Chemie und Liebe (1948)
von GFS-Admin_2021 · Veröffentlicht · Aktualisiert
Filmstill aus CHEMIE UND LIEBE
Annotation
Der DEFA-Film „Chemie und Liebe“ (1948) von Arthur Maria Rabenalt ist eine antikapitalistische Komödie. Dr. Alland erfindet Butter aus Gras, wird von Konzernen umworben, erkennt jedoch wahre Liebe in seiner Assistentin. Der Film kritisiert Kapitalismus mit satirischem Humor und surrealen Elementen.
„Chemie und Liebe“ ist der erste Science-Fiction-Film der DEFA.

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Produktionsland |
Deutschland (SBZ) |
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Originalsprache |
Deutsch |
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Erscheinungsjahr |
1948 |
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Länge |
98 Minuten |
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Stab |
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Regie |
Arthur Maria Rabenalt |
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Drehbuch |
Frank Clifford, Marion Keller |
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Produktion |
DEFA |
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Musik |
Theo Mackeben |
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Kamera |
Bruno Mondi |
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Schnitt |
Alice Ludwig |
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DarstellerInnen |
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Die Ernährung der Menschen ist nach dem Krieg ein unmittelbar drängendes Problem. Der Chemiker Dr. Alland hat eine sensationelle Erfindung gemacht hat: Er kann das pflanzliche Ausgangsmaterial – Gras oder Moos – auf direktem Wege in Butter verwandeln, ohne dabei Kühe zu benötigen, die erst Milch produzieren. MehreEinführungre hübsche Damen machen sich an den Erfinder heran, um diese profitversprechende Neuerung jeweils für ihren Konzern an Land zu ziehen. Nach einigen Irrungen und Wirrungen begreift Dr. Alland, dass all diese Damen nur am Geld und nicht an ihm interessiert sind, erkennt in seiner Assistentin seine wahre Liebe und verlässt das Land. (wikipedia)
Chemie und Liebe ist der erste Science-Fiction-Film der DEFA aus dem Jahr 1948, gedreht von Arthur Maria Rabenalt in Schwarzweiß. Die antikapitalistische Komödie geht zurück auf ein Stück des Filmtheoretikers Béla Balázs.
Béla Balázs:
Brief an Sergej Eisenstein, 1930
Lieber S. M. Hier schicke ich Ihnen ein flüchtiges Exposé – bloß die Idee zu einer Idee – für jene marxistische Komödie der Ideologien, die ich Himmlische und irdische Liebe nannte und die in Ihrer Hand sehr lustig und sehr lehrreich werden könnte. Jedenfalls Ihnen eine Möglichkeit gäbe, eine neue Art der Groteske und der Parodie zu schaffen (im Bürokratieteil der Generallinie bereits begonnen). Auch könnten Sie hier »Gedankenmontage« (…!) machen wie nur an wenig anderen Stoffen. Ich weiß, es wäre wieder ein ganz neues, ein erstes Werk, ein unerbittlich revolutionäres, das trotzdem keine Zensur verbieten könnte. Und ich wäre stolz und glücklich, wenn ich einmal mit Ihnen arbeiten könnte, S. M.! ( … )
Aus einem Brief vom 8. Februar 1930. Quelle: Béla Balázs: Schriften zum Film, 2. Band, Berlin 1984, S. 261 f. – Nach dem Exposé »Himmlische und irdische Liebe« schrieb Balàzs später in der UdSSR eine Theaterkomödie in vier Akten und einem Vorspiel.
zitiert nach: FiIm – Fund. Wiederentdeckt – Neu gesehen Begleitmaterialien zu einer VERANSTALTUNGSREIHE IN ZUSAMMENARBEIT VON CINEGRAPH BABELSBERG, BUNDESARCHIV/FILMARCHIV BERLIN UND DEUTSCHEM HISTORISCHEM MUSEUM BERLIN
Die DEFA sicherte sich 1946 die Rechte an diesem Stoff und verfilmte ihn nach gravierenden Änderungen unter dem Titel »Chemie und Liebe«. Der Film entstand im Atelier Berlin-Johannisthal mit Außenaufnahmen vom dortigen Außengelände.
Arthur Maria Rabenalt (Regisseur)
Sein erster Film nach dem Kriege war eine Komödie, was sonst. Chemie und Liebe hieß das Werklein, mit dem Arthur Maria Rabenalt bei der DEFA sein » neues Denken« unter Beweis zu stellen gedachte. Vermutlich interessierten den Regisseur mehr die Beine der Hauptdarstellerin als die politische Aussage – aber die brauchte er, um einigermaßen vergessen zu lassen, daß er den Nazis ein paar flotte Propagandawerke inszeniert hatte. Achtung, Feind hört mit! (1940), ein Aufklärungsfilm über Rüstungsspionage, gehörte dazu ebenso wie … reitet für Deutschland (1941), in dem Willy Birgel hoch zu Roß als Führergestalt auf die von jüdischen Spekulanten durchsetzte Weimarer Republik herabschaute. Später wies Rabenalt in seinem Buch »Film im Zwielicht« allerdings politische Intentionen zurück: alle seine Kreationen, so schrieb er sinngemäß, ließen sich unter dem Begriff »Unterhaltungsfilm« subsumieren.
(Aus dem Nachruf auf A. M. Rabenalt, »Immerzu flott«. Der Tagesspiegel, Berlin, 23. 3. 1993)
zitiert nach: FiIm – Fund. Wiederentdeckt – Neu gesehen Begleitmaterialien zu einer VERANSTALTUNGSREIHE IN ZUSAMMENARBEIT VON CINEGRAPH BABELSBERG, BUNDESARCHIV/FILMARCHIV BERLIN UND DEUTSCHEM HISTORISCHEM MUSEUM BERLIN
> weitere Informationen zum Regisseur bei wikipedia
Einleitung
Der DEFA-Film Chemie und Liebe (1948) gehört zu den ungewöhnlichsten Produktionen der frühen Nachkriegszeit. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine heitere Komödie über einen Wissenschaftler, dem die sensationelle Erfindung gelingt, Butter aus Gras herzustellen. Hinter dieser märchenhaft anmutenden Handlung verbirgt sich jedoch eine vielschichtige satirische Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen moderner Industriegesellschaften: Wem gehört wissenschaftliche Erkenntnis? Darf Wissen privatisiert werden? Welche Verantwortung tragen Wissenschaft und Wirtschaft gegenüber dem Gemeinwohl?
Aus der Perspektive des Gesellschaftskompetenzmodells erschöpft sich die Bedeutung des Films deshalb nicht in seiner offensichtlichen Kapitalismuskritik. Vielmehr eröffnet er einen analytischen Zugang zu historischen, politischen, ökonomischen, kulturellen, philosophischen und medialen Dimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Der Film wird damit selbst zu einem Untersuchungsgegenstand gesellschaftlicher Bildung.
1. Filmrealität – Der Film als ästhetische Konstruktion
Bereits die Eröffnung des Films macht deutlich, dass Chemie und Liebe keinen Anspruch erhebt, gesellschaftliche Wirklichkeit realistisch abzubilden. Die Handlung spielt im fiktiven Staat „Kapitalia“, einer bewusst allegorisch angelegten Gesellschaft. Dieser Fantasieraum erlaubt es, ökonomische und politische Mechanismen modellhaft sichtbar zu machen, ohne sie an einen konkreten Nationalstaat zu binden. Der Film entwickelt damit weniger ein realistisches Abbild der Nachkriegsgesellschaft als vielmehr ein gesellschaftliches Gedankenexperiment.
Diese Distanz wird durch den kommentierenden Erzähler verstärkt. Er greift wiederholt in das Geschehen ein, erläutert Zusammenhänge und unterbricht den Erzählfluss. Dadurch verhindert der Film eine vollständige Identifikation mit den Figuren und fordert stattdessen eine reflektierende Zuschauerhaltung. Die Erzählweise erinnert deutlich an Bertolt Brechts Konzept des Verfremdungseffekts, dessen Ziel nicht emotionale Überwältigung, sondern kritische Erkenntnis ist.
Auch die Figuren besitzen kaum psychologische Tiefenschärfe. Sie fungieren vielmehr als gesellschaftliche Typen.
- Dr. Alland verkörpert den idealistischen Wissenschaftler.
- Da Costa repräsentiert den Kapitalisten, der wissenschaftliche Innovation ausschließlich unter Profitgesichtspunkten betrachtet.
- Die konkurrierenden Frauen erscheinen zunächst als personifizierte Interessen ökonomischer Macht.
- Martina steht demgegenüber für Loyalität, Gemeinwohlorientierung und persönliche Integrität.
Die Figuren erfüllen somit weniger individuelle als gesellschaftliche Funktionen. Sie veranschaulichen soziale Rollen innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung.
Die filmische Gestaltung verbindet Elemente der Screwball Comedy, der Groteske, des Boulevardtheaters und der politischen Satire. Schnelle Dialoge, absurde Situationen und komische Überzeichnungen erzeugen Unterhaltung, während zugleich gesellschaftliche Widersprüche freigelegt werden. Die Erfindung der Butter aus Gras besitzt keinerlei naturwissenschaftlichen Realismus; sie dient vielmehr als erzählerischer Auslöser einer gesellschaftlichen Versuchsanordnung. Nicht die chemische Entdeckung selbst steht im Mittelpunkt, sondern ihre gesellschaftlichen Folgen.
Satire fungiert hier als besondere Form gesellschaftlicher Erkenntnis. Durch Überzeichnung werden ökonomische Strukturen sichtbar, die im Alltag häufig verborgen bleiben. Gerade die scheinbare Unwirklichkeit ermöglicht es, reale Machtverhältnisse analytisch freizulegen.
2. Bezugsrealität – Historischer und gesellschaftlicher Kontext
Der Film entstand 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone während einer Phase tiefgreifender politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Deutschland litt noch immer unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Lebensmittelknappheit, Wohnungsnot und die Versorgung der Bevölkerung bestimmten den Alltag. Butter war daher weit mehr als ein alltägliches Lebensmittel; sie symbolisierte Wohlstand, Ernährungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee einer künstlichen Butterproduktion ihre gesellschaftliche Bedeutung. Die Erfindung verspricht, den Mangel zu überwinden und wissenschaftlichen Fortschritt unmittelbar in gesellschaftlichen Nutzen zu verwandeln.
Der eigentliche Konflikt entsteht jedoch nicht zwischen Wissenschaft und Natur, sondern zwischen Wissenschaft und Eigentum. Die zentrale Frage lautet:
Wer verfügt über wissenschaftliche Erkenntnisse?
Der Film beantwortet diese Frage eindeutig. Bedrohlich ist nicht die wissenschaftliche Innovation selbst, sondern ihre Aneignung durch private Kapitalinteressen. Wissenschaft erscheint als gesellschaftliche Ressource, deren Nutzen durch Eigentumsverhältnisse bestimmt wird.
Damit greift Chemie und Liebe einen zentralen wirtschaftspolitischen Konflikt der unmittelbaren Nachkriegszeit auf. Während sich in den westlichen Besatzungszonen marktwirtschaftliche Strukturen etablierten, entwickelte sich in der Sowjetischen Besatzungszone eine sozialistische Wirtschaftsordnung mit staatlicher Kontrolle zentraler Produktionsmittel. Der Fantasiestaat „Kapitalia“ fungiert deshalb als Chiffre kapitalistischer Wirtschaftsordnungen insgesamt.
Bemerkenswert ist zugleich die Aktualität dieser Fragestellung. Heute begegnet sie in Debatten über Patente auf Medikamente, Impfstoffe, Saatgut, digitale Technologien oder Anwendungen Künstlicher Intelligenz erneut. Die Butter aus Gras wird damit zum Symbol für eine grundsätzliche Frage moderner Wissensgesellschaften: Gehört wissenschaftliche Erkenntnis dem Gemeinwohl oder dem Markt?
3. Bedingungsrealität – Produktionsbedingungen
Chemie und Liebe entstand in einer frühen Phase der DEFA, deren kulturpolitischer Auftrag weit über bloße Unterhaltung hinausging. Film sollte den demokratischen und antifaschistischen Neubeginn unterstützen, gesellschaftliche Orientierung bieten und neue politische Leitbilder entwickeln.
Innerhalb dieses Programms nimmt Chemie und Liebe eine Sonderstellung ein. Anders als viele spätere DEFA-Produktionen verzichtet der Film auf eine unmittelbar belehrende Dramaturgie. Stattdessen verbindet er politische Satire mit Unterhaltung, romantischer Komödie und grotesken Einfällen. Gerade diese ästhetische Offenheit kennzeichnet die frühe DEFA, bevor sich unter dem Einfluss des Sozialistischen Realismus verbindlichere kulturpolitische Vorgaben durchsetzten.
Eine besondere Bedeutung besitzt die literarische Vorgeschichte. Die Grundidee stammt vom ungarischen Filmtheoretiker Béla Balázs, der bereits um 1930 das Konzept einer marxistischen Komödie entwickelte. Ursprünglich war eine Zusammenarbeit mit Sergei Eisenstein vorgesehen. Das Projekt wurde jedoch nie realisiert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg griff die DEFA den Stoff wieder auf und gestaltete ihn grundlegend um. Damit steht der Film in einer längeren Tradition marxistischer Kulturtheorie und verbindet diese mit den Erfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Auch die Person des Regisseurs Arthur Maria Rabenalt eröffnet eine weiterführende Analyse. Rabenalt gehörte zu den produktivsten deutschen Filmregisseuren des 20. Jahrhunderts. Bereits während der Zeit des Nationalsozialismus hatte er zahlreiche Unterhaltungsfilme inszeniert. Nach 1945 arbeitete er zunächst für die DEFA und setzte seine Karriere später in der Bundesrepublik fort. Seine Biographie verweist exemplarisch auf die personellen Kontinuitäten des deutschen Films über politische Systemwechsel hinweg.
Gerade deshalb lässt sich die antikapitalistische Aussage des Films nicht einfach als persönliche Überzeugung des Regisseurs verstehen. Sie entstand vielmehr aus dem Zusammenspiel von kulturpolitischen Zielsetzungen der DEFA, der literarischen Vorlage Béla Balázs‘, den Produktionsbedingungen des Studios und den gesellschaftlichen Erwartungen der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Zugleich verweist der Film auf einen grundlegenden ökonomischen Zusammenhang: Auch gesellschaftskritischer Film ist selbst Teil einer Kulturindustrie. Er benötigt Finanzierung, Produktionsmittel, Vertrieb und Publikum. Damit wird sichtbar, dass Kritik wirtschaftlicher Verhältnisse niemals außerhalb gesellschaftlicher Produktionsbedingungen entsteht.
4. Wirkungsrealität – Rezeption und gesellschaftliche Bedeutung
Die zeitgenössische Rezeption fiel ausgesprochen unterschiedlich aus. Ein Teil der Kritik lobte die Originalität der satirischen Idee sowie den Versuch, gesellschaftliche Fragen mit humoristischen Mitteln zu behandeln. Andere Rezensenten bemängelten die stilistische Uneinheitlichkeit zwischen Komödie, Märchen und politischer Satire sowie die Überfrachtung der Handlung.
Aus heutiger Perspektive besitzt der Film vor allem historischen Quellenwert. Er dokumentiert die frühen kulturpolitischen Vorstellungen der DEFA und zeigt den Versuch, politische Bildung nicht durch agitatorische Propaganda, sondern durch Humor, Ironie und Groteske zu vermitteln. Zugleich gilt Chemie und Liebe als erste Science-Fiction-Produktion der DEFA und als bemerkenswertes Experiment zwischen Unterhaltungskino und gesellschaftlicher Satire.
Mit dem historischen Abstand verändert sich auch die Rezeptionsperspektive. Während 1948 die Kritik kapitalistischer Eigentumsverhältnisse im Vordergrund stand, interessieren heute stärker Fragen nach Wissenschaftsethik, Patentierung medizinischer Innovationen, globaler Ernährungssicherheit oder der Macht multinationaler Konzerne. Der Film erhält dadurch neue Bedeutungen, die weit über seinen ursprünglichen Entstehungskontext hinausreichen.
Diese Offenheit zeigt exemplarisch, dass gesellschaftliche Bedeutung nicht im Film selbst festliegt, sondern sich im Wechselspiel zwischen Werk, historischem Kontext und Publikum immer wieder neu konstituiert.
5. Analyse im Horizont der Gesellschaftskompetenzen
Die besondere didaktische Stärke von Chemie und Liebe liegt darin, dass sich an seiner Handlung unterschiedliche Dimensionen gesellschaftlicher Wirklichkeit exemplarisch erschließen lassen.
Die historische Kompetenz ermöglicht die Einordnung des Films in die Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Die Versorgungskrise, die Herausbildung unterschiedlicher Wirtschaftsordnungen in Ost und West sowie die Entstehung der frühen DEFA werden als Voraussetzungen der Filmhandlung verständlich.
Die politische Kompetenz richtet den Blick auf Eigentumsverhältnisse, staatliche Verantwortung und die gesellschaftliche Steuerung wissenschaftlicher Innovation. Der Film problematisiert das Verhältnis von Markt, Staat und Gemeinwohl und eröffnet damit grundlegende Fragen politischer Ordnung.
Die ökonomische Kompetenz analysiert Wissenschaft als Produktionsfaktor moderner Volkswirtschaften. Innovation, Patente, Monopole, Wettbewerb und Profitinteressen erscheinen als zentrale ökonomische Kategorien. Zugleich wird sichtbar, dass auch der Film selbst Teil wirtschaftlicher Produktions- und Verwertungsprozesse ist.
Die kommunikative Kompetenz untersucht die spezifischen Mittel gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion. Erzähler, Satire, Ironie, Überzeichnung und Groteske strukturieren die Wahrnehmung der Zuschauer und machen deutlich, dass gesellschaftliche Wirklichkeit stets kommunikativ konstruiert wird.
Die kulturelle Kompetenz erschließt den Film als Ausdruck einer frühen Nachkriegskultur, die zwischen antifaschistischem Neubeginn, politischer Neuorientierung und ästhetischem Experimentieren steht.
Die philosophische Kompetenz eröffnet schließlich den normativen Kern des Films. Er stellt Fragen, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Wem gehört wissenschaftliche Erkenntnis? Darf Wissen privatisiert werden? Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler gegenüber der Gesellschaft? Ist wissenschaftlicher Fortschritt ein öffentliches Gut oder eine Ware? Welche Grenzen besitzt ökonomische Verwertung?
Als Querschnittsdimension verbindet die Medienkompetenz sämtliche Analyseebenen. Sie macht sichtbar, wie Filme gesellschaftliche Wirklichkeit nicht lediglich abbilden, sondern durch ästhetische Gestaltung, narrative Konstruktion und politische Deutungsmuster aktiv hervorbringen.
Gesellschaftsdidaktische Schlussfolgerung
Aus der Perspektive des Gesellschaftskompetenzmodells ist Chemie und Liebe weit mehr als ein antikapitalistischer Unterhaltungsfilm der frühen DEFA. Er bildet einen didaktischen Kristallisationspunkt, an dem sich historische Erfahrungen, politische Konflikte, ökonomische Strukturen, kulturelle Ausdrucksformen, mediale Konstruktionen und philosophische Grundfragen exemplarisch miteinander verbinden lassen.
Gerade die satirische Form ermöglicht dabei eine besondere Erkenntnisleistung. Indem der Film gesellschaftliche Wirklichkeit verfremdet und überzeichnet, macht er Strukturen sichtbar, die im Alltag häufig verborgen bleiben. Seine märchenhafte Handlung fungiert nicht als Flucht aus der Realität, sondern als heuristisches Modell gesellschaftlicher Analyse.
Damit zeigt Chemie und Liebe exemplarisch, dass Filme nicht nur historische Quellen oder ästhetische Kunstwerke sind. Sie sind zugleich Medien gesellschaftlicher Selbstverständigung. Im Unterricht eröffnet der Film deshalb die Möglichkeit, unterschiedliche Gesellschaftskompetenzen integrativ zu entwickeln und historische Fragestellungen mit gegenwärtigen Debatten über Wissenschaft, Eigentum, Gemeinwohl und gesellschaftliche Verantwortung zu verbinden.
Während der Film für die Berliner Zeitung vom 06.03.1948 „eine übermütig quirlende Satire auf die Welt des Kapitalismus“ ist, meint Leo Menter in „Die Weltbühne“: „So geht es nicht, meine Herren.“
Da ist nun dieser Rabenalt-Film Chemie und Liebe, von dem in den DEFA-Ateliers so viel gesprochen wurde. Genügend Größen vom Bau sind daran beteiligt, selbst Bela Balazs, der gewiß etwas vom Film versteht, aber es scheint wirklich zu stimmen, daß zu viele Götter niemals gut sind. Althergebrachtes auf neu überbacken, neue Ausdrucksmittel neben alter Routine, flottes Spiel von guter und gut geführter Besetzung, das alles ist da, aber nichts will aufgehen, trotz appetitlicher Verpackung. Die kleine Dosis Selbstironie reicht nicht aus, um das, was man nicht dick auftragen will, ins Reich eines beflügelten Filmspiels zu bringen; denn man will ja doch in der Wirklichkeit bleiben. Und die ist schlecht gezeichnet. >weiter
zitiert nach: FiIm – Fund. Wiederentdeckt – Neu gesehen Begleitmaterialien zu einer VERANSTALTUNGSREIHE IN ZUSAMMENARBEIT VON CINEGRAPH BABELSBERG, BUNDESARCHIV/FILMARCHIV BERLIN UND DEUTSCHEM HISTORISCHEM MUSEUM BERLIN
Die Kritik bewegt sich zwischen „… eine plumpe Kapitalismus-Groteske um das Buttermachen aus Gras…“ ( Helmut Pflügl und Raimund Fritz: Der Geteilte Himmel – Höhepunkte des DEFA-Kinos 1946-1992, Filmarchiv Austria 2001, S. 93) und „Ein flottes antikapitalistisches Boulevardstück im Stil der Screwball Comedy.“ (Film.at)
Letztlich gilt wohl: Eine schräge Groteske, ein Unikat im DEFA-OEuvre. Und: „Der Filmspaß hat in der Nachkriegszeit im hungernden Deutschland des Jahres 1948 einen ernsten Hintergrund.“ So die LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in ihrer Mitteilung vom 04.02.16 zu einem Filmabend „Chemie, Liebe und der Gigant“ im LWL-Industriemuseum Henrichshütte
Spielerisch zeigt die Komödie den Surrealismus im Werk des amerikanischen Schriftstellers Thornton Wilder und des französischen Dramatikers Jean Anouilh. Dabei bedient sich der Film der kritischen Ironie. Der Sprecher, ein advocatus diabolus, ironisiert die Handlung. Er greift in die Vorgänge ein, sollten sie in unerwünschte Bahnen geraten. Er tritt auch in vielfältiger Gestalt und Verkleidung im Spiel selbst in Erscheinung. Aber er hält nicht oberlehrerhaft den Zeigefinger in die Höhe, sondern betrachtet lediglich das Geschehen und überlässt die Meinungsbildung dem Publikum.
„Chemie und Liebe“ ist eine gesellschaftskritische Komödie. Sie zeigt satirisch die Schwächen und Fehler des kapitalistischen Systems, seine Auswüchse und Entartungserscheinungen. Der Fim von Regisseur Arthur Maria Rabenalt galt seinerzeit als utopisches Märchen. Sie prangert den Kapitalismus der westlichen Länder an und kritisiert die Profitgier der unterschiedlichen Regime. Die Groteske spielt im Fantasieland Kapitalia und dreht sich um eine spektakuläre Erfindung des Chemikers Dr. Alland. Er kommt auf die Idee, aus Gras Butter zu machen. Ein Konzernchef will um jeden Preis die Erfindung an sich reißen. Daher setzt er drei Frauen auf den Laboranten an, um ihm die Schöpfung abzuluchsen. Die Liebschaften stehen dabei im Zentrum der Satire. Am Ende verlässt der Erfinder mit seiner Geliebten den Staat. Aus einer kommunistisch gefärbten Perspektive werden im antikapitalistischen Film die politische Situation und ihre Machenschaften in ironischer Weise aufgearbeitet.
Ein flottes antikapitalistisches Boulevardstück im Stil der Screwball Comedy
Hauptfigur ist der Chemiker Dr. Alland, der auf die Idee gekommen ist, aus Gras und Moos Butter zu gewinnen. Nun setzt ein Konkurrenzkampf der Interessenten ein. Nacheinander wird Dr. Alland von drei Frauen becirct: Die reiche und schöne Tochter eines Unternehmers sucht ihn für den väterlichen Konzern zu fangen; ihre Rivalinnen sind eine junge Balletttänzerin, die vom Gegenkonzern engagiert wurde, und seine Assistentin, die in ihn verliebt ist. Schließlich begreift Alland die wahren Zusammenhänge und verlässt mit seiner Assistentin das Land Kapitalia … – Eine schräge Groteske, ein Unikat im DEFA-OEuvre.
Chemie und Liebe | film.at [abgerufen: 08.06.2023]
Was wollten die Menschen sehen im schlimmen Jahr 1948? Menschliche Tragödien in den Ruinen, die jedermann täglich vor Augen hatte? Oder Romanzen, abgehoben von der Zeit? Oder eher im luftleeren Raum – Kabarett? Käutner verfilmte „Der Apfel ist ab“ und dröselte mit viel Ironie die Menschheitsgeschichte auf. Und hier? Man will ein Märchen erzählen, so sagt es der Sprecher Alfred Braun. Chemie und Liebe – was könnte sie verbinden? „Chemie ist die Lehre von den Umwandlungen des Stoffes, Liebe ist die Lehre von der Wandlung der Herzen“. > weiter
Falk Schwarz: Kennst Du das Land…? – filmportal.de 01.01.2015
Alles in Butter
(…) CHEMIE UND LIEBE wird bisweilen als der erste Science-Fiction-Film der DEFA oder gar als erster ostdeutscher Sci-Fi-Film bezeichnet. Aus einer sehr technischen Sicht ist das nicht vollkommen falsch, aber so richtig überzeugend ist diese Behauptung nicht. Im Gegensatz zu den Trümmerfilmen der späten 1940er Jahre spielt er nicht im zeitgenössischen Nachkriegsdeutschland, sondern in einem imaginären, unbenannten Land – allerdings ganz ohne futuristische Mätzchen. Die Erfindung selbst, das Verwandeln von Gras in Butter, dient tatsächlich nur dazu, um die Ereignisse anzustoßen: ab und zu redet ein Chemiker über Prozesse, die für Laien schwer verständlich sind und beugt sich über ein Reagenzglas. Der Durchbruch der Erfindung wird „gezeigt“, in dem einige Männer und Frauen in weißen Kitteln sich in einem Labor ein paar Brotscheiben mit Butter bestreichen und diese essen. Kurz: Sci-Fi-Schauwerte gibt es in CHEMIE UND LIEBE eigentlich nicht.
Nein, CHEMIE UND LIEBE ist eher eine Industriespionage-Komödie und teilweise eine Screwball-Komödie – und möglicherweise tatsächlich der erste Film dieses Genres, den die DEFA herausgebracht hat. Doch auch das ist nicht ganz so einfach. > mehr
Aus: Who knows presents: Film und Kontexte. 20.06.2017 https://whoknowspresents.blogspot.com/2017/06/
