NS-System: gegenrevolutionäre Totalität

Der 30. Januar 1933 erschien nur in den Augen weniger Zeitgenossen als fundamentale Wende, und das reine Datum bedeutete dies auch nicht. Die Weimarer Demokratie war bereits seit 1930, mit den halbdiktatorischen Präsidialkabinetten, begraben worden – und sie sollte dies auch. Spätestens 1932, mit der widerstandslosen (verfassungswidrigen) Absetzung der preußischen, sozialdemokratisch geleiteten Regierung, war das Ende der ungefähr ein dutzend Jahre dauernden ersten deutschen Republik besiegelt. Einige unmittelbare Gründe sind hinreichend bekannt.

Angesichts der tiefsten Krise kapitalistischer Weltwirtschaft zerbrach die ohnedies gefährdete parlamentarische Demokratie an ökonomisch bedingten Klassengegensätzen – nicht etwa an den vielberühmten Extremen von rechts und links, sondern vor allem anderen daran, dass eine bis zur Selbstaufgabe kompromisswillige Sozialdemokratie, samt nahestehenden freien Gewerkschaften, keinen ‚Sozialpartner‘ mehr fand, das heißt als politische und soziale Kraft vollends ausgeschaltet werden sollte. Spätestens seit 1930 handelte es sich lediglich noch um die Frage: wie, wie schnell, mit wem?

Der führende liberale Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt, der diesen Lauf der Dinge als unvermeidlich betrachtet, hat sich an diesem Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wie folgt ausgedrückt: Seit 1928 ging es um „nichts weniger als um die materielle Konstitution von Weimar“. „1918/19 ist – etwas überpointiert ausgedrückt – die Revolution in eine Lohnbewegung übergeführt worden“. „Nicht nur die Unternehmer, auch fast alle Wissenschaftler, das ganze bürgerliche Lager sah hier Zusammenhänge“. – Entweder nach der Parole: jetzt oder nie! Bekanntlich wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt, als der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise und der Höhepunkt an Wählerstimmen für die NSDAP bereits überschritten waren. Oder nach der Parole: Rettet die deutsche Wirtschaft vor dem Bolschewismus, besonders die notleidenden, bankrotten Unternehmen. Kampf dem internationalen Kapital, das heißt der Weltmarktkonkurrenz. Staat schütze uns – nimm‘ den anderen, vor allem der habsüchtigen marxistischen Arbeiterklasse..- Borchardt meint: „Die Krise erforderte tief einschneidende Maßnahmen. Sie wurden unvermeidlich von den Betroffenen als Kampfansage an die Errungenschaften des Systems selbst verstanden. Mehrheiten waren dafür schwerlich zu bekommen, zumal es auch noch innerhalb des bürgerlichen Lagers zwischen Industrie, Landwirtschaft und Mittelstand tiefe Interessengegensätze gab. Wenn es aber für die Revision beispielsweise der Lohnpolitik (wir ergänzen: z.B. auch der Sozialpolitik, Tarifpolitik insgesamt, Kommunalpolitik usw., G.S.) auf dem Wege über die Stimmzettel keine Chancen gab“ (wo je gäbe es sie?) – fügt Borchardt, dieser durchaus gemäßigte Liberale, hinzu -, „lag es dann nicht nahe, solch einschneidende wirtschaftliche Fragen wieder dem Votum der Wähler zu entziehen“. „Die Lösung Hitler war eine mit Massenbasis“, fährt er fort (FAZ, 29.1.83, S. 13).

Die politische Demokratie sollte vollends beseitigt werden, um die wirtschaftliche Krise ganz auf dem Rücken derer zu überwinden, die einer weiteren Beschneidung ihrer kärglichen Löhne oder ihrer noch kärglicheren Unterstützungen (soweit sie überhaupt noch solche erhielten) nicht „freiwillig“ zugestimmt hätten. Sollte, wurde! Die Versuche ohne Massenbasis waren gescheitert oder erschienen als nicht erfolgversprechend; so wurden Pläne einer reinen Militärdiktatur von der Reichswehr-Generalität als zu risikoreich verworfen. Die Lösung Hitler war eine mit Massenbasis. Ihre Massenbasis waren vor allem Deklassierte, vom sozialen Abstieg Bedrohte oder aus dem zivilen, bürgerlichen Leben Ausgeschiedene, die es jedoch zu etwas bringen wollten („wir wollen uns gesundstoßen“, rief Goebbels) – deklassierte Adelige, Bürger, Kleinbürger aller Sorten, auch deklassierte

Arbeiter, Dauererwerbslose darunter. Ihre Kader waren vom Ersten Weltkrieg tief geprägt, ihre 0rganisationsformen und Rituale durch und durch militarisiert. Sie waren auch auf einen neuen Eroberungskrieg und auf die Umwandlung des Landes in ein möglichst schlagkräftiges militärisches Lager aus. Damit sich ein 1918 nie mehr wiederholen könne, sollte nicht allein die organisierte Arbeiterbewegung, der ‚Marxismus‘, vernichtet, sondern darüber hinaus jede 0ppositionsgefahr ein für alle Mal beseitigt werden – „Gleichschaltung“, Vernichtung von Marxismus, Pazifismus, Humanismus, Liberalismus usw.. Zugleich musste sich diese Bewegung von deklassierten Aufsteigern ihre eigene Machtbasis bewahren oder schaffen; schließlich genügt es nicht, den Kanzler und ein paar Minister zu stellen, um sich einigermaßen behaupten zu können. Daraus ergaben sich Gegensätze zu ihren Partnern aus der alten Rechten, den alten „staatstragenden Mächten“. Politisch setzte sich die NS-Führung mehr und mehr durch.

Zunächst erschien die Lösung Hitler zwar als eine mit Massenbasis, der auch etwas geboten werden musste. „Wir haben ihn“, Hitler, „uns engagiert“, sagte Herr von Papen. Aber sie erschien auch als eine Rückkehr zum alten, vordemokratischen Deutschland, zum autoritären Obrigkeitsstaat preußisch-militärischen Musters. Die alten „staatstragenden Mächte“ waren ja 1918 nicht wirklich entmachtet worden; sie saßen in der Reichswehr, in der Staatsbürokratie, der Justiz, der Industrie usw., sie waren da. Zunächst – als nichts mehr zu machen schien – wurden einige davon „Vernunftrepublikaner“ und „Sozialpartner“. Als wieder etwas zu machen schien, waren sie und andere immer Anhänger eines – so wurde das genannt – autoritären Staates gewesen. Einige davon, dann immer mehr, wurden Nazis.

1933 war deshalb auch eine Rückkehr zur Normalität, zelebriert am Tag von Potsdam, unter den Klängen der Garnisonskirche, als Hitler vor Hindenburg seinen deutschen Diener machte. Deutsche Kontinuität bewährte sich, die triumphale Wiederkehr – mit einem der größten Söhne des deutschen Bürgertums, Max Weber zu reden – „jener verinnerlichten, auf den fremden Beschauer als Würdelosigkeit wirkenden Hingabe an die Autorität…, welche in Deutschland ein schwerlich auszurottendes Erbteil der ungehemmten … Fürstenherrschaft geblieben ist. Politisch betrachtet war und ist der Deutsche in der Tat der spezifische ‚Untertan‘ im innerlichsten Sinn des Wortes und war daher das Luthertum die ihm adäquate Religiosität“ (Wirtschaft und Gesellschaft. Köln/Berlin 1956, S. 830). Hier dienert er, er kann nicht anders. Die andere Seite des Untertans, der wildgewordene Untertan, aber ist der Herrenmensch.

Der Historiker Fritz Fischer hat in seiner Schrift aus dem Jahr 1979 zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945 in einfachen Worten zusammengefasst: „Das Dritte Reich und damit der Zweite Weltkrieg wären nicht möglich gewesen ohne das Bündnis zwischen dem aus dem Kleinbürgertum aufgestiegenen ‚Führer“‚, das heißt der faschistischen Führerbewegung, „und den traditionellen agrarischen und industriellen Machteliten, die zugleich in der Wehrmacht und in der Diplomatie dominierten … Ohne sie wäre eine so massive Aufrüstung und die Ausrichtung der Wirtschaft auf die Kriegsvorbereitung nicht möglich gewesen. Generelles Ziel war für sie die Wiederaufrichtung der deutschen Großmacht über die bloße Revision von Versailles hinaus, vor allem mit dem Blick auf Osteuropa, auf ein Ostimperium, das die wehrwirtschaftliche Autarkie sicherte … Diese Zielsetzung war im Kaiserreich entstanden, führte zum Ersten Weltkrieg, schien im Frieden von Brest-Litowsk ihre Erfüllung zu finden, lebte latent im Interregnum der Weimarer Republik (die sich weiter Deutsches Reich nannte) fort und steigerte sich im Dritten Reich bis in den Zweiten Weltkrieg hinein“. – Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass Brest-Litowsk vor Versailles lag und Versailles im Vergleich zu Brest-Litowsk eine sehr maßvolle Angelegenheit war. – „Die Elemente dieser jüngeren Kontinuität lassen sich nach innen und außen erkennen. Strukturell ist es die Verbindung von agrarisch-aristokratischen und industriell großbürgerlichen Machteliten, die ihre Positionen gegen die heraufdrängende Demokratie und Sozialdemokratie zu behaupten versuchten. Der primär detensiv-konservativen Zielsetzung nach innen entsprach eine offensiv-expansive Zielsetzung nach außen: Nach der Hegemonie Preußens in Deutschland die Hegemonie Preußen-Deutschlands‘ in Europa, zugleich als Basis zur Erringung einer Stellung als Weltmacht.“ (Bündnis der Eliten, Düsseldorf 1979, S.93, S. 7f.).

Die sozusagen altbewährte ’staatspolitische‘ Methode besteht darin, innere gesellschaftliche, ökonomische und soziale Schwierigkeiten, Krisenprozesse durch außenpolitische, früher regelmäßig kriegerische Expansion bewältigen zu wollen. Was Deutschland anbetrifft, so sagte Franz Leopold Neumann lapidar und mit Recht: „Ein halbes Jahrhundert oder länger drehte sich die Geschichte des modernen Deutschland um einen Angelpunkt: die imperialistische Expansion durch Krieg“ (Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus, Köln/Frankfurt (M.) 1977, S. 25) Innenpolitisch Kampf gegen Demokratie und Sozialismus, außenpolitisch expansive, auf Krieg angelegte Politik gegen die bestehenden Weltmächte. Innenpolitisch eine MiIitarisierung des gesellschaftlichen Lebens, außenwirtschaftlich und außenpolitisch ein imperialistisches Expansionsprogramm. Und in den Köpfen und Seelen der Menschen nationalistische und endlich rassistische Ideologien.

(…)


Gert Schäfer: Auszug aus einem Kurzreferat während einer Veranstaltung des Instituts für Politische Wissenschaft in der Universität Hannover am 31.01.1983 zum Thema „30. Januar 1933: Komtinuität, Bruch und Folgen“ (Manuskript)


Die NSDAP und ihre politischen Wegbereiter auf dem Weg zur Diktatur – Dokumente und Beiträge

Die NSDAP

Konservativ-nationalistische Netzwerkstrukturen

Zur gesellschaftlichen Funktion der faschistischen Massenbewegung

Beiträge aus dem Internet und weitere Literaturhinweise

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