Ökologische Kompetenz

Der pflegliche Umgang mit Mensch, Natur und Umwelt

Die ökologische Krise gehört zu den zentralen Herausforderungen moderner Gesellschaften. Klimawandel, Ressourcenerschöpfung, Artensterben und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen sind nicht allein naturwissenschaftliche oder technische Probleme, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Produktions- und Lebensweisen. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Begriff der „ökologischen Kompetenz“ besondere Bedeutung. Er bezeichnet die Fähigkeit, ökologische Zusammenhänge wahrzunehmen, kritisch zu analysieren und verantwortliches gesellschaftliches Handeln zu entwickeln. In der politischen Bildung wird ökologische Kompetenz daher zunehmend als integrative gesellschaftliche Schlüsselqualifikation verstanden.

Besonders weitreichend entwickelt wurde dieser Begriff von Oskar Negt. Negt versteht ökologische Kompetenz nicht lediglich als Umweltbewusstsein oder Naturschutzorientierung, sondern als grundlegende gesellschaftliche Haltung des pfleglichen und fürsorglichen Umgangs mit Natur, Menschen und Dingen.^1 Ökologie umfasst für ihn die äußere Natur ebenso wie die soziale und innere Natur des Menschen. Damit verbindet Negt ökologische Fragen mit Demokratie, Gewaltfreiheit, sozialer Gerechtigkeit und Selbstreflexion. Ökologisches Denken wird zu einem „Existenzial der modernen Welt“, von dem letztlich der Fortbestand menschlicher Lebensmöglichkeiten abhängt.

Im Zentrum dieses Verständnisses steht die Einsicht, dass Mensch und Natur nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Die Herrschaft über die Natur ist für Negt eng mit gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen verbunden. Die Überwältigung von Menschen und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruhen auf derselben instrumentellen Denkweise. Damit knüpft Negt an gesellschaftskritische Traditionen an, insbesondere an das Naturverständnis von Karl Marx. Marx beschreibt Arbeit als „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“: Der Mensch greift durch Arbeit in natürliche Prozesse ein und verändert zugleich sich selbst.^2 Natur erscheint somit nicht als bloßes Objekt menschlicher Verfügung, sondern als Grundlage gesellschaftlicher Existenz. Die kapitalistische Produktionsweise führt jedoch zu einer Entfremdung dieses Stoffwechselverhältnisses, weil Natur primär unter dem Gesichtspunkt von Verwertung und Profit betrachtet wird.^3

Diese Perspektive erlaubt es, ökologische Krisen nicht nur als Folge individueller Fehlentscheidungen, sondern als strukturelles Problem kapitalistischer Industrie- und Wachstumsgesellschaften zu begreifen. Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt nicht nur Umweltzerstörung, sondern auch psychosoziale Folgen wie Entfremdung, Beschleunigung, Konkurrenzdruck und Verlust sozialer Bindungen. Negt betont daher, dass ökologische Kompetenz immer auch die Fähigkeit einschließt, gesellschaftliche Zusammenhänge herzustellen und die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie, Technik, Natur und menschlicher Subjektivität zu erkennen.

In diesem Zusammenhang erhält die Kritik an technokratischer Rationalität besondere Bedeutung. Moderne Technologien besitzen einerseits das Potenzial, ökologische Probleme zu mindern, etwa durch erneuerbare Energien oder ressourcenschonende Produktionsweisen. Andererseits können technologische Entwicklungen selbst neue Risiken hervorbringen. Negt verweist exemplarisch auf die atomare Technologie und den Reaktorunfall von Tschernobyl, der sichtbar machte, dass hochentwickelte Industriegesellschaften ihre eigenen Lebensgrundlagen gefährden können.^4 Die ökologische Krise erscheint damit als „Barbarei auf hochzivilisiertem Niveau“: Technischer Fortschritt garantiert nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt.

Ökologische Kompetenz bedeutet deshalb mehr als naturwissenschaftliches Wissen. Sie umfasst ein „Arsenal der Methoden, der Erkenntnismittel“, das Menschen befähigt, verantwortungsvoll, gewaltfrei und solidarisch mit Menschen und Umwelt umzugehen.^5 Dazu gehört auch die Entwicklung einer „neuen Sensibilität“, die emotionale Wahrnehmungsfähigkeit, Selbstreflexion und Empathie einschließt. Ökologische Kompetenz betrifft somit ebenso das Verhältnis zur „inneren Natur“ des Menschen – also zu Bedürfnissen, Gefühlen und psychischen Strukturen – wie zur äußeren Umwelt.

Die politische Dimension ökologischer Kompetenz wird besonders deutlich, wenn ökologische Fragen als Gerechtigkeitsfragen verstanden werden. Die Folgen von Klimawandel, Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit sind weltweit ungleich verteilt. Während industrialisierte Gesellschaften historisch den größten Anteil an Umweltbelastungen verursacht haben, leiden häufig Länder des globalen Südens besonders stark unter deren Folgen. Ökologische Kompetenz beinhaltet daher auch die Fähigkeit, globale Macht- und Verteilungsverhältnisse kritisch zu analysieren. Nachhaltigkeit wird zu einer demokratischen Aufgabe, die gesellschaftliche Mitbestimmung und kollektive Verantwortung voraussetzt.

In der politischen Bildung besitzt ökologische Kompetenz deshalb einen integrativen Charakter. Sie verbindet historische, ökonomische, technologische und ethische Perspektiven miteinander. Historisches Lernen kann verdeutlichen, wie Industrialisierung, fossile Produktionsweisen und Wachstumsideologien entstanden sind. Ökonomische Bildung ermöglicht die Analyse kapitalistischer Wachstumslogiken und der Externalisierung ökologischer Kosten. Technologische Kompetenz wiederum befähigt zur kritischen Bewertung technischer Innovationen und ihrer gesellschaftlichen Folgen. Ökologische Kompetenz wird dadurch zu einer Schnittstelle verschiedener gesellschaftlicher Lernprozesse.

Eine zentrale Rolle kommt hierbei der Bildung zu. Für Negt bedeutet Bildung nicht bloß Wissensvermittlung, sondern die Entwicklung von Urteilskraft, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Menschen sollen lernen, Zusammenhänge zwischen Natur, Gesellschaft und Individuum zu erkennen und Verantwortung für die gemeinsamen Lebensgrundlagen zu übernehmen. Bildung besitzt daher eine emanzipatorische Funktion: Sie soll Menschen befähigen, entfremdende gesellschaftliche Strukturen kritisch zu reflektieren und alternative Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.

Damit erhält ökologische Kompetenz einen zutiefst demokratischen Charakter. Nachhaltigkeit kann nicht allein durch technisches Management oder individuelles Konsumverhalten erreicht werden, sondern erfordert gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, politische Partizipation und solidarisches Handeln. Die ökologische Frage wird so zur sozialen und demokratischen Frage der Gegenwart und letztlich zu eine Aufgabe, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden.


Anmerkungen

  1. Vgl. zu diesen Ausführungen: Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Göttingen 2010, S. 229/230.
  2. Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Berlin 1962, S. 192.
  3. Vgl. Film und Geschichte – Naturverständnis bei Marx
  4. Vgl. Oskar Negt, Der politische Mensch, S. 229.
  5. Ebd., S. 230.
Ökologische Kompetenz

Merksatz

Ökologische Kompetenz bedeutet den verantwortungsvollen Umgang mit Natur, Menschen und sich selbst. Sie verbindet ökologische, soziale und demokratische Fragen miteinander und versteht Arbeit als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Unter kapitalistischen Bedingungen wird dieses Verhältnis jedoch durch Verwertungslogik, Technokratie und Herrschaft geprägt. Ökologische Kompetenz heißt deshalb, gesellschaftliche Zusammenhänge kritisch zu erkennen und nachhaltige, solidarische und menschenwürdige Lebensverhältnisse demokratisch zu gestalten.

Privateigentum Natur?

„Was in diesen Auseinandersetzungen immer deutlicher erkennbar wird, ist ein kulturelles Problem von großer Tragweite. Die Mächtigen dieser Welt, Konzerne, Staaten, organisierte Interessen vielfältiger Art, haben die Neigung, die Natur als Privateigentum zu behandeln und sie denselben Verwertungsgesetzen zu unterwerfen wie jede beliebige Industrieanlage. Das zunehmende ökologische Bewusstsein zeigt nachdrücklich der offenbar im Privatisierungswahn steckenden Welt die Grenzen des Privateigentums.

Ich weiß, dass ein Zitat von Marx, um eine vernünftige Einsicht aus der Vergangenheit zu dokumentieren, heute eher als unpassend gilt. Wo es jedoch um die gestörten Machtverhältnisse zwischen Gemeinwesen und Privateigentum geht, ist dieser scharfsinnige Analytiker der modernen Welt von brennender Aktualität. Er sagt: »Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst eine Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihr Besitzer, ihr Nutznießer und haben sie als boni patres familias (als gute Familienväter) den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.

Einen solchen Generationenvertrag abzuschließen und ihm weltweite Achtung zu verschaffen, würde heutiger Realpolitik jene substanzielle Grundlage wiedergeben, die sie zunehmend verloren hat. Die kulturelle Dimension des ökologischen Bewusstseins wäre davon ein wesentlicher Teil.


aus: Oskar Negt: Privateigentum Natur? Die kulturelle Bedeutung ökologischen Bewusstseins. 15.09.1995. In: ders.; Nur noch Utopien sind realistisch. Politische Interventionen. Göttingen, Steidl 2012, S. 172

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