Stunde Null (1977)

Annotation

Film von Edgar Reitz. Im Sommer 1945 irrt der frühere Hitlerjunge Joschi durch das entvölkerte Leipzig-Möckern, getrieben von der Suche nach einer vergrabenen Kassette und dem Traum, zu den Amerikanern zu gelangen. Begegnungen mit Dorfbewohnern, Flüchtlingen und Opportunisten zeichnen ein dichtes Bild der Nachkriegswirren. Joschis Fluchtversuch endet in Ernüchterung – ein bitterer Neubeginn ohne Illusionen.

Film in der BRD der 60er und 70er Jahre

Grunddaten

Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Peter F. Steinbach; Edgar Reitz; Karsten Witte; Petra Kiener als Co-Drehbuchautorin
Kamera: Gernot Roll
Schnitt: Ingrid Broszat
Musik / Komposition: Nikos Mamangakis


Produktion und technische Mitwirkende (Auswahl)
  • Produktionsfirma: Edgar Reitz Filmproduktion GmbH, in Zusammenarbeit mit Westdeutscher Rundfunk (WDR) und Solaris Film- und Fernsehproduktion Bernd Eichinger GmbH

  • Produzent: Edgar Reitz

  • Ausstattung (Set Design): Winfried Hennig

  • Kostüme: Gerlind Gies

  • Aufnahmeleitung: nicht vollständig in allen Quellen genannt; z. B. Aufnahmeleitung u.a. Rainer Lanuschny als Kameraassistenz, Standfotos: Christian Reitz


Darsteller*innen (Auswahl)
  • Kai Taschner als Joschi

  • Anette Jünger als Isa

  • Herbert Weißbach als Mattiske  

  • Klaus Dierig als Paul

  • Günter Schiemann als Franke

  • Erika Wackernagel als Frau Unterstab

  • Torsten Henties als „Junge mit Fahrrad“

  • Erich Kleiber als Motek

  • Bernd Linzel als Karl-Heinz

  • Edith Kunze als Joschis Mutter

Auszeichnungen:
  • Fernsehspiel des Monats

  • Filmband in Silber (Berlinale 1977)

  • Adolf-Grimme-Preis (Silber, 1978)

  • Nominierung für Cannes

 

Der Film Stunde Null (1976/77) von Edgar Reitz spielt im Juli 1945 in einem kleinen Dorf bei Leipzig, unmittelbar nach dem Abzug der amerikanischen Truppen und dem Einmarsch der sowjetischen Armee. Die Handlung zeigt die chaotische Übergangszeit zwischen Kriegsende und Besatzungsordnung – die sogenannte „Stunde Null“. Die Dorfbewohner reagieren unterschiedlich auf die neue Lage: Ein ehemaliger Nazi wird plötzlich Antifaschist, ein Schausteller hofft auf neue Geschäfte, eine Frau schützt ihre Nichte vor drohenden Übergriffen. Im Zentrum steht der Hitlerjunge Joschi, der durch das verwüstete Land zieht, auf der Suche nach einem vergrabenen Nazi-Schatz. Er träumt von einem Bündnis mit den Amerikanern und verliebt sich in das Flüchtlingsmädchen Isa. Gemeinsam fliehen sie vor den anrückenden sowjetischen Soldaten. Doch als sie schließlich auf eine US-Militärstreife treffen, wird Joschi alles genommen – der Schatz, das Motorrad, die Pistole und schließlich auch Isa, die in einen Jeep der Amerikaner steigt. Zurück bleibt Joschi, allein und desillusioniert auf der Landstraße – ein Symbol für die verlorene Jugend und die gebrochenen Hoffnungen jener Zeit.

„In Einstellungen von äußerster Präzision und ästhetischer Gestaltung macht Reitz am Beispiel einer kleinen Gruppe zufällig zusammengewürfelter Menschen die damalige Umbruchsituation in atmosphärisch hervorragender Weise deutlich; deutlicher, als dies häufig durch überquellende Dokumentationen jener Zeit geschieht. Gerade die Subjektivität der verschiedenen Personen der Handlung wird durch die Regie in großen objektiven Wahrheitsgehalt verwandelt. Der Detailreichtum der zahlreichen, nebeneinander erzählten Geschichten verdichtet Wirklichkeit zur Poesie.“

1945, zwischen dem Abzug der Amerikaner und dem Nachrücken der Russen nach Sachsen und Thüringen, macht der Hitlerjunge Joschi auf seinem Weg in den Westen in einem kleinen Dorf Station. Die Bewohner verharren in einem Zustand der Ungewißheit und des Zweifels. Joschi erlebt eine Liebesgeschichte und findet einen Schatz, bevor er beides wieder verliert und weiterflieht. Ein atmosphärisch dichter und stilistisch klarer Film von Edgar Reitz („Heimat“, 1981/84), der die zwischen Hoffnung und Erinnerung schwankende Gefühlslage der ‚Stunde Null‘ treffsicher wiedergibt. (filmdienst)

Ein Film zwischen alter und neuer Zeit. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, von den Amerikanern befreite Teile Thüringens und Sachsens gehen an die Russen. In einem Dorf in der Nähe von Leipzig arrangiert man sich langsam mit den neuen Verhältnissen im Land. Joschi, ein ehemaliger Hitlerjunge, schwärmt für die Befreier und will gemeinsam mit seiner Freundin Isa, mit der er einen kleinen Nazischatz gefunden hat, vor den Russen fliehen … Ausgezeichnet mit dem Filmband in Silber und dem Grimme-Preis, zeichnet Reitz in diesem atmosphärisch dichten Film das authentische Bild eines Landes im Ungewissen. (Florian Widegger) (film.at)

„Heimat“-Regisseur Edgar Reitz erzählt von Schicksalen im Sommer 1945. Drama

Am 1. Juli 1945 verlassen die Amerikaner Thüringen und Sachsen. Ihren Platz nimmt nun die Rote Armee ein, es ist die Sunde der „zweiten Befreiung“. Die wenigen zurückgebliebenen Einwohner eines Dorfes bei Leipzig verharren in einem Zustand der Lähmung. Nur Hitlerjunge Joschi hat ein Ziel: den Nazischatz vom Fiedhof. Tage später fährt er den Russen davon, stößt auf eine US-Einheit und verliert alles: seine Freundin Isa, den Schatz und seine Fliegerjacke… Die atmosphärisch dichte, präzise Schilderung einer historischen Umbruchsphase erhielt sowohl einen Grimme-Preis als auch das Filmband in Silber. (cinema)

Nachkriegsdrama von Edgar Reitz, in dem ein Junge sein Glück sucht, findet und verliert.

Mitten im Chaos nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sucht der ehemalige Hitlerjunge Joschi bei Leipzig nach einer von den Nazis vergrabenen Kassette. In einem Dorf lernt er Isa kennen und verliebt sich in sie. Nachdem sie die Kassette gefunden haben, reisen sie den aus Sachsen abziehenden Amerikanern hinterher. Doch Joschis Begegnung mit den von ihm verehrten US-Soldaten endet mit einer Ernüchterung: man nimmt ihm nicht nur seinen Schatz weg, sondern auch Lisa. (kino.de)

Der Krieg ist vorbei. Während die US-Amerikaner gerade ein Dorf bei Leipzig verlassen, rücken die Russen nach. Mittendrin steckt Joschi, der für die US-Army schwärmt und das Versteck einer Wertkassette der Nazis sucht. Ihm behilflich ist Isa, in die sich Joschi verliebt. Sie entdecken den „Schatz“ und müssen vor den Russen fliehen. Aber auch bei den US-Amerikanern finden sie keine Zuflucht. Edgar Reitz‘ atmosphärisch dichter Film über Deutschland direkt nach dem Zweiten Weltkrieg skizziert ein Land im Ungewissen mit Menschen zwischen Hoffen und Bangen, Finale und Neubeginn. Ausgezeichnet mit dem Filmband in Silber 1977. (Moviepilot)

Geschichte einer Enttäuschung

Kontakt mit dem Publikum oder besser noch Rückkopplung, das ist es, was nach den Worten von Regisseur Edgar Reitz er und viele seiner Kollegen vermissen. Über das Fernsehen finden zwar ihre Werke eine früher kaum er­träumte Verbreitung; Unzufriedenheit herrscht aber darüber, daß die Kommunikationsbedingungen des Apparats Rückmeldungen weitgehend ausschließen. Berechtigte Hoffnungen richten sich nun auf die Filmöffentlichkeit der Kommunalen Kinos, wo Insbesondere in festivalarmen Zeiten Reaktionen und Meinungen der Zuschauer erkundet werden sollen. Den Kommunalen Kino« und ihrem Publikum kann das nur recht sein, bekommen sie doch auf diese Weise zusätzliche Leckerbissen In ihr Programm wie jetzt in Frankfurt die Erstaufführung von „Stunde Null’“, ei­nem neuen Film von Edgar Reitz.

Der Film geht recht mutig ein besonders heikles Kapitel unserer jüngsten Geschichte an, die Besetzung Deutsch­lands nach der Kapitulation und den Zusammenbruch des Hitlerregimes. Schauplatz ist ein Dorf am Rande von Leipzig, das im Juli 1945, acht Wochen nach Kriegsende, seine zweite Befrei­ung erlebt. Im Austausch gegen einen Teil von Berlin hatten die Amerikaner dieses zunächst von Ihnen besetzte Ge­biet den Russen überlassen. Der Film setzt mit dem

Abmarsch der Amerika­ner ein. Bis zur Ankunft der Russen vergehen ein paar Tage, die mit unerhörter Spannung angefüllt sind. Ge­rüchte eilen den neuen Herren voraus. die von Plaudereien, Vergewaltigungen und anderen Schandtaten wissen wol­len. Das schnell ins Leben gerufene An­tifaschistische Komitee mahnt zu Wohlverhalten und verspricht dafür Briketts und Kartoffeln. Aber von Versprechun­gen haben die Leute die Nase noch voll, ihnen, den Jungen wie den Alten, steht nur die Angst im Gesicht geschrieben.

Der Friede ist für sie noch Papier. auch wenn schon wieder ein einzelner Schausteller auftaucht und sein Karussell aufbaut. Reitz hat mit Sensibilität diese Stimmung zur Stunde Null eingefangen, diese Wartehaltung gegenüber einem neuen Anfang, von dem noch niemand weiß, wie er aussieht, überzeugend ist der Film auch in der Wahl der Szenerie, die in scharfen, Distanz schaffenden Schwarzweißbildern (Ka­mera: Gernot Roll) fotografiert Ist: das als Fahrradwerkstatt dienende Schran­kenwärterhäuschen an dem Bahnüber­gang Möckern, den schon lange kein Zug mehr passiert hat, die Schranken, die geschlossen bleiben müssen, weil sie defekt sind, und das jetzt ins Nirgendwo führende Gleis, über das früher Züge über die Schweiz nach Spanien rollten. Das Leben ist für einen Moment ange­halten, die Signale stehen auf Halt. Gleichwohl wird schon eifrig rangiert. Nach vorn kommen wieder die, die immer wissen, wo es entlanggeht. Rote Fähnchen schwenkend, ist der ehemalige Nazi und Blockwart der erste, der nun als Antifaschist die Russen begrüßt. Mit dieser Person hat sich Reitz bei den Frankfurter Filmbesuchern die meiste Kritik eingehandelt. Daß der einzige im Film auftretende Antifa­schist als Opportunist gezeigt und da­mit lächerlich gemacht wird, wurde als Verrat an der antifaschistischen Bewe­gung gegeißelt. Zwar tritt noch ein biederer Sozialdemokrat und Gewerk­schaftler auf, doch ist dieser Mattiske weder als Gegenfigur angelegt noch so beabsichtigt. Reitz kontert entsprechen­de Vorwürfe mit dem Hinweis, daß ein Verlangen nach Gleichgewicht im Film schlichtweg falsch sei.

Mehr psychologisches Einfühlungs­vermögen zeigt der Film in der Anlage der Kindergestalten. Hier war wahrscheinlich der Zugang zu dem Material ausschlaggebend, den Reitz gesucht hat, indem er sich zu jeder Filmfigur eine Figur aus seiner Kindheit vorstellte. Er selbst sieht sich In dem Fahrradjungen, hat aber nicht die Russen, sondern nur die Amerikaner einmarschieren sehen. Wahrend die Irritation dieses Knirps nur stumm von der Kamera festgehal­ten wird, sind die Zerstörungen beim älteren Joschi, der eigentlich nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Er­wachsener ist, deutlicher. Das Weltbild dieses Jungen, der von einem Bündnis zwischen Nazis und Amerikanern gegen die bolschewistische Gefahr schwärmt, hindert ihn, die Wirklichkeit zu begrei­fen. Eine Pilotenjacke aus Ziegenleder, eine Pistole und ein Motorrad hat er als Attribute des Siegers an sich gebracht, die ihm das Gefühl geben, zumin­dest nicht zu den Verlierern zu gehören. Doch eines nach dem ändern wird ihm abgenommen, Pistole und Motorrad von den Russen, Jacke und der gefundene Schmuck von den Ame­rikanern. Für den Jungen bedeutet die Handlung der Amerikaner die größere Enttäuschung.

Die Schlußszene, in der er dem mit der Freundin Isa davonbrausenden Jeep der Militärpolizei nachrennt, läßt hier keinen Zweifel. Es ist ein Bild, dessen Irration es ebenso aufzuhalten gilt, wie die Szenen mit der Roten Ar­mee. Weltgeschichtliche Urteile ver­sucht der Film bewußt auszuklammern, insofern hat Reitz recht, wenn er sagt, der Film sei nichts für Leute, die wis­sen, was links und rechts ist. Sein Film wolle die Leute weder in ihrer politi­schen Haltung bestärken noch umpolen. Seine Absicht sei vielmehr, das an Bil­dern nachzuliefern, was uns die Erinne­rung versagt, wenn wir urteilen.

In diesem Konzept haben auch die zahlreichen Klischees und Stereotypen, deren sich der Film bedient, eine bestimmte Funktion. Wo sie zitiert wer­den, .sollen sie zugleich über die Darstel­lung individueller Leiderfahrung auf­gebrochen werden. Die Gefahr, die in dieser Methode .steckt, scheint Reitz da­bei zu unterschätzen. Publikumsreaktionen in Frankfurt deuteten jedoch an, zu welchen Mißverständnissen die se­lektive Wahrnehmung gerade bei die­sem Film führen kann.

Gisela Molitor, FAZ, 10. Februar 1977

Wie war das, damals… (War es so?)

Edgar Reitz hat einen Film übder die „Stunde Null“ gedreht.

FRANKFURT A. M. Der Kamera­mann, erzählte Edgar Reitz nach der ausverkauft«! und spät nachts wieder­holten Vorführung seines jüngsten Films „Stunde Null“ im Kommunalen Kino, der Kameramann Gernot Roll wollte die Sequenz, in der dem kleinen Jungen von den russischen Soldaten sein Fahrrad weggenommen wird, un­bedingt so erzählt und gespielt wissen, wie er sie selbst erlebt hat. Noch bei der Arbeit am Film sind persönliche Er­fahrungen der Beteiligten in das Dreh­buch des 1938 geborenen Peter Stein­bach eingegangen. (…)

Zwar strebt Reitz Authentizität an, so etwas wie einen idealtypischen Augen­blick in diesem historischen und politi­schen Hohlraum; aber eine Dokumentation will sein Film nicht sein; keine mit Fußnoten versehene Chronik, sondern eine filmische Erzählung. Dabei sind In­formationen, in manchem auch der historische Rahmen, das Davor und das Zugleich (die zerstörten Städte, die Flüchtlingstrecks) ausgespart worden; oder sie sind bruchlos in das Erzählen eingewandert. (…)

Das Interesse der Filmemacher richtet sich ganz auf die Menschen, ältere wie jüngere, und auf das. was in deren Be­wußtsein an Ängsten, Wünschen, Erin­nerungen und Hoffnungen umgeht und ihr träges, unbegriffenes Leben mäßig wellt. Der Augenblick der Freiheit geht vorüber. ohne daß sie ihn wahrgenom­men hätten. Der Faschismus, obgleich militärisch besiegt, ist noch als Läh­mung der Phantasie virulent. Erinne­rung, Träumen-zurück – sei es der Gedanke an den verschwiegenen Herois­mus des sozialdemokratischen Schran­kenwärters, der sich endlich zu seinen Widerstand bekennen darf; sei es das ausufernde „Weiß-Du- noch „-Gelage mit den versteckten und gehorteten Eßwaren aus dem Keller der Gestapo-Witwe oder die Geschäftsträume des polnischen Fremdarbeiters, der sich ein Karussell „organisiert“ hat -; das Le­ben lebt sich so weiter dahin. Nur Joscha, ein herumstreunender Halb­wüchsiger, der in den Ort gekommen ist,. um einen vergrabenen Schatz auszuheben. hat eine Utopie: das amerikanische Paradies, zurechtgeschneidert aus den messerscharfen Bügelfalten der Gis, ihrem verschwenderischen Umgang mit Zigaretten und Lebensmitteln. Aber auch er wird diesen Hoffnungsanker zuletzt verlieren. (…)

Es wäre an der Zeit, jene historischen Momente, von denen beide deutsche Staaten behaupten, sie seien der Beginn eines Neuen & Anderen, genauer unter die Lupe zu nehmen. Was uns bis­her an sogenannten „Trümmerfilmen“ jener Jahre überliefert ist, gehört mit wenigen Ausnahmen selbst auf den Trümmerhaufen. Die „Stunde Null“ ist ein Beginn. Er wird am 8. März im Fernsehen laufen; während in unseren Kinos Sam Peckinpahs „Steiner — Das Eiserne Kreuz“ den falschen Heroismus ausschlachtet und sich mit brillanten, reißerischen Sterbe- und Tötungskolo­raturen in die Psyche der jugendlichen Zuschauer hineinschwärmt Seh-, Erfahrungs- und Erkenntniswerte da, behut­sam, vorsichtig: und brutale „Schau­werte“, die aufputschen und blindwütig machen: dort. Auch das ist eine Konti­nuität. Und was für eine!

Wolfram Schütte – Frankfurter Rundschau vom 22. Februar 

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