Medien, KI und kulturelle Hegemonie

Zur Krise von Öffentlichkeit, Urteilsfähigkeit und Bildung im digitalen Kapitalismus

Die gegenwärtige Transformation von Öffentlichkeit durch digitale Medien und Künstliche Intelligenz stellt keinen plötzlichen historischen Bruch dar. Vielmehr radikalisiert sie langfristige Tendenzen kapitalistischer Medienentwicklung: die Beschleunigung gesellschaftlicher Kommunikation, die Konzentration von Kommunikationsmacht, die Ökonomisierung von Aufmerksamkeit sowie die zunehmende Ersetzung unmittelbarer gesellschaftlicher Erfahrung durch medial vermittelte Wirklichkeiten.

Die neue Qualität dieser Entwicklung besteht darin, dass KI-gestützte Systeme Wahrnehmung, Kommunikation und Informationsproduktion nicht mehr nur vermitteln, sondern zunehmend automatisiert strukturieren, personalisieren und synthetisch erzeugen. Damit verschiebt sich die gesellschaftliche Funktion von Medien grundlegend: Öffentlichkeit wird nicht mehr primär durch gemeinsame kommunikative Räume organisiert, sondern durch algorithmisch erzeugte und ökonomisch verwertete Aufmerksamkeitsstrukturen.

Bereits Oskar Negt diagnostizierte Anfang der 1990er Jahre die Entstehung einer „zweiten Wirklichkeit“ der Medien, die nicht mehr lediglich gesellschaftliche Realität abbildet, sondern zunehmend an die Stelle eigener Erfahrung tritt.^1 Der damit verbundene Erfahrungs- und Erinnerungsverlust schwächt die Fähigkeit, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu verarbeiten und politische Urteilskraft auszubilden. Medienwirklichkeit erscheint dadurch als unmittelbare Realität, obwohl sie Ergebnis historischer Produktions-, Eigentums- und Machtverhältnisse ist.

Allerdings wäre es verkürzt, dieser Entwicklung einen romantischen Begriff unmittelbarer Erfahrung entgegenzustellen. Erfahrung ist niemals unvermittelt oder „rein authentisch“, sondern stets gesellschaftlich, kulturell und historisch geprägt.^2 In modernen Gesellschaften ist Erfahrung selbst bereits wesentlich medienvermittelt. Das Problem liegt daher nicht in der Medialität als solcher, sondern in den Strukturen, unter denen Vermittlung stattfindet: Eigentumsverhältnisse, Plattformmonopole, algorithmische Steuerung und hegemoniale Deutungsmuster bestimmen zunehmend, was sichtbar wird, wie es erscheint und welche Interpretationen gesellschaftlich plausibel wirken. 3

Wolf-Rüdiger Wagner beschreibt diesen Prozess anhand der Echtzeitberichterstattung des Golfkriegs als mediengeschichtliche Zäsur.^4 Politik gerät dabei unter den Druck permanenter Aktualität. Echtzeitkommunikation zerstört jene Zeiträume, die demokratische Öffentlichkeit für Reflexion, Kontextualisierung und Urteil benötigt. Informationen erscheinen nur noch als beschleunigte Ereignisfragmente, deren gesellschaftliche Einordnung zunehmend verschwindet. Öffentlichkeit verschiebt sich dadurch von argumentativer Auseinandersetzung hin zu emotionalisierten Reaktionsmustern.

Mit digitalen Plattformen und KI-Systemen erreicht diese Entwicklung eine neue historische Qualität. Während klassische Massenmedien noch relativ einheitliche Öffentlichkeiten erzeugten, produzieren algorithmische Systeme personalisierte Wirklichkeitsräume. Sichtbarkeit wird nicht demokratisch organisiert, sondern durch proprietäre Ranking- und Empfehlungslogiken globaler Plattformkonzerne gesteuert. Damit entstehen neue Formen kultureller Hegemonie im gramscianischen Sinn: Nicht offene Zensur dominiert, sondern die Vorstrukturierung des Denkbaren.^5 Alternativen verschwinden häufig bereits auf der Ebene algorithmischer Wahrnehmbarkeit.

Die scheinbare Vielfalt individueller Ausdrucksmöglichkeiten verdeckt dabei die tatsächlichen Machtverhältnisse digitaler Kommunikation. Plattformen suggerieren Partizipation, Kreativität und Selbstwirksamkeit, während Sichtbarkeit zugleich algorithmisch kanalisiert wird. Nutzerinnen und Nutzer produzieren fortlaufend Inhalte, Daten und Interaktionen, die ökonomisch verwertet werden. Alexander Kluge beschreibt Medien deshalb als „Lebenszeitmaschinen“: Sie binden Zeit, Aufmerksamkeit und Erfahrungsfähigkeit.^6 Unter den Bedingungen KI-gestützter Plattformökonomien radikalisiert sich diese Diagnose. Endlose Feeds, Echtzeitkommunikation und personalisierte Reizschleifen verwandeln Lebenszeit in verwertbare Aufmerksamkeit.

Diese Entwicklung ist jedoch nicht naturwüchsig. Sie beruht auf den Strukturprinzipien kapitalistischer Produktionsweise. Informationen, Daten und Aufmerksamkeit werden zur Ware. Ihr ökonomischer Wert entsteht weniger durch ihren Inhalt als durch die Kontrolle über ihre Zirkulation. Plattformkonzerne monopolisieren die infrastrukturellen Bedingungen gesellschaftlicher Kommunikation und realisieren daraus Profite. 7)

KI verschärft diese Dynamik, weil sie die Produktionskosten von Information gegen Null senkt. Texte, Bilder und audiovisuelle Inhalte können automatisiert und nahezu unbegrenzt reproduziert werden. Gleichzeitig konzentriert sich ökonomische Macht zunehmend auf die Eigentümer von Daten, Rechenzentren, Modellen und Plattformen. Der Wert verlagert sich damit von einzelnen Informationsgütern hin zur Kontrolle über Infrastruktur, Aufmerksamkeit und algorithmische Steuerung.

Darin liegt zugleich ein innerer Widerspruch kapitalistischer Entwicklung. Kapitalismus benötigt zahlungsfähige Nachfrage und gesellschaftliche Arbeitskraft. Algorithmen jedoch konsumieren nicht. Wenn KI menschliche Arbeit ersetzt, aber keine eigene Nachfrage erzeugt, untergräbt sie langfristig die Grundlagen kapitalistischer Verwertung. Die Informationsproduktion wird zunehmend selbstreferentiell: KI produziert Inhalte für KI-gesteuerte Systeme. Damit entsteht eine paradoxe Situation, in der kapitalistische Eigentumsverhältnisse fortbestehen, während ihre klassische Wert- und Warenlogik sukzessive erodiert.

KI stabilisiert und untergräbt Kapitalismus zugleich:

  • KI ersetzt Arbeit,
  • Algorithmen konsumieren nicht,
  • Wertproduktion gerät in Krisen,
  • Macht konzentriert sich dennoch weiter.

KI radikalisiert damit die inneren Widersprüche kapitalistischer Produktionsweise.

Diese Widersprüche bleiben nicht folgenlos. Wenn KI Arbeit ersetzt, Öffentlichkeit fragmentiert und Kommunikationsmacht monopolisiert wird, entsteht langfristig ein gesellschaftlicher Lösungsdruck. Dabei sind unterschiedliche historische Entwicklungen möglich.

Die eine Möglichkeit wäre eine demokratische Transformation: 8)
eine stärkere Gemeinwohlorientierung digitaler Infrastrukturen, mehr demokratische Kontrolle über Plattformen, eine Demokratisierung wirtschaftlicher Prozesse sowie die Rückgewinnung von Zeit, Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.

Die andere Möglichkeit beschreibt Yanis Varoufakis mit dem Begriff des „Technofeudalismus“. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der wenige Plattformkonzerne Infrastruktur, Kommunikation, Daten und Sichtbarkeit kontrollieren, während soziale Prozesse zunehmend algorithmisch gesteuert werden. KI stabilisiert dann nicht Demokratie, sondern autoritäre Machtverhältnisse.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob technologische Entwicklung stattfindet, sondern unter welchen gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnissen sie stattfindet.

Damit rückt die Frage demokratischer Bildung ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Bildung ist dabei keineswegs automatisch emanzipatorisch. Unter neoliberalen und digitalisierten Bedingungen wird sie häufig selbst funktional in die Logik kapitalistischer Verwertung eingebunden. Menschen sollen flexibel, mobil, permanent verfügbar und anpassungsfähig sein. Bildung erscheint dann primär als Mittel individueller Wettbewerbsfähigkeit.

Oskar Negt kritisiert dieses Modell als Produktion des „allseits verfügbaren Menschen“. 9) Bildung reduziert sich auf Verwertbarkeit, Effizienz und Selbstoptimierung. Gesellschaftliche Probleme erscheinen individualisiert: Wer scheitert, gilt als selbst verantwortlich. An die Stelle politischer Urteilskraft tritt Anpassungsfähigkeit. Das Ergebnis sind nicht notwendigerweise mündige Bürgerinnen und Bürger, sondern häufig „leistungsbewusste Mitläufer“, die bestehende Verhältnisse reproduzieren, ohne deren strukturelle Bedingungen kritisch zu reflektieren.

Diese Entwicklung verschärft sich unter den Bedingungen digitaler Plattformökonomien und KI-gestützter Aufmerksamkeitsregime. Die gegenwärtige Aufmerksamkeitsökonomie produziert nicht einfach Zerstreuung, sondern eine Form kollektiver Unaufmerksamkeit gegenüber politischen und ökonomischen Strukturverschiebungen. Menschen werden permanent aktiviert – durch Feeds, Echtzeitkommunikation, Benachrichtigungen und algorithmisch optimierte Reizschleifen. Gerade diese dauerhafte Aktivierung kann jedoch politische Passivität hervorbringen. Kluge beschreibt dies als eine „Massenmobilisierung des Passivismus“: Menschen reagieren ständig, handeln gesellschaftlich jedoch immer weniger wirksam. 10)

Damit verschiebt sich auch die Aufgabe emanzipatorischer Bildung. Bildung darf nicht bloße Anpassung an Markt- und Medienlogiken sein. Sie muss Wahrnehmungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit und kollektive Handlungsfähigkeit stärken.

In Anschluss an Piaget sowie an Konzepte gesellschaftlicher Kompetenz bei Negt, Zeuner und Endeward lässt sich Bildung als Prozess von Wahrnehmen, Urteilen und Handeln verstehen.^11) Wahrnehmung bedeutet, gesellschaftliche Strukturen hinter medialen Erscheinungsformen erkennen zu lernen. Urteilsfähigkeit meint die Fähigkeit, Interessen, Machtverhältnisse und Vermittlungsformen kritisch zu reflektieren. Handeln schließlich verweist auf die politische Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung.

Dabei reicht Interpretation allein nicht aus. In Anlehnung an Marx gilt: Gesellschaftliche Verhältnisse müssen nicht nur verstanden, sondern verändert werden.^12) Bildung erhält damit notwendig einen emanzipatorischen Charakter. Sie soll Menschen befähigen, die Bedingungen ihrer eigenen Wahrnehmung kritisch zu erkennen und kollektive Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen.

Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist die Rückgewinnung von Zeit. Fritz Reheis sowie Negt und Kluge weisen darauf hin, dass Bildung Eigenzeit benötigt.^13) Lernen, Erfahrung und Urteilsbildung folgen nicht der Taktung beschleunigter Informationsströme. Sie benötigen Wiederholung, Irritation, Reflexion und soziale Resonanz. Die gegenwärtige Medien- und Plattformlogik hingegen zerstört genau diese Zeiträume durch permanente Aktualisierung und Aufmerksamkeitsextraktion.

Aus diesen Entwicklungen folgt weder Technikfeindlichkeit noch naive Technikbegeisterung. Entscheidend ist nicht die Existenz von KI selbst, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie entwickelt und eingesetzt wird.

Ein emanzipatorischer Umgang mit KI setzt deshalb zunächst Medialitätsbewusstsein 14) voraus: die Fähigkeit zu erkennen, dass Wahrnehmung, Information und Aufmerksamkeit heute algorithmisch strukturiert werden. KI-generierte Inhalte dürfen nicht mit unmittelbarer Wirklichkeit verwechselt werden. Notwendig ist die Fähigkeit, zwischen Erfahrung, Interpretation, Interessen und technischer Konstruktion unterscheiden zu können.

Darüber hinaus verlangt der Umgang mit KI die Rückgewinnung von Zeit für Urteil und Reflexion. Permanente Echtzeitkommunikation, personalisierte Reizschleifen und algorithmische Aufmerksamkeitsökonomien schwächen die Fähigkeit, gesellschaftliche Zusammenhänge kritisch zu durchdenken. Demokratische Öffentlichkeit benötigt jedoch Zeiträume für Diskussion, Irritation und gemeinsames Lernen.

Gleichzeitig darf KI nicht ausschließlich privaten Plattform- und Profitinteressen überlassen bleiben. Die gesellschaftliche Kontrolle digitaler Infrastruktur wird damit zu einer zentralen demokratischen Frage. Es geht darum, ob KI vor allem zur Optimierung von Verwertung, Überwachung und Verhaltenssteuerung eingesetzt wird – oder zur Erweiterung gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und demokratischer Kooperation beitragen kann.

Für Bildung bedeutet das:
Nicht Anpassung an KI-Systeme darf im Mittelpunkt stehen, sondern die Entwicklung von Urteilsfähigkeit, Kritikfähigkeit und kollektiver Handlungskompetenz. Menschen sollen KI nicht nur effizient nutzen lernen, sondern ihre gesellschaftlichen Bedingungen, Interessenlagen und Machtstrukturen verstehen und gestalten können.

Der entscheidende Maßstab bleibt daher nicht technologische Leistungsfähigkeit, sondern die Frage:
Trägt KI zur Demokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse bei – oder stabilisiert sie neue Formen digitaler Hegemonie?

Der Umgang mit KI ist deshalb letztlich keine rein technische, sondern eine politische, ökonomische, kulturelle und demokratische Frage.


Anmerkungen

  1. Oskar Negt: Medien-Wirklichkeit und Erfahrungsverlust, 1993.
  2. Vgl. Wolf-Rüdiger Wagner: Die  Befreiung der Medien von Öko-Kitsch.
  3. Wolf-Rüdiger Wagner hat dies Medien als Werkzeuge der weltaneignung
  4. Wolf-Rüdiger Wagner: Von der Aktualität zur Echtzeit. Was passiert im Zeitalter der Echtzeitberichterstattung mit Informationen und mit uns?, in: Medien praktisch, 1991/92.
  5. Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Hamburg 1991ff. und daran anknüpfend: Kulturelle Hegemonie im Kapitalismus
  6. Vgl. Alexander Kluge/Oskar Negt: Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt a. M. 1972. und Bestandsaufnahme: Utopie Film
  7. Plattformkapitalismus
  8. Vgl. Altvater und anknüpfend: Utopie
  9. Negt: Nur noch Utopien
  10. Kluge: Bestandsaufnahme
  11. Vgl. Jean Piaget; Oskar Negt: Der politische Mensc; ders.L Nur noch Utopien; ders: SOziologische Phantasie..; Christine Zeuner; Gesellschaftskompetenzen; und daran anschließend von Detlef Endeward: Konzept der Gesellschaftskompetenzen
  12. Karl Marx: Thesen über Feuerbach, These 11.
  13. KLuge/Negt: Eigensinn, Nur noch Utopien und v.a. 
    Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung, Darmstadt 1996. Turbo-schule 
  14. Medialitätsbewusstsein im Konzept

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