Historische Stichworte zu den Arbeitskämpfen bei Hanomag
Die andere Seite der Betriebsgeschichte: Arbeitsbedingungen, Organisierung, Streiks, Niederlagen und Erfahrungen der Hanomag-Beschäftigten von 1848 bis in die 1970er Jahre
Hanomag – Herzstück der industriellen Entwicklung Hannovers!
Die Belegschaft von Hanomag – ein Kern der hannoverschen Arbeiterbewegung!
Wie es zur ersten Aussage kommen konnte, und wie wenig sie heute noch zutrifft, haben wir bereits dargestellt. Wie sieht es nun aber mit der Hanomag-Belegschaft aus?
Über die Stimmung im Betrieb haben wir mit einem Kollegen gesprochen (siehe Kasten), zur Geschichte der Arbeitskämpfe bei Hanomag und ihre Bedeutung für die hannoversche Arbeiterbewegung folgende „Stichworte“.
1. Durch hohe Löhne und Sozialleistungen sollen Facharbeiter gehalten werden
Eine aufstrebende Maschinenindustrie braucht Fachkräfte; die waren zu Beginn der Industrialisierung knapp. Hanomag-Gründer Egestorff ließ sie zum Teil – wie die ersten Maschinen – aus Großbritannien kommen. Um sie zu halten, musste er einiges bieten: Neben Löhnen, die fast viermal so hoch waren wie die von (normalen) „Tagelöhnern“, waren es „Leistungen“ wie eine betriebliche Krankenkasse (1836). Egestorff hatte zwar Schwierigkeiten mit der „Arbeitsmoral“ (Suff, „mangelnder Fleiß“), aber organisierten Zoff gab es in den ersten Jahren der Hanomag nicht.
2. 1848 – der erste Streik
Zum ersten Streik kam es bei Hanomag im Zusammenhang mit der 48er Revolution. Im März 1848 wurde für die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit um eine Stunde auf 12 Stunden gestreikt.
Nach drei Tagen brach der Streik erfolglos zusammen: Von Anfang an gab es keine geschlossene Streikfront (die Former arbeiteten weiter), Militär und Bürgerwehr gingen gegen die Streikenden vor, „Rädelsführer“ wurden verhaftet und des Landes verwiesen (Streik war damals im Königreich Hannover gesetzeswidrig) und etliche der Streikenden betranken sich nach den ersten Misserfolgen, bis „sie ohnmächtig waren“ (so steht es in einem Polizeibericht).
In der sich seit 1848 organisierenden Arbeiterbewegung in Hannover waren Hanomag-Arbeiter nicht maßgeblich beteiligt. Die Arbeiterbewegung wurde in Hannover – wie auch anderswo – zu dieser Zeit von Handwerksgesellen getragen, die auf „datt Fabrikspack“ verächtlich herabsahen.
3. Strousberg, der clevere Kapitalist: Arbeitszeitverkürzung gegen Rationalisierung, billige Wohnungen gegen „betriebliches Wohlverhalten“
Dass Strousberg einer von den ganz cleveren Burschen war (wie H.-D. Esch), haben wir schon bei der Industriegeschichte der Hanomag dargestellt. Gegenüber den Kollegen ging er auch äußerst geschickt vor. 1869 verkürzte er die Arbeitszeit. Doch das geschah nicht aus einer Gönnerlaune heraus, sondern hing mit der Rationalisierung zusammen, die kennzeichnend für die Ära Strousberg war. Den erhöhten Leistungsdruck hätte keine Sau (und schon gar nicht die Kolleginnen und Kollegen) bei der gleichen Arbeitszeit ausgehalten. Also: den Beschäftigten etwas Ruhe und Erholung gönnen, damit sie umso mehr in der verbleibenden Zeit leisten konnten.
Eine Rolle spielte sicherlich bei dieser „Geste“ Strousbergs auch, dass die Belegschaft sich nach der Niederlage von 1848 zu organisieren begonnen hatte und es die „Internationale Metallgesellschaft“ mit Sitz in Hannover gab. (Das mit dem „international“ darf man nicht so ernst nehmen. Calle Marx nannte seine Combo auch die „Internationale“, und dabei handelte es sich im Grunde nur um eine Agentur zur Organisierung von Polit-Tourneen und von Schlafplätzen für einige Obergenossen.)
Eine andere pfiffige Idee Strousbergs war ein Wohnungsbauprogramm für Werksangehörige. Für neu eingestellte 2.000 Arbeiter, die er für einen großen Eisenbahnauftrag aus Rumänien brauchte, baute er neben dem Werk eine Arbeitersiedlung (im Volksmund „Klein-Rumänien“). Nicht nur, dass er Arbeitskräfte durch diese Wohnungen an sich band; er drückte den Arbeitern im Mietvertrag auch eine Klausel auf, dass sie bei Streik sofort die Koffer packen mussten …
4. 1905: Der erste große gewerkschaftlich organisierte Streik
Um die Jahrhundertwende lief das Geschäft bei Hanomag wie geschmiert. Gleichzeitig stellte der hannoversche Bevollmächtigte des 1891 (nach Aufhebung des „Sozialistengesetzes“) gegründeten „Deutschen Metallarbeiter-Verbandes“ (DMV) fest, dass Lohnreduzierungen von 40 Prozent vorgekommen wären und dieselbe Zahl Arbeiter, welche früher drei Maschinen geliefert hätten, nun in derselben Zeit sechs Maschinen liefern müssten.
1905 kam es deshalb bei Hanomag zu einem dreiwöchigen Streik, bei dem alle Arbeiter fernblieben bzw. ausgesperrt wurden. Lohnerhöhungen konnten zwar nicht durchgesetzt werden, es wurde aber erreicht, dass keiner von denen, die gestreikt hatten, entlassen wurde. Wichtig für die Durchhaltefähigkeit der Streikenden waren die gewerkschaftlichen Unterstützungsgelder, die für das Existenzminimum sorgten. Aufgrund der erfahrenen Bedeutung gewerkschaftlicher Organisierung bei diesem Hanomag-Streik traten in Hannover rund 2.000 Metallarbeiter dem DMV neu bei.
Bleibt für die Zeit noch zu erwähnen, dass Hanomag-Arbeiter gegenüber anderen finanziell noch recht gut dastanden: Sie verdienten im Durchschnitt 1 1/2 mal so viel wie ein Arbeiter bei Conti.
5. 1906 und 1912: Gut gerüstet in die nächsten Streiks. Gegenreaktion: Gründung eines „Werkvereins“
1906 kam es zu einem Streik, bei dem es um Arbeitszeitverkürzung, Überstundenregelung, Akkordfestsetzung und um die Frage der Entschädigung bei Fehlguss ging. 10 Wochen tobten Streik, Aussperrung und Räumung der Werkswohnungen in „Klein-Rumänien“. Trotzdem wurde eine Arbeitszeitverkürzung von 60 auf 59 Stunden (!), ein 15-prozentiger Überstundenzuschlag und eine schriftliche Festsetzung der Akkordlöhne erreicht.
Nach mehreren kurzen erfolgreichen Streiks seit 1909, bei denen es um Lohnerhöhungen ging, richtete sich der Metaller-Streik von 1912 gegen die bestehende Arbeitszeit. Die technischen Neuerungen im Produktionsprozess belasteten die Arbeiter in immer stärkerem Maße. Bei 59 Wochenstunden musste dies zu Erkrankungen und Frühinvalidität führen. Deshalb die Forderung der Kolleginnen und Kollegen: 54-Stundenwoche – d. h. 9 Stunden täglich – bei Lohnausgleich.
Bei Hanomag ging es bei diesem Arbeitskampf wieder hart zu: Die Hanomag-Arbeiter flogen aus den Werkswohnungen und 400 Streikbrecher wurden aus ganz Deutschland zusammengeholt. Als Ergebnis eines 13-wöchigen Streiks wurde die Wochenarbeitszeit auf 56 1/2 Stunden verkürzt und der Lohn um 3 Pfennig erhöht. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Industriellen zu überbetrieblichen Vereinbarungen gezwungen wurden, die sie mit Vertretern des DMV aushandeln mussten. Der Weg für überbetriebliche Tarifverträge – heute eine Selbstverständlichkeit – war damit geebnet.
Die Hanomag-Direktion versuchte daraufhin, dem DMV im Betrieb die Basis zu entziehen: 1912 wurde ein „wirtschaftsfriedlicher Werkverein“ gegründet, dessen ausdrückliches Ziel die „Bekämpfung der Bestrebungen der Sozialdemokratie und der roten Gewerkschaften“ war. Dieser Werkverein hatte 1914 1.800 Mitglieder, was darauf zurückzuführen war, dass die Geschäftsleitung über gezielte Entlassungen, Neueinstellungen, Vergabe von Werkswohnungen und Druck der Meister für Mitglieder sorgte.
6. Die Weimarer Republik: Ganz im Schatten der SPD-Führung
Die Anfänge der Republik lagen in den Jahren des Hungers 1917/1918. Der Erste Weltkrieg forderte seinen Tribut. Die Unsinnigkeit des Krieges wurde immer deutlicher und der zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften vereinbarte „Burgfrieden“ wurde von den hungernden Arbeitern und vor allem Arbeiterinnen, die oft die Mehrheit in den Betrieben stellten, immer weniger eingehalten.
Der Zusammenbruch ließ nicht lange auf sich warten und so wurde im Herbst 1918 auch Hannover Zeuge revolutionärer Aktionen. Wenn auch zunächst nur auf dem Hauptbahnhof, auf dem streikende Militärs bzw. Militärräte auf sich aufmerksam machten. Die Streikaktionen dehnten sich bisweilen auf hannoversche Kasernen und Betriebe aus. Als aber dann in Berlin die Novemberrevolution ablief, konnte in Hannover schon wieder die Trambahn ungestört verkehren, wie Robert Leinert, Hannovers erster SPD-Bürgermeister, die Ruhe umschrieb.
Der im Gefolge des von reaktionären Kräften getragenen Kapp-Putsches von KPD, USPD und Gewerkschaften gemeinsam ausgerufene Generalstreik 1920 war dann der letzte Versuch einer revolutionären Veränderung des Republik-Alltages. Bei der HANOMAG drangen KPDler und USPDler in die Fabrik ein – sie mussten sich die Tore selber öffnen – und legten die Motoren still. Die HANOMAG-Arbeiter hielten sich zurück und wählten bei den Betriebsratswahlen des Jahres mehrheitssozialdemokratisch.
Die Jahre der Inflation 1922/23 waren zwar auch von Streiks für Lohnanpassung begleitet, aber bei der HANOMAG ging nichts mehr ohne die SPD-Führung. Es folgten die Jahre der Rationalisierung – immer mehr Fließbandarbeit nach amerikanischem Vorbild sowie Produktionsumstellung: von der Lokomotive zu Ackerschleppern und Autos –, d. h. immer mehr Arbeitsstress bei weniger bezahlten Arbeitskräften. Die sich daraus ableitenden Streikaktionen führten 1925/26 zu einem 9-wöchigen Streik bei HANOMAG gegen Akkordlohnkürzungen von 10–20 %. Es folgte nach Streikbeginn die Aussperrung und Entlassung der gesamten (!) Arbeiterschaft – wie in den bisherigen Arbeitskämpfen üblich.
Der schließlich zwischen Unternehmern und Gewerkschaften ausgehandelte Schlichtungsspruch brachte keine Verbesserung – also Niederlage – und viele der streikenden Arbeiter wurden nicht wieder eingestellt. Einerseits machte die Dequalifikation der Arbeit durch das Fließband den alten HANOMAG-Arbeiter ersetzbar und andererseits wurde die Zahl der Arbeiter insgesamt vermindert. 1926 waren es nur noch 3.000.
Angesichts solcher Rückschläge wurden bei zunehmender krisenhafter Wirtschaftsentwicklung derartige Streikaktionen immer riskanter und von der Gewerkschaftsführung, die nach dem ’26er Streik unter einer Legitimationskrise litt, immer weniger mitgetragen. 1929 gab es auf diese Weise bei anhaltendem Verfall der HANOMAG-Produktion einen unorganisierten Streik und 1931 zum letzten Male einen neunwöchigen Streik, der sogar ein erneutes Lohndiktat verhindern konnte.
Die HANOMAG-Produktion lag aber in diesen Jahren völlig darnieder – entsprechend sanken die Arbeiterzahl und die Kampfmoral des verbleibenden Restes.
7. Faschismus und Wiederaufbau: Ohne Bewegung
Mit der Niederlage der Arbeiterbewegung durch den Faschismus und der Zerschlagung ihrer Organisationen fanden sich auch die Arbeiter der HANOMAG in der Zwangsgemeinschaft der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) wieder, zusammen mit den Unternehmern.
Als äußere Zeichen der Verbundenheit der neubesetzten Vertreter des Großkapitals mit der faschistischen Ära wurde Mitte der 30er Jahre vor dem Tor 1 eine überdimensionale Arbeiter-Statue errichtet. (Die Statue wurde übrigens beim Einmarsch der Engländer ’45 abgebaut, versteckt und erst später wieder aufgestellt.) Und über dem Säulengang wurden vier mit Symbolen (die offensichtlich die vier Elemente Luft, Erde, Wasser und Feuer darstellten) versehene Steinblöcke eingelassen. Wer diese Naturgewalten am besten bezwingen konnte, wurde durch die besiegelnde Stellung der SS-Runen über dem feuerspeienden Drachen überdeutlich. Beides, SS-Runen und „Arbeiterstatue“, zieren noch heute den Eingang – trotz der Forderung von aktiven HANOMAG-Kollegen und Studenten im „Schwungrad – der unabhängigen Betriebszeitung der Hanomag“, diese „die Arbeiter verhöhnenden SS-Zeichen endlich zu entfernen.“ („Schwungrad“, Sept./Okt. 1970)
Im Faschismus wurde die HANOMAG-Produktion wiederbelebt – Automobilbau, Ackerschlepper, Lastwagen und: Rüstung. Arbeitskräfte wurden wieder eingestellt; einschließlich der schon erwähnten Zwangs- und KZ-Arbeiter, die Tag für Tag in langen Kolonnen aus dem KZ-Zwischenlager Mühlenberg ins Werk getrieben wurden und die Zahl der Arbeitskräfte bis auf 20.000 hochtrieben. Die Arbeiter wurden hart rangenommen und verschlissen. Streikaktionen aber unterblieben und von sicherlich vorgefallenen Sabotageaktionen kleinerer Aktionsgruppen ist bisher wenig bekannt.
Der Wiederaufbau schaffte die Befriedung der Arbeiter nach Kriegsende mit anderen Mitteln. Der Wille zum gemeinsamen Wiederaufbau und steigende Lohnzahlungen führten zu wenig Streikaktionen bei HANOMAG mit seiner stark sozialdemokratisch geprägten Arbeitervertretung nach ’45. (Kurt Schumacher, erster Vorsitzender der SPD nach Kriegsende, fand hier im wahrsten Sinne seine Stütze.) Bis dann 1966/67 die erste in der BRD spürbare Wirtschaftskrise an die alte Kampfkraft der Arbeiterbewegung appellierte.
8. Rezession 66/67: „Das ganze Gerede: Wir sitzen in einem Boot, gilt nicht mehr“
Die Rezession 1966/67 sollte auch bei Hanomag auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen werden. Hatten schon Anfang 1967 erste Entlassungen stattgefunden, so kündigte die Unternehmensleitung zur weiteren Reduzierung der Lohnkosten im April Lohn- und Gehaltskürzungen um 5,6 % für Arbeiter und Angestellte des Werkes an. Außerdem sollten die überbetrieblichen Zulagen wie das Weihnachtsgeld und die Treueprämien abgebaut werden.
Diesem Lohnabbau traten die Hanomag-Kollegen mit Arbeitsniederlegungen und mehrstündigen Kundgebungen von 4.000 Schichtarbeitern entgegen. Aussagen wie: „Das ganze Gerede: Wir sitzen in einem Boot, gilt nicht mehr“ und: „Jahrelang ging es gut, da hat man uns gebraucht“, verdeutlichten die Verbitterung und zunehmende Erfahrung der Interessenkollision.
Trotz hinhaltender Versprechungen und massiven Drohungen mit Auftragsverlusten und dem Antrag auf Massenentlassungen gelang es nicht, die Belegschaft einzuschüchtern. Auch Versuche der Spaltung griffen nicht, vielmehr gehörte es zu den erstaunlichsten Erscheinungen dieses Arbeitskampfes, dass auch die Angestellten mitstreikten. In einer dreiwöchigen Streik- und Verhandlungswelle, in die auch der damalige IG-Metall-Vorsitzende Otto Brenner eingeschaltet wurde, konnte der Lohnabbau abgewehrt werden.
Noch konnten Hanomag-Arbeiter stolz als Fazit verkünden:
„Wenn wir einig sind, riskieren die da oben nicht, uns rauszuschmeißen. Facharbeiter, wie wir es sind, bekommen die so schnell nicht wieder!“
9. Von der Fabrikhalle auf die Schiene
Während der 1. Rote-Punkt-Aktion in Hannover im Sommer 1969 griff der Protest gegen die geplanten Erhöhungen der Straßenbahntarife ansatzweise auch auf hannoversche Großbetriebe über. So wurden in der Hanomag „zwei Tage hintereinander Vollversammlungen durchgeführt und für die Demonstranten gesammelt“ („express“, Sept. 78). In einer Dokumentation über die Rote-Punkt-Aktion wird ausgeführt: „Auf dem Werkgelände der Hanomag formiert sich ein Demonstrationszug. Die Arbeiter wollen zur 17-Uhr-Kundgebung marschieren, um den Demonstranten 1.600 DM zu übergeben, die während der Frühschicht gesammelt worden sind.“
10. Die Suppe lassen wir uns nicht nehmen – Der Kantinenstreik ’69
Ein Hanomag-Kollege erzählte:
Es begann damit, dass der damalige Kantinen-Pächter Nagel seine Preise rigoros heraufsetzte. Er hatte wohl einige Proteste erwartet, aber das, was dann kam, hat selbst einen ausgefuchsten Kapitalisten wie Nagel überrascht.
Da wurden Wandzeitungen an die Kantinen geklebt („Ohne Furcht und Tadel – haut ihn krumm, den Nagel“).
Da tauchten Flugblätter auf („Stoppt den Kantinenwucher!“).
Und da wurden Plakate an die Kantinentüren ge„nagel“t („Diese Preise sind unsozial!“).
Wir haben unsere Verpflegung von „draußen“ geholt, die Kantinen wurden boykottiert. Einige mehr, andere weniger. Aber der Erfolg war auf unserer Seite.
(aus: „Schwungrad“, 2/71, die „unabhängige Betriebszeitung der Hanomag“ von Hanomag-Arbeitern und Studenten des Sozialdemokratischen Hochschulbundes Hannover)
11. Der Streik für mehr Weihnachtsgeld 1969
Erinnert sei an die Hektik der Tage und Stunden, als von der Hauptversammlung des Konzerns mit einem unverschämt niedrigen Angebot die spontane Arbeitsniederlegung provoziert wurde. Erinnert sei an die missliche Lage des Betriebsrats, der einerseits der „Friedenspflicht“ nachkommen musste und andererseits von den Kollegen aufgefordert wurde, die Führung des Streiks zu übernehmen. (…)
Der Streik wurde zwar kein voller Erfolg, aber er hat doch dazu beigetragen, das Selbstbewusstsein der Belegschaft zu stärken.
(„Schwungrad“, 2/71)
12. Für frischen Wind
Bei der sommerlichen Hitzewelle im Juni 1970 hatten die Kollegen im Motorenbau II die Faxen endgültig dicke. 4 Jahre lang hatten sie vergeblich auf die dringend benötigte Klimaanlage gewartet. Nun brachten sie die Betriebsleitung ins Schwitzen und nötigten ihr Zusagen ab, für frischen Wind zu sorgen.
13. Der Belegschaft wird das Rückgrat gebrochen
Konnte sich die Belegschaft in der Rezession 1966/67 noch gegen Lohnabbau und bis 1969 gegen weiteren Abbau von Sozialleistungen erfolgreich wehren, so wurde sie von den ab 1970 einsetzenden Entlassungswellen überrollt.
„Kollegen – Die Lage ist hoffnungslos, aber keinesfalls ernst“, kommentierte das „Schwungrad“ die im August und November 1970 bekannt gewordenen Entlassungen von 200 und weiteren 750 Kollegen. Mit Einstellung der Schlepper- und Landmaschinenproduktion Anfang ’71 versuchten sich die sozialpartnerschaftlich bewährten Betriebsratsspitzen Kassubowski und Söchtig als Handlungsreisende in Richtung Bonn, um Aufträge ranzuschaffen in Umkehrung des „marktwirtschaftlichen“ Systems.
Doch Entlassungen und Demontage des Werkes gingen weiter. Als im Feb. ’72 die Stilllegung des Motorenbaus verkündet wurde, ruhte am gleichen Tag in allen Werkstätten aus Protest für eine Stunde die Arbeit. In einer turbulenten Betriebsversammlung Mitte März ließ sich die Belegschaft noch einmal vertrösten.
Jedoch im Juni ’72 kam das Aus für Hammerwerk und Gießerei. Mit roten und schwarzen Fahnen zogen 4.000 Hanomag-Kollegen durch die Stadt zu einer Kundgebung vors Rathaus. Die Reaktion der Politiker war beschwichtigend bis hilflos.
Die SPD-Führung in Hannover, die den Rheinstahl-Konzern aufforderte, die Stilllegung nochmals zu überprüfen, wurde aus den eigenen Reihen, vom SPD-Bereich Linden-Limmer, öffentlich kritisiert:
„Was ist das für eine Naivität anzunehmen, dass das Kapital auf Appelle der SPD hin Beschlüsse wieder rückgängig macht!“
Seitens der SPD mitzukämpfen „würde bedeuten, dass sie sich mit dem Kapital anlegen muss“ – was kaum zu erwarten war. („Rotes Linden-Blatt“, Juni 72; Zeitung der SPD Linden-Limmer, aus: „Sozialistische Korrespondenz“ 8/74)
Die SPD Linden-Limmer fing sich den Vorwurf der Parteischädigung ein – die Hanomag-Kollegen wurden entlassen. Das Hammerwerk wurde wie geplant im Oktober ’72 stillgelegt, und im Dezember die Lkw-Motorenstraße an den schwedischen Konzern Volvo mit 40 Mio. DM Gewinn verkauft. Die endgültige Stilllegung der Gießerei erfolgte Anfang 1973.
Der per Einigungsstelle diktierte Sozialplan vom August ’72 war mehr als unzureichend: Ganze zwei Bruttomonatsverdienste (!) erhielten Kollegen erst ab 46 Lebensjahren und 10 Jahren Betriebszugehörigkeit bzw. 16 Jahren Betriebszugehörigkeit und 40 Lebensjahren! Alle anderen gingen völlig leer aus.
Damit war die Belegschaft entschieden geschwächt. Die streikerfahrensten Kollegen der Warmbetriebe waren entlassen. Resignation machte sich breit.
Im Oktober 1973 kam der nächste Schlag. Erneut erfuhr die auf 3.300 zusammengeschrumpfte Belegschaft erst aus Zeitung und Fernsehen – nachdem die Entscheidungen längst gefallen waren – von dem Antrag auf Massenentlassung von 1.000 Kollegen. Die Stilllegung des ganzen Werkes drohte.
Die Betriebsratsspitze, die zwei Wochen vorher davon wusste, hüllte sich in Verschwiegenheit und Untätigkeit. Deutlich wurde, dass die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie, die auch für den Rheinstahl-Konzern galt, sich als untauglich erwies, Kapitalstrategien abzuwenden.
Die Kritik am Verhalten des Betriebsrates, der nicht einmal den Versuch machte, die Massenentlassungen abzuwenden, sondern gleich Kurzarbeit vorschlug, wurde vom SPD-Landtagsabgeordneten Penningsdorf auf einer öffentlichen Kundgebung der SPD Linden-Limmer verdeutlicht – und mit dem Vorwurf der „Auslassung von Chaoten“, die gleichermaßen „gewerkschafts- und parteifeindlich“ sei, aus Betriebsrats- und AfA-Kreisen (Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD) quittiert.
Der SPD-Bereich Linden-Limmer ging damit auf Konfliktkurs innerhalb der SPD und gegenüber der IG-Metall-Ortsverwaltung aus „Verbundenheit mit der Hanomag-Belegschaft“, weil, wie er meinte, deren „Kampf gegen das herrschende Kapital und der ihm verpflichteten Unternehmensleitung auch unser Kampf“ sei („Rotes Linden-Blatt“).
Um „Schluss mit den Geheimverhandlungen“ zu machen, führte er wenige Tage nach Bekanntwerden der Entlassungspläne eine öffentliche Kundgebung – zusammen mit kritischen Hanomag-Betriebsräten und Vertrauensleuten, aber boykottiert von IG-Metall-Ortsverwaltung und SPD-Spitze – auf dem Lindener Marktplatz durch. Die SPD Linden-Limmer drang mit einer Alternative in die Öffentlichkeit: das Werk (zumindest langfristig) „mit Unterstützung der Landesregierung in die Selbstverwaltung der Arbeiter und Angestellten der Hanomag zu überführen.“ Kurzfristig müsste dem Konzern zumindest ein neuer Sozialplan abgetrotzt werden.
Doch keines von beidem passierte. Außer einer Kritik der SPD-Landtagsfraktion an den Verschleierungsabsichten des Konzerns blockten Gewerkschafts- und SPD-Spitzen ab. Die Verhandlungen von Betriebsrat und Konzern mit Bund und Land versandeten.
Die konservative Lokalpresse griff den Zwist in der hannoverschen SPD („Zwei Parteien“) begierig auf, kam jedoch nicht umhin, dabei Informationen und inhaltliche Stellungnahmen zum Thema Hanomag öffentlich weiterzutragen. Die vorpreschenden Sozialdemokraten aus Linden-Limmer stoppten derweil die angedrohten Parteiordnungsverfahren.
Im November ’73 einigten sich Betriebsrat und Unternehmensleitung darauf, statt der Massenentlassungen Kurzarbeit für 4/5 der Belegschaft ein halbes Jahr lang einzuführen – sowie jeden Monat 49 Kollegen zu entlassen. Rheinstahl sparte Geld für einen neuen Sozialplan, die Kurzarbeit zahlten die Steuerzahler, und entlassen wurde dennoch. Die Solidarisierung der Belegschaft war gebrochen – die Stimmung schwankte zwischen unverminderter Resignation und spürbarem Aufatmen.
14. „Sie wollen uns innerlich fertigmachen“
Nach dem Ende der Hanomag war die Moral der Kollegen sehr angeknackst. Als MF die Firma übernommen hatte, war es zunächst eine ziemlich ruhige Zeit. Man bezog in der Gewerkschaftsarbeit so eine Art Wartestellung.
Bewegung kam erst wieder, als MF mit Hilfe einer amerikanischen Beratungsfirma das MTM-System zur Arbeitsbewertung in einzelne Abteilungen einführte. Die gingen dabei ganz geschickt vor. So waren z. B. auf Kosten der Geschäftsleitung zwei Betriebsräte nach Schweden geflogen, um sich dort in einer Firma dieses Arbeitsbewertungssystem in der Praxis anzuschauen. Die waren dann hinterher ganz auf dieses System eingeschworen. Aber den Kollegen war diese Propaganda von Anfang an irgendwie suspekt. Unterstützung bekamen sie dann auch durch einzelne Bildungsarbeitskreise der IG Metall, wo frühzeitig gewerkschaftliche Eingriffsmöglichkeiten diskutiert worden waren.
Fazit eines Hanomag-Kollegen:
Obwohl wir die Brocken ständig hingeschmissen haben, konnten wir dem Arbeitgeber Wesentliches nicht abtrotzen. Echte Erfolge sind uns gegen die ständige Rationalisierung nie gelungen. Über 20 Jahre gab’s immer nur Nackenschläge. Dass dies aber typisch für den Kapitalismus ist, hat die Belegschaft zwar erfahren, aber nie so richtig begriffen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir doch immer verarscht werden. Auch die Betriebsratsspitzen haben dazu beigetragen. Die fuhren immer zu Willy Brandt oder Helmut Rohde nach Bonn und haben uns anschließend dann immer beschwichtigt. Verhindert haben die dadurch praktisch nichts, auch nicht im Aufsichtsrat.
(„express“, Sept. 78)
Mit der Produktionseinstellung der Perkins-Motoren und Absatzrückgang im Baumaschinenbereich waren 1978 erneut Entlassungen angesagt. Ein Kollege führt aus:
Hinzu kommt ja auch die Kurzarbeit fast das ganze Jahr über. Durch diese Taktik wird eine Solidarisierung und damit unsere gewerkschaftliche Arbeit natürlich sehr erschwert. Keiner der Kollegen weiß eigentlich, wer als nächster dran ist.
Diese große Angst erschwert natürlich auch die Organisation eines gemeinsamen Abwehrkampfes. Es gibt langjährige, jetzt von der Entlassung bedrohte Kollegen, die mit Tränen in den Augen zu den Vertrauensleuten kommen und nach Möglichkeiten der Abwehr fragen. Aber was sollen wir bei dieser Angst machen? Dieses innere Aufgeben, das ist es doch, was sie erreichen wollen.
(„express“, Sept. 78)
Hanomag: Verladen und verkauft