Volkswagen kommt nach Hannover

Vom Wolfsburger Engpass zum Werk Hannover

Der seit 1950 in Wolfsburg produzierte VW-Transporter entwickelte sich rasch zu einem zweiten Erfolgsmodell neben dem Käfer. Die steigende Nachfrage brachte das Stammwerk jedoch an seine Kapazitätsgrenzen. Hinzu kam, dass das Arbeitskräftereservoir im Raum Wolfsburg weitgehend ausgeschöpft war. Der VW-Aufsichtsrat beschloss deshalb am 24. Januar 1955, die Transporterproduktion in ein neu zu errichtendes Werk auszulagern. Bereits am 8. März 1956 begann in Hannover-Stöcken die Produktion.[1]

Die Wahl Hannovers war dabei keine bloße betriebswirtschaftliche Standortentscheidung. Um das neue Werk konkurrierten mehr als 200 Städte und Gemeinden. Hannover verfügte mit dem Mittellandkanal und einem vorhandenen Verschiebebahnhof über günstige infrastrukturelle Voraussetzungen. Gleichzeitig wirkten Stadtpolitik und Gewerkschaft auf die Standortentscheidung ein. Der aus Hannover stammende IG-Metall-Vorsitzende Otto Brenner, zugleich Mitglied des VW-Aufsichtsrates, spielte dabei eine wichtige Rolle.[2]

Schon die Entstehung des Werkes zeigt damit jene Verflechtung von Unternehmen, kommunaler Politik, Gewerkschaft und regionalen Interessen, die für die weitere VW-Geschichte charakteristisch werden sollte.

Volkswagen verändert die Industriestruktur Hannovers

Anders als Wolfsburg war Hannover selbstverständlich keine von Volkswagen geschaffene Stadt. Die Landeshauptstadt verfügte bereits über eine lange und vielfältige Industriegeschichte. Mit Unternehmen wie Hanomag, Continental, Varta und zahlreichen Betrieben des Maschinen- und Fahrzeugbaus war sie lange vor der Ansiedlung Volkswagens ein bedeutender Industriestandort.

Gerade deshalb ist der Vergleich mit Wolfsburg interessant.

In Wolfsburg entstand die Stadt um das Werk. In Hannover fügte sich Volkswagen in eine vorhandene industrielle Stadt ein und veränderte deren Wirtschaftsstruktur. Der industrielle Schwerpunkt Hannovers verlagerte sich in der Nachkriegszeit zunehmend vom traditionellen Industriestandort Linden in den Norden der Stadt. Das VW-Werk in Stöcken wurde zu einem wichtigen Bestandteil dieses Strukturwandels.[3]

Das Wachstum erfolgte außerordentlich schnell. Das Werk startete 1956 mit etwa 5.000 Beschäftigten; Ende 1960 arbeiteten bereits 17.548 Menschen dort. 1971 erreichte die Belegschaft mit 29.127 Beschäftigten ihren historischen Höchststand.[4]

Volkswagen war damit innerhalb weniger Jahre zu einem der bedeutendsten industriellen Arbeitgeber der Landeshauptstadt geworden.

Ein neuer Ort des Konflikts zwischen Lohnarbeit und Kapital

Das Werk Hannover ist zugleich für eine Sozialgeschichte Volkswagens besonders aufschlussreich.

Die vergleichsweise hohen VW-Löhne zogen Arbeitskräfte aus sehr unterschiedlichen Berufen an. Viele Beschäftigte kamen keineswegs aus der Automobilindustrie. Tischler, Stellmacher, Elektriker, Maurer, Schlachter, Friseure und Landwirte wechselten in die industrielle Großproduktion.

Der höhere Lohn hatte jedoch eine andere Seite: Fließbandarbeit, Schweißarbeitsplätze und andere Bereiche der Produktion waren mit erheblichen körperlichen Belastungen verbunden. In den ersten fünfzehn Jahren verließen rund 20.000 Beschäftigte das Werk wieder.[5]

Hier wird hinter der Erfolgsgeschichte des „Wirtschaftswunders“ ein grundlegender Zusammenhang sichtbar: Die rapide steigende Produktivität industrieller Massenproduktion beruhte auf einer spezifischen Organisation menschlicher Arbeit.

Gleichzeitig entwickelte sich Hannover zu einem wichtigen Ort gewerkschaftlicher Organisation innerhalb Volkswagens. 1960 gehörten bereits 6.781 Beschäftigte und damit rund 38 Prozent der Belegschaft der IG Metall an; 1971 lag der Organisationsgrad bei ungefähr 80 Prozent.[6]

Damit wurde auch das Werk Hannover zu einem Ort, an dem der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital nicht aufgehoben, sondern organisiert und institutionell reguliert wurde.

Vom Werk zur Region

Mit Hannover erweitert sich deshalb die Perspektive auf Volkswagen.

Aus dem zunächst außergewöhnlichen Verhältnis

Volkswagen ↔ Wolfsburg

entwickelte sich zunehmend ein regionales Geflecht:

Volkswagen ↔ Wolfsburg ↔ Hannover ↔ weitere Standorte ↔ Zulieferindustrie ↔ Arbeitsmärkte ↔ Kommunen ↔ Land Niedersachsen.

Spätestens mit der weiteren Expansion nach Braunschweig, Salzgitter und Emden lässt sich Volkswagen nicht mehr lediglich als Unternehmen mit Sitz in Wolfsburg verstehen. Es entsteht ein industrielles Netzwerk, dessen wirtschaftliche Bedeutung weit über die einzelnen Werke hinausreicht.

Damit verändert sich auch die politische Dimension der Beteiligung Niedersachsens an Volkswagen. Das Land ist nicht nur Anteilseigner eines Unternehmens. Es vertritt zugleich ein Bundesland, dessen Beschäftigung, regionale Wirtschaftsstrukturen und kommunale Entwicklung in erheblichem Umfang von Entscheidungen dieses Unternehmens abhängig werden.

Genau darin liegt eine der Voraussetzungen des heutigen Konflikts.

Wenn über die Zukunft des Werkes Hannover entschieden wird, geht es deshalb nicht lediglich darum, ob sich die Produktion eines bestimmten Fahrzeuges an diesem Standort betriebswirtschaftlich rechnet. Es geht um Arbeitsplätze und Einkommen, Zulieferer und regionale Nachfrage, industrielle Kompetenz und um die Frage, welche Verantwortung ein Unternehmen gegenüber den gesellschaftlichen Strukturen besitzt, die über Jahrzehnte mit ihm und durch es entstanden sind.

Die Geschichte des Volkswagenwerks Hannover gehört deshalb nicht an den Rand einer Unternehmensgeschichte. Sie zeigt exemplarisch, wie aus Volkswagen ein niedersächsischer Wirtschafts-, Arbeits- und Machtkomplex wurde.


Anmerkungen

[1] Der VW-Aufsichtsrat beschloss am 24. Januar 1955 die Dezentralisierung der Transporterproduktion. Am 8. März 1956 nahm das neue Werk Hannover-Stöcken die Fertigung auf. Volkswagen begründet die Entscheidung neben dem starken Nachfragewachstum ausdrücklich mit dem weitgehend ausgeschöpften Arbeitskräftereservoir im Raum Wolfsburg. Vgl. Volkswagen AG: 1950 bis 1960 – Internationalisierung und Massenproduktion im Wirtschaftswunder.

[2] Für Hannover sprachen insbesondere die unmittelbare Lage am Mittellandkanal und der vorhandene Verschiebebahnhof. Zeitgenössisch bestand ein erheblicher Wettbewerb um die Ansiedlung. Zur Rolle der hannoverschen Stadtpolitik und Otto Brenners vgl. Volkswagenwerk Hannover, Wikipedia; zur Standortinfrastruktur Hannover.de.

[3] Zur Veränderung der hannoverschen Industriestruktur und zur Verlagerung industrieller Schwerpunkte in den Norden der Stadt vgl. Geschichte der Stadt Hannover.

[4] Das Werk begann 1956 mit rund 5.000 Beschäftigten; Ende 1960 waren es 17.548. Den Höchststand erreichte die Belegschaft 1971 mit 29.127 Beschäftigten. Vgl. Volkswagenwerk Hannover.

[5] Die Darstellung zur Frühgeschichte des Werkes nennt sowohl die hohen VW-Löhne als auch die erheblichen Arbeitsbelastungen der industriellen Produktion. Innerhalb der ersten fünfzehn Jahre verließen demnach rund 20.000 Beschäftigte das Werk wieder.

[6] 1960 waren 6.781 Beschäftigte beziehungsweise rund 38 Prozent der Belegschaft Mitglied der IG Metall. 1971 wird ein Organisationsgrad von etwa 80 Prozent angegeben.


Internetquellen

Volkswagenwerk Hannover – Wikipedia

Volkswagen Group – Internationalisierung und Massenproduktion 1950–1960

Hannover.de – Unternehmenschronik Volkswagen Nutzfahrzeuge

Hannover.de – 60 Jahre Bulli-Werk

NDR – Geschichte des VW-Bulli und des Werks Hannover

Über Wolfsburg hinaus

1955/56: Volkswagen kommt nach Hannover

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