Klassenallianzen, Massenmobilisierung und der Weg zur faschistischen Diktatur

Die NSDAP als Vermittlerin zwischen kapitalistischen Kriseninteressen

Die Funktion der NSDAP innerhalb der nationalsozialistischen Krisenlösung war von einem grundlegenden Widerspruch geprägt. Einerseits stützte sich die Partei in erheblichem Maße auf kleinbürgerliche, bäuerliche und deklassierte soziale Gruppen, deren politische Erwartungen häufig antikapitalistische oder zumindest antimonopolistische Elemente enthielten. Andererseits war die NSDAP auf die Unterstützung jener ökonomischen Eliten angewiesen, die von einer Stabilisierung kapitalistischer Herrschaft profitierten. Ihre politische Handlungsfähigkeit beruhte daher auf der Fähigkeit, die Interessen ihrer Massenbasis mit den Bedürfnissen von Schwerindustrie, Exportwirtschaft und Großagrariern zu vermitteln (Mason 1977; Kühnl 1971; Sohn-Rethel).

Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise musste eine solche Krisenstrategie sowohl die Produktions- als auch die Realisierungsprobleme des deutschen Kapitalismus adressieren. Die Verbesserung der Profitabilität erforderte die Senkung der Lohnkosten, die Intensivierung der Arbeit sowie die nachhaltige Schwächung der organisierten Arbeiterbewegung. Gleichzeitig musste die Nachfrage stabilisiert werden. Dies geschah insbesondere durch staatlich garantierte Rüstungsaufträge, die den Unternehmen sichere Absatzmöglichkeiten zu festen Preisen eröffneten und damit die Realisierung von Profiten gewährleisteten (Kadritzke 1996; Sohn-Rethel).

Die Herausbildung der nationalsozialistischen Herrschaftsform war jedoch keineswegs das Ergebnis eines einheitlichen Plans der Großbourgeoisie. Vielmehr setzte sie sich in einem konfliktreichen Prozess durch, der von Interessengegensätzen zwischen verschiedenen Kapitalfraktionen, politischen Machtkämpfen sowie wechselnden ökonomischen Rahmenbedingungen geprägt war. Die Errichtung der faschistischen Diktatur kann daher nicht auf eine bloße Instrumentalisierung des Staates durch einzelne Kapitalgruppen reduziert werden. Entscheidend war vielmehr die schrittweise Annäherung unterschiedlicher ökonomischer Interessen unter den Bedingungen einer tiefen gesellschaftlichen Reproduktionskrise (Poulantzas 1973; Fach 1982).

Diese Entwicklung lässt sich in mehreren Schritten rekonstruieren:

Erstens intensivierten insbesondere Vertreter der Schwerindustrie und des ostelbischen Großgrundbesitzes ihre politischen Aktivitäten nach dem Scheitern des Präsidialkabinetts Papen. Das Scheitern dieser Regierung machte deutlich, dass eine autoritäre Krisenpolitik gegen die organisierte Arbeiterbewegung ohne eine eigenständige gesellschaftliche Massenbasis nicht durchsetzbar war. Die NSDAP bot mit ihrer breiten Mobilisierungsfähigkeit und ihrer paramilitärischen Organisation erstmals die Möglichkeit, autoritäre Herrschaft mit gesellschaftlicher Massenunterstützung zu verbinden (Turner 1985; Mommsen 1998).

Zweitens erfolgte die Annäherung zwischen agrarischen und industriellen Interessen auf der Grundlage wirtschaftspolitischer Konzepte, die häufig unter dem Begriff der „Agrarkartellierung“ zusammengefasst werden. Im Zentrum stand die Vorstellung eines von Deutschland dominierten südosteuropäischen Wirtschaftsraumes, der durch bilaterale Handelsverträge als relativ geschlossener Absatzmarkt erschlossen werden sollte. Damit konnten die Interessen der exportabhängigen Industrie und der Großagrarier teilweise miteinander vermittelt werden, während die Kosten dieser Politik vielfach auf Klein- und Mittelbauern sowie auf Konsumentinnen und Konsumenten abgewälzt wurden (Abelshauser 2004; Tooze 2007; Petzina).

Drittens verloren liberale und exportorientierte Krisenlösungsstrategien mit der Verschärfung der Weltwirtschaftskrise zunehmend an Überzeugungskraft. Die Krise des Weltmarktes ließ Hoffnungen auf eine exportgetragene Konjunkturerholung unrealistisch erscheinen. Infolgedessen gewannen Konzepte an Bedeutung, die auf eine Ausweitung des Binnenmarktes durch staatliche Intervention, auf Rüstungsnachfrage sowie auf eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnsenkung und Arbeitsintensivierung setzten. Die Durchsetzung dieser Strategie erforderte jedoch die Ausschaltung jener Organisationen, die einer solchen Politik Widerstand entgegensetzen konnten. Die Zerschlagung der Gewerkschaften und Arbeiterparteien wurde damit zu einer zentralen Voraussetzung der nationalsozialistischen Krisenpolitik (Mason 1977; Neebe 1981; Tooze 2007).

Die faschistische Diktatur erscheint vor diesem Hintergrund nicht als die unmittelbare Herrschaft einer einzelnen Kapitalfraktion, sondern als ein widersprüchiger politischer Kompromiss innerhalb der herrschenden Klassen. Ihre Stabilität beruhte darauf, unterschiedliche ökonomische Interessen auf einem gemeinsamen Nenner zusammenzuführen: der autoritären Reorganisation der Gesellschaft, der Ausschaltung der Arbeiterbewegung und der Schaffung neuer Akkumulationsmöglichkeiten durch staatliche Nachfrage, Aufrüstung und expansive Außenwirtschaftspolitik (Poulantzas 1973).

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …