Die zweite industrielle Revolution und die Durchsetzung des Industriekapitalismus

Der wirtschaftliche Aufstieg des Kaiserreichs beruhte wesentlich auf der sogenannten zweiten industriellen Revolution, die etwa ab den 1870er Jahren einsetzte. Während die erste industrielle Phase von Textilindustrie und Eisenbahn dominiert war, traten nun Schlüsselindustrien wie Stahl, Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik in den Vordergrund. Deutschland entwickelte in diesen Bereichen nicht nur technologische Führungsrollen, sondern setzte auch neue Organisationsformen durch – etwa den Übergang vom Familienunternehmen zum Großunternehmen mit arbeitsteiliger Bürokratie und Kapitalbeteiligung, wie in den Konzernen Siemens, Krupp oder IG Farben.

Wie Eric Hobsbawm betont, war diese Phase Teil einer umfassenden europäischen Umstrukturierung, die „nicht einfach eine Fortsetzung der ersten industriellen Revolution, sondern ein qualitativer Sprung war“ (Hobsbawm, Das imperiale Zeitalter, 1989, S. 48). In Deutschland manifestierte sich dieser Sprung in einer drastischen Verschiebung der Erwerbsstruktur: Der Anteil der industriell Beschäftigten stieg rapide an, während Landwirtschaft und Handwerk an Bedeutung verloren.

Diese Entwicklung veränderte die Klassenstruktur fundamental. Die marxistische Analyse sieht hierin eine zunehmende Polarisierung zwischen der kapitalbesitzenden Bourgeoisie und dem lohnabhängigen Proletariat. Diese beiden Klassen wurden zur Triebkraft der ökonomischen wie sozialen Dynamik des Reichs. Georg Hallgarten spricht in diesem Zusammenhang von der „Herrschaft der industriellen Kapitalistenklasse“, die jedoch, im Unterschied zu England oder Frankreich, auf eine vollständige politische Hegemonie verzichtete (Hallgarten, Imperialismus vor 1914, 1951, S. 83).

 

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