Zug des Lebens (1998)

In einem kleinen jüdischen Schtetl, irgendwo im Osteuropa des Jahres 1941: Der Dorfnarr Schlomo kehrt mit der erschreckenden Nachricht heim, dass die deutsche Armee auf ihrem Vormarsch alle jüdischen Dörfer vernichtet und die Einwohner getötet oder deportiert werden. Dem Rat der Weisen unterbreitet Schlomo den rettenden Vorschlag, das komplette Schtetl eigenhändig zu deportieren: So erwirbt die Dorfgemeinschaft eine Dampflock mit Güterwaggons und teilt sich in die Gruppe der Deportierten und die ihrer Bewacher, die Wehrmachts-Uniformen tragen und akzentfreies Deutsch und soldatische Umgangsformen erlernen müssen. Als die Vorbereitungen abgeschlossen sind, bricht die jüdische Gemeinde mit dem Zug in eine ungewisse Zukunft auf – das Schtetl bleibt verlassen zurück. Auf ihrem Weg, der sie zunächst hinter die Front und dann über Russland ins gelobte Land Palästina führen soll, drohen dem Zug nicht nur Gefahren von Seiten der Wehrmacht und Partisanengruppen, sondern es kommt auch zur Spaltung im Inneren und Konflikten zwischen den autoritären Wehrmachts-Darstellern und den Deportierten, in deren Reihen sich eine militante Kommunistengruppe konsolidiert.


Zug des Lebens
(Frankreich / Belgien / Niederlande 1998)

Original-Titel: „Train de vie“
Eine Produktion der Noé Productions und Raphael Films
Produziert von: Fréderic Dumas, Marc Baschet, Cédomir Kolar, Ludi Boeken und Eric Dussart
Co-Produzenten: Michael Ïsrael, Francais de Laveleye, Robert Swaab und René Seegers
Produktionsleitung: Thierry Bettas-Begalin und Irina Chirita
Drehbuch und Regie: Radu Mihaileanu
Kamera: Yorgos Arvanitis und Laurent Dailland
Schnitt: Monique Rysselinck
Musik: Goran Bregovic
Ton: Pierre Excoffier
Darsteller:
Lionel Abelanski (Schlomo)
Rufus (Mordechai)
Clément Harari (Der Rabbi)
Michel Muller (Yossi)
Bruno Abraham-Kremer (Yankele)
Agathe de la Fontaine (Esther)
Johan Leysen (Schmecht)
Marie-José Nat (Sura)
Gad Elmaleh (Manzatou)
Serge Kribus (Schtroul)
Rodica Sanda Tutuianu (Golda)
Sanda Toma (Yossis Mutter)

(Quelle: Informationsblatt der Movienet film GmbH)

Laufzeit: 103 Minuten.

Deutscher Kinostart: 23. März 2000.

Ausgezeichnet mit dem Anicaflash und Fipresci-Preis (Filmfestival Venedig 1998), als Bester Film und für den besten Hauptdarsteller (Filmfestival Cosne-Sur-Loire 1998), mit dem Publikums- und Kritikerpreis (Sao Paulo 1998), mit dem Publikumspreis in Cottbus (1998), Miami, Hamptons und des Sundance Filmfestivals (alle 1999), sowie mit dem David di Donatello (Preis für den besten ausländischen Film 1999).

Verleihinformation: Im Verleih der Movienet.


Der Film steht mit zahlreichen Arbeitsmaterialien über das Portal Merlin des NLQ für die Bildungsarbeit in Niedersachsen online zur Verfügung und kann hier abgerufen werden.

Nr.

Inhalt

Länge

Zeit

01.

Nachricht von den Nazi-Greueln und der Beschluss zur Selbst-Deportation der Gemeinde.
Vorspann.
Einführung durch Schlomo in die Handlung: „Das ist die Geschichte meines Dorfes, so wie wir sie erlebt haben.“ Schlomo flüchtet panisch durch den Wald. Im Dorf trifft er den Rabbi, der mit Schlomo und den sich anschließenden Dorfältesten unter Wehklagen eine Prozession bildet.
Im Haus des Rabbis: Schlomo berichtet von der Liquidierung jüdischer Dörfer durch deutsche Truppen.
Der Weisenrat reagiert mit Ratlosigkeit, bis Schlomo seinen Vorschlag äussert, das Dorf in einem falschen Deportationszug ins Gelobte Land zu verbringen.
Auf dem Dorfplatz beschreibt Schlomo seine Rettungsvision.

6.35

0.00 – 6.35

02.

Erste Vorbereitungen und Auswahl der Nazi-Darsteller.
Allgemeiner Aufruhr im Dorf.
Eine Versammlung in der Bücherei soll männliche Juden zur Darstellung der Nazis auswählen. Keiner meldet sich freiwillig. Mordechai Schwarz wird zwangsweise zum Kommandanten „ernannt“ und von allen beglückwünscht.
Tanz auf dem Dorfplatz. Daneben wird gestrickt, genäht, geschneidert, gesägt und gekocht. Dialog Mordechai und seiner Frau über die Notwendigkeit, Puremplätzchen und Gurken mitzunehmen.
Im Badehaus: Auftritt Esther.
Yossi lauert Esther auf und will um ihre Hand anhalten. Esther weist ihn zurück, sie hat ein Auge auf Mordechais Sohn Sammy geworfen.
Schlangestehen vor der Synagoge und Inventarisierung der Habseligkeiten der Dorfbewohner, das Gepäck wird aufgegeben und Wertgegenstände veräussert.
Der Rabbi schreibt einen Brief an seinen deutschspre-chenden Vetter Israel Schmecht. Vorstellung Schmechts. Schmecht gibt Mordechai Deutschunterricht.
Beim Buchhalter: Diskussion um die Anschaffung lederverkleideter Offizierswaggons.

11.51

6.35 – 18.26

03.

Lokomotivführer und Lokomotive werden organisiert. Yossi wird Kommunist.
Ein erster Waggon erreicht das Dorf. Exerzieren auf dem Dorfplatz mit Mordechai und Israel. Yossi erhält vom Rabbi den Auftrag, von seinem Vetter gefälschte Papiere zu besorgen, und wird vor der kommunistischen Überzeugung des Vetters gewarnt.
Bauaktivitäten an den Waggons. Nachts: Schlomo beobachtet Esther, die ein Kind wiegt. Yossi begegnet bei der Heimkehr seiner Mutter und teilt ihr seine beim Vetter gefundenen Überzeugungen mit.
Auf dem Dorfplatz: Yossi sammelt Anhänger um sich und wirbt für die kommunistische Lehre, der Rabbi löst die Versammlung auf.
Der Rabbi besichtigt die Arbeiten an den Waggons. Der Schuster wird damit betraut, eine Lokomotive zu organisieren. Er kehrt ins Dorf zurück mit einem jungen Mann, der Lokomotivführer werden möchte. Der Buchhalter erleidet eine Beinahe-Herzattacke, als er von den Plänen zur Anschaffung der Lokomotive erfährt.
Nächtliches Eintreffen der Lokomotive, die sich als Schrotthaufen herausstellt. Aufwendige Renovierung der Lokomotive, der Lokführer studiert sein Handbuch, die Kinder aus dem Nachbardorf erfahren von den Emigrationsplänen der Juden. Daraufhin sucht der Gemeindevorsteher des Nachbardorfes den Rabbi in der Synagoge auf, um diesen wegen des Gerüchtes zu befragen.

11.09

18.26 – 29.35

04.

Aufbruch nach Eretz Israel.
Nächtliche Versammlung beim Rabbi: Der sofortige Aufbruch wird beschlossen.
Die Gemeinde verlässt das Dorf, der Rabbi rettet die Kultgegenstände aus der Kirche und spricht vor der Gemeinde ein Gebet: „Gott möge diesen Zug segnen, auf dass er uns lebendig und gesund nach Palästina bringt, ins Heilige Land, nach Eretz Israel.“ Die Gemeinde besteigt die Waggons. Bei der Abfahrt wird versehentlich ein Baum gefällt.
Der Briefträger entdeckt am nächsten Morgen das verlassene Dorf.
Der Zug fährt, Schlomo jubelt auf dem Dach eines der Waggons. Der Lokführer macht sich mit seiner Lokomotive vertraut. Der Rabbi beruhigt die anderen Weisen im Waggon.

7.37

29.35 – 37.12

05.

Gefährdung des Zuges durch die Partisanen und erste Konflikte innerhalb der Gruppe.
Eine Gruppe Partisanen legt eine Sprengladung auf der Zugstrecke.
Im Waggon: Yossi ernennt Modl zum Waggon-Sowjet.
Nachdem der Zug einen Bahnhof durchfahren hat, wird er auf offener Strecke angehalten. Lokführer, Rabbi und Mordechai besprechen die Lage. Der Deportationszug entgeht der Kollision mit einem anderen Zug.
Esther gesteht ihrem Vater ihre Zuneigung zu Mordechais Sohn Sammy, der eben in die Kommunistengruppe aufgenommen wird: Ihr Vater hat Vorbehalte. Es kommt zum Streit zwischen Mordechai und den Kommunisten, die fordern, in den Nazi-Waggons zu schlafen. Der Rabbi: „Meine Gemeinde entzweit sich…“ Nach der Schlichtung wird die Fahrtroute neu geplant.
Im Nachbardorf: Der Bürgermeister im Gespräch mit einem echten Nazi-Kommandanten.
Die Partisanen nehmen die Verfolgung des Zuges auf.

10.04

37.12 – 47.16

06.

Mordechai rettet den Zug vor dem Zugriff der echten Nazis.
Nachts: Der Zug wird von der Wehrmacht gestellt. Mordechai rettet die Situation, indem er dem SS-Hauptsturmführer erklärt, er deportiere kommunistische Juden in einem Geheimzug.
Yossi gibt die Wahl von Waggon-Sowjets bekannt und versetzt Sammy in einen anderen Waggon, woraufhin es zur Auseinandersetzung zwischen Esther und Yossi kommt.

8.33

47.16 – 55.49

07.

Auseinandersetzung zwischen „Nazis“ und Kommunisten in der Gemeinde.
Zwischenstop: Die Gemeinde verlässt den Zug, um auf einem Feld das Freitag-Abend-Gebet zu halten. Die Partisanen beobachten und ziehen sich schließlich ratlos zurück.
In der Gemeinde kommt es zur Auseinandersetzung zwischen dem Rabbi und Mordechai, dann zum Streit zwischen den „Nazis“ und den Kommunisten in der Gemeinde. Ein humanistischer Appell Schlomos beendet die ausbrechende Schlägerei und leitet zur Versöhnung.
Weiterfahrt: Schlomo und Mordechai spielen Schach. Der Rabbi teilt mit, dass die Vorräte zur Neige gingen.
Sammy und Esther im Wald: Sammy ist unglücklich, weil ihn Yossi aus der Partei ausgeschlossen hat. Esther verführt ihn.

9.22

55.49 – 1.05.11

08.

Ausbruch der Kommunisten, Gefangennahme des Schneiders durch die echten Nazis und seine Befreiung durch Mordechai.
Nachts: Die Kommunisten sammeln sich im Waggon.
Tags: Der Rabbi weckt Mordechai, ein Teil der „Deportierten“ sei geflohen. Die „Nazis“ nehmen die Verfolgung auf und ergreifen alle bis auf den Schneider, der echten Wehrmachtssoldaten in die Hände fällt.
Nachdem Mordechais Uniform modifiziert wurde, fährt der Zug im Bahnhof Jlobin ein und Mordechai als Feldmarschall sucht den Oberstleutnant in der Hauptkommandantur auf. Der Schneider wird freigegeben. Mordechai veranlasst eine Versammlung vor der Kommandantur, um die Nahrungsmittelvorräte für seinen Zug aufzustocken. Am Morgen wird der Zug von den echten Nazis verabschiedet.
Im Waggon: Der Schneider wird von Yossi der Spionage verdächtigt.
In der Kommandantur: Die Vorstellung Mordechais hat nachträglich Verdacht erregt, der Oberstleutnant verfügt die Verfolgung des Zuges.

10.09

1.05.11 – 1.15.20

09.

Begegnung mit den „Zigeuner-Nazis“ und -„Deportierten“.
Im Offiziers-Waggon: Mordechai schildert Schlomo seine Isolation in der Gemeinde. Der Zug wird plötzlich gestoppt und ist von Wehrmacht umstellt. Der Kommandant der Truppe stellt Mordechai zur Rede. Schlomo entschärft die Situation mit seiner Entdeckung: „Es sind keine Deutschen, es sind Zigeuner, Brüder!“ Es kommt zur Vereinigung zwischen den falschen jüdischen und den falschen Zigeuner-Deportierten. Mordechai zeigt dem Zigeuner-Kommandanten seinen Waggon.
Gemeinsame Weiterreise im Zug. Esther gesteht ihrem Vater ihre Zuneigung für einen der zugestiegenen „Zigeuner“. Der Vater: „Dann schon lieber den Nazi…“
Yossis Mutter redet ihrem Sohn ins Gewissen.

7.28

1.15.20 – 1.22.48

10.

Juden und „Zigeuner“ feiern ein Fest.
Nächtlicher Halt des Zuges und rauschendes Fest.
Sammy will das Zelt in Brand setzen, in dem sich Esther mit dem „Zigeuner“ befindet, wird aber von einer reifen „Zigeunerin“ davon abgehalten und verführt.
Gemeinsames Musizieren der Juden mit den „Zigeunern“, es wird getanzt und fraternisiert.
Weiterfahrt des Zuges: Lagebesprechung bei Frontannäherung.
Esther mit dem „Zigeuner“ im Vieh-Waggon. Sie entdeckt Schlomo, der das Paar beobachtet und ihr seine Liebe gesteht. Danach sitzt Schlomo weinend auf dem Dach des Waggons.

7.49

1.22.48 – 1.30.37

11.

Ankunft an der Frontlinie und Schluss-Szene.
Schlomo, Yossi, das Rabbi-Ehepaar und die beiden falschen Kommandanten auf dem Dach der Lok. Schließlich wird angehalten und die russische Grenze gesucht, als plötzlich überall Granaten einschlagen.
Der Zug fährt weiter, während die „Deportierten“ jubelnd auf die Dächer der Waggons steigen.
Schlomo beendet die Geschichte: „Das ist die wahre Geschichte meines Schtetls … na ja, fast die wahre.“ Das Schlussbild zeigt ihn in KZ-Kleidung hinter Stacheldraht.
Abspann.

7.35

1.30.37 – 1.38.12

Kurzbiographie
  • geb. 1958 ijn Bulkrest, Rumänien als Sohn von Ion und Veronica Mihaileanu
  • Schauspieler am Jiddischen Theater in Bukarest
  • Leitung einer illeganen Theatergruppe, die regimekritische Komödien aufführte
  • 1980: Flucht vor der Ceaucescu-Diktatur über Israel nach Frankreich
  • 1980-1983: Studiom an der Pariser Filmakademie L’institut des Hautes Études Cinématographiques (IDHEC)
Filmographie
  • 1980-1989: sechs französischsprachige Kurzfilme
  • seit 1984 diverse Drehbücher und Regieassitenzen
  • 1993: Spielfilmdebut mit „Trahir“
  • 1998: Kinoerfolg mit „Train de Vie“ (2000 Kinostart in Deutschland)
  • 2002: Les Pygmees de Carlo
  • 2003: Gründung der Produktionsfirma OiOiOi Productions
  • 2005: Live and Becomes

Thema

 R. Miaileanu thematisiert das Trauma eines KZ-Häftling, dessen ausgelöschte Lebenswelt allein in seiner Erinnerung weiterlebt. Der unerträgliche Verlust zwingt ihn in Fluchtphantasien – im doppelten Sinne des Wortes. Vor diesem Rahme, der sich erst am Ende des Films erschließt, entwirft er das Märchen eines Shtetls – Sinnbild osteuropäischen Judentums -, dem mit der eigenen Deportation die Flucht vor den Nazis gelingt.


Biographisch begründete Motivation

„Es ist an der Zeit in einem neuen Stil über die Shoah zu sprechen. Viele haben vor allem den Tod gezeigt. Ich zeige das Leben, das da getötet wurde…

Die unsichtbare Kette, die uns Juden selbst durch Jahrhunderte miteinander verbindet, ist eine Mischung aus Religion, Humor und ständiger Tragik, die wir gelebt, aber nicht gewählt haben. Die Tragödie und ihr Heilmittel: der Humor. Das ist unsere Kultur. Man lacht nicht über ein tragisches Ereignis. Man lacht, um zu überleben. Das ist wie eine Therapie und macht einen Teil unserer Natur aus.“ (R.M.)

„Zug des Lebens“ ist motiviert und inspiriert von der Biogrphie des Vaters, der durch Flucht aus einem Arbeitslager und dank falscher Papiere von der kommunistischen PArtei den Krieg überlebt.

Er war in einem rumänischen Shtetl aufgewachsen. Die Konfrontation mit dessen Auslöschung wird für R. M. zum Schlüsselerlebnis:

„Ich spürte, dass du deine Verlorenheit vor uns verbergen wolltest, und ich war schockiert. (…) Du wolltest mir eine Welt zeigen. die es nicht mehr gab, und du tatest so, als ob sie noch da wäre, die Synagoge, die Mikwe, die Schule, aber es war nichts mehr da. (…) Ich saagte mir, eines Tages werde ich diese Welt wiedererschaffen (…), vielleicht um sie dir wiederzugeben oder sie mir zu schenken und vor allem, um sie meinen Kindern zu geben.“

(R. Mihaileanu im Gespräch mit seinem Vater)

Ion: Wie bist du auf die Idee zu „Zug des Lebens“ gekommen?

Radu: Zufällig war ich in Los Angeles, als „Schindlers Liste“ in die Kinos kam. Spielbergs Vision erzielte bei mir doppelte Wirkung: einerseits fühlte ich mich zutiefst berührt und gleichzeitig war mir klar, dass man einzig in den Kategorien von Tränen und Schrecken die Shoah nicht noch einmal erzählen kann. Zurück in Paris brachte ein befreundeter Historiker während eines Abendessens die Idee auf, Juden könnten während des Krieges in einem Zug entkommen sein… ein kaum vorstellbarer Gedanke. „Du solltest daraus einen Film machen“, riet er mir. „Ein erstes Thema: über deine Wurzeln, über dein Volk.“
„Dann wird es eine Komödie“, antwortete ich ihm. Er schien erstaunt. Mich interessierte aber etwas anderes: die Verbindung von Komik und Tragik. Ich fühlte instinktiv, ich sollte diesem Weg folgen.

Ion: Ich erinnere ich daran sehr gut, denn du hast mich gleich danach gebeten, die historisch realen Möglichkeiten dieser Idee zu überprüfen.

Radu: Du hast Briefe an die jüdische Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geschickt; und ich für meinen Teil habe mich an das jüdische Dokumentationszentrum in Paris gewandt. Ich habe Serge Klarsfeld angerufen und Untersuchungen in russischen Archiven veranlasst. Alle Antworten, die wir aus unterschiedlichen Quellen erhielten, gingen in dieselbe Richtung: so eine Geschichte wäre zweifellos nicht möglich gewesen, unvorstellbar. Denn ein solcher Zug wäre in Europa während des Krieges sofort angehalten und aufgebracht worden.

Ion: Dein Wunsch, dieses Projekt zu entwickeln, entsprang in der Tat tieferen, zwingenderen Beweggründen, als nur eine einfache Geschichte zu erzählen…

Radu: Es war die Rückkehr zu der Tradition des jüdischen Humors, einer Tradition, die zweifelsohne in unseren Tagen vernachlässigt wurde, sieht man einmal von Woody Allen ab. Es war der Wunsch, über die Leiden der Shoah hinauszugehen, nicht um sie zu vergessen, sondern um sie auf andere Weise neu zu erschaffen, lebendiger: in einem Sinnbild, das sich aus unserem Blut, unserer Kultur, unserer Erinnerung speist. In mir gab es ein tiefes Verlangen, von diesem Schtetl zu erzählen, das ich nicht gekannt habe, in dem aber meine Familie gelebt hat. Und wie sollte ich diese Onkel, diese Cousins vergessen, die in den Lagern und in dem Todeszug, dem berüchtigten Zug von Iassy ermordet wurden?

(…)

Ion: (…) Glaubst du, dass man über jedes Thema lachen kann, selbst wenn es tragisch ist, ja sogar entsetzlich wie in diesem Fall?

Radu: (…) Sich über eine Sache lustig zu machen bedeutet, die mit Verachtung zu betrachten, ohne Gefühl, ohne davon betroffen zu sein. Das ist nicht meine Art, das hoffe ich jedenfalls. Die Geschichte meines Volkes war immer die, tragische Ereignisse zu erleben und dadurch an den Rand des Wahnsinns zu gelangen. Unser Humor ist ein Schutzschild gegen den Wahnsinn geworden, der Witz steht dem Tod und der Barbarei gegenüber.
Wir haben überlebt, und die unsichtbare Kette, die uns Juden selbst durch Jahrhunderte miteinander verbindet, ist eine Mischung aus Religion, Humor und dieser permanenten Tragödie, die wir durchlebt, aber nicht gewählt haben. Die Tragödie und ihr Heilmittel: der Humor. Das ist unsere Kultur. Man lacht nicht über ein tragisches Ereignis. Man lacht, um zu überleben. Das ist wie eine Therapie und macht einen Teil unserer Natur aus. Das kann man uns niemals wegnehmen. Das eine entsteht aus dem anderen.

Ion: „Zug des Lebens“ ist ein Film über den Wahnsinn, nicht wahr?

Radu: Ja, genau. Der Wahnsinn der Geschichte und des Lebens. Der Wahnsinn als Triebkraft aller Triebe, aller Tollkühnheiten und Herrlichkeiten der Welt. Und des Schreckens, der Barbarei, der Meuchelei ohne jedes Gewissen und Verständnis, wie in einem schwarzen Loch. Das ist ein Film über das Leben, über die Reise. Eine komische und zugleich schreckliche Reise.

Ion: Wann hast du deine jüdische Identität entdeckt?

Radu: Als ich nach Paris kam. Weil ich keine wirklich direkte jüdische Erziehung erhalten habe, brachte ich mir alles selbst durch Bücher bei. Ich habe das gesamte Werk von Elie Wiesel gelesen und jüdische Autoren wie Chalom Aleichem, Joseph Roth, Phillippe Roth, Saul Bellow und eine ganze Menge ostjüdische Literatur. Ich musste ja meine Wurzeln wieder finden, weil ich nicht mehr Rumäne war. Damals habe ich nicht gedacht, dass das Ceaucescu-Regime eines Tages zusammenbrechen könnte. Ich war kein Franzose wie meine neuen Freunde. Ich war quasi ein Nichts. Ich musste schon herausfinden, wer ich war. Nun habe ich endlich begriffen, wer ich bin: ein menschliches Wesen, danach Jude, ursprünglich Rumäne und jetzt Franzose…

Aus der Presseinformation der Movienet Film GmbH.

Einordnung in die Filmgeschichte

Bereits während des Krieges entstamden Komödien, welche die Anzidiktatur und -besatzung thematisierten – Chaplins „Der große Diktator“ (194o) und Ernst Lubitschs „Sein oder NIchtsein (1942). Beide wurden jedoch ohne Kenntnis der Dimension des Genozids produziert.

Als nach dem Krieg das Ausmaß der Judenvernichtung zutage trat, erschien eine satirische oder komödiantische Verarbeitung des Themas mehr als unangemessen. Erst 1998 erlangt Begnini mit seiner Komödie „Das Leben ist schön“ internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung und ebnete damit den Weg für humoristische Verarbeitungen des Holocaust.


Historische Bezüge

Die idealtypische Darstellung des Sthetls und stereotype der Charaktere ist ihrer Funktion geschuldet: Sie stehen sinnbildlich für die vernichtete Welt des osteuropäischen Judentums.Der Rückgriff auf Elemente des Jiddischen Theaters unterstützt die Konzeption und wird gerade an den Figuren deutlich.


Das Shtetl – Die Lebenswelt des osteuropäischen Judentums

Infloge großer Migrationsbewegungen zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert entstanden in Osteuropa jüdische Siedlungen, denen z.T. große autonomie zugestanden wurde.

Aufgrund des religiösen Anspruchs auf Traditionswahrung und den fast ausschließlich wirtschaftlcihen Beziehungen zur Außen-/Umwelt bildete sich eine eigene (Shtetl-)Kultur heraus, die bis ins 20. Jahrhundert hinein weitgehend unverändert fortbestand.

Die wenigr wohlgesinnte Haltung der Bevölkerung gegenüber der Minorität, u.a. aus Angst vor Konkurrenz, entlädt sich nicht selten in Übergriffen und Pogromen.

Jüdische Witzkultur

„Meine Farbe, die Farbe meines Gemäldes konnte nur die Komödie, der Humor sein… ich bediene mich der Geschichte des jüdischen Volkes, das immer überlebt hat mit dieser Waffe, die für mich die schönste und spontanste Waffe des Menschen ist.“ (R.M.)

R. Mihaileanus Trgaikkomödie ist getragen von spezifisch jüdischem Humor.

  • Dieser thematisiert nicht selten die durch Diskriminierung und Verfolgung geprägte Lebenssituation, sowoe die durch religiöse Gesetzesstrenge geprägte Lebenshaltung.
  • Insbesondere in der Assimilierungsperiode entwickelte sich durch wachsende Distanz gegenüber dem eigenen Weltbild ein von Selbstironie gezeichneter Humor aus.

Als „ein stilles, herzliches Plädoyer für mehr Zwischenmenschlichkeit“ bezeichnet Thilo Wydra (K1) den Film in seiner wohlwollenden Rezension, die „Zug des Lebens“ nicht nur gegen „Das Leben ist schön“ abgrenzt, sondern ihn im Vergleich der beiden auch als den gelungeneren herausstellt. Auch Jan Schulz-Ojala (K 2) vergleicht „Zug des Lebens“ mit dem Benigni-Film. Ausgehend vom Märchen-Charakter beider Produktionen betont er – mit viel Sympathie für Mihaileanus Film – die Unterschiede in der durch jeweils spezifischen Humor geprägten Gestaltung. Heike Kühn (K3) sieht Mihaileanus Hauptanliegen mit „Zug des Lebens“ darin, dem Wahnsinn der nationalsozialistischen Massenvernichtung den Wahnwitz der Märchenerzählung entgegenzustellen. Lars-Olav Beier (4) kritisiert an „Zug des Lebens“ vor allem die schwache Figurenzeichnung, die Inszenierung der Nazis als „Pappkameraden“ und die Schluss-Szene, die er als „aufgesetzt“ empfindet.  Matthias N. Lorenz (K5) sieht in seiner Beurteilung von „Zug des Lebens“ im Vergleich zu „Das Leben ist schön“ Mihaileanus Film als den schwächeren an. Besonders scharf ist seine Kritik, Mihaileanu verwende „jüdische Stereotypen“, die mit „antisemitischen deckungsgleich“ seien.

 

„Ein Vergleich mit Roberto Benignis Oscar-gekrönter Tragikomöide `Das Leben ist schön´ mag sich hier geradezu aufdrängen, doch sollte Radu Mihaileanus zweiter Spielfilm, der vielfach ausgezeichnete `Zug des Lebens´, völlig eigenständig betrachtet werden. Es wäre auch unfair, den wesentlich höher budgetierten Film von Italiens Starkomiker einem dafür deutlich engagierteren Projekt gegenüberzustellen, zumal Mihaileanus Road-Movie den Kern jüdischen Humors trifft und wohlüberlegt in den übergeordneten Kontext des Krieges einbaut.

Osteuropa 1941, in einem jüdischen Schtetl. Dorfnarr Schlomo hat erfahren, dass die Bewohner anderer jüdischer Dörfer deportiert und umgebracht werden. Was tun? Die Gemeinschaft entscheidet sich für eine ungewöhnliche Lösung: Sie deportieren sich einfach selbst! Um den Deutschen vorgaukeln zu können, dass es sich hier um eine echte Deportation handelt, muss zunächst ein Zug organisiert werden, müssen diejenigen, die für die undankbaren Rollen der Nazis auserkoren wurden, akzentfreies Deutsch lernen, müssen SS-Anzüge und Gefangenenkleidung besorgt werden. Schließlich ist der rettende Zug startklar. Doch die Fahrt ist risikoreich, immer besteht die Gefahr, von den Deutschen entdeckt zu werden, zudem verfolgen Partisanen den vermeintlichen Nazi-Transport. (…)

`Zug des Lebens´ ist ein kleines Meisterwerk, das nach einem wahren Preissegen auf diversen Festivals nun einen deutschen Verleih gefunden hat. Vor allem ist es ein Film über die skurrilen und liebenswerten Eigenschaften jüdischer Kultur, und nur selten wurde in einem Film der jüdische Humor derart erdig und greifbar inszeniert, sowohl amüsant als auch nachdenklich stimmend. (…) `Zug des Lebens´ enthält auch Momente der Verzweiflung, der Todesangst, und stellt diese paritätisch neben jene von ausgelassener Fröhlichkeit und uneingeschränkter Hoffnung. Dabei gelingt es Mihaileanu, diese Gratwanderung von Anfang bis Ende durchzuhalten, ohne einem der beiden Pole zu sehr nachzugeben.

Man wünscht diesen sich selbst Deportierenden nur das Beste, wünscht auch, dass sie mit ihrem Humor dazu beitragen, dass man zwar übereinander lacht, dabei jedoch den Respekt vor dem jeweils Anderen bewahrt. So ist `Zug des Lebens´ ein zutiefst humanistischer Film, ein stilles, herzliches Plädoyer für mehr Zwischenmenschlichkeit, für beiderseitige Akzeptanz, so sehr sich das Gegenüber auch von einem selbst unterscheiden mag. Wie schwer es der gebürtige Rumäne, der 1980 vor der Diktatur Ceaucescus nach Paris emigrierte, hatte, diesen Film überhaupt zu realisieren, ist jedoch ein Zeichen dafür, dass die unsichtbaren Grenzen in den Köpfen der Menschen noch immer weniger einfach zu überwinden sind als die geografischen.“

Thilo Wydra. In: Filmecho/Filmwoche 10/2000, S. 28.

 

Radu Mihaileanu knüpft am Slapstick und am Filmmusical ebenso an wie an den von Chaplin und Lubitsch begründeten Traditonen eines komödiantischen Umgangs mit dem Nazi-Grauen. Mit den Stilmitteln der Parodie und der Groteske werden die kleinen Konflikte des Schtetllebens mit den großen weltanschaulichen Kämpfen des 20. Jahrhunderts verwoben. Etwa. wenn die Rote Zelle der Gemeinde mit viel revolutionärem EIan einen Zugsowjet gründet, oder wenn die Schönste des Dorfes munter nach einen Liebhaber sucht, um nicht jungfräulich in den Tod zu gehen.

ZUG DES LEBENS lässt bei all seiner absurden Komik den historischen Hintergrund nie vergessen, seine Kenntnis ist gerade die Voraussetzung  für das befreiende Lachen, das der Film immer wieder provoziert. Ähnlich wie Roberto Benignis surreal komödiantische Auseinandesetzung mit dem Holocaust in DAS LEBEN IST SCHÖN
wenn auch weniger abgründig, folgt ZUG DES LEBENS mit dem ästhetische Credo, dass dem Irrsinn der Realität nur der Irssinn  der Komödie standhält.

Jury der Evangelischen Filmarbeit – Empfehlung für den Film des Monats März 2000

 

Im Kino: Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ – eine fulminante Holocaust-Komödie“:

„Ziemlich gegen Ende geht dieser Film in die Musik über, die er, bei genauerem Hinhören, schon die ganze Zeit war – und eines der denkwürdigsten Konzerte der neueren Filmgeschichte hebt an. Sein Anfang: eine Geige, eine kaputte Geigensaite, jemand spielt eine Melodie auf nichts anderem als dieser Geigensaite. Andere Musiker hören der kurzen Tonfolge zu, und als sie ihr Seufzen begriffen haben, das ein Aufseufzen ist, fallen sie ein: mit der Geige, mit Zupf-, Schlag- und Blasinstrumenten. Sie deuten das Aufseufzen als Auftakt. Und der Tanz, ein wunderbarer, kurzer Tanz beginnt.

Man kann über diesen Film nicht wie über andere Filme schreiben. Vielleicht, weil er so ist wie dieses Halbdutzend Töne auf der kaputten Geigensaite. So schön, so schlicht, so verletzlich auch. Da kratzt jemand auf einem Stück Pferdehaar und entlockt ihm eine große Melodie. Und doch: Man kann ihm auch den Resonanzboden entziehen, und dann ist da nichts weiter als ein Kratzen, eine Katzenmusik. Kein Konzert und kein Tanz, kein Auftakt, nicht einmal ein Abgesang. Vielleicht muss man, um diesen Film zu lieben, wie im Inneren einer Geige sein.
Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ ist das, was man – spätestens seit Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ – eine Holocaust-Komödie nennt. Nun ja, fast. Sie spielt nicht im Lager, sondern erzählt von einer ungewöhnlichen Reise, die die Bewohner eines osteuropäischen Shtetls im Sommer 1941 unternehmen, um gerade nicht dort, im Lager, anzukommen. (…)
Um es gleich zu sagen: `Zug des Lebens´ ist ein sehr altmodischer Film. Den guten, alten Linken unter den Zuschauern wird missfallen, dass die Kommunisten in dem Film ziemliche Karikaturen sind. Ja, der Witz, der sich über sie ergießt, hat etwas Raues, das man sicher gut lernt, wenn man in einem Land wie Rumänien aufgewachsen ist. Aber ob das Thema einen stört aus alter Liebe oder einen alten Hass bedient: Von gestern wirkt es auf jeden Fall. Und erst das Frauenbild von Radu Mihaileanu: Nicht nur Zuschauerinnen finden es vermutlich von vorgestern. (…) Und schließlich: Die Unsentimentalen unter uns – und wer ist das nicht heutzutage – dürften den Film stellenweise ziemlich sentimental finden. Also in die Ecke mit der alten Geige?

Anti-Benigni-Märchen

Andererseits: `Zug des Lebens´ ist ein Märchen. Erstens ist eine Holocaust-Komödie immer ein Märchen, das lehrt schon unsere Nachgeborenheit. Und dann sind Märchen sowieso immer altmodisch. Oder ewig. Aber das ist bekanntlich genau so weit weg. Und hat man nicht schon Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ mit der Kategorie des Märchens in Schutz genommen – auch gegen den eigenen erwachsenen Vorbehalt? Bei Benigni, der seine jüdische Kino-Familie ins Todeslager schickte, musste man gewissermaßen auf Kinderkopfhöhe gehen, um die Abbildung, die Zurichtung, die Schönung des KZs – mit all jenen sportlich schlanken, irgendwie doch elegant gekleideten Todgeweihten unter mediterraner Sonne – auszuhalten. Wenn man sich ganz klein machte, wurde dieser Film riesengroß. Ein Kindertraum: Vom guten Papa Benigni bis ins Letzte exekutiert, damit die Wirklichkeit nicht durchdringen möge.
Radu Mihaileanus Film, ein bisschen früher gedreht als der Benignis, kommt lange nach dessen Welterfolg ins Kino. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Denn wer ihn sieht, sieht ihn vor dieser so scheinbar ähnlichen Folie – und sich selbst plötzlich vor dem gewaltigen Horizont, den der Humor im Menschen aufzureißen vermag. Augenblicksweise, in der Komik einzelner Situationen, mögen sich die Konzepte Benignis und Mihaileanus berühren. Nur: Wie kommt man dorthin? Und: Was macht man draus? Benigni benutzt Situationen, um das Äußerste – meist an Übertreibung – aus ihnen herauszuholen, Mihaileanu lässt seine Figuren ihnen eher entgegentreiben und überlässt die Entschlüsselung dem Zuschauer. Benigni blickt von außen, der rumänische Jude Mihaileanu von innen auf die Welt des Holocaust; der eine nähert sich über die Komik der Trauer, der andere über die Trauer der Komik. Explosion gegen Implosion: ja, bis in das Präsentieren ihrer Filme scheinen die beiden Regisseure Antipoden. Benigni nutzte die zahlreichen fernsehwirksamen Preis-Auftritte zu eben jenem sympathischen, mitunter schwer erträglichen Klamauk, dem er schon als Schauspieler entstammt. Mihaileanus Freude – auch sein Film wurde mit, nun ja, nicht ganz so populären Preisen überschüttet – bleibt gebändigt, ein Fenster zum Schmerz.

Ganz recht, ich habe wenig vom Film selbst erzählt. Vielleicht weil ich mir wünsche, jeder möge darin so viel Eigenes wie möglich entdecken. (…)“

Jan Schulz-Ojala: „Das Fenster zum Schmerz. Im Kino: Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ – eine fulminante Holocaust-Komödie“. In: Der Tagesspiegel, 22.3.2000.

„`Es war einmal´, sagt der Erzähler, aber wie es ist, am Ursprung der Erzählung, das liegt im Dunkeln. Die Märchenworte schleudern Schlomo, den Faxen- und Geschichtenmacher, zurück ins Jahr 1941: `Ich bin geflohen, weil ich dachte, man könnte fliehen vor dem, was ich schon zu oft gesehen habe.´ Wie programmatisch dieser Anfang ist für einen Film, der gleich Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ nicht den Tod in den Vernichtungslagern zeigt, sondern das Leben, das dort getötet wurde, wird sich erst spät erschließen.

(…) `Im Hinterkopf´, so Radu Mihaileanu, der von ahnungslosen Produzenten schon mal als `antisemitischer´ Irrer beschimpft wurde, weil niemand den spezifischen jiddischen (und rumänischen) Witz seines tragikomischen Projekts verstand, `hatte ich auch immer das Genie des Absurden: Eugène Ionesco´. Der Geist der Umkehr, die Einsicht ins Verrückte beflügelt auch den vorgeblich weltfremden Schlomo. Einen Zug wird das schtetl sich von den Spenden der verschworenen Gemeinde kaufen, eine Lokomotive, die fast auseinanderfällt, mit viel Farbe wieder zusammenkleben, Hakenkreuze an die Viehwaggons nageln, den auserwählten `Nazis´ Uniformen schneidern. Via Russland ins gelobte Land – eingelegte Essgürkelen und Purimplätzchen für die Kinder im Gepäck.

Doch während Lubitschs Helden in `Sein oder Nichtsein´ den polnischen Untergrund mit ihrer Kunst der Verstellung gefährden, weil sie aus gekränkter Eitelkeit oder künstlerischem Übermut aus ihren Nazi-Rollen fallen, werden es sich die falschen Nazis bei Mihaileanu nach anfänglichen Protesten über die zugedachte Rolle in ihrem neuen Dasein als Deutsche erstaunlich gemütlich machen. Wie ledergepolsterte Offizierswaggons und die Befehlsgewalt über die schtetl-Honoratioren auch fromme Juden in Versuchung bringen kann, gehört zu den Kabinettstückchen eines Films, dem es an entlarvend komischen Einfällen nicht mangelt. (…)
Warum er der Verrückte sein müsse, wird der prophetische Schlomo einmal gefragt. `Ich wollte Rabbi werden, aber die Stelle war schon besetzt´, ist die einzig denkbare Antwort. Miahaileanus Märchen ist eine Glaubensfrage. Der Schabbes wird auch auf der Flucht geheiligt, der Zug für den Lichtersegen auf offenem Feld angehalten. `Der Wahnwitz solcher Systeme´, schrieb Hannah Arendt in Israel, Palästina und der Antisemitismus über den Nationalsozialismus, `besteht natürlich nicht nur in ihren Ausgangsprämissen, sondern vor allem in der ehernen Logik, die sich durchsetzt, und zwar ohne Rücksicht auf die Tatsachen – und ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit.´ Der monströsen Irrationalität der Konzentrationslager, der systematischen Umwandlung von Unsinn in Sinn, die samt der Sinnfrage das Betroffenheitsgerede vom `sinnlosen Töten´ unmöglich gemacht hat, begegnet Mihaileanu mit der Ratio eines Glaubens, der sich seines Aberwitzes bewusst ist. Am Ende wird nur das Märchen weiterleben – hinter den Stacheldrahtzäunen eines KZs. Dass es erzählt worden ist, ist kein Trost, sondern eine Revolte. Ein Versuch, dem Buch Niegewesen wenigstens ein paar leere Seiten abzutrotzen.“

Heike Kühn: „Das Märchen als Glaubensfrage: Eugène Ionesco im Hinterkopf: Radu Mihaileanus tragikomischer Film `Zug des Lebens´“. In: Frankfurter Rundschau, 27.3.2000.

„Da steht er nun, der Narr des Dorfes, Shlomo, dem Rat der Weisen gegenüber. Eben noch rannte er im Wald um sein Leben, mit Augen, die vor Angst geweitet waren, weil sie mit ansehen mussten, wie die deutschen Truppen das benachbarte Shtetl dem Erdboden gleichmachten und marodierend weiterzogen. Tod und Vernichtung rücken stündlich näher. Doch Shlomo hat einen Plan: Der Narr rät den Weisen, die Bewohner seines Dorfes sollten sich selbst deportieren, einen Zug zusammenstellen und versuchen, über Russland ins Gelobte Land zu gelangen. Shlomo steht mitten im Dorf und malt die Zukunft, die eben noch völlig hoffnungslos schien, mit großen Worten und Gesten aus. Hinter ihm, über dem Dach eines Hauses, leuchtet die rötliche Sonne, von der wir nicht wissen, ob sie gerade auf- oder untergeht. Sie sendet ihre wärmenden Strahlen über die Szenerie – ein echter Hoffnungsschimmer oder nur der falsche Schein?

Fast dreißig Jahre früher: ein anderer Film, ein ganz ähnliches Bild. Ebenfalls in Cinemascope, jenem Format, in dem Lebenslust und Todesangst Platz genug haben, sich nebeneinander auszubreiten, sehen wir einen Hochzeitszug durch ein Shtetl ziehen. Genau dort, wo in dem Film `Zug des Lebens´ das Haus steht, befindet sich in `Fiddler on the roof´ (Anatevka, 1971) noch ein Baum. Durch die Zweige bricht das Licht der Abendsonne, und wir wissen, dass hier weit mehr dämmert als der Tag: Während die Hochzeit gefeiert wird, kommen die Soldaten des Zaren als Vorhut des Pogroms immer näher. Der Geiger, der in der ersten Sequenz im Licht der Morgensonne auf dem Giebel eines Hauses die Balance zu halten versucht, fährt auch im `Zug des Lebens´ mit: Er steht auf dem Dach des Waggons, die Arme ausgebreitet, die Violine in der einen Hand, sich dem Wind entgegen stemmend. Am Ende des Films wird auf der letzten noch verbliebenen Saite gespielt.

Ungefähr die gleiche Anzahl der Jahre, die beide Filme voneinander trennt, liegt auch zwischen den Zeiten, in denen sie spielen: `Fiddler on the roof´ versetzt uns ins vorrevolutionäre Russland, `Zug des Lebens´ erzählt von den Bewohnern eines nicht näher bestimmten osteuropäischen Shtetls im Jahr 1941. Doch Norman Jewisons überaus erfolgreiches Musical, das wie kein zweiter Film das Bild von jüdischer Kultur im Kino prägte, ist die erste Station, an der der aus Rumänien stammende Regisseur Radu Mihaileanu Halt macht. Eine Sequenz, in der die Einwohner zu musikalischer Begleitung alle handwerklichen Fähigkeiten aufbieten, ist eine Reminiszenz an die legendäre `Tradition´-Nummer in `Fiddler on the roof´, in der im Rhythmus der Musik Fleisch geklopft, Teig gerollt und Eisen geschmiedet wird. Gleitet die Kamera bei Jewison von einem Soldaten auf seinem Pferd hinab zu den Menschen auf der Straße und bahnt sich dann einen Weg zu zwei Schachspielern, die alle Zeit der Welt zu haben scheinen, so setzt auch Mihaileanu das Geschehen in langen Einstellungen in Szene: Nur hat die Kamera bei ihm keineswegs die Ruhe weg, sondern wendet sich hektisch hin und her, weil sie keine Sekunde zu verlieren hat. Wie die Bewohner scheint auch sie zu ahnen, dass jeder Schritt eine Fluchtbewegung sein muss.

War das Leben nicht schön? Diese Frage, die `Fiddler on the roof´ in der ersten Hälfte stellt, bevor die Vertreibung beginnt, ist in `Zug des Lebens´ obsolet: Mihaileanu zeigt die Folklore von Anfang an am Rande ihres Untergangs. Doch er will die Vitalität und Phantasie der Bewohner des Shtetls gegen die Brutalität und Rohheit ihrer Verfolger setzen, dem Grauen mit Humor die Stirn bieten (…). Mihaileanu bedient sich einer ausgeprägten Typage, um seine Figuren zu zeichnen: Der Buchhalter des Shtetls (Bruno Abraham-Kremer) ist kaum mehr als ein kleiner Mann vor einer Wand voller Akten. Der Kommunist (Michel Muller) ist bebrillt und beschränkt, die Dorfschöne (Agathe De La Fontaine) niedlich und liebeshungrig. Der Rat der Weisen wird fast immer als Einheit ins Bild gesetzt – Cinemascope ist hierfür wie geschaffen –, zu selten gönnt es uns der Film, die einzelnen Gesichter in Ruhe betrachten zu dürfen.
Mihaileanu weigert sich letztlich, seinen Figuren soviel Individualität zu geben, dass sie ins Leben treten können. Es scheint, als wollte er schon vor Beginn der Fahrt die Emotionalität abkoppeln. Auch die Begegnungen mit den Deutschen wirken nie wirklich furchteinflößend. Ein paar Uniformen und ein bisschen Laienschauspielerei genügen, und schon gehen die Juden als stramme Nazis durch. Zwar ist es eine hübsche Idee, dass sie ihre ureigenen handwerklichen Fähigkeiten lebensrettend einsetzen und den Uniformen im Handumdrehen einen höheren Dienstgrad aufnähen, doch bringt uns Mihaileanu mit all diesen Szenen in Zugzwang: Wir kommen nicht umhin, sie an den Camouflagen zu messen, die wir seit Lubitschs `Sein oder Nichtsein´ aus dem Kino kennen, und stellen fest, dass es ihnen in `Zug des Lebens´ an der notwendigen Schärfe, Originalität und Bedrohlichkeit, die dem Humor erst ihre Kraft gibt, mangelt. Die Nazis sind in diesem Film Pappkameraden, die man nur umpusten muss. Den wahren Schrecken verbannt Mihaileanu komplett in ein Schlussbild, das alles Vorherige in einem gänzlich anderen Licht zeigt und uns nicht nur das Lachen im Halse stecken bleiben lässt, sondern geradezu die Kehle zuschnüren soll. Aber dieses Ende wirkt aufgesetzt: Ergeben dreißig Sekunden Tragödie nach hundert Minuten Komödie eine Tragikomödie?
Die Balance von Albernheit und Grausamkeit, die Roberto Benignis Film `Das Leben ist schön´ auszeichnet, glückt Mihaileanu nicht. (…) wenn jene Juden, die in die Uniformen der Nazis geschlüpft sind, auf einmal Herrenmenschengehabe annehmen, dann wird uns demonstriert, dass Kleider unter bestimmten Bedingungen Leute machen können. Aber dies erscheint nur wie ein Klischee, das sich der Film schnell überstreift, statt wie eine Erkenntnis, die er mit Leben füllen kann.“

Lars-Olav Beier: „Bis zur letzten Saite. Dem Grauen mit Humor die Stirn bieten: In Radu Mihailenaus Film `Zug des Lebens´ weiß nur der Narr guten Rat.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.3.2000.

„Ein jüdisches Schtetl irgendwo in Osteuropa will sich vor den heranrückenden Deutschen retten, indem es sich selbst deportiert. Seine Komik bezieht der Film aus jüdischen Stereotypen, die teilweise mit antisemitischen deckungsgleich sind. So rennen in der Eingangssequenz die Männer des Ortes schreiend umher und fuchteln dabei wie beim Tanz mit den Händen in der Luft herum. Die drohende Gefahr wird chaotisch debattiert, es geht sprichwörtlich zu `wie in der Judenschul´. Als der eigene Deportationszug dann gebaut wird, bekommt der Verwalter der Gemeindekasse regelmäßig Herzattacken, weil er so mit seinem Geiz zu kämpfen hat.

Einige Juden müssen in dieser Verwechslungsgeschichte die deutschen Bewacher spielen und dazu ihren jiddischen Akzent ablegen. Der Deutschlehrer: `Das Deutsche ist sehr hart, Mordechai, präzise und traurig. Jiddisch ist eine Parodie des Deutschen, hat jedoch obendrein Humor. Ich verlange also nur von Ihnen, wenn Sie perfekt Deutsch sprechen wollen, ohne eine Spur von jiddischem Akzent, den Humor wegzulassen. Sonst nichts.´ Daraufhin Mordechai: `Wissen die Deitschen, das mir ihre Sproch parodieren? Vielleicht is dos der Grund für’n Krieg?´ Später kommen diese jüdischen Deutschendarsteller kaum mehr aus ihrer Rolle heraus, was wiederum für Heiterkeit sorgt. In `Zug des Lebens´ wird das Spiel – also die Umdeutung des Holocaust in etwas Harmloses – jedoch nicht mehr (wie bei Benigni) als eine von zwei Ebenen umgesetzt, die einander korrigieren, sondern als märchenhafte, geschlossene Erzählung. Diese Geschlossenheit wird erst in der Schluss-Szene – in der sich die ganze Geschichte als Fantasie des Dorftrottels im KZ herausstellt – mit der so völlig andersgearteten Realität konfrontiert. Dadurch, dass das eigene Filmexperiment erst rückblickend relativiert wird, erscheint `Zug des Lebens´ schwächer als `Das Leben ist schön´. Benigni denkt über seinen ganzen Film hinweg dessen eigentliche Unmöglichkeit mit, Mihaileanu dagegen hintergeht den Zuschauer.“

Matthias N. Lorenz: „Der Holocaust als Zitat. Tendenzen im Holocaust-Spielfilm nach `Schindlers Liste´.“ In: Die Shoah im Bild. Herausgegeben von Sven Kramer. München 2003. S. 270/71


Die Materialien bieten unterschiedliche Zugänge zur Arbeit mit dem Film.

Das Bildungspaket des NLQ setzt die Schwerpunkte bei der interaktiven Auseinandersetzung mit den filmischen Darstellungsmitteln. Die vorliegenden Unterrichtsmaterialien eignen sich besonders für die Arbeit in den Fächern Deutsch, Geschichte, Religion, Werte und Normen. Im engeren Sinne beziehen sie sich auf das nds. Kerncurriculum Deutsch (Sekundarbereich 2), hier auf das Wahlpflichtmodul 6 „Zum Umgang mit Macht und Ohnmacht – Verfolgung und Vernichtung in der NS-Zeit“ des Rahmenthemas 7 „Filmisches Erzählen“.

Das Heft des Instituts für Film und Kinokultur bietet Materialien für die historisch-kritische Filmanalyse.

Die Materialien aus medien praktisch vermitteln Informationen und Anregungen für eine Diskussion über den Film.

Inhalt des Filmhefts
  • Filminhalt
  • Fragen und Anregungen zum Inhalt
  • Fragen und Anregungen zu den filmischen Darstellungsmitteln
  • Fragen und Anregungen zum Hintergrund
  • Materialien
  • Internethinweise
  • Literaturhinweise

 

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