Kapitalismuskritik in einen pluralen Kompetenzrahmen oder als konstitutiver Kern ökonomischer Kompetenz
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Zeuners und Endewards Verständnis ökonomischer Kompetenz
Zwischen dem Verständnis ökonomischer Kompetenz von Christine Zeuner und dem hier vertretenen Ansatz bestehen weitreichende Gemeinsamkeiten. Beide wenden sich gegen ein auf individuelle Marktanpassung reduziertes Verständnis ökonomischer Bildung und verstehen ökonomische Kompetenz als Fähigkeit, wirtschaftliche Zusammenhänge in ihren gesellschaftlichen, politischen und historischen Bedingungen zu analysieren und kritisch zu beurteilen. Im Mittelpunkt stehen nicht Konsum- oder Finanzkompetenz, sondern die Auseinandersetzung mit Eigentumsverhältnissen, Machtstrukturen, sozialer Ungleichheit, Globalisierung und alternativen Wirtschaftsformen. Beide Konzepte gehen damit deutlich über ein funktionalistisches oder betriebswirtschaftlich orientiertes Verständnis ökonomischer Bildung hinaus.
Gemeinsam ist beiden Ansätzen außerdem die Überzeugung, dass Wirtschaft nicht als eigenständige, von Politik und Gesellschaft getrennte Sphäre verstanden werden kann. Vielmehr entstehen ökonomische Prozesse in Wechselwirkung mit sozialen, historischen, ökologischen und politischen Entwicklungen. Beide Konzepte knüpfen damit an Oskar Negts Idee gesellschaftlicher Kompetenzen an, wonach die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, Voraussetzung gesellschaftlicher Urteils- und Handlungsfähigkeit ist.
Trotz dieser weitgehenden Übereinstimmungen unterscheiden sich beide Ansätze in ihrer theoretischen Fundierung und in der Reichweite des Kompetenzbegriffs. Zeuner entwickelt die ökonomische Kompetenz als eine von sechs gesellschaftlichen Kompetenzen innerhalb des von Negt begründeten Kompetenzmodells. Ihr Ausgangspunkt ist damit ein bildungswissenschaftlicher Kompetenzrahmen, in dem ökonomische Kompetenz neben Identitäts-, historischer, technologischer, ökologischer und Gerechtigkeitskompetenz steht und mit diesen systematisch verknüpft wird. Der hier vertretene Ansatz versteht ökonomische Kompetenz demgegenüber stärker als politökonomische Strukturkompetenz. Ausgangspunkt ist nicht primär die Kompetenzsystematik Negts, sondern die Frage, welche Eigentums-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse ökonomische Prozesse hervorbringen und gesellschaftliche Entwicklungen bestimmen.
Diese unterschiedliche theoretische Fundierung zeigt sich besonders im Stellenwert des Kapitalismus. Zeuner behandelt den Kapitalismus ausführlich und durchaus kritisch. Sie analysiert Eigentum, Lohnarbeit, Profitmaximierung, Neoliberalismus, Globalisierung sowie unterschiedliche Formen der Kapitalismuskritik und stellt daneben verschiedene wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven sowie alternative Wirtschaftsformen vor. Der Kapitalismus ist damit ein zentraler Gegenstand ökonomischer Urteilsbildung, bleibt jedoch Teil eines pluralen Kompetenzrahmens. Im hier vertretenen Ansatz besitzt der Kapitalismus hingegen eine grundlegend andere Funktion. Er bildet nicht lediglich einen Untersuchungsgegenstand unter mehreren, sondern die notwendige Analysekategorie ökonomischer Bildung. Erst die explizite Analyse kapitalistischer Produktions-, Eigentums- und Machtverhältnisse ermöglicht es, gesellschaftliche Ungleichheiten, ökonomische Abhängigkeiten und politische Herrschaftsstrukturen angemessen zu verstehen. Die Ausblendung des Begriffs Kapitalismus wird deshalb selbst als Defizit ökonomischer Bildung verstanden.
Daraus ergibt sich zugleich ein unterschiedliches Verständnis von Pluralität. Zeuner verfolgt einen klassischen bildungswissenschaftlichen Ansatz, in dem verschiedene ökonomische Theorien und Positionen vorgestellt werden und als Grundlage eigenständiger Urteilsbildung dienen. Der hier vertretene Ansatz problematisiert dagegen den Pluralitätsbegriff selbst. Er geht davon aus, dass vermeintlich plurale Darstellungen häufig bereits von impliziten marktwirtschaftlichen oder neoliberalen Vorannahmen geprägt sind. Deshalb wird die systematische Einbeziehung politökonomischer und marxistischer Perspektiven nicht als eine weitere Position unter vielen verstanden, sondern als notwendige Voraussetzung, um gesellschaftliche Macht- und Eigentumsverhältnisse überhaupt sichtbar machen zu können.
Entsprechend unterscheiden sich auch die Zielsetzungen ökonomischer Kompetenz. Bei Zeuner steht die Befähigung im Vordergrund, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, kritisch zu beurteilen, demokratische Gestaltungsmöglichkeiten zu erkennen und unterschiedliche wirtschaftliche Alternativen kennenzulernen. Der hier vertretene Ansatz verfolgt darüber hinaus das Ziel, ideologische Deutungsmuster zu erkennen, hegemoniale Wirtschaftsauffassungen kritisch zu hinterfragen sowie Eigentums-, Klassen- und Machtverhältnisse als strukturierende Elemente moderner Gesellschaften offenzulegen. Ökonomische Kompetenz zielt damit nicht nur auf kritische Urteilsbildung, sondern auf die Entwicklung einer politökonomischen Analysekompetenz, die gesellschaftliche Alternativen jenseits kapitalistischer Organisationsformen denkbar und diskutierbar macht.
Schließlich unterscheiden sich beide Ansätze auch in ihrem Verhältnis zur Kompetenzdebatte selbst. Zwar setzt sich auch Zeuner kritisch mit der Entwicklung des Kompetenzbegriffs auseinander und grenzt das emanzipatorische Verständnis gesellschaftlicher Kompetenzen von arbeitsmarkt- und funktionalitätsorientierten Kompetenzkonzepten ab. Diese grundlegende Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff wird jedoch im Rahmen dieser Arbeit gesondert behandelt. Der hier vorgenommene Vergleich konzentriert sich daher auf das Verständnis ökonomischer Kompetenz.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Zeuner innerhalb des von Negt entwickelten Konzepts eine kritisch-plurale politische Ökonomie entfaltet, in der Kapitalismuskritik einen wichtigen Bestandteil bildet. Der hier vertretene Ansatz entwickelt diese Perspektive weiter, indem er die Analyse des Kapitalismus sowie von Eigentums-, Klassen- und Machtverhältnissen zum konstitutiven Kern ökonomischer Kompetenz erhebt und diese als politökonomische Strukturkompetenz versteht.