Didaktische Verortung des Konzepts

In der Tradition von Negt – Klafki – Freire

Christine Zeuner versteht die gesellschaftlichen Kompetenzen nicht als einen Katalog isolierter Fähigkeiten, die Lernende erwerben und anschließend möglichst messbar „anwenden“ sollen. Ihre didaktische Begründung steht vielmehr in der Tradition einer kritischen, auf Mündigkeit, Emanzipation und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit gerichteten Bildung. Sie bezieht sich dabei ausdrücklich auf drei miteinander verwandte Ansätze: Oskar Negts Konzept der „Soziologischen Phantasie und des exemplarischen Lernens“, Wolfgang Klafkis kritisch-konstruktive Didaktik und Paulo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“. Zeuner hat diese Verbindung auch schon in früheren Veröffentlichungen ausdrücklich hergestellt. (Zeuner, 2026: S. 23-29)

Negt bildet dabei den unmittelbaren Ausgangspunkt. Lernen beginnt bei den Erfahrungen, Interessen und Konflikten der Lernenden. Der Bildungsgegenstand erhält seinen exemplarischen Charakter jedoch gerade dadurch, dass die konkrete Erfahrung über sich selbst hinausweist. An einem besonderen Konflikt sollen allgemeinere gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar werden. Zeuner fasst das Ziel als Fähigkeit, strukturelle Beziehungen zwischen individueller Lebensgeschichte, Interessen, Wünschen und Hoffnungen einerseits und gesellschaftlichen Bedingungen andererseits zu erkennen. Damit greift Negt ausdrücklich C. Wright Mills‘ Begriff der sociological imagination auf.

Das ist für die gesellschaftlichen Kompetenzen entscheidend: Das Einzelne wird nicht isoliert kompetent bewältigt, sondern gesellschaftlich entschlüsselt. Arbeitslosigkeit wird beispielsweise nicht allein als individuelles Problem der Berufsorientierung verstanden; eine Erfahrung steigender Mieten nicht lediglich als Problem persönlicher Haushaltsführung; Klimawandel nicht nur als Aufforderung zu verändertem Konsum. Soziologische Phantasie fragt jeweils nach den gesellschaftlichen Strukturen, historischen Entwicklungen, Interessen und Machtverhältnissen, die sich in der individuellen Erfahrung ausdrücken.

Klafki erweitert und systematisiert diese Perspektive didaktisch. Auch seine Vorstellung exemplarischen Lernens zielt darauf, an ausgewählten Problemen grundlegende und verallgemeinerbare Einsichten zu gewinnen. Bildung soll sich nicht in der Akkumulation von Stoff erschöpfen. Die Beschäftigung mit einem konkreten Gegenstand erschließt vielmehr allgemeine Kategorien und gesellschaftliche Problemzusammenhänge. Für Zeuners Kompetenzkonzept ist daran besonders wichtig, dass damit eine Auswahl von Bildungsgegenständen begründbar wird: Nicht alles gesellschaftlich Vorhandene muss zum eigenen Kompetenzbereich erklärt werden. Entscheidend ist vielmehr, welche grundlegenden gesellschaftlichen Zusammenhänge sich exemplarisch erschließen lassen.

Freire radikalisiert schließlich die subjekt- und handlungsorientierte Seite dieser Didaktik. Lernende sind keine Behälter, die mit gesellschaftlichem Wissen gefüllt werden. Ausgangspunkt sind ihre Erfahrungen und ihre Wahrnehmung gesellschaftlicher Widersprüche. Bildung bedeutet Bewusstwerdung (conscientização), Dialog und die Entwicklung der Möglichkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur zu verstehen, sondern als veränderbare Wirklichkeit wahrzunehmen. Deshalb führt die Logik der gesellschaftlichen Kompetenzen bei Zeuner folgerichtig von Sehen und Urteilen zum Handeln; genau diese Struktur bildet sich auch im Aufbau ihres Buches ab.

Damit lassen sich die drei Bezugspunkte als zusammenhängende didaktische Bewegung verstehen:

Erfahrung → exemplarisches Problem → gesellschaftlichen Zusammenhang erkennen → kritisch urteilen → Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

Negt liefert dafür vor allem die Verbindung von Erfahrung und gesellschaftlicher Struktur, Klafki die didaktische Begründung der exemplarischen Erschließung grundlegender Probleme, Freire die Verbindung von Bewusstwerdung, Emanzipation und gesellschaftsverändernder Praxis.

Bedeutung für das erweiterte Konzept der zwölf Gesellschaftskompetenzen

Gerade diese didaktische Verortung ist ein starkes Argument dagegen, die Erweiterung von sechs auf zwölf Dimensionen als bloße Vermehrung eines Kompetenzkatalogs zu verstehen. Zeuners Rückgriff auf Negt, Klafki und Freire legt vielmehr einen Prüfstein nahe: Eine zusätzliche Gesellschaftskompetenz ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie eine eigenständige gesellschaftliche Wirklichkeitsdimension erschließt, die für das Verstehen, Urteilen und Handeln der Subjekte unverzichtbar geworden ist.

Das unterscheidet Gesellschaftskompetenzen von der inflationären Bildung immer neuer Bindestrich-Kompetenzen. Nicht jede neue gesellschaftliche Herausforderung erzeugt automatisch eine neue Kompetenz. KI-Kompetenz wäre beispielsweise zunächst innerhalb technologischer, medialer, ökonomischer, politischer und ethischer Zusammenhänge zu erschließen. Ambiguitätstoleranz bezeichnet eher eine querliegende Fähigkeit des Urteilens. Ästhetisches Bewusstsein und Kreativität können insbesondere als Momente kultureller Kompetenz verstanden werden.

Damit gewinnt auch das exemplarische Prinzip für das erweiterte Zwölfermodell eine besondere Bedeutung: Die zwölf Dimensionen sind keine zwölf Unterrichtsfächer und erst recht keine zwölf voneinander isolierten Lernzielkataloge. Sie sind unterschiedliche Zugänge zu derselben gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ein konkretes gesellschaftliches Problem kann – und soll – mehrere dieser Dimensionen zugleich aufrufen.

Das entspricht erstaunlich genau der von Zeuner hervorgehobenen soziologischen Phantasie: von einer Perspektive zu einer anderen wechseln und die Beziehungen zwischen ihnen erkennen.

Man könnte deshalb für das erweiterte Konzept programmatisch formulieren:

Gesellschaftskompetenzen bezeichnen nicht zwölf voneinander getrennte Fähigkeiten, sondern zwölf gesellschaftliche Erschließungsdimensionen. Ihre didaktische Einheit entsteht im exemplarischen Lernen: Ausgehend von konkreten Erfahrungen und gesellschaftlichen Konflikten werden Zusammenhänge sichtbar, kritisch beurteilt und auf Möglichkeiten individuellen und kollektiven Handelns bezogen. In dieser Orientierung verbindet das Konzept Negts soziologische Phantasie mit Klafkis kritisch-konstruktiver Didaktik und Freires emanzipatorischem Bildungsverständnis.

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