgetragen werden können; wenn Macht begrenzt und Widerspruch möglich bleibt.

Und wir haben noch etwas gelernt:

Das Ungeheuerliche muss nicht immer ungeheuerlich aussehen, während es geschieht.

Es kann sich in Arbeit, Verwaltung, Produktion, Transport, Karriere und alltägliche Routinen einschreiben.

Gerade deshalb genügt es nach 1945 nicht, Waffen niederzulegen.

Nach Vernichtungskrieg und Holocaust stellt sich eine viel größere Aufgabe:

Wie kann eine Gesellschaft wieder so eingerichtet werden, dass Menschen miteinander leben und Konflikte austragen können, ohne einander zu Feinden zu machen, denen Rechte, Würde und schließlich das Leben genommen werden dürfen?

Erst jetzt bekommt der Satz seine ganze historische Schwere:

Station 6: 1945–1955 – „Nie wieder Krieg!“ – Aber wie macht man aus dieser Erfahrung eine andere Gesellschaft?

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