Erobert den Film – Der Proletarische Film in der Weimarer Republik
Filmszene aus KUHLE WAMPE
Film im direkten Bezug zur politischen Praxis der Organisationen der Arbeiterbewegung.
Detlef Endeward (07/2025)
Filme, die sich kritisch mit der sozialen Wirklichkeit und dem Arbeiteralltag in der Weimarer Republik auseinandersetzten, bildeten gegenüber dem dominierenden Unterhaltungskino eine deutliche Minderheit. Dies lag nicht zuletzt an den strukturellen Bedingungen der Filmindustrie: Produktionen, die offen soziale Missstände thematisierten, demokratische oder gar systemkritische Positionen formulierten, ließen sich nur unter großen Schwierigkeiten realisieren. Die wenigen sozialkritischen Filme der 1920er-Jahre blieben zudem häufig entweder an überholte Vermittlungsformen gebunden oder neutralisierten ihren kritischen Anspruch durch eine Einbindung in konventionelle Genreformen.¹
Als klassisches Beispiel massiver Versuche seitens der Filmindustrie, auf den Inhalt eines Films Einfluss zu nehmen, kann die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weil gelten. Brecht hat diese Vorgänge wegen ihres prinzipiellen Charakters in einer Dokumentation verarbeitet. Aber auch Filme wie Die freudlose Gasse“, „Berlin-„Alexanderplatz“ oder „Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins“ von B. Viertel kamen nicht ungeschoren davon
Die proletarische Filmpraxis ging über diese Ansätze deutlich hinaus. Zwischen etwa 1925 und 1933 entstand mit dem proletarischen Film ein eigenständiges filmisches Genre, das sich nicht auf die Darstellung sozialer Not beschränkte, sondern explizit auf Aufklärung, Politisierung und Mobilisierung zielte. Inmitten von Inflation, Massenarbeitslosigkeit und zunehmender politischer Radikalisierung suchte dieses Kino nach einer radikalen Perspektive auf die gesellschaftliche Realität – erzählt aus der Sicht der arbeitenden Klasse. Der proletarische Film verstand sich damit als filmisches Sprachrohr der sozialistischen Arbeiterbewegung und stand in engem Zusammenhang mit deren politischer Praxis, insbesondere im Umfeld der KPD und der Prometheus-Film GmbH.
Als bewusste Gegenbewegung zum bürgerlichen Kino, das soziale Konflikte weitgehend ausblendete oder individualisierte, thematisierten Filme wie Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929) oder Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? (1932) Wohnungsnot, Hunger, Ausbeutung und Solidarität nicht aus distanzierter Beobachterperspektive, sondern mit eindeutig parteilicher, aktivistischer Haltung. Produziert wurden diese Werke überwiegend von der Prometheus-Film GmbH, einer KPD-nahen Produktionsgesellschaft mit engen Verbindungen zur sowjetischen Mezhrabpom. Die Filmtheoretikerin Marie Seton bezeichnete sie als „die ersten deutschen Filme, die die Arbeiter nicht als Folklore, sondern als historische Subjekte“ inszenierten. In dieser Verbindung von politischer Parteinahme und realistischer Darstellung lag ihr besonderer Anspruch.
Stilistisch zeichnete sich der proletarische Film durch eine nüchterne, oftmals semidokumentarische Bildsprache aus. Gedreht wurde häufig an realen Schauplätzen in Arbeitervierteln, mit Laiendarsteller*innen und unter Rückgriff auf formale Prinzipien des sowjetischen Montagekinos, insbesondere Eisensteins und Pudowkins. Charakteristisch waren dabei:
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Montageeffekte zur Herstellung politischer Bedeutungszusammenhänge
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Außenaufnahmen und realistische Milieuschilderungen
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ein thematischer Fokus auf Arbeitslosigkeit, Klassenkampf, Frauen- und Jugendarmut sowie kollektive Solidarität und politische Organisierung
Bertolt Brechts Diktum von 1932, „der Film ist eine Waffe – die schärfste unserer Zeit“, bringt das Selbstverständnis dieses Kinos prägnant auf den Punkt. Der proletarische Film verstand sich tatsächlich als ästhetisches, politisches und historisches Instrument.
Mit der Machtübertragung an die NSDAP wurde diese Filmbewegung gewaltsam beendet: Proletarische Filme wurden verboten, ihre Produzentinnen und Regisseurinnen verfolgt oder ins Exil gezwungen. In der Bundesrepublik galten die Werke lange Zeit als kommunistisch „kontaminiert“ und fanden kaum Beachtung, bis sie ab den 1960er-Jahren im Zuge der Neuen Linken und der filmwissenschaftlichen Forschung wiederentdeckt wurden. In der DDR hingegen wurden sie früh restauriert, rezipiert und als Gründungsmythos eines sozialistischen Filmschaffens kanonisiert.
Filmauswahl für die Lernwerkstatt
Bedingungen der Filmproduktion 1919 bis 1933
Phasen der Weimarer Filmgeschichte
Rückkehr der Erinnerungen – umkämpfte Erinnerung: Der Erste Weltkrieg im Film
Ausgewählte Filmschaffende in der Weimarer Republik
Filmansicht bei Youtube





Erste Schritte zur Realisation dieser filmpolitischen Forderungen unternahm die IAH (Internationale Arbeiterhilfe, gegr. 1921). lm Rahmen der internationalen Hilfskampagne gegen die Hungerkatastrophe in der Sowjetunion setzte sie den Film als propagandistisches Mittel ein und begann 1922 den Aufbau eines internationalen Verleihsystems mit vorwiegend russischen Dokumentarfilmen, die die internationale Solidarität mit der Sowjetunion fördern sowie die Arbeit der IAH dokumentieren sollten.

