Der VW-Komplex (1989/90)

Annotation

Hartmut Bitomskys Filmessay „Der VW-Komplex“ folgt der Produktion eines VW Golf durch das Wolfsburger Werk und verbindet diesen Weg mit einer Spurensuche durch die Geschichte des Konzerns und der Stadt. Arbeit und Automatisierung, Menschen und Maschinen, NS-Vergangenheit und bundesrepublikanische Gegenwart verdichten sich zu einem ebenso materiellen wie gesellschaftlichen „Komplex“.

DER VW-KOMPLEX

Dokumentarfilm / Filmessay

BRD/Frankreich 1989/90

Regie: Hartmut Bitomsky
Regie-Assistenz: Dietmar Klein
Drehbuch/Konzept: Hartmut Bitomsky
Kommentar: Hartmut Bitomsky
Interviews: Hartmut Bitomsky
Kamera: Axel Block
Kamera-Assistenz: Sascha Mieke
Licht: Johannes Stankowski
Schnitt: Hartmut Bitomsky
Ton: Gerhard Metz
Mischung: Gerhard Jensen
Sprecher: Hartmut Bitomsky

Produktionsfirmen: Big Sky Film (Köln), Fas-Film (Hamburg)
im Auftrag von: La Sept (Paris), Westdeutscher Rundfunk (WDR), Köln
Produzenten: Thierry Garrel, Hartmut Bitomsky
Redaktion: Werner Dütsch, Claire Doutriaux
Produktionsleitung: Albert Schwinges

Dreharbeiten: Herbst 1988, Wolfsburg
Länge: 93 Min.
Format: 16 mm, 1:1,66
Bild/Ton: Eastmancolor, Ton
Kinostart (Deutschland): 19. April 1990

Der VW-Komplex beginnt nicht mit einer chronologischen Geschichte des Volkswagenkonzerns. Ausgangspunkt ist vielmehr die Produktion eines VW Golf 2 im Wolfsburger Werk. Anderthalb Tage dauert seine Montage. Bitomsky folgt dem Fahrzeug durch die weitgehend automatisierten Produktionsstraßen und macht diesen Fertigungsprozess zum strukturierenden Gerüst seines Films.¹

Von der gegenwärtigen Produktion führen immer wieder Wege in die Vergangenheit. Historische Filmaufnahmen und Dokumente verbinden die Fabrik der späten 1980er Jahre mit der Entstehung des Volkswagens und des Werkes während des Nationalsozialismus. Dabei erscheint auch Wolfsburg nicht lediglich als Standort der Fabrik. Werk und Stadt bilden einen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang, den Bitomsky in seine Spurensuche einbezieht.²

Die Spurensuche reicht damit bis in die nationalsozialistische Vorgeschichte zurück. Der Zusammenhang von Volkswagen, Autobahn und Massenmotorisierung knüpft zugleich an Bitomskys vorausgegangenen Film Reichsautobahn an. Der VW-Komplex bildet den Abschluss einer Folge von Filmen, die später häufig als Bitomskys „Deutschlandtrilogie“ bezeichnet wurde.³ Zur Geschichte des Werkes gehört im Film auch die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs; sichtbar wird unter anderem das Barackenlager „Klein-Moskau“, in dem sowjetische Zwangsarbeiter untergebracht waren.⁴

Im Zentrum steht jedoch immer wieder die Fabrik selbst. Bitomsky beobachtet Produktionsabläufe, Maschinen und die verbliebene menschliche Arbeit. Die hochautomatisierte Halle 54 erscheint dabei zugleich als Ergebnis einer langen Geschichte industrieller Rationalisierung und als möglicher Endpunkt einer bestimmten Form von Industriearbeit. Unterschiedliche historische Formen der Arbeit existieren im Werk noch nebeneinander, während menschliche Tätigkeit in den automatisierten Bereichen zunehmend auf Beobachtung und Kontrolle der Maschinen reduziert erscheint.⁵

Aus diesen Beobachtungen entwickelt der Film keine geschlossene Unternehmensgeschichte. Er bewegt sich assoziativ zwischen Produktionsgegenwart, historischen Bildern, Wolfsburg, Technik und Arbeit und reflektiert zugleich die Möglichkeiten, eine Fabrik überhaupt filmisch abzubilden. Der „VW-Komplex“ bezeichnet damit nicht nur einen großen Industriekonzern, sondern ein schwer durchschaubares Geflecht von Geschichte, Produktion, Technik, Menschen und gesellschaftlicher Ordnung.⁶

Der Film endet deshalb auch nicht mit einer eindeutigen Erklärung oder Bewertung. Er legt vielmehr Spuren und Zusammenhänge frei, die miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Die Fabrik wird zum Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart und eine bereits erkennbare mögliche Zukunft industrieller Arbeit gleichzeitig anwesend sind.


Anmerkungen und Quellen

1 Vgl. filmportal.de: Der VW Komplex, BR Deutschland/Frankreich 1988/1989. Die Inhaltsbeschreibung nennt eine Montagezeit von anderthalb Tagen für einen Golf 2 und beschreibt, wie Bitomsky dessen Weg durch die automatisierten Produktionsstraßen in Wolfsburg verfolgt.
filmportal.de: Der VW Komplex

2 Vgl. ebd. Filmportal hebt neben der Geschichte des Volkswagenkonzerns ausdrücklich die enge Verbindung mit der Stadt Wolfsburg hervor. Im vorliegenden Material wird die Verbindung von Konzern, Werk, Stadt und Arbeit als eine wesentliche Ebene des Films beschrieben.

3 Zur werkgeschichtlichen Einordnung vgl. Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB): Hartmut Bitomsky. Die DFFB bezeichnet Deutschlandbilder (1983), Reichsautobahn (1986) und Der VW Komplex (1989) als drei häufig als „Deutschlandtrilogie“ zusammengefasste Filme, weist allerdings darauf hin, dass sie ursprünglich nicht als Trilogie konzipiert waren. Diese Präzisierung ist gegenüber unserem bisherigen Text wichtig.
DFFB: Hartmut Bitomsky

4 Vgl. die im Arbeitsmaterial übernommene spätere Beschreibung des Films: Der Film unternehme am Beispiel von Volkswagen eine „Archäologie der jüngeren deutschen Geschichte“ und lege dabei unter anderem das Barackenlager „Klein-Moskau“ frei, in dem während des Zweiten Weltkriegs sowjetische Zwangsarbeiter untergebracht waren.

5 Vgl. Torsten Alisch: Protokoll der Diskussion zu Der VW Komplex, 13. Duisburger Filmwoche, 15. November 1989. In der Diskussion wird die Halle 54 als gleichzeitig „Ergebnis und Abschied“ einer seit dem 19. Jahrhundert verlaufenden Geschichte bezeichnet; der Konzern sei zugleich ein „Museum“ anderer, weiterhin im Werk vorhandener Arbeitsformen. Das Originalprotokoll nennt Hartmut Bitomsky als Teilnehmer, Dietrich Leder als Moderator und Torsten Alisch als Protokollanten.
Protokult – Duisburger Filmwoche: Der VW Komplex

6 Vgl. filmportal.de: Der VW Komplex. Bitomskys Definition des Titels lautet dort: „Ein Komplex ist eine undurchsichtige, verwickelte Hyperaktivität um eine fatale Stelle“; der folgende Satz bestimmt diese als ein Defizit, das verborgen bleiben soll. Die Viennale greift den Begriff ebenfalls als Schlüssel für die Struktur des Films auf.

Hartmut Bitomsky (1942–2025) gehört zu den wichtigen Vertretern des deutschen Dokumentar- und Essayfilms. Nach einem Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Publizistik wechselte er 1966 in den ersten Jahrgang der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Im Zusammenhang mit den Studentenprotesten wurde er 1968 gemeinsam mit 17 weiteren Studierenden von der Hochschule relegiert.¹

Seine frühen Arbeiten waren stark von der politischen Aufbruchssituation um 1968 geprägt. Gemeinsam mit Harun Farocki beschäftigte sich Bitomsky in Lehrfilmen mit Begriffen der Marxschen politischen Ökonomie. Von 1974 bis 1985 war er zudem Redakteur der Zeitschrift Filmkritik. In den folgenden Jahrzehnten konzentrierte sich sein filmisches Schaffen zunehmend auf Dokumentarfilme und Filmessays, von denen zahlreiche für das Fernsehen, insbesondere in Zusammenarbeit mit dem WDR, entstanden.²

Kennzeichnend für Bitomskys Arbeit ist weniger die möglichst vollständige dokumentarische Abbildung eines Gegenstandes als die Frage, wie Bilder Wirklichkeit herstellen, verbergen und der Kritik zugänglich machen können. Bereits seit Ende der 1960er Jahre entwickelte er ein film- und bildkritisches Instrumentarium, das sein späteres Werk bestimmte. Dokumentarische Verfahren verband er dabei mit Filmkritik, Kommentar und der kritischen Untersuchung bereits vorhandener Bilder.³

Eine besondere Stellung nehmen Deutschlandbilder (1983), Reichsautobahn (1986) und Der VW-Komplex (1989) ein. Die drei Filme werden rückblickend häufig als Bitomskys „Deutschlandtrilogie“ bezeichnet. Bemerkenswert ist allerdings, dass sie ursprünglich nicht als Trilogie konzipiert waren. Reichsautobahn und Der VW-Komplex entwickelten sich vielmehr gewissermaßen als Fortsetzungen der mit Deutschlandbilder begonnenen Untersuchung.⁴

Dabei verändert sich zugleich der Gegenstand. Deutschlandbilder untersucht nationalsozialistische Kulturfilme und die in ihnen erzeugte Bilderwelt. Reichsautobahn erweitert die Untersuchung auf Technik, Infrastruktur und Massenmobilisierung. Mit Der VW-Komplex führt die Spur schließlich in die industrielle Gegenwart der Bundesrepublik: zur Geschichte und Gegenwart des Volkswagenwerkes, zur Automatisierung und zur Veränderung industrieller Arbeit.⁵ In der Rückschau lässt sich darin eine Bewegung von der Untersuchung nationalsozialistischer Bilder hin zu deren materiellen und gesellschaftlichen Nachgeschichten in der Bundesrepublik erkennen.⁶

Für Der VW-Komplex ist dieses Verständnis von Film besonders wichtig. Bitomsky tritt nicht hinter seinem Gegenstand zurück. Er ist Regisseur und Autor, führt Interviews, spricht den Kommentar und verantwortet den Schnitt. Der Film macht damit seine Perspektive auf Volkswagen nicht unsichtbar, sondern lässt den Prozess des Untersuchens selbst hervortreten.⁷

Wie Bitomsky sein Verfahren verstand, wird in der Diskussion nach einer Vorführung des Films bei der Duisburger Filmwoche 1989 besonders deutlich. Eine Zuschauerin warf ihm vor, durch die Montage bestimmter Bilder manipulative Wirkungen zu erzeugen. Bitomsky verwies darauf, dass Filme notwendig aus Bildern, Tönen und Geräuschen bestehen, deren Anordnung Wirkungen hervorruft. Entscheidend war für ihn offenbar nicht die Vermeidung solcher Wirkungen, sondern deren Funktion: Im konkreten Fall sollten sie die Wahrnehmung „wiederbeleben“ und verschärfen.⁸

Ebenso aufschlussreich ist seine Reaktion auf den Vorwurf, dem Film fehle die sozialgeschichtliche Dimension des Volkswagenwerkes. Bitomsky behauptete nicht, diese Geschichte vollständig dargestellt zu haben. Er habe die Fabrik nicht in ihrer Totalität zeigen wollen und sei nicht als Soziologe in den Betrieb gegangen. Sein Interesse richtete sich stärker auf das übergreifende Fortschreiten der Modernisierung und insbesondere auf die Veränderung der Arbeit durch Automatisierung.⁹

Darin liegt zugleich eine Stärke und eine mögliche Grenze seines Verfahrens. Was ein Film sichtbar macht, hängt auch davon ab, wonach sein Autor sucht. Was er nicht sucht, kann unsichtbar bleiben. Genau dieser Einwand wurde bereits in der zeitgenössischen Diskussion formuliert. Für die heutige Beschäftigung mit Der VW-Komplex ist er besonders produktiv, weil er den Film nicht entwertet, sondern zum Ausgangspunkt weiterer Fragen macht.

Bitomsky versteht Dokumentarfilm damit nicht als neutrale Wiedergabe einer bereits gegebenen Wirklichkeit. Sein Verfahren lässt sich eher als Denken mit und durch Bilder beschreiben. Der VW-Komplex ist deshalb keine vollständige Unternehmensgeschichte Volkswagens. Der Film untersucht an Volkswagen Zusammenhänge von deutscher Geschichte, industrieller Produktion, Technik und Arbeit – und zugleich die Frage, wie solche Zusammenhänge überhaupt filmisch sichtbar gemacht werden können.


Anmerkungen und Quellen

1 Vgl. Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb): Hartmut Bitomsky. Bitomsky wurde am 10. Mai 1942 in Bremen geboren, studierte ab 1962 Theaterwissenschaft, Germanistik und Publizistik und wechselte 1966 an die dffb. Im November 1968 wurde er im Zusammenhang mit der Besetzung des Rektorats gemeinsam mit 17 weiteren Studenten relegiert. Bitomsky starb am 24. September 2025 im Alter von 83 Jahren.
DFFB: Hartmut Bitomsky

2 Vgl. filmportal.de: Hartmut Bitomsky. Zu seinen frühen Arbeiten gehörten politische Lehrfilme; von 1974 bis 1985 war er Redakteur der Zeitschrift Filmkritik. In der Folge konzentrierte er sich vor allem auf Dokumentarfilme und Filmessays für das Fernsehen. Zur langjährigen Zusammenarbeit mit dem WDR und Werner Dütsch vgl. auch den Nachruf von epd Film.

3 Vgl. Deutsches Historisches Museum/Zeughauskino: Hartmut Bitomsky. Die Arbeit eines Kritikers mit Worten und Bildern. Die Retrospektive hebt hervor, dass Bitomsky bereits in seinen frühen Arbeiten ein film- und bildkritisches Instrumentarium entwickelte und dieses seit den 1980er Jahren um dokumentarische Strategien erweiterte. Das im Arbeitsmaterial enthaltene Material zur Werkmonografie von Frederik Lang charakterisiert diesen Zusammenhang ebenfalls als Arbeit „mit Worten und Bildern“.

4 Vgl. dffb: Hartmut Bitomsky. Die dffb weist ausdrücklich darauf hin, dass Deutschlandbilder, Reichsautobahn und Der VW Komplex zwar häufig als „Deutschlandtrilogie“ bezeichnet werden, aber nicht als solche konzipiert waren.

5 Vgl. dffb: Hartmut Bitomsky. Deutschlandbilder untersucht die nationalsozialistische Bilderwelt; Reichsautobahn und Der VW Komplex entstanden als Fortführungen dieser Beschäftigung. Zur Geschichte und Gegenwart des Volkswagenwerks als Gegenstand von Der VW-Komplex vgl. auch filmportal.de.

6 Vgl. Deutsches Historisches Museum/Zeughauskino: Der VW Komplex. Dort wird die Entwicklung der sogenannten Deutschlandtrilogie als Verschiebung von der Bilderwelt des Nationalsozialismus in die Gegenwart der Bundesrepublik und zu den dort verbliebenen „Spuren und Kontinuitäten der NS-Vergangenheit“ charakterisiert.

7 Zu Bitomskys Funktionen bei der Produktion vgl. die filmographischen Angaben: Regie, Konzept, Kommentar, Interviews und Schnitt stammen von Hartmut Bitomsky; er fungiert zudem als Sprecher.

8 Vgl. Torsten Alisch: Protokoll der Diskussion zu Der VW-Komplex, Duisburger Filmwoche 1989. Die Auseinandersetzung über „Manipulation“, Montage und die von Bitomsky beabsichtigte Wiederbelebung bzw. Verschärfung der Wahrnehmung ist im Arbeitsmaterial dokumentiert.

9 Vgl. ebd. Bitomsky reagierte auf die Kritik an der fehlenden sozialgeschichtlichen Dimension mit dem Hinweis, er sei nicht als Soziologe in den Betrieb gegangen und habe keine Totaldarstellung der Fabrik angestrebt. In der anschließenden Diskussion wird das übergreifende Fortschreiten der Modernisierung als wesentliche Perspektive des Films herausgearbeitet.

Vom Film über die Reichsautobahn zum Volkswagen

Der VW-Komplex entstand nicht als isoliertes Filmprojekt. Eine unmittelbare Verbindung besteht zu Bitomskys vorausgegangenem Film Reichsautobahn. Dort war der Volkswagen bereits Bestandteil der nationalsozialistischen Verbindung von Verkehrspolitik, Technik und Massenmotorisierung. Zu sehen war unter anderem Ferdinand Porsche, der 1938 von Joseph Goebbels den Nationalpreis erhielt. Autobahn und Volkswagen führten damit bereits thematisch aufeinander zu.¹

Die Entstehungsgeschichte war allerdings nicht einfach die Umsetzung eines von Bitomsky selbst entwickelten Fortsetzungsplans. Nach seinen Äußerungen bei der Duisburger Filmwoche wurde ihm das Projekt aufgrund von Reichsautobahn vom Fernsehen angetragen.² Produziert wurde der Film von Big Sky Film (Köln) und Fas-Film (Hamburg) im Auftrag von La Sept (Paris) und des Westdeutschen Rundfunks. Als Produzenten werden Thierry Garrel und Hartmut Bitomsky genannt; für die Redaktion waren Werner Dütsch und Claire Doutriaux verantwortlich. Die Dreharbeiten fanden im Herbst 1988 in Wolfsburg statt.³

Filmen unter den Bedingungen des Konzerns

Für die Einschätzung des Films besonders aufschlussreich sind die Bedingungen, unter denen Bitomsky innerhalb des Volkswagenwerkes recherchieren und drehen konnte. Der Film zeigt die Fabrik aus nächster Nähe, aber diese Nähe bedeutete keineswegs einen uneingeschränkten Zugang.

Nach Bitomskys eigener Darstellung bewegte sich die Recherche „im Rahmen dessen, was VW gestattete“. Ein vom Unternehmen gestellter Begleiter, von Bitomsky als „Helfer“ bezeichnet, führte ihn durch Werkhallen und Entwicklungslabors. Dabei gab es durchaus Grenzen. Manche Türen blieben verschlossen, bestimmte Räume waren angeblich „zu dunkel“ oder „zu schmutzig“, und Teile der Forschungs- und Entwicklungsabteilung blieben geheim.⁴

Diese Bedingungen sind mehr als eine produktionsgeschichtliche Randnotiz. Sie gehören zur Bedingungsrealität des Films. Was Bitomsky filmen konnte, hing auch davon ab, welchen Zugang ihm das Unternehmen gewährte. Der VW-Komplex zeigt daher nicht einfach das Volkswagenwerk des Jahres 1988. Er zeigt eine Wirklichkeit, deren filmische Zugänglichkeit vom dargestellten Unternehmen selbst mitbestimmt wurde.

Bitomskys Umgang mit den Beschränkungen

Bemerkenswert ist, dass Bitomsky selbst diese Beschränkungen offenbar nicht als wesentliche Beeinträchtigung seiner Arbeit betrachtete. Auch die Geheimhaltung neuer Fahrzeugentwicklungen interpretierte er weniger als Besonderheit von Volkswagen denn als ein „Mysterium“ der Automobilindustrie. Die Hersteller wüssten im Wesentlichen ohnehin, welche neuen Modelle die Konkurrenten vorbereiteten.⁵

Auch die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns beurteilte Bitomsky vergleichsweise gelassen. Die PR-Strategie von Volkswagen bezeichnete er als „sehr liberal“. Das Unternehmen sei daran interessiert gewesen, dass der Name VW möglichst häufig in der Öffentlichkeit erscheine. Gerade in diesem Zusammenhang fiel ihm allerdings eine „betonte Beiläufigkeit“ im Umgang mit der eigenen Vergangenheit des Konzerns auf.⁶

Diese Beobachtung ist für die spätere Analyse besonders interessant. Sie beschreibt nicht Volkswagen schlechthin, sondern Bitomskys Wahrnehmung der Unternehmenskommunikation Ende der 1980er Jahre. Sie kann deshalb selbst als historische Quelle gelesen und mit dem späteren Umgang des Konzerns mit seiner NS-Geschichte verglichen werden.

Die Fabrik strukturiert den Film

Innerhalb dieser Produktionsbedingungen traf Bitomsky eine grundlegende filmische Entscheidung: Er wollte keine vollständige Unternehmensgeschichte drehen. Zum strukturierenden Prinzip wurde vielmehr der Fertigungsprozess eines Golf 2. Etwa anderthalb Tage dauerte dessen Montage; Bitomsky folgt diesem Prozess durch die bereits stark automatisierten Produktionsanlagen des Wolfsburger Werkes.⁷

Die Fabrik ist dadurch gleichzeitig Produktionsort, Beobachtungsraum und historischer Gegenstand. Gegenwärtige Arbeit, Maschinen und Produktionsabläufe werden immer wieder mit historischen Bildern und Reflexionen über die Entwicklung industrieller Produktion verbunden.

Eine besondere Rolle spielt dabei die damals hochautomatisierte Halle 54. In der Diskussion über den Film wird sie als gleichzeitig „Ergebnis und Abschied“ einer bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Geschichte industrieller Arbeit bezeichnet. Gleichzeitig existierten im Volkswagenwerk weiterhin ältere Formen der Arbeit. Der Konzern erschien Bitomsky deshalb geradezu als ein „Museum“ der unterschiedlichen Arbeitsformen, die innerhalb desselben Werkes nebeneinander vorhanden waren.⁸

Damit richtet sich sein Blick weniger auf einzelne Arbeitsplätze als auf einen langfristigen Transformationsprozess: Was geschieht mit menschlicher Arbeit, wenn Maschinen immer größere Teile der unmittelbaren Produktion übernehmen?

Eine bereits bei der Premiere umstrittene Entscheidung

Gerade diese Konzentration auf Produktion, Technik und Automatisierung provozierte Kritik. In der Diskussion bei der Duisburger Filmwoche wurde Bitomsky vorgeworfen, wesentliche Bereiche der gesellschaftlichen Wirklichkeit Volkswagens unsichtbar zu machen. Genannt wurden die fehlende sozialgeschichtliche Dimension, vorhandene sozialwissenschaftliche Untersuchungen des Betriebes, Zeitzeugen sowie eine alternative Kultur in Wolfsburg. Zugespitzt lautete ein Vorwurf, Bitomsky sei der „Unternehmer-Ideologie aufgesessen“.⁹

Die Kritik ist deshalb bemerkenswert, weil sie nicht lediglich einzelne Fehler des Films beanstandete. Sie stellte eine grundsätzlichere dokumentarische Frage:

Was wird sichtbar, wenn eine Fabrik vor allem über ihre Produktionsprozesse und Maschinen untersucht wird – und was verschwindet dadurch möglicherweise aus dem Bild?

Bitomsky bestritt die Leerstelle nicht einfach. Er verteidigte vielmehr sein Erkenntnisinteresse. Er sei nicht als Soziologe in den Betrieb gegangen, habe die Fabrik nicht in ihrer Totalität darstellen und keine „sozialen Schauergeschichten“ erzählen wollen. Eine bloße „Anhäufung von Elend“ mache die Wahrheit nicht größer.¹⁰

Damit wird ein wichtiger Unterschied sichtbar. Der eingeschränkte Zugang zum Werk war eine äußere Produktionsbedingung; die Konzentration auf Technik, Automatisierung und Modernisierung war dagegen eine Entscheidung des Filmemachers.

Produktionsbedingungen als Teil der Filmanalyse

Für die heutige Beschäftigung mit Der VW-Komplex sollten deshalb mindestens drei Ebenen auseinandergehalten werden:

Erstens gibt es das Volkswagenwerk von 1988 als historische Wirklichkeit. Zweitens gibt es das Werk, das Volkswagen Bitomsky zugänglich machte. Und drittens gibt es den VW-Komplex, den Bitomsky aufgrund seines eigenen Erkenntnisinteresses daraus filmisch konstruierte.

Gerade diese Unterscheidung verhindert, den Film entweder als unmittelbares Abbild der damaligen Wirklichkeit zu behandeln oder seine Begrenzungen lediglich als Mängel anzusehen. Sie macht vielmehr seine Produktionsbedingungen selbst zu einer historischen Spur.


Anmerkungen und Quellen

1 Vgl. die Beschreibung zu Der VW-Komplex bei filmportal.de. Dort wird die Verbindung zu Reichsautobahn ausdrücklich hergestellt: Autobahn und Massenmotorisierung gehörten zusammen; bereits in Reichsautobahn sei Ferdinand Porsche bei der Verleihung des Nationalpreises durch Joseph Goebbels zu sehen gewesen.

2 Torsten Alisch: Der VW-Komplex. Protokoll der Diskussion bei der Duisburger Filmwoche 1989, anwesend Hartmut Bitomsky, Moderation Dietrich Leder. Dort heißt es über die Entstehungsbedingungen: „Das Projekt wurde ihm aufgrund seines Films ‚Die Reichsautobahn‘ vom Fernsehen angetragen.“

3 Vgl. filmportal.de: Der VW-Komplex. Als Produktionsfirmen werden Big Sky Film (Köln) und Fas-Film (Hamburg), als Auftraggeber La Sept (Paris) und der WDR (Köln), als Produzenten Thierry Garrel und Hartmut Bitomsky sowie als Redakteure Werner Dütsch und Claire Doutriaux genannt. Die Dreharbeiten fanden im Herbst 1988 in Wolfsburg statt.

4 Torsten Alisch: Der VW-Komplex, Protokoll der Duisburger Filmwoche 1989. Die Recherche habe sich „im Rahmen dessen, was VW gestattete“ bewegt. Ein „Helfer“ führte Bitomsky durch Hallen und Entwicklungslabors; daneben gab es „verschlossene Türen“, nicht zugängliche Räume und geheim gehaltene Bereiche der Forschung und Entwicklung.

5 Ebd. Bitomsky bezeichnete die Geheimhaltung um neue Autotypen als „Mysterium“ der Autoindustrie und vertrat die Auffassung, die Hersteller wüssten ohnehin, welche Modelle ihre Konkurrenten demnächst auf den Markt bringen würden.

6 Ebd. Bitomsky charakterisierte die PR-Strategie des Konzerns als „sehr liberal“ und verwies auf dessen Interesse an öffentlicher Präsenz. Im gleichen Zusammenhang sprach er von einer „betonten Beiläufigkeit“ im Umgang mit der eigenen Vergangenheit.

7 Vgl. filmportal.de: Der VW-Komplex. Die dortige Filmbeschreibung nennt eine Montagezeit von anderthalb Tagen für einen Golf 2 und beschreibt den Weg des Autos durch die automatisierten Produktionsstraßen als strukturierendes Element des Films.

8 Torsten Alisch: Der VW-Komplex, Protokoll der Duisburger Filmwoche 1989. Die vollautomatische Halle 54 wird dort als „Ergebnis und Abschied“ einer Geschichte seit dem 19. Jahrhundert charakterisiert. Volkswagen sei zugleich ein „Museum“ der anderen Formen von Arbeit, die im Werk weiterhin vorhanden seien.

9 Ebd. In der Diskussion wurde unter anderem kritisiert, Filme könnten „bestimmte Bereiche der Realität unsichtbar machen“; Der VW-Komplex sei nicht ausreichend recherchiert und lasse Zeitzeugen, Alternativkultur und vor allem die sozialgeschichtliche Dimension Wolfsburgs und des Werkes vermissen.

10 Ebd. Bitomsky erklärte, er habe keine „sozialen Schauergeschichten“ erzählen wollen, sei nicht als Soziologe in den Betrieb gegangen und habe keine Totaldarstellung der Fabrik angestrebt. Seine zugespitzte Begründung lautete: „Eine Anhäufung von Elend macht Wahrheit nicht größer.“

Quellenhinweis: Die ausführlichen Aussagen über die konkreten Drehbedingungen beruhen wesentlich auf dem zeitgenössischen Duisburger Diskussionsprotokoll. Sie sind deshalb zunächst als Aussagen Bitomskys bzw. als Wiedergabe der damaligen Diskussion zu verstehen.

Das von Torsten Alisch verfasste Protokoll der Diskussion mit Hartmut Bitomsky ist keine Rezension im engeren Sinne. Es dokumentiert die unmittelbare zeitgenössische Rezeption des Films und ist deshalb als Quelle besonders ergiebig.¹

Zwei Konfliktlinien treten hervor. Erstens wird Bitomsky vorgeworfen, die Sozialgeschichte des Betriebes und Wolfsburgs auszublenden. Der zugespitzte Vorwurf lautet, er sei der Unternehmerideologie aufgesessen. Bitomsky verteidigt dagegen ausdrücklich seinen Verzicht auf eine Totaldarstellung. Zweitens entwickelt sich daraus eine Diskussion über Automatisierung und die Zukunft der Arbeit. Der Film richtet sich demnach weniger auf konkrete soziale Verhältnisse als auf den langfristigen Modernisierungsprozess.

Das Protokoll sollte deshalb vollständig und als eigenständiges Dokument übernommen werden. Gerade die Einwände gegen Bitomsky sind für die spätere eigene Rezension wichtig.

Anmerkung und Quelle

1 Torsten Alisch: Der VW-Komplex. Protokoll der Diskussion bei der Duisburger Filmwoche 1989. Anwesend: Hartmut Bitomsky; Moderation: Dietrich Leder. Das vollständige Protokoll ist im Arbeitsmaterial enthalten.

Die folgenden Texte stammen aus sehr unterschiedlichen publizistischen Zusammenhängen – darunter Filmportale und Filmdatenbanken, Festival- und Programmankündigungen, Online-Zeitschriften sowie wissenschaftliche Arbeiten. Sie sind daher nicht als gleichartige Filmrezensionen zu verstehen, sondern dokumentieren unterschiedliche Formen, Kontexte und Zeitpunkte der Beschreibung und Rezeption von Der VW-Komplex.

Die Filmdienst-Beschreibung benennt bemerkenswert deutlich eine Begrenzung des Films, ohne daraus eine grundsätzliche Kritik abzuleiten: Der VW-Komplex sei „weniger an den sozialpolitischen Aspekten“ interessiert. Im Vordergrund stehen Konzern, Fabrikhallen, Menschen und Maschinen sowie die Schwierigkeit, industrielle Arbeit filmisch abzubilden. Damit berührt die Beschreibung genau jene Leerstelle, die bereits in Duisburg kontrovers diskutiert worden war.¹

Dokumentarischer Film über die Geschichte des Automobilkonzerns Volkswagen, verknüpft mit Aspekten aus der Geschichte der Stadt Wolfsburg. Weniger an den sozialpolitischen Aspekten des Themas interessiert, reflektiert er in bewußt assoziativer Kommentierung über den Konzern, die Fabrikhallen, die Menschen und Maschinen. Im Zusammenspiel aus den klug aufgenommenen Bildern und dem hintersinnigen Kommentar ergibt sich eine ebenso komplexe wie spannende Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeit und der Schwierigkeit ihrer Abbildbarkeit. –


Quelle

1 Filmdienst: Der VW-Komplex, Filmbeschreibung

Die Beschreibung bei filmportal.de stellt zunächst den Fertigungsprozess des Golf 2 und die fortgeschrittene Automatisierung ins Zentrum. Von dort öffnet sie den Blick auf die Geschichte des Konzerns und ordnet den Film zugleich in die sogenannte „Deutschlandtrilogie“ ein. Besonders wichtig ist die Aufnahme von Bitomskys eigener Definition des „Komplexes“: Nicht VW allein, sondern das Verborgene, Verwickelte und Verdrängte wird damit zum Gegenstand des Films.¹


Anderthalb Tage dauert es, einen VW Golf 2 zu montieren. Hartmut Bitmosky verfolgt den Weg eines Autos durch die vollautomatischen Produktionsstraßen in Wolfsburg und erforscht mithilfe von Archivaufnahmen die Entwicklung des VW-Konzerns. Quasi im Takt der Maschinen konstruiert der Regisseur eine dokumentarische Kollage, einen durch Bilder kommentierten Blick in den Großkonzern, der so entmenschlicht und automatisiert erscheint wie seine Produktion.

Autobahn und Massenmotorisierung gehören zusammen, weshalb sich Der VW Komplex beinahe zwangsläufig aus Reichsautobahn heraus entwickelt hat; dort war bereits zu sehen wie Ferdinand Porsche 1938 von Propagandaminister Goebbels den Nationalpreis für seine Erfindung des „Volkswagens“ verliehen bekommt. Der VW Komplex bildet den Abschluss der „Deutschlandtrilogie“, in der sich das Themenspektrum immer weiter von der Bilderwelt des Nationalsozialismus in die Gegenwart der Bundesrepublik verlagert, hin zu den übrig gebliebenen Spuren und Kontinuitäten der NS-Vergangenheit.

Strukturiert wird der Film vom Fertigungsprozess im Volkswagenwerk, das zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon stark automatisiert war. Somit geht es nicht nur um die komplexe Geschichte des Volkswagenkonzerns und der mit ihm untrennbar verbundenen Stadt Wolfsburg, sondern auch um das Thema Arbeit am Ende des Industriezeitalters; oder wie Bitomsky einmal zum Titel des Films geschrieben hat: „Ein Komplex ist eine undurchsichtige, verwickelte Hyperaktivität um eine fatale Stelle – ein Defizit, das nicht hochkommen soll, sondern unten bleiben, wo der Schaden unbehoben ist.“ Verdrängung allerorten. (fl)


Quelle

1 filmportal.de: Der VW Komplex, Inhaltsbeschreibung. Im vorliegenden Arbeitsmaterial vollständig übernommen.

Der kurze taz-Text stellt die politisch-historische Lesart des Films in den Mittelpunkt. Volkswagen wird ausdrücklich als Metapher für Nachkriegsdeutschland verstanden. Damit erhält Bitomskys Satz, beim Zusammenbau eines Volkswagen komme „immer die Bundesrepublik“ heraus, programmatische Bedeutung.¹

„Wie man einen VW auch zusammenbaut, es kommt immer die Bundesrepublik heraus.“ Dieser wunderbare Satz entstammt der Dokumentation „Der VW-Komplex“ des Berliner Regisseurs Hartmut Bitomsky von 1989, einer Mischung aus historischen Aufnahmen und eigenem Filmmaterial. Die Geschichte des Volkswagens und des Konzerns als Metapher für Nachkriegsdeutschland ist nach „Deutschlandbilder“ (1983) und „Reichsautobahn“ (1985) der letzte Teil seiner „Deutschen Trilogie“ (22.20 Uhr, arte) Foto: WDR


Quelle

1 taz 27.09.1996: Betr.: „Der VW-Komplex“

Diese Beschreibung radikalisiert die historisch-politische Lesart. Der Film wird als eine Art „Archäologie der jüngeren deutschen Geschichte“ verstanden. Volkswagen verbindet hier nationalsozialistische Massen- und Kriegsindustrie, Zwangsarbeit und Wirtschaftswunder. Werk und Maschinerie werden schließlich zum Sinnbild einer „von oben kontrollierten Gesellschaft“.¹

Der Filmessay Der VW-Komplex, der historisches und selbst gefilmtes Material verbindet, beginnt mit Aufnahmen eines Autofriedhofs und richtet seinen Fokus danach auf das 1938 errichtete Volkswagenwerk in Wolfsburg. In eindrücklichen Bildern unternimmt Der VW-Komplex am Beispiel des Vorzeigemodells deutscher Massen- und Kriegsindustrie sowie des Wirtschaftswunders den Versuch einer Archäologie der jüngeren deutschen Geschichte, in deren Verlauf unter anderem das Barackenlager Klein-Moskau zutage tritt, in dem während des Zweiten Weltkriegs russische Zwangsarbeiter untergebracht waren. Das Werk und seine Maschinerie werden dabei zum Sinnbild für die Strukturen einer von oben kontrollierten Gesellschaft.


Quelle

1 Programmankündigung zu Hartmut Bitomsky: Der VW-Komplex.
Scharaun ist ein interdisziplinärer Projektraum für Kunst und Architektur in Berlin

Alexandra Seitz verschiebt den Akzent deutlich. Neben Mechanisierung und „Entmenschlichung“ der Arbeit tritt Wolfsburg selbst als Produkt des Konzerns hervor. VW organisiert demnach nicht nur industrielle Produktion, sondern greift in den Lebenszusammenhang seiner Beschäftigten hinein. Besonders prägnant verdichtet sich diese gesellschaftliche Lesart in dem Bitomsky zugeschriebenen Satz: „Egal wie man einen Volkswagen zusammenmontiert, heraus kommt immer die Bundesrepublik Deutschland.“¹

DER VW-KOMPLEX vollzieht die Geschichte von Volkswagen nach, von den Anfängen in den 1930er Jahren bis zur fortschreitenden Mechanisierung und damit einhergehenden Entmenschlichung, die überall da lauert, wo Maschinen nach und nach die Arbeiter:innen ersetzen. Der Konzern produziert aber nicht nur Deutschlands berühmtestes Auto, auch eine weitere Volkswagen-Kreation nimmt Bitomsky unter die Lupe: Wolfsburg, Firmensitz und Hauptquartier, eine Stadt, mehr oder weniger geplant und organisiert vom Konzern, der auf diese Weise nicht nur die Effektivität, sondern auch die Privatleben seiner Arbeiter:innen kontrolliert.

Bitomsky: „Egal wie man einen Volkswagen zusammenmontiert, heraus kommt immer die Bundesrepublik Deutschland.“ (Alexandra Seitz)


Quelle

1 Alexandra Seitz: Beschreibung zu Der VW-Komplex. In: Programmvorschau zum Vienna International Film Festival 22. Okt–3. Nov 2026

James Lattimers Text ist für unsere Fragestellung besonders interessant, weil er aus großer zeitlicher Distanz auf Bitomsky zurückblickt. Der Film erscheint nun selbst als historisches Werk, dessen politisches Verfahren angesichts neuer Probleme des Volkswagenkonzerns erneut aktuell wird. Bemerkenswert ist deshalb der letzte Gedanke: Gerade die gegenwärtigen Schwierigkeiten von VW ließen den Wunsch nach einer Fortsetzung des VW-Komplexes entstehen.¹

Revisiting Hartmut Bitomsky’s DER VW-KOMPLEX in the aftermath of the German director’s recent passing isn’t just a reminder of his uniquely cerebral take on documentary cinema, but also underlines the extent to which such fiercely political approaches are still needed today. This final part of Bitomsky’s celebrated Germany trilogy is an essayistic wander through the vast Volkswagen factory in Wolfsburg, zeroing in on the myriad processes that unfold there while making repeated forays out into the local surroundings or back into the past.

With each of these divergent levels tied together by Bitomsky’s drolly incisive voiceover, the peculiarities of 20th century work are thus analysed and the history and topography of the planned city that sprung up around this huge complex explored, with due attention also paid to its National Socialist origins; there’s even time for metacommentary on what it means to represent a factory by way of a VW-themed novel, a spooky unrealised Hitchcock film and the very first moving images to exist. They say that when Volkswagen isn’t doing well, neither is Germany; in the face of the company’s current struggles, the greatest testament to Bitomsky’s timeless approach is that there’s no better moment for a sequel. (James Lattimer)


Quelle

1 James Lattimer: Beschreibung zu Hartmut Bitomskys Der VW-Komplex. In: Programmvorschau zum Vienna International Film Festival 22. Okt–3. Nov 2026

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …