Materialismus, Metaphysik und Moral

Horkheimers Gedanken zu Materialismus, Metaphysik und Moral

Materialismus und Metaphysik (1)

Horkheimer vertritt eine materialistische Position im Sinne der Kritischen Theorie, die sich vor allem gegen idealistische, positivistische und metaphysische Weltdeutungen richtet.

Zentral ist die These, dass der Materialismus nicht primär durch abstrakte erkenntnistheoretische Merkmale bestimmt ist, sondern durch seinen gesellschaftlichen Inhalt: die ökonomische Analyse der Gesellschaft und Geschichte. Diese Theorie entsteht aus der realen Erfahrung sozialer Ungleichheit und dem Bedürfnis, eine Gesellschaft zu verstehen, in der der mögliche materielle Wohlstand nicht allen zugutekommt.

Der Materialismus entwickelt zwar ebenfalls Ideale (z. B. gesellschaftliche Verbesserung), versteht sie aber nicht als überhistorische Ideen, sondern als aus menschlichen Bedürfnissen und realen Bedingungen hervorgehend. Sie haben nur insofern Bedeutung, als sie praktisch verwirklichbar sind.

Im Gegensatz zum Idealismus lehnt der Materialismus die Vorstellung ab, Geschichte aus einem übergeordneten Sinn oder Ziel zu deuten. Auch gegen den Positivismus richtet er sich, weil dieser die Rolle von Geschichte, Praxis und gesellschaftlicher Aktivität unterschätzt und Erkenntnis auf bloße Erscheinungen reduziert.

Stattdessen betont der Text:

  • Erkenntnis ist historisch und gesellschaftlich bedingt
  • Theorie und Praxis gehören zusammen
  • Sinn entsteht nicht vorab, sondern im geschichtlichen Prozess
  • Geschichte ist kein harmonischer Sinnzusammenhang, sondern von Konflikten geprägt

Horkheimer versteht Materialismus also als kritische, gesellschaftstheoretische Perspektive, die Ideologien ablehnt und Geschichte als Ergebnis realer gesellschaftlicher Kämpfe und Produktionsverhältnisse analysiert.


 

Der Materialismus und Moral (2)

Horkheimer entwickelt eine materialistische Kritik an idealistischer Wissenschafts- und Moralphilosophie und verbindet diese mit einer Theorie gesellschaftlich bedingter Erkenntnis.

Im Zentrum steht zunächst die Auseinandersetzung mit der Vorstellung einer wertfreien, neutralen Wissenschaft. Diese wird zurückgewiesen: Auch wissenschaftliche Erkenntnis ist stets in gesellschaftliche Interessen und historische Bedingungen eingebettet. Selbst die Auswahl von Gegenständen, die Art der Abstraktion und die theoretische Ausrichtung sind nicht neutral, sondern durch gesellschaftliche Praxis geprägt. Der Materialismus versteht Wissenschaft daher nicht als autonome geistige Tätigkeit eines freien Subjekts, sondern als Ergebnis geschichtlicher und sozialer Prozesse.

Gegen idealistische Positionen betont er, dass Werte, Moral und Erkenntnis keine überhistorischen, subjektunabhängigen Größen sind. Stattdessen entstehen sie aus konkreten Lebensverhältnissen. Auch ökonomische Kategorien wie der Tauschwert werden als gesellschaftlich vermittelt und nicht als Ausdruck freier subjektiver Bewertung verstanden.

Zugleich wird der Positivismus kritisiert, weil er Theorie zugunsten bloßer Faktensammlung entwertet. Theorie wird demgegenüber als notwendiger Zusammenhang von Erkenntnissen verstanden, der selbst aus gesellschaftlicher Praxis hervorgeht und diese wiederum beeinflusst.

Insgesamt vertritt der Text eine konsequent historische und gesellschaftstheoretische Sicht: Wissenschaft, Moral und Theorie sind nicht unabhängig von der Gesellschaft, sondern Ausdruck ihrer Strukturen, Konflikte und Entwicklungsrichtungen.

Anmerkungen

1) Max Horkheimer: Materialismus und Metaphysik.  In: Zeitschrift für Sozialforschung 2. Jg. (1933) Heft 1, Leipzig,  S.1-33
2) Max Horkheimer: Materialismus und Moral.  In: Zeitschrift für Sozialforschung 2. Jg. (09/1933) Heft 2, Paris, S.161-195

Bilderstellung: ChatGPT – 06.05.2026

Der Idealismus versteht die moralische Pflicht als eine ewige Kategorie und formuliert sie in Gesetzen, die sich an die Gefühle jedes Individuums richten. Der Materialismus hingegen versucht, das moralische Bewusstsein aus gesellschaftlichen Bedingungen zu erklären und es historisch darzustellen. Der oben stehende Artikel gibt die Grundlinien einer solchen Analyse wieder. Er unterscheidet zwischen der Moral als Phänomen unserer Zeit, der Ethik der Antike und der autoritären Auffassung des Mittelalters. Die Moral basiert im Wesentlichen auf der bürgerlichen Gesellschaft, in der Eigeninteresse und Allgemeininteresse getrennt sind. Das Individuum, das im alltäglichen Handeln nur den eigenen Vorteil verfolgt, erfährt beim Appell seines Gewissens Sorge um die Gesellschaft. Der Autor weist dies durch eine Analyse des kategorischen Imperativs Kants nach.

Die bürgerliche Moral enthält bereits die Keime ihrer eigenen Überwindung. Sie tendiert zu einer Gesellschaft, in der Pflicht und Interesse nicht mehr getrennt sein werden. Diese Tendenz findet sich nicht nur bei Kant, sondern auch bei anderen großen bürgerlichen Philosophen. Die Ideen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit nehmen im Verlauf der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft allmählich eine andere Bedeutung an als die, die sie ursprünglich zu haben schienen; sie verlangen heute die Veränderung der Bedingungen, unter denen sie einst verkündet wurden. Diese Dialektik ist einer der Gründe für die gegenwärtige Verwirrung in weltanschaulichen Fragen. In der Darstellung dieser Dialektik zeigt der Autor, wie die bürgerlichen Ideen heute nicht mehr im idealistischen Denken, sondern vielmehr im materialistischen Denken weiterleben. Die beiden wichtigsten Ausdrucksformen der Moral sind nach Horkheimer heute das Mitleid und die Politik. Sie lassen sich nicht rational miteinander verbinden, doch zeigt sich das moralische Bewusstsein in beiden.

Der moralische Impuls lebt nicht nur im praktischen Leben, sondern auch in der Wissenschaft. Der Materialismus bestreitet die Möglichkeit einer völlig objektiven Wissenschaft: Die Interessen der Menschen beeinflussen die Forschung. Diese Interessen sind jedoch, so erhaben sie auch erscheinen mögen, nicht Ausdruck eines freien Subjekts, wie der Idealismus lehrt, sondern notwendige Folge des historischen Prozesses. Daher fordert der Materialismus, sofern der Respekt vor der Wahrheit Grundelement bleibt, keineswegs das Fehlen moralischer Urteile in der Wissenschaft. Der Glaube des heutigen Positivismus an die Möglichkeit theoriefreier Tatsachenfeststellungen sowie seine Abneigung gegen Theorie überhaupt beruhen darauf, dass ihm selbst große leitende Ideen fehlen. Theorie entsteht überall dort, wo Erkenntnisse bewusst auf ein Ziel bezogen werden, also in engem Zusammenhang mit den Werten der Praxis.


Max Horkheimer: Materialismus und Moral.  In: Zeitschrift für Sozialforschung 2. Jg. (09/1933) Heft 2, Paris, S.196

Übersetzung aus dem FRanzösischen durch chatGPT

Der philosophische Idealismus begreift die moralische Verpflichtung als eine ewige Kategorie und formuliert sie in Geboten, die sich an das individuelle Gefühl wenden. Der philosophische Materialismus hingegen versucht, das moralische Bewusstsein aus den sozialen Bedingungen zu erklären und es in seiner historischen Perspektive darzustellen. Dieser Aufsatz versucht, die Grundzüge einer solchen Analyse zu liefern. Er unterscheidet die Ethik als Phänomen der Neuzeit sowohl von der der Antike als auch von der autoritativen Haltung des Mittelalters. Ihre Grundlage liegt in der bürgerlichen Gesellschaft, in der individuelle und kollektive Interessen scharf voneinander getrennt werden. Das Individuum, das in seiner täglichen Arbeit seine privaten Interessen verfolgt, erfährt durch sein Gewissen zugleich Sorge um das Gemeinwohl. H. weist dies durch seine Analyse des kategorischen Imperativs Kants nach.

Die bürgerliche Moral enthält bereits die Keime ihrer eigenen Auflösung. Sie verweist auf eine Gesellschaft, in der Pflicht und Interesse nicht mehr getrennt sind. Diese Tendenz in der Ethik zeigt sich nicht nur bei Kant, sondern auch bei anderen großen Philosophen der bürgerlichen Gesellschaft. Mit ihrer Entwicklung erhalten die Ideen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit einen anderen Inhalt als den, den sie in ihrer Entstehung zu besitzen schienen, und verlangen heute jene Veränderung der Verhältnisse, zu deren Bewirkung sie ursprünglich eingeführt wurden. Dieser dialektische Prozess ist eine der Ursachen der gegenwärtigen philosophischen Unsicherheit. H. zeigt in seiner Darstellung dieses dialektischen Prozesses, wie bürgerliche Ideen im idealistischen Denken nicht mehr wirksam sind, wohl aber im materialistischen Denken.

Die beiden Hauptformen, in denen sich die gegenwärtige Ethik ausdrückt, sind nach H. Mitleid und Politik, die sich allerdings nicht auf rationale Weise miteinander verbinden lassen. Beide entspringen einem moralischen Gefühl. Dieser moralische Impuls ist nicht nur im praktischen Leben wirksam, sondern auch in der Erkenntnis. Der philosophische Materialismus leugnet die Möglichkeit völlig objektiver Erkenntnis: Auch in der Erkenntnis kommen die Interessen der Menschen zum Ausdruck. Doch so erhaben diese Interessen auch sein mögen, sie entspringen nicht „freien“ Wesen, wie der Idealismus behauptet, sondern sind notwendige Ergebnisse historischer Prozesse.

Dementsprechend beansprucht der Materialismus keineswegs, dass Erkenntnis frei von allen subjektiven Wertungen sei, sondern nur, dass die Rücksicht auf die Wahrheit das vorherrschende Merkmal bleibt. Der Glaube des modernen Positivismus an die Möglichkeit wertfreier Einstellungen sowie seine Abneigung gegen jede Theorie beruht darauf, dass ihm große leitende Ideen fehlen. Theorie ist in allen Fällen nur dann gerechtfertigt, wenn Erkenntnis ein bestimmtes Ziel hat, das heißt, wenn sie auf praktische Werte bezogen ist.


Max Horkheimer: Materialismus und Moral.  In: Zeitschrift für Sozialforschung 2. Jg. (09/1933) Heft 2, Paris, S.197

Übersetzung aus dem Englischen durch chatGPT

Philosophische Kompetenz

Materialismus, Metaphysik und Moral

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