Nach 1945 beginnt die deutsche Filmgeschichte zunächst noch in einem gemeinsamen historischen Erfahrungsraum. Mit der politischen und gesellschaftlichen Teilung entwickeln sich daraus zwei unterschiedliche Filmkulturen in der SBZ/DDR und in den westlichen Besatzungszonen beziehungsweise der Bundesrepublik. Sie entstehen unter unterschiedlichen politischen, ökonomischen, institutionellen und kulturellen Bedingungen und entwickeln jeweils eigene filmhistorische Rhythmen und Zäsuren.
Diese beiden Filmgeschichten verliefen jedoch niemals unabhängig voneinander. Teilung bedeutete nicht Beziehungslosigkeit. Es gab Abgrenzungen und Konkurrenz, gegenseitige Wahrnehmungen und Ausblendungen, personelle Wechsel, ästhetische Anregungen, parallele Entwicklungen und gegenläufige Bewegungen. Dabei entstanden Möglichkeiten und gingen andere verloren. Nach 1989/90 begann schließlich eine neue gemeinsame Filmgeschichte – allerdings nicht voraussetzungslos und auch nicht unter symmetrischen Bedingungen.
Die folgenden beiden Übersichten versuchen nicht, diese komplexe Beziehungsgeschichte zu schreiben. Sie stehen bewusst nebeneinander und orientieren sich zunächst an den jeweiligen filmhistorischen Entwicklungen. Auch die Phasen der DDR- und der bundesdeutschen Geschichte und die Phasen ihrer Filmgeschichten sind nicht einfach deckungsgleich.
Berührungen, Wechselwirkungen, Spannungen, Befruchtungen und Verluste werden deshalb hier nicht in einer zusätzlichen Synthese aufgelöst. Sie können an anderer Stelle untersucht oder – ganz im Sinne der Lernwerkstatt – aus den Materialien selbst erschlossen werden.
Dafür bietet iander Rubriken unter „Filme in ihrer Zeit“ Material: einzelne Filme und Filmgruppen, Produktionsbedingungen, gesellschaftliche Kontexte, zeitgenössische Wahrnehmungen und spätere Deutungen. Die beiden Übersichten sind daher keine Kurzfassung einer fertigen deutsch-deutschen Filmgeschichte. Sie sind Orientierungskarten für die weitere Spurensuche.
Sie sollen nicht vorwegnehmen, welche Zusammenhänge zu erkennen sind, sondern dabei helfen, die Fragen zu stellen, mit denen solche Zusammenhänge überhaupt erst sichtbar werden.
Spielfilmgeschichte in der SBZ/DDR 1945–1990
Phasen, Zäsuren und ausgewählte Filme
| Phase |
Filmgeschichtlicher Schwerpunkt |
Vorschläge zur Bearbeitung |
Gesellschaftsgeschichtliche Spuren |
| 1. 1946–1949: Das offene Nachkriegsfeld |
DEFA entsteht noch vor der DDR; unterschiedliche Vorstellungen einer neuen Gesellschaft |
Die Mörder sind unter uns (1946); Freies Land (1946); Irgendwo in Berlin (1946); Ehe im Schatten (1947); Grube Morgenrot (1948); Die Buntkarierten (1949); Rotation (1949); Unser täglich Brot (1949) |
NS-Erbe, Heimkehr, Ruinen, Flüchtlinge, Antisemitismus, Arbeit, Eigentum, Familie, konkurrierende Zukunftsvorstellungen |
| 2. 1950–1956: Formierung einer sozialistischen Filmkultur |
zunehmende kulturpolitische Steuerung; Aufbau- und Geschichtserzählungen |
Der Rat der Götter (1950); Der Untertan (1951); Das verurteilte Dorf (1952); Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (1954); Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse (1955) |
Staatsgründung, Kalter Krieg, Antifaschismus als Legitimationsgeschichte, Arbeiterbewegung, Klassen- und Geschichtsbild |
| 3. 1956–1961: Tauwetter, Widersprüche und neue Wirklichkeitsbeobachtung |
vorsichtige ästhetische und gesellschaftliche Öffnung, zugleich Grenzen |
Berlin – Ecke Schönhauser… (1957); Sonnensucher (1958); Das Lied der Matrosen (1958); Der schweigende Stern (1960); Der Fall Gleiwitz (1961) |
Jugend, Arbeit, Uranbergbau, deutsch-sowjetische Beziehungen, Antifaschismus, Wissenschaft und Fortschrittsutopie |
| 4. 1961–1965: Die vielleicht spannendste Öffnungsphase |
Nach dem Mauerbau paradoxerweise stärkere Hinwendung zu inneren DDR-Widersprüchen |
Beschreibung eines Sommers (1962); Der geteilte Himmel (1964); Das Kaninchen bin ich (1965); Karla (1965); Denk bloß nicht, ich heule (1965); Berlin um die Ecke (1965); Jahrgang 45 (1966) |
Mauer und Republikflucht, Generationen, Justiz, Schule, Arbeit, Liebe, Individualität, Verhältnis von Individuum und Institution |
| 5. 1965/66: Der abgebrochene Aufbruch |
11. Plenum als massive filmgeschichtliche Zäsur |
Spur der Steine (1966) zusammen mit Das Kaninchen bin ich, Karla und Jahrgang 45 |
Besonders ergiebig: Was konnte über die DDR gerade sichtbar werden – und warum durfte es dann nicht mehr sichtbar sein? |
| 6. 1966–1971: Neuorientierung nach dem Kahlschlag |
Verunsicherung; Ausweichen auf andere Stoffe und Genres |
Chingachgook, die große Schlange (1967); Die Fahne von Kriwoj Rog (1967); Ich war neunzehn (1968); Zeit zu leben (1969); Signale – Ein Weltraumabenteuer (1970) |
Antifaschismus, Internationalismus, Indianerfilm, Arbeit, Fortschritt, Erinnerung an Krieg und Befreiung |
| 7. 1971–1976: Neue Öffnung und Alltag als gesellschaftlicher Konfliktraum |
Honeckers kulturpolitisches Öffnungsversprechen; stärkere Individualisierung der Geschichten |
Der Dritte (1972); Die Legende von Paul und Paula (1973); Die Schlüssel (1974); Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1974); Bankett für Achilles (1975); Jakob der Lügner (1974/75) |
Liebe, Frauenemanzipation, Arbeit, Künstler und Gesellschaft, deutsch-polnische Beziehungen, Holocaust |
| 8. 1976–1981: Nach Biermann – Gesellschaftsbeobachtung unter enger werdenden Bedingungen |
kein einfacher erneuter „Kahlschlag“; gesellschaftskritische Filme bleiben möglich |
Mama, ich lebe (1977); Ein Katzensprung (1977); Sabine Wulff (1978); Solo Sunny (1980); Bürgschaft für ein Jahr (1981) |
Individualisierung, Geschlechterrollen, soziale Randlagen, NVA, Selbstverwirklichung, Spannungen zwischen Individuum und Kollektiv |
| 9. 1981–1985: Ernüchterung, Rückzug, historische und metaphorische Formen |
kulturpolitische Kritik an „negativen“ Gegenwartsbildern; teilweise Verlagerung ins Historische |
Dein unbekannter Bruder (1982); Das Luftschiff (1983); Insel der Schwäne (1983); Erscheinen Pflicht (1984); Die Grünstein-Variante (1985) |
Stadtentwicklung, Jugend, Antifaschismus neu befragt, Institutionen, Anpassung, historische Selbstverständigung |
| 10. 1986–1989: Späte DDR – zunehmende gesellschaftliche Entfremdung |
Filme registrieren gesellschaftliche Probleme immer deutlicher, ohne den Zusammenbruch vorauszusehen |
Der Traum vom Elch (1986); Einer trage des anderen Last… (1988); Die Schauspielerin (1988); Coming Out (1989); Die Architekten (1990) |
Beziehungskrisen, Religion und Sozialismus, Antisemitismus, Homosexualität, Stadtplanung, berufliche Resignation, gesellschaftliche Erstarrung |
| 11. 1989–1992: Filme einer verschwundenen Produktionsgesellschaft |
Produktionsbeginn noch in der DDR, Fertigstellung/Aufführung in einer anderen Gesellschaft |
Die Architekten (1990); Letztes aus der DaDaeR (1990); Der Tangospieler (1991); Stein (1991); Verfehlung (1992) |
Zusammenbruch, Rückblick, Desillusionierung, Übergangsgesellschaft – zugleich Quellen für das Ende der DEFA selbst |