Demokratiebildung in Niedersachsen und das Konzept der Gesellschaftskompetenzen

Demokratie als Kompetenz oder Demokratie als Lebensform?

Die aktuelle Fassung des niedersächsischen Verständnisses der Demokratiebildung auf dem Portal Demokratiebildung markiert gegenüber der vorherigen Version eine bemerkenswerte Akzentverschiebung. Während die frühere Fassung Demokratiebildung ausdrücklich im Kontext konkreter gesellschaftlicher Herausforderungen wie Globalisierung, Digitalisierung, Migration, Klimawandel, sozialer Ungleichheit sowie der Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus oder anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit verortete, verzichtet die aktuelle Version weitgehend auf diese inhaltlichen Bezugnahmen. Stattdessen rückt sie die Förderung allgemeiner Politik- und Demokratiekompetenzen in den Mittelpunkt.

Im Zentrum stehen nun politische Mündigkeit, demokratische Teilhabe sowie die Vermittlung von Werten, Einstellungen, Fähigkeiten, Wissen und kritischem Denken. Ergänzt werden diese durch Kompetenzen wie Konflikt- und Dialogfähigkeit, Perspektivübernahme, Partizipationsfähigkeit sowie Medienkompetenz. Demokratiebildung wird dabei als Aufgabe der gesamten Schule verstanden und nicht auf einzelne Unterrichtsfächer beschränkt.

Diese Neuakzentuierung verändert den Charakter des Konzepts. Die frühere Version besaß einen deutlich problem- und gegenwartsorientierten Zugang, indem sie gesellschaftliche Konfliktfelder ausdrücklich benannte und ihre politische Bearbeitung als Gegenstand schulischer Bildung hervorhob. Die aktuelle Fassung formuliert demgegenüber abstrakter und stärker kompetenzorientiert. Demokratie erscheint nun vor allem als Bündel normativer Orientierungen und individueller Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler erwerben sollen, um sich verantwortungsvoll in demokratische Aushandlungsprozesse einzubringen.

Damit bewegt sich das niedersächsische Konzept in der Tradition moderner politikdidaktischer Kompetenzmodelle, wie sie etwa von Reinhard Krammer entwickelt wurden. Im Vordergrund steht die Frage, welche Fähigkeiten und Haltungen demokratische Bürgerinnen und Bürger benötigen, um an politischen Entscheidungsprozessen kompetent teilnehmen zu können. Demokratiebildung wird somit primär als Entwicklung individueller Demokratie- und Politikkompetenz verstanden.

Aus der Perspektive des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen stellt dieser Ansatz einen wichtigen, aber nicht hinreichenden Bestandteil demokratischer Bildung dar. Auch hier bilden politische Mündigkeit, kritisches Denken, Dialogfähigkeit, Medienkompetenz und demokratische Partizipation zentrale Bildungsziele. Das Konzept der Gesellschaftskompetenzen erweitert diesen Zugang jedoch um eine gesellschaftstheoretische und historische Dimension.

Demokratische Urteils- und Handlungskompetenz entsteht nach diesem Verständnis nicht allein durch die Vermittlung demokratischer Werte oder kommunikativer Fähigkeiten. Sie setzt vielmehr voraus, dass gesellschaftliche Entwicklungen in ihren historischen, ökonomischen, kulturellen, medialen, technologischen und ökologischen Zusammenhängen verstanden werden können. Demokratiebildung wird damit Bestandteil einer umfassenden Gesellschaftsbildung. Politische Entscheidungen erscheinen nicht isoliert, sondern als Ausdruck historisch gewachsener Macht-, Interessen- und Konfliktstrukturen.

Während das niedersächsische Konzept vor allem die Frage beantwortet, welche Kompetenzen demokratische Bürgerinnen und Bürger benötigen, stellt das Konzept der Gesellschaftskompetenzen zusätzlich die Frage, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Demokratie überhaupt entsteht, wie sie historisch gewachsen ist, wodurch sie gefährdet wird und welche ökonomischen, medialen oder kulturellen Machtverhältnisse demokratische Prozesse beeinflussen. Demokratie wird damit nicht ausschließlich als politisches Verfahren oder Werteordnung verstanden, sondern als gesellschaftliche Lebensform, deren Voraussetzungen selbst zum Gegenstand kritischer Analyse werden.

In diesem Sinne ergänzt das Konzept der Gesellschaftskompetenzen die niedersächsische Demokratiebildung um eine bildungstheoretische Metaebene. Demokratiekompetenz bildet darin eine zentrale Kompetenzdimension, entfaltet ihre volle Bedeutung jedoch erst im Zusammenspiel mit historischen, ökonomischen, kulturellen, technologischen, ökologischen und philosophischen Gesellschaftskompetenzen. Erst ihre wechselseitige Verschränkung ermöglicht es, demokratische Prozesse nicht nur kompetent mitzugestalten, sondern auch ihre strukturellen Voraussetzungen, Widersprüche und Entwicklungsmöglichkeiten kritisch zu reflektieren.

Die Veränderungen der niedersächsischen Fassung verdeutlichen damit zugleich die Eigenständigkeit des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen. Während Niedersachsen den Schwerpunkt auf die Förderung demokratischer Kompetenzen legt, versteht das Konzept der Gesellschaftskompetenzen Demokratiebildung als integralen Bestandteil einer umfassenden gesellschaftlichen Bildungs- und Analysekompetenz. Es erweitert den kompetenzorientierten Ansatz um die systematische Reflexion gesellschaftlicher Macht-, Herrschafts- und Entwicklungszusammenhänge und eröffnet dadurch einen umfassenderen Zugang zur politischen Mündigkeit.

Demokratiebildung in Niedersachsen und das Konzept der Gesellschaftskompetenzen

Demokratie muss gelernt werden…

“Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss – immer wieder, tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein. Ich suche nach Antworten auf die Frage, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen ihren politischen Verstand verlieren und andere politische Urteilskraft zeigen und praktizieren – unter Umständen sogar unter Einsatz ihres Lebens.”

Oskar Negts häufig zitierte Aussage, „Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss – immer wieder, tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein“, bringt ein Demokratieverständnis zum Ausdruck, das über ein kompetenzorientiertes Verständnis politischer Bildung hinausweist. Demokratie erscheint hier nicht lediglich als Herrschaftsform, deren Institutionen, Verfahren und Werte vermittelt werden müssen, sondern als gesellschaftliche Lebensform, die auf dauerhafte Lern-, Erfahrungs- und Reflexionsprozesse angewiesen ist.

Noch deutlicher wird dieser erweiterte Demokratiebegriff im zweiten Teil des Zitats: „Ich suche nach Antworten auf die Frage, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen ihren politischen Verstand verlieren und andere politische Urteilskraft zeigen und praktizieren – unter Umständen sogar unter Einsatz ihres Lebens.“ Damit verschiebt sich die Fragestellung von der Vermittlung demokratischer Kompetenzen auf die Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen politischen Urteilens. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Frage, wie demokratische Einstellungen oder Partizipationsfähigkeit gefördert werden können, sondern warum Menschen unter bestimmten historischen, sozialen, ökonomischen oder kulturellen Bedingungen demokratisch handeln oder gerade nicht mehr demokratisch handeln.

Negt verbindet Demokratiebildung damit untrennbar mit Gesellschaftsanalyse. Politische Urteilskraft entsteht nicht isoliert aus der Aneignung von Wissen oder Kompetenzen, sondern im Zusammenhang mit sozialen Erfahrungen, Arbeits- und Lebensverhältnissen, historischen Entwicklungen, Macht- und Herrschaftsstrukturen sowie den Formen öffentlicher Kommunikation. Demokratiebildung wird dadurch zu einem lebenslangen Prozess gesellschaftlicher Selbstaufklärung.

Genau an diesem Punkt setzt das Konzept der Gesellschaftskompetenzen an. Es versteht Demokratiekompetenz nicht als eigenständige, isolierte Kompetenzdimension, sondern als Ergebnis des Zusammenwirkens historischer, ökonomischer, kultureller, medialer, technologischer, ökologischer, philosophischer und politischer Gesellschaftskompetenzen. Politische Mündigkeit entsteht erst dann, wenn Menschen gesellschaftliche Zusammenhänge analysieren, Macht- und Interessenstrukturen erkennen, historische Entwicklungen einordnen und ihre eigenen Erfahrungen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stellen können.

Das Demokratieverständnis Oskar Negts bildet damit einen zentralen theoretischen Bezugspunkt des Konzepts der Gesellschaftskompetenzen. Demokratie wird nicht auf die Einübung demokratischer Verfahren oder die Vermittlung demokratischer Werte reduziert, sondern als anspruchsvolle Form gesellschaftlicher Selbstverständigung verstanden, die kritische Gesellschaftsanalyse ebenso voraussetzt wie die Fähigkeit zu politischer Urteilskraft und verantwortlichem Handeln.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …