Die Stadt – Das Auto – Der Film

Facetten der Fremd- und Selbstdarstellung von Wolfsburg und Volkswagen

Susanne Fuhrmann (1996)

Niedersachsen – das ist Harz und Heide, Küste und Moor, eine von Land- und Forstwirtschaft geprägte Landschaft, idyllische Kulisse für manchen gefühlsbetonten Spielfilm der fünfziger Jahre. Doch auch hier gibt es eine Region, der die Industrie ihren Stempel aufgedrückt hat, eine Stadt, deren Existenz und Geschichte untrennbar verbunden sind mit dem Werk, dem sie ihre Gründung verdankt.

Am 26. Mai 1938 wurde – in der nördlichen Mitte des damaligen Deutschen Reiches, verkehrsgünstig zwischen Braunschweig und Magdeburg – der Grundstein gelegt für ein Prestigeobjekt der Nationalsozialisten: das Volkswagenwerk. Wenige Wochen später, am 1. Juli 1938, erfolgte mit Erlass des Oberpräsidenten der Provinz Hannover die Gründung der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“, angesiedelt auf dem Grund und Boden des alten Dorfes Heßlingen und des seit 1929 dazugehörigen Gutsbezirkes Wolfsburg.¹

Immer präsent: die vier Schlote des VW-Werks (Foto: ehem. Bildarchiv der Landesmedienstelle)

Dieser Stadt Wolfsburg, die auch nach ihrer Umbenennung² den inoffiziellen Beinamen „Autostadt“ behielt, und dem VW-Werk hat der Film schon früh seine Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Nationalsozialisten begleiteten ihr Vorzeigeobjekt von Anfang an mit der Kamera: Wochenschau-Berichte hielten Grundsteinlegung und Bauarbeiten fest und unterlegten die Bilder mit den triumphalen Propaganda-Phrasen jener Jahre. Nach dem Krieg führte wiederum die Wochenschau mit enthusiastischen Kommentaren Wiederaufbau und Produktionserfolge des Werks vor Augen. Bis heute findet dieses Material regelmäßig Verwendung in Produktionen zum Thema VW – in unternehmenseigenen PR-Filmen ebenso wie in kritischen Dokumentarfilmen.

Aber auch VW selbst wurde bereits in den fünfziger Jahren zum Filmproduzenten und setzte dieses Medium gezielt für die Unternehmenswerbung ein. Heute verfügt die Öffentlichkeitsarbeit der Volkswagen AG über eine eigene Abteilung „PR-Film und -Video“, die an Interessenten auf Anfrage einen fast fünfzigseitigen Katalog mit hauseigenen Produktionen verschickt.

Allerdings fällt es schwer, sich einen Überblick über die gesamte VW-eigene (Werbe-)Filmproduktion der letzten Jahrzehnte zu verschaffen und so den Veränderungen in Selbstverständnis und Selbstdarstellung des größten deutschen Automobilkonzerns nachzuspüren, denn der Zugang zum Material ist beschränkt.

Aber es lassen sich wiederkehrende Motive und Themen, Markantes, Skurriles aus einer keineswegs repräsentativen Sichtung des Angebots festhalten.³

Beispielsweise fällt auf, dass im aktuellen Video-Katalog der VW-PR-Abteilung neben Werbefilmen zur Produktpalette – dem Verkaufsschlager Golf sind allein vier Filme gewidmet – viele Filme mit (im weitesten Sinne) „pädagogischem Anspruch“ zum Verleihprogramm gehören. Vor allem die Themen „Ökologie“ und „Sicherheit“ haben es der Volkswagen AG und den von ihr beauftragten Filmproduzenten angetan. Deklariert wird dies als Reaktion auf einen gesellschaftlichen „Bewusstseinswandel“⁴ in den neunziger Jahren: Erwartet werden heute „statt mehr Motorleistung mehr Sicherheit“ bei gleichzeitiger „Schonung der Ressourcen“.⁴

Ein Beispiel: EINER VON MILLIONEN (1991) appelliert an die Verantwortung des Einzelnen für die Umwelt. Von Wasser- und Stromverbrauch bis hin zur Abfalltrennung spart der Film keinen Bereich für „umweltbewusstes“ Verhalten im Alltag aus und ringt sich sogar zu der für Automobilisten geradezu ketzerischen Feststellung durch: „Objektiv gesehen ist jede Autofahrt eine Umweltbelastung – auch Ihre.“

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Der wohl interessanteste Film im aktuellen Angebot ist die 1980 entstandene und 1995 neu bearbeitete Produktion ZEIT-ZEICHEN. Mit „Es war einmal“⁵ beginnt der Rückblick in eine Zeit, in der „das Auto (in Deutschland, S. F.) ein Statussymbol“ war und „Mobilität ein Fremdwort“. Die Geschichte des Volkswagens und der „Volkswagen-Idee“ rekonstruiert der Film mit Hilfe von umfangreichem historischem Filmmaterial, darunter Aufnahmen mit Seltenheitswert, wie die von der Wartung der ersten Käfer-Prototypen auf dem Privatgrundstück von Ferdinand Porsche in Stuttgart.

Wie in allen Retrospektiven des Unternehmens, so ist auch hier die Darstellung der Anfänge besonders interessant. Nur der massiven Förderung durch die Nationalsozialisten verdanken das Werk und die Stadt Wolfsburg die Grundlagen ihrer Existenz. Bis heute wirkt diese enge Verbindung zu den Nazis wie ein historischer Makel in der firmeneigenen Historiographie.

Am Anfang der VW-Geschichte stand die Idee des Dr. Ferdinand Porsche vom „Wagen für alle“. Sie fand „wachsendes Interesse bei den braunen Machthabern“ und „passte in die Ideologie der Nationalsozialisten“. „Die deutsche Arbeitsfront vereinnahmte das Volkswagen-Projekt nicht zuletzt zur Arbeitsbeschaffung“, und die KdF-Organisation übernahm den Vertrieb mit Hilfe eines Sparsystems: „In gutem Glauben an die versprochene Mobilität für jedermann klebten 336.000 Sparer Marke für Marke auf Sparkarten, auf denen oft das voraussichtliche Lieferjahr fehlte.“ Denn die Nationalsozialisten begannen den Zweiten Weltkrieg, und das Volkswagen-Werk produzierte Rüstungsgüter, vor allem Schwimm- und Kübelwagen.

Der Krieg und die Nationalsozialisten – in der Geschichte des Volkswagens waren dies vor allem Hindernisse auf dem Weg zur Verwirklichung einer Vision: „Unter dem Zeichen der nationalsozialistischen Herrschaft scheiterte vorerst die Volkswagen-Idee.“ Bis heute bastelt VW an dieser Form der historischen Selbstdarstellung, die nicht nur Firmen-, sondern auch Ideengeschichte sein soll.⁶

In den fünfziger Jahren wurde die Vision dann endlich Wirklichkeit. Die Erfolgsgeschichte des Käfers begann. Der Film ZEIT-ZEICHEN montiert sie aus historischem Filmmaterial aus der Zeit des „Wirtschaftswunders“. Auf zusätzlichen Kommentar verzichtet er zugunsten des Enthusiasmus der zeitgenössischen Diktion. Der Käfer erreichte Produktionsrekorde und „eroberte“ die Welt. Das „Symbol des Wirtschaftswunders“ entwickelte sich zum „Weltmeister aller Zeiten“: „Kein anderes Auto wurde so oft gebaut.“

Volkswagen war immer „am Puls der Zeit“ und mit dabei, wenn Geschichte „gemacht“ wurde: bei der Berliner Blockade 1948, der Siegesfeier für den bundesdeutschen Fußballweltmeister 1954, beim ersten Italienurlaub der Bundesbürger. Der Film, der die Geschichte des Käfers zunächst eher amüsiert-nostalgisch präsentiert, unterstreicht und belegt dies immer wieder mit zeitgenössischen Bildern. Doch gegen Ende geraten die Zeugnisse für die Aktualität und Modernität des Automobilwerks zu einer eher willkürlichen Aneinanderreihung: Als 1989 die deutsch-deutsche Grenze geöffnet wurde, führte der Weg des Konzerns nach Mosel in Sachsen. In Sachen Umweltschutz und Sicherheit greift man mit der dritten Golf-Generation Trends auf „und setzt den Maßstab“. Die Deutsche Bundespost bleibt auch nach ihrer Umwandlung zu einer Aktien-Gesellschaft am 2. Januar 1992 „treuer Volkswagen-Kunde“.

So rührt ZEIT-ZEICHEN abschließend noch einmal kräftig die Werbetrommel für die aktuelle Volkswagen-Kollektion und die „Autos, die sich jeder leisten kann“.

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„Die Welt des Volkswagen kennt keine Grenzen!“⁷ Dass zur Erfolgsstory von VW auch die internationale Expansion gehört, hält schon der Film ZEIT-ZEICHEN fest: „Das Auslandsengagement erschließt schwer zugängliche Märkte und leistet so aktive Entwicklungshilfe.“

Doch zu diesem Thema wurden auch ganze Filme produziert, wie etwa DIE FAZENDA AM CRISTALINO, ein 1980 mit sehr viel Aufwand gedrehter, halbstündiger Film, der weit weg führt von Niedersachsen und Wolfsburg nach Brasilien. Dort, im Regenwald des Amazonas, hat VW do Brasil ein Modellprojekt initiiert, das die brasilianische Regierung mit Steuervergünstigungen belohnt: In einem Großversuch wird ein Teil des Urwaldgebietes für die Landwirtschaft, insbesondere die Viehzucht, nutzbar gemacht. Der detaillierte, anschauliche Bericht unterstreicht die entwicklungspolitische Bedeutung dieses Projekts, das als vorbildlich und zukunftsweisend für privatwirtschaftliches Engagement in der „Dritten Welt“ dargestellt wird. Mögliche Kritik wird vom Kommentar geschickt und offensiv aufgegriffen, allerdings doch etwas simpel beantwortet: „Ist schon jemals in der Geschichte Neues geschaffen worden, ohne den Mut zum Risiko?“

Zusammenfassend lässt sich über die VW-eigenen Werbe- und Dokumentarfilme festhalten: Bis in die achtziger Jahre hinein gab es eine Tendenz, die Internationalität und die Expansionsbestrebungen des Konzerns bildlich und wörtlich in den Vordergrund zu rücken. VW erschien darin als ein Weltkonzern, der zu den weltweit wichtigsten Arbeitgebern gehörte (z. B. Brasilien siehe: INDUSTRIEARBEITER IN DEUTSCHLAND – INDUSTRIEARBEITER IN BRASILIEN, 1971) und dabei auch noch soziale Verantwortung durch Engagement in der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe bewies (DIE FAZENDA AM CRISTALINO, 1980).

Ein zweiter Schwerpunkt in dieser Zeit war die Beschäftigung mit der Rationalisierung der Arbeit. Während die Automatisierung zunächst – Mitte der siebziger Jahre – als ein Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt herausgestellt wurde, versuchte man einige Jahre später eine differenzierte Auseinandersetzung mit den zwiespältigen Folgen dieser Entwicklung.

Erwähnenswert sind hier die Filme SIE NENNEN IHN ROBBY (1977) und FORTSCHRITT AUF DEM PRÜFSTAND (1984). Ersterer ist ein optimistischer Bericht über den Einsatz von sogenannten „Handhabungsautomaten“ in allen industriellen Arbeitsbereichen, in denen monotone und schwere Arbeiten für Menschen im humanitären Sinn unzumutbar geworden sind. Vorgestellt wird ein nach dem Baukastenprinzip konstruierter Industrieroboter, der flexibel einsetzbar ist, mit hoher Präzision und Schnelligkeit arbeitet und durch entsprechendes Programmieren sogar „lernfähig“⁸ ist. Die mit dem Kosenamen „Robby“ vorgestellten Maschinen, für deren Beschreibung der Kommentar viele menschliche Attribute verwendet, erscheinen beinahe als Kollegen, die „dem Menschen helfen, indem sie seine Arbeit erleichtern und dabei hohe Fertigungsqualität erreichen.“

Dieser fortschrittsgläubige, zukunftsorientierte Film, der auch durch den effektvollen Einsatz dynamischer Musik auffällt, präsentiert Rationalisierungsmaßnahmen ausschließlich als Beitrag zu einer „Humanisierung der Arbeitswelt“, ohne die sozialen Folgen dieser Entwicklung für die gesamte Produktion und den individuellen Arbeitsplatz zu erwähnen.

Ein Vergleich dieser Produktion aus den siebziger Jahren mit dem sieben Jahre jüngeren Film zum selben Thema bietet sich an. FORTSCHRITT AUF DEM PRÜFSTAND (1984) präsentierte eine völlig neue Entwicklung im Automobilbau: die erste vollautomatisierte Montagestraße in Halle 54 des VW-Werks Wolfsburg. Dieser Film bemüht sich, die Bedenken gegen fortschreitende Rationalisierung in der Industrie ernst zu nehmen. Neben Vertretern des Managements und der Projektleitung kommen auch Arbeiter und Betriebsräte vor der Kamera zu Wort. Die Bilder aus der Montagehalle belegen deutlich, was die Statements der betroffenen Mitarbeiter nur andeuten: In diesen Räumen dominieren – auch optisch – die Maschinen, der Mensch ist beinahe unsichtbar und zur Nebensache geworden. Seine Aufgaben beschränken sich auf Steuerung und Überwachung, Aktivität wird ihm nur dann abverlangt, wenn es gilt, Fehler im System zu beseitigen.

Auch dieser Film begreift Rationalisierung als Beitrag zur „Humanisierung der Arbeitswelt“, doch „die Erfolge des technischen Fortschritts können nur dann gebührend gewürdigt werden, wenn er keinen sozialen Rückschritt mit sich bringt.“ Bei VW hat man diesen schwierigen Weg zwischen „dem, was machbar, wirtschaftlich vernünftig und menschlich vertretbar ist“ offenbar gefunden. Zumindest versucht der Film, diesen Gesamteindruck zu hinterlassen – auch wenn einige Betroffene und Betriebsratsmitglieder noch Zweifel hegen.

Ende der achtziger bzw. Anfang der neunziger Jahre entdeckte man bei Volkswagen – der politisch-sozialen Entwicklung folgend – das Thema „Ökologie“ auch als thematischen Schwerpunkt für die Filmproduktion. Von den Filmen aus dem zur Zeit aktuellen Video-Katalog der PR-Abteilung beschäftigen sich zwei ganz explizit mit „grünen“ Themen: KREISLÄUFE (1993), ein Film über das Recycling von Altautos, und der schon erwähnte EINER VON MILLIONEN (1991). Darüber hinaus ist das „Öko-Thema“ aber auch für andere Filme, etwa bei der Vorstellung der neuen Produktpalette (DIE NEUEN VON VOLKSWAGEN, 1994), wichtig.

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Aspekt der Sicherheit. Er wird bei der Vorstellung einzelner Fahrzeugtypen betont, ihm sind aber auch ganze Filme gewidmet (SICHER MIT DEM VOLKSWAGEN, 1992; TURBO-KLAUS, WER GAS GIBT, MUSS AUCH BREMSEN, 1993).

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Der Fülle von älteren Wochenschauberichten und neueren PR-Filmen der Volkswagen AG stehen nur drei umfangreichere Arbeiten gegenüber, die das „Filmmotiv“ VW und/oder Wolfsburg in ihren Mittelpunkt stellen.

Mit EMDEN GEHT NACH USA dokumentierte Klaus Wildenhahn in einer vierteiligen Arbeit für den Norddeutschen und Westdeutschen Rundfunk im Sommer 1975 die Ereignisse im VW-Werk Emden. Drei Monate zuvor war eine Hiobsbotschaft an die Öffentlichkeit gelangt: Bei den deutschen Werken des VW-Konzerns sollten bis Ende 1976 25.000 Mitarbeiter entlassen werden. Im Juli – unmittelbar vor Beginn der dreiwöchigen Werksferien – kursierte das Gerücht von der bevorstehenden Schließung des Werkes in Emden. Der Aufsichtsrat des Automobilkonzerns hatte den Bau eines Zweigwerkes in den USA beschlossen, um angesichts der durch den starken Dollar gewachsenen Exportschwierigkeiten diesen Markt nicht zu verlieren. Die 1964 im strukturschwachen Friesland errichtete, vor allem für den US-Markt produzierende Fabrik bangte um ihre Existenz.

Als aufmerksamer, behutsamer Beobachter begleitet Wildenhahn die Betroffenen in den folgenden Wochen mit der Kamera. Im Verlauf der Dreharbeiten machte der VW-Vorstand Auflagen: Der Betriebsablauf, die Arbeiter und die Bänder durften nicht gefilmt werden. Zugestanden wurden aber tägliche, zweistündige Aufnahmen in den Büros des Betriebsrates.

Wildenhahn gelingt dabei eine gerade in ihrer Nüchternheit einfühlsame Dokumentation über Risikobereitschaft und Konformismus, Entschlossenheit und Resignation, über das mutige Engagement von einigen Vertrauensleuten für die eigene Sache und das verschämte Taktieren von Funktionären zwischen Gewerkschafts- und Parteipolitik.

Eher am Rande, doch eindrucksvoll trotz des Verzichts auf Bilder aus den Produktionshallen zeugt EMDEN GEHT NACH USA auch von der Entfremdung im Alltag der Industriearbeit. Der gelernte Maurer Ferdinand Dirks, der vor neun Jahren bei VW als Bandarbeiter anfing und nun Vorsitzender der Vertrauenskörperleitung ist, erzählt von einem Kollegen, der die Monotonie der Fließbandarbeit mit einer besonderen Strategie überspielte: Er befand sich nur noch körperlich an seinem Arbeitsplatz, vollzog die immergleichen Handgriffe ganz „automatisch“, während er in Gedanken weit entfernt und kaum ansprechbar war. Dass die geistige Abstumpfung infolge der eintönigen Beschäftigung offenbar gewollt ist, schließt Dirks aus den Erfahrungen, die er selbst mit Veränderungsvorschlägen gemacht hat: „Du bist nicht hergekommen, um zu denken, sondern um zu arbeiten“, bekam er als Antwort auf seine Eigeninitiative zu hören.

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1979/1980 widmete Werner Schroeter mit PALERMO ODER WOLFSBURG den italienischen Arbeitsimmigranten eine fast dreistündige Arbeit, die eigenwillig an der Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm entlang balanciert. Es ist die Geschichte des jungen Sizilianers Nicola Zorba, der seine Heimat verlässt und sich auf Arbeitssuche begibt in die Bundesrepublik. Nach einer langen Zugfahrt kommt er in Wolfsburg an.

Zuvor hatte der Zuschauer fast eine Stunde Zeit, sich mit dem sizilianischen Dorf vertraut zu machen, in dem Nicola aufgewachsen ist, einem Milieu, das geprägt ist von menschlicher Wärme, einem naiv-plakativen Katholizismus und großer ökonomischer Not. „Germania“, „Wolfsburg“, „Volkswagen“ – dies sind im armen Süd-Italien beinahe Worte der Verheißung.

Doch dann steht Nicola mit seinem Koffer auf dem Bahnsteig: allein, verlassen, orientierungslos, während im Hintergrund kalt und beinahe bedrohlich das blaue VW-Logo am Abendhimmel leuchtet.

Aufgeräumt und ordentlich, dabei kalt und trostlos wirkt die Stadt auf den wenigen Bildern, die der Film von ihr festhält. Außer den Protagonisten des Films sind keine Menschen zu sehen auf Straßen und Plätzen. Volkswagen, vor allem in Gestalt des neonblauen VW-Emblems, ist immer gegenwärtig, auch in den tristen Vier-Bett-Zimmern, in denen der „Volkswagen“-Schriftzug auf den Wolldecken die Arbeiter daran erinnert, wem sie Lohn, Brot und das Dach über ihren Köpfen zu verdanken haben.

Kurz nach Nicolas Ankunft ereignet sich eine eindrucksvolle Szene zwischen dem Sizilianer und seinem neuen Freund Antonio: „Ist das die ostdeutsche Grenze?“, fragt der Neuankömmling und zeigt auf die von rot-weißen Schranken und Wachposten-Häuschen reglementierte Einfahrt zum Werksgelände. Über Antonios Antwort ist er entsetzt: „Volkswagen?! Da will ich nicht arbeiten“, beschließt er spontan.

Doch natürlich hat ein Arbeitsimmigrant in Wolfsburg keine andere Wahl als VW. „Bist du erst mal drin, denkst du gar nichts mehr.“ „Du bist doch hier, um zu schuften, nicht um nachzudenken.“ Diejenigen, die schon länger im Werk beschäftigt sind, charakterisieren in kurzen, kargen Sätzen die Ausweglosigkeit ihrer Situation und die Fremdbestimmung ihrer Existenz.

„Hier funktioniert alles prima“, schreibt Nicola indessen an seine Familie, „Wasser, Licht, Klospülung, überhaupt alles.“ Die Kälte dieser Funktionalität spiegelt jedes Bild wider: Nicolas Zimmer, der kantinenartige Schankraum des Wohnheims, der gekachelte Fußgängertunnel für VW-Arbeiter, die Hochhäuser für die italienischen „Gastarbeiter“ in Kästorf.

Zur depressiven, kalten Atmosphäre tragen auch die Menschen bei, denen Nicola begegnet: Schon auf dem Bahnsteig weist ihn ein Bahnbediensteter zurecht: „So geht das hier nicht! Das Überschreiten der Gleise ist nicht gestattet.“ Der Jugendfreund seines Vaters, den er nach seiner Ankunft aufsucht, sieht tatenlos zu, wie seine deutsche Frau den Hilfesuchenden vor die Tür setzt: „Hier wird nicht geschlafen!“ Mädchen kichern über seine unbeholfenen Versuche, die fremde Sprache zu lernen. Auch von seinen Landsleuten wird der Außenseiter aus dem unterentwickelten Sizilien nicht ganz ernst genommen. Brigitte, deren Zuneigung er zu besitzen glaubt, benutzt ihn nur, um die Eifersucht ihrer beiden deutschen Freunde anzustacheln.

Wolfsburg ist für Schroeter vor allem eine Metapher. An diesem Beispiel führt er ein kaltes, unmenschliches System vor, eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht nur ihrer Arbeit, sondern auch untereinander entfremdet sind. „Diese Gesellschaft kann man nicht mehr verändern, diese unfehlbare Gesellschaft“, formuliert Nicolas anarchistisch gesinnter Kollege Antonio. „Diese Gesellschaft muss man zerstören.“ Beschwörend klingt die Stimme aus dem Off, während Bilder vom VW-Werk und dem Vorstandsvorsitzenden Toni Schmücker zu sehen sind.

Das Verhältnis zwischen Antonio und Nicola ist die einzig intakte Beziehung in dieser Gesellschaft. Denn nicht nur zwischen Deutschen und Italienern herrscht Unverständnis und Unkenntnis, die bei den Jugendlichen auch in Beschimpfungen und Tätlichkeiten ausartet. Auch die Beziehungen der Deutschen untereinander sind gestört. Deutlich wird dabei, etwa im Verhältnis von Brigitte zu ihren Freunden und zu ihrer Mutter, dass es sich weniger um mangelnde Bereitschaft als um mangelnde Fähigkeit zu gegenseitigem Verständnis und vertrauensvoller Zuneigung handelt.

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DER VW-KOMPLEX von Hartmut Bitomsky entstand 1988.

Der Filmanfang nimmt das Ende vorweg: Ein Schrottplatz ist zu besichtigen, Autowracks werden so „bearbeitet“, zusammengepresst und beseitigt, dass zukünftige Archäologen ihre Spuren kaum noch werden aufspüren können.

Bitomsky verfolgt den Entstehungsprozess des Autos und gibt so dem Film eine Art narrative Struktur. Er beginnt im Blechlager, wo der „Rohstoff“ für die spätere Karosserie aufbewahrt wird. 50 Meter Blech ergeben einen Golf, die Hälfte davon allerdings kommt durch Ausstanzung wieder zum Abfall. Presswerk, Karosserie-Montage, „Taufpunkt“ (wo das Fahrzeug mittels computerlesbarer Lochkarte seine Identität erhält), Lackiererei, Montage der Innenausstattung, Endmontage.

Bitomsky dokumentiert diese einzelnen Stationen der Produktion, unterbricht aber häufig mit essayistischen Abschweifungen in die Geschichte des Werks und der Stadt. Nationalsozialismus und Wirtschaftswunderjahre sind Schwerpunkte, die mit historischem Film- und Fotomaterial veranschaulicht werden.

Auch begibt sich der Filmemacher immer wieder aus den „Niederungen“ der Produktionshallen in die „höheren Etagen“ der Ingenieure und leitenden Angestellten. Sie erklären – sichtbar um Allgemeinverständlichkeit bemüht – Abläufe und Zusammenhänge des Fertigungsprozesses, vollziehen die Vorgänge an Schaubildern nach, veranschaulichen an Computergrafiken.

Der Titel des Films ist Bitomskys Programm: Ein Komplex ist – so die eine lexikalische Definition – ein „aus mehreren, miteinander verflochtenen Teilen bestehendes Ganzes“¹⁰. Aber auch: „eine psychische Strategie, die verwickelte Vorgänge planvoll organisiert und zugleich undurchschaubar macht, eine Hyperaktivität um einen Defekt, der so groß herausgestellt wird, dass man ihn nicht ergründen kann“¹¹.

Den VW-Konzern interpretiert Bitomsky ganz in diesem Sinne: als planvolle und gleichzeitig wirre Organisation, als übersteigerte, um undefinierbare Defizite kreisende Betriebsamkeit.

So versucht Bitomsky eine filmische Studie über die Abbildbarkeit der Wirklichkeit von Arbeit und damit letztendlich der Realität. Kaum etwas erscheint hierfür ein geeigneteres Studienobjekt zu sein als das größte Unternehmen der deutschen Automobilindustrie. Denn: „Die Autoproduktion ist eine Schlüsselindustrie. Die Volkswirtschaft basiert auf ihr. (…) Sie ist das Fundament.“¹² „Keine andere Industrie erzeugt ein Produkt in solch hoher Stückzahl, in annähernd so vielen Arbeitsgängen, aus so unterschiedlichen Werkstoffen, (…) mit der Möglichkeit vielfacher Variation.“

Bitomsky spürt Kontinuitäten und Veränderungen dieser „Schlüsselindustrie“ und damit der industriellen Arbeitswelt im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert auf.

Früher wie heute vereinnahmt das Werk die Menschen. Es bestimmt ihren Alltag, ihre Lebensführung und Lebensplanung. Gleichzeitig wird der einzelne Arbeiter für die Produktion immer unbedeutender. Maschinen, Roboter und Computer übernehmen die Aufgaben des Menschen und führen sie zuverlässiger, schneller, genauer aus als diese es je könnten.

„Der Computer macht keine Fehler“, bringt es einer der Arbeiter auf den Punkt. In seiner Feststellung schwingen Stolz – auf die Leistungsfähigkeit der Technik – und Resignation – angesichts der eigenen Fehlbarkeit und damit Unterlegenheit – gleichermaßen mit. Dass Roboter dabei sind, die Menschen zu ersetzen, unterstreicht der Kommentar, indem er den Maschinen menschliche Eigenschaften zuspricht wie „Feinfühligkeit“ und „Intelligenz“.

Bitomsky verfolgt das Verhältnis Konzern/Arbeiter zurück in die Geschichte. Es ist geprägt von einseitiger Abhängigkeit und Ausbeutung, die früher wie heute subtile Formen angenommen haben. In den dreißiger Jahren sparten gutgläubige Arbeiter sauer verdientes Geld für den Kauf eines Volkswagens, dessen Herstellung angesichts der Einbeziehung des Werkes in die Rüstungsproduktion – zur gleichen Zeit gar nicht geplant werden konnte. Seit den achtziger Jahren fungieren die VW-Mitarbeiter, die immerhin 10 % des Kundenstammes bilden, für den Konzern auch noch als (in dieser Rolle unbezahlte) Verkäufer: Am Wochenende bieten die Werksangehörigen auf einem bereits fest institutionalisierten Automarkt auf dem Firmengelände ihre „Jahres-Wagen“ feil.

Ein besonders düsteres – und von den firmeneigenen Historiographen gerne verschwiegenes – Kapitel in der Geschichte des VW-Konzerns ist die Ausbeutung von KZ-Häftlingen, Verschleppten und Kriegsgefangenen in der Rüstungsproduktion. Von den 12.000 Menschen, die 1942 hier arbeiteten, waren etwa zwei Drittel solche Zwangsarbeiter.¹³ Noch bis in die sechziger Jahre hinein lebten viele der nach Wolfsburg kommenden Arbeitssuchenden, darunter besonders viele Flüchtlinge und Vertriebene, in Barackensiedlungen, die von diesen Zwangsarbeitern errichtet worden waren.

Doch heute sind nur noch wenige Spuren jener Unglücklichen in der Stadt zu entdecken: ein Betonpfahl, der einmal zur Lagerumzäunung gehörte, und kyrillische Inschriften an einem Baum. Schließlich: die Bezeichnung „Klein-Moskau“ für die Waldlichtung, auf der sich früher das Barackenlager russischer Kriegsgefangener befand und die nun – in historischer Unbekümmertheit – Landfahrern, Sinti und Roma, als Quartierstelle zugewiesen wird.

„Jenseits“ dieser Lichtung zu sehen: Hochhäuser, die VW Ende der sechziger Jahre bauen ließ, als Hunderte von Arbeitsimmigranten, überwiegend aus Italien, gerufen wurden, um zum Wachstum des Konzerns und damit auch zum Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik beizutragen.

Hier waren die „Gastarbeiter“ in Ein- bis Vierbettzimmern untergebracht – ein Akt sozialer Fürsorge, über den Bitomsky zeitgenössisches Filmmaterial mit wohlwollend-begeistertem Kommentar aufgestöbert hat.

Erst nach mehr als einer Stunde wendet sich der Film der heutigen Stadt Wolfsburg zu. Viel hat er über sie nicht zu sagen:

Blick vom Klieversberg auf Stadt und VW-Werk (Foto: ehem. Bildarchiv der LAndesmedienstelle(

„In Wolfsburg ist alles neueren Datums. Es ist ein erfundener Ort, erfunden und geplant für das VW-Werk.“ Eine Einkaufsstraße ist zu sehen, Menschen hasten im Regen vorbei. Bilder voller Melancholie und Tristesse. Ein historischer Stadtkern fehlt der am Reißbrett entworfenen Stadt, es gibt keine Altstadt, nur – seit den achtziger Jahren – eine Fußgängerzone. „Aber ein Trampelpfad durch die Warenwelt macht noch keine Stadtmitte.“

Der Stadtplaner ist etwas ratlos bei der Frage nach dem Verhältnis von Peripherie und Zentrum in Wolfsburg. Umständlich erklärt er stattdessen die Vorteile der dezentralen Stadtstruktur, in der jedes Wohnviertel mit der für den täglichen Bedarf notwendigen Infrastruktur ausgestattet ist. „Es gibt viel Grün in der Stadt“, bestätigt auch Bitomskys Kommentar. Aber auf entsprechende Bilder verzichtet der Film. „In der Vergangenheit zog das Werk viele Flüchtlinge an, Vertriebene, Arbeitslose. Sie wohnen jetzt hier. Es ist ihre zweite Heimat.“ In der Lakonie dieser Feststellung schwingt etwas mit von der Trostlosigkeit, die vielleicht mancher dieser Wolfsburger angesichts seiner „Wahlheimat“ empfindet.

Mit dem Image von Wolfsburg steht es – nicht nur in Bitomskys VW-KOMPLEX – nicht zum besten. Die Stadt ohne respektable historische Vergangenheit tut sich bis heute schwer, ihren Bürgern fehlt es an Identifikation, der VW-Konzern scheint übermächtig.

1988 feierte Wolfsburg seinen 50. Geburtstag. Zum Jubiläumsjahr ließ das Referat Presse und Information der Stadtverwaltung den Film WOLFSBURG – EIN STADTPLAN WIRD LEBENDIG herstellen. Er ist ein Versuch, Wolfsburg als eine junge, moderne Stadt vorzustellen, deren Reiz vor allem in der Spannung zwischen Moderne und Tradition liegt.

Der prominente Journalist Peter von Zahn präsentierte abwechslungsreiche Impressionen, ohne strenge Chronologie. In der Fußgängerzone – Bitomskys „Trampelpfad durch die Warenwelt“ – entdeckt er „fast internationales Flair“¹⁴, überrascht ist er vom Reichtum an Grünflächen und Fachwerkbauten, den vielen Kunst-, Kultur- und Sportangeboten. Alt und Neu beginnen sich in Wolfsburg zu finden. Und auch wenn im Hintergrund der Bilder immer wieder die vier Schlote des VW-Werks auszumachen sind, so ist die Zeit „längst vorbei, dass man die Stadt als Zubehör des Käfers bezeichnen könnte.“

Doch so sehr sich diese professionell inszenierte, kurzweilige Bildfolge bemüht, Wolfsburg das Image der bloßen „Auto-Stadt“ zu nehmen: Ein Besuch im Werk bleibt obligatorisch. Dem Blick in die vollautomatisierten Montagehallen von VW kann dabei nicht entgehen, dass hier „meist (…) keine Menschenseele“ zu sehen ist. Doch das ist kein Anlass zur Beunruhigung, allenfalls zu der im staunend-ungläubigen Plauderton gehaltenen Feststellung: „Die Werkzeuge haben sich selbständig gemacht.“

Auch um die „historischen Umstände der Stadtgründung“ kommt kein Wolfsburg-Film herum. Der mit einer solchen Darstellung verbundenen Verpflichtung zu einem bewertenden Kommentar entzieht sich Peter von Zahn geschickt: Nicht er selbst, sondern ein Dozent der ortsansässigen Volkshochschule informiert in einem Kurs zur politischen Bildung über die „von Hitler befohlene Gründung einer Automobilfabrik von amerikanischen Ausmaßen“. Dass diese „Gründung auf Kommando“ so einzigartig in der Geschichte der Urbanisierung gar nicht ist, belegt der Autor mit den Grundrissen von Städten wie Mannheim, Washington und Neu Delhi, die allesamt „am Reißbrett“ entworfen worden sind.

SCHICHTWECHSEL: Sebastian Rudolph, Heinz Werner Kraehkamp

Last but not least gilt es noch, eine kleine Besonderheit in die Liste der „Wolfsburg“-Filme einzutragen: SCHICHTWECHSEL – ein Kurzspielfilm von Bernhard Landen, entstanden 1993/94, finanziert mit Mitteln der niedersächsischen Filmförderung.

Der gebürtige Wolfsburger Landen erzählt hier die Geschichte einer spannungsreichen Begegnung: Ein Obdachloser findet auf dem nächtlichen Wolfsburger Bahnhof den bis zur Bewusstlosigkeit betrunkenen VW-Arbeiter Tim und holt ihn wieder unter die Lebenden zurück. Nun sitzen beide auf dem verlassenen Bahnsteig. Bruchstückhaft entwickelt sich ein Dialog, der zunehmend schärfer wird, schließlich in Tätlichkeiten endet. Tim geht nicht ein auf den gutmütig-leutseligen Plauderton seines Helfers, der ein Gespräch beginnen möchte. Stattdessen schimpft er über das „schmarotzerhafte“ Dasein seines Gegenübers, philosophiert – schwankend zwischen Aggressivität und Weinerlichkeit – über seinen Frust im VW-Werk und beschließt: „Mit dem nächsten Zug bin ich weg hier, mich sieht hier keiner wieder.“¹⁵

Doch Tims Ausbruchsversuch läuft ins Leere: nicht nur deshalb, weil in dieser Nacht keine Züge mehr fahren. Der Obdachlose, den Tim zu verachten versucht, macht ihm unbarmherzig klar, worin sein eigentliches Problem besteht: „Du hast doch vor allem Angst. So lange du nicht weißt, was du willst, werden dich die anderen, die es wissen, immer an der Nase herumführen.“ Er geht, lässt Tim zurück auf dem einsamen Bahnhof – ein offenes Ende.

Nur langsam, schrittweise gibt der Film seinen Handlungsort preis: Zunächst sind im Hintergrund nur die berühmten vier Schlote zu sehen und schemenhaft das grell leuchtende VW-Emblem, dann steht dieses Emblem klar und deutlich wie ein Vollmond am Nachthimmel, schließlich informiert dezent im Bildhintergrund – das Schild über dem Bahnsteig: Wolfsburg. Genannt aber werden die Namen von Stadt und Werk in keinem Satz.

SCHICHTWECHSEL, dessen Qualität in Darstellung, Schnitt, Licht, Ton und Musik von der Professionalität des Produktionsteams zeugt, ist ein Film, in dem keine Autos vorkommen, keine Werkhallen, keine vollautomatisierten Montagestraßen. Trotzdem ist dies ein Film über Wolfsburg, über eine Stadt, in der „keiner (über)leben (kann), der nicht dran glaubt, dass alles so bleibt wie es ist.“ Eine düstere Perspektive, zu der es nur eine Alternative zu geben scheint: die Flucht.

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Filme über Wolfsburg, über VW – das sind vor allem Filme über den Fetisch „Auto“ und dessen industrielle Massenproduktion, die den Kult der Mobilität erst möglich macht. Es sind Auseinandersetzungen mit einer einzigartigen Symbiose, für die 1938 die Nationalsozialisten den Grundstein legten, und die seit den fünfziger Jahren die sozioökonomische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland wie in einem Brennglas einfängt.

VW-Geschichte ist deutsche Zeitgeschichte – dies haben Kritiker und Werbefachleute des Unternehmens gleichermaßen erkannt. Ihre kritischen, impressionistischen, werbenden Filme bezeugen dies trotz aller Unterschiede in Darstellungsform, Themenauswahl und Bewertung.


Anmerkungen

1 Vgl. Wolfsburg 1938–1988. Katalog zur Ausstellung in der Bürgerhalle des Rathauses Wolfsburg. Braunschweig 1988, S. 28.

2 Die Umbenennung der „Stadt des KdF-Wagens“ in „Wolfsburg“ erfolgte mit Beschluss der von der britischen Militärregierung eingesetzten Stadtverordnetenversammlung vom 22. Juni 1945.

3 Aus zeitlichen und organisatorischen Gründen wurde für diesen Text überwiegend auf Filme zurückgegriffen, die über die VW-eigene Video-Abteilung (aktuelle Produktionen ab 1988) und über die Niedersächsische Landesmedienstelle (Entstehungszeit: 1970 bis Mitte der achtziger Jahre) zu beziehen waren.

4 Die Zitate entstammen dem VW-PR-Film ZEIT-ZEICHEN, der in seiner Neufassung von 1995 diesen Trend beschreibt.

5 Dieses und die folgenden Zitate sind ebenfalls dem Film ZEIT-ZEICHEN (1995, Produzent: Cinecontact, Berlin) entnommen.

6 Siehe auch die hauseigene Publikation: Eine Idee macht Geschichte. Die Volkswagen-Chronik. Hrsg. von der Volkswagen AG Öffentlichkeitsarbeit. (o. O., o. J.)

7 Zitat aus einem in ZEIT-ZEICHEN verwendeten zeitgenössischen Werbefilm der fünfziger Jahre.

8 Alle Zitate aus dem Film SIE NENNEN IHN ROBBY (1977, Produktion: Volkswagen AG).

9 Alle Zitate aus dem Film FORTSCHRITT AUF DEM PRÜFSTAND (1984, Produktion: Film- und Fernsehproduktion Graf von Bethusy-Huc, Burgwedel).

10 Brockhaus Enzyklopädie. 19., völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim 1990, Bd. 14, S. 235.

11 Hartmut Bitomsky: Der VW-Komplex. In: Katalog Neue deutsche Filme zu den Internationalen Filmfestspielen Berlin 1990, S. 12.

12 Dieses und alle folgenden Zitate sind dem Film DER VW-KOMPLEX (1988/89, Hartmut Bitomsky) entnommen.

13 Die hauseigene Publikation Eine Idee macht Geschichte. Die Volkswagen-Chronik (o. O., o. J., vermutlich 1988) formuliert diesen Sachverhalt bis zur Unkenntlichkeit verschleiert: „1944. Das Werk beschäftigt ca. 12.000 Personen, davon etwa 4.000 Deutsche.“

14 Alle Zitate aus dem Film WOLFSBURG – EIN STADTPLAN WIRD LEBENDIG (1987, Produktion: Anatol-Filmproduktion Peter von Zahn, Hamburg).

15 Zitate aus SCHICHTWECHSEL (1993/94, Bernhard Landen).


Quelle: Susanne Fuhrmann, „Die Stadt – Das Auto – Der Film. Facetten der Fremd- und Selbstdarstellung von Wolfsburg und Volkswagen“, in: Wir Wunderkinder. 100 Jahre Filmproduktion in Niedersachsen, Hannover 1995, S. 211–222

Dank an Rolf Aurich, Detlef Endeward, Bettina Greffrath, Susanne Höbermann, Bernhard Landen, Pamela Müller und an die Mediothek/Videoabteilung der HBK Braunschweig.

 

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