Geschichte des VW-Konzerns
Warum die Geschichte Volkswagens besondere Beachtung verdient
Die Geschichte des Volkswagen-Konzerns verdient aus mehreren Gründen besondere Beachtung. Sie ist weit mehr als die Geschichte eines einzelnen Unternehmens oder einer erfolgreichen deutschen Automarke. In ihr bündeln sich zentrale Entwicklungen der deutschen Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte vom Nationalsozialismus über die Bundesrepublik bis in die Gegenwart.
Ein Schlüsselunternehmen der bundesdeutschen Wirtschaft
Volkswagen gehörte von Beginn der Bundesrepublik an zu den prägenden Unternehmen der westdeutschen Automobilindustrie. Der Käfer und später der Transporter wurden zu Symbolen des „Wirtschaftswunders“; die starke Exportorientierung machte Volkswagen früh zu einem international operierenden Unternehmen. Seit den 1970er Jahren sicherten neue Modellgenerationen – insbesondere Passat, Golf und Polo – die Stellung des Unternehmens, später entstand durch Übernahmen und internationale Expansion einer der weltweit größten Automobilkonzerne.
Damit lässt sich an Volkswagen zugleich ein wesentlicher Teil der Entwicklung des bundesdeutschen Wirtschaftsmodells untersuchen: industrielle Massenproduktion und Massenkonsum, Exportorientierung und Weltmarktabhängigkeit, Rationalisierung und Automatisierung, Internationalisierung der Produktion, Herausbildung globaler Lieferketten und schließlich die gegenwärtige Transformation unter den Bedingungen von Digitalisierung, Elektromobilität und wachsender internationaler Konkurrenz.
Die Geschichte Volkswagens ist deshalb auch eine Geschichte der politischen Ökonomie der Bundesrepublik.
Volkswagen und die niedersächsische Wirtschaft
Noch unmittelbarer ist die Bedeutung für Niedersachsen. Der Wiederaufstieg des Volkswagenwerks nach 1945 trug wesentlich dazu bei, dass sich das zunächst noch stark agrarisch geprägte Niedersachsen zu einem bedeutenden Industrieland entwickelte. Wie kaum ein anderes Unternehmen steht Volkswagen für diesen Strukturwandel.
Diese Bedeutung besteht bis heute. Die Automobil- und Zulieferindustrie ist nach Angaben des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums der größte industrielle Arbeitgeber des Landes. Rechnet man die unmittelbar und mittelbar von der Kraftfahrzeugproduktion abhängigen Tätigkeiten zusammen, umfasst das niedersächsische Automobilcluster rund 340.000 Erwerbstätige. Volkswagen bildet sein industrielles Zentrum.
Damit haben Entscheidungen des VW-Vorstands Folgen, die weit über die Unternehmensbilanz hinausreichen. Sie betreffen Zulieferer, regionale Arbeitsmärkte, kommunale Einnahmen, Forschungseinrichtungen, Infrastruktur und die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Regionen.
Die gegenwärtige Auseinandersetzung um die Werke in Hannover und Emden macht diese Abhängigkeit erneut sichtbar.
Wolfsburg: Stadt und Unternehmen
Nirgendwo ist diese Verbindung enger als in Wolfsburg. Werk und Stadt entstanden 1938 nahezu gleichzeitig. Nach 1945 wurde die Entwicklung des Volkswagenwerks zur entscheidenden Voraussetzung für den Aufbau und das Wachstum der Stadt. Die Stadt Wolfsburg bezeichnet die Geschichte von Werk und Stadt selbst als „untrennbar“ miteinander verbunden.
Wolfsburg ist deshalb ein außergewöhnlicher Untersuchungsfall für die Frage, was geschieht, wenn ein einzelnes Großunternehmen die ökonomischen und sozialen Strukturen einer Stadt wesentlich bestimmt.
Das reicht weit über Arbeitsplätze hinaus. Einkommen, Gewerbesteuern, Stadtentwicklung, Zuwanderung, Wohnungsbau, Konsum, Kultur und soziale Identitäten wurden über Jahrzehnte durch Volkswagen mitgeprägt.
Damit wird die Geschichte des Unternehmens zugleich zur Stadt- und Gesellschaftsgeschichte Wolfsburgs.
Lohnarbeit und Kapital
Volkswagen ist schließlich ein besonders aufschlussreicher Ort für die Untersuchung des grundlegenden Konflikts zwischen Lohnarbeit und Kapital.
Auf der einen Seite stehen die Eigentümer des Unternehmens und das Management mit dem Anspruch, Kapital rentabel einzusetzen, Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und Unternehmensstrategien zu bestimmen. Auf der anderen Seite stehen Beschäftigte, deren Einkommen und soziale Existenz davon abhängen, ihre Arbeitskraft an dieses Unternehmen verkaufen zu können.
Dieser strukturelle Gegensatz führte bei Volkswagen jedoch nicht einfach zu einer permanenten offenen Konfrontation. Er wurde institutionell bearbeitet: durch Betriebsrat, IG Metall, Tarifverträge, paritätische Mitbestimmung, das VW-Gesetz und die Beteiligung des Landes Niedersachsen.
Gerade Volkswagen entwickelte dabei zeitweise eine besondere Form betrieblicher Sozialpartnerschaft. Bereits in den 1950er Jahren gehörte das Unternehmen mit seiner Tarif- und Sozialpolitik zur Spitze der deutschen Automobilindustrie. Volkswagen führte für einen großen Teil seiner Beschäftigten schon 1957 die 40-Stunden-Woche ein und wurde damit auch über die Branche hinaus zum sozialpolitischen Schrittmacher.
Der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital verschwand dadurch allerdings nicht. Er erhielt eine institutionell regulierte Form.
Das macht Volkswagen analytisch besonders interessant: Mitbestimmung bedeutet nicht Aufhebung unterschiedlicher Interessen. Vielmehr lässt sich untersuchen, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen Kompromisse möglich werden, wer dabei welche Zugeständnisse macht und was geschieht, wenn die Bedingungen für solche Kompromisse in einer Krise wegbrechen.
Eigentum und politische Macht
Hinzu kommt eine weitere Besonderheit. Volkswagen war nach 1945 zunächst kein gewöhnliches Privatunternehmen. Nach der britischen Treuhandverwaltung bestimmten Bund und Niedersachsen über seine weitere Entwicklung. 1960 wurde das Unternehmen privatisiert; Bund und Niedersachsen hielten zunächst jeweils 20 Prozent. Der Bund verkaufte seine Beteiligung 1988, Niedersachsen behielt seine.
Damit blieb der Staat selbst Akteur innerhalb des Unternehmens.
Das wirft eine Frage auf, die sich durch die gesamte Nachkriegsgeschichte Volkswagens zieht:
Welche Interessen vertritt öffentliches Eigentum innerhalb eines kapitalistischen Großunternehmens?
Soll das Land Niedersachsen wie ein gewöhnlicher Anteilseigner auf wirtschaftlichen Erfolg und Dividenden achten? Soll es Arbeitsplätze und Standorte sichern? Soll es industriepolitische Ziele verfolgen? Oder soll öffentliches Eigentum ermöglichen, gesellschaftliche Kriterien gegenüber privatwirtschaftlichen Rentabilitätsinteressen durchzusetzen?
Diese Fragen werden in wirtschaftlich erfolgreichen Zeiten leicht verdeckt. In Krisen treten sie offen hervor.
Volkswagen als gesellschaftlicher Komplex
Die besondere Bedeutung der VW-Geschichte liegt deshalb gerade in der Verbindung dieser Ebenen.
Volkswagen ist gleichzeitig Unternehmen und Kapitalanlage, Produktionsort und Arbeitgeber, Weltmarktakteur und regionaler Wirtschaftsfaktor, Gegenstand staatlicher Industriepolitik und Ort gewerkschaftlicher Gegenmacht. In Wolfsburg ist der Konzern darüber hinaus Bestandteil der Stadtgesellschaft; über Niedersachsen ist der Staat selbst Anteilseigner.
Deshalb reicht eine chronologische Unternehmensgeschichte nicht aus.
Zu untersuchen ist vielmehr, wie sich im Verlauf der Geschichte die Beziehungen zwischen
Eigentum – Kapital – Management – Arbeit – Gewerkschaft – Staat – Stadt – Region – Technologie – Weltmarkt
verändert haben.
Erst in diesem Zusammenhang wird verständlich, warum ein gegenwärtiger Streit über die Zukunft einzelner VW-Werke nicht lediglich eine betriebswirtschaftliche Auseinandersetzung ist. In ihm werden Strukturen sichtbar, die historisch entstanden sind und normalerweise hinter dem scheinbar einheitlichen Unternehmen „Volkswagen“ verschwinden.
Die Geschichte des VW-Konzerns ist damit ein besonders geeignetes Beispiel, um Wirtschaftsgeschichte als Gesellschaftsgeschichte und politische Ökonomie zu untersuchen.
Geschichte und Gegenwart des VW-Konzerns
Geschichte des VW-Konzerns
Volkswagen im Nationalsozialismus: 1937 bis 1945
Ein Schlüsselunternehmen der bundesdeutschen Wirtschaft
VW und die niedersächsische Wirtschaft
Wolfsburg Stadt und Unternehmen
Lohnarbeit und Kapital
Eigentum und politische Macht
Volkswagen als gesellschaftlicher Komplex
Filme: Spuren in Vergangenheit und Gegenwart