Geliebtes Leben (1953)

Inhalt

Luise, aufgewachsen um 1900 in Posen, heiratet den Gutsherrensohn Karl von Bolin. Die Ehe steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Als Karl statt eine Militärlaufbahn einzuschlagen in die deutsch-afrikanischen Kolonien geht, bleibt Luise mit den Kindern allein in Posen zurück und beginnt dort gegen den Willen der Schwiegereltern ein Medizinstudium. Zudem weigert sie sich, ihrem Mann nach Afrika zu folgen. Während des Ersten Weltkriegs wird Karl interniert. Jahre später kehrt er nach Hause zurück – als Fremder… (kino.de)

Regie: Rolf Thiele
Regie-Assistenz; Ilona Juranyi
Buch: Rolf Thiele
Kamera: Kurt Hasse
Rauten: Walter Haag, Erich Kutzner
Kostüme: Alfred Bucken
Schnitt: Caspar van den Berg.
Ton: Werner Schlagge
Musik: Norbert Schultze


Darsteller:

Ruth Leuwerik (Luise v. Bolin)
Carl Raddatz (Carl v. Bolin)
Albert Lieven (Joachim v. Bolin)
Karl Ludwig Diehl (Oberst v. Bolin)
Horst Haechler (Benno)
Harry Meyen (Jürgen),
Maria Sebaldt (Imke)
Eva Bubat (Auguste, Haushälterin)


Produktion: Filmaufbau GmbH, Göttingen.
Produzent: Hans Abich, Rolf Thiele.
Produktionsleitung: Hans Abich.
Aufnahmeleitung: Willy Hermann, Hans-Günther Birkefeld
Drehort : Atelier Göttingen
Außenaufnahmen: Umgebung von Göttingen,
Hamburg, Cuxhaven.
Länge:108min, 2957 m
Format: 35 mm, s/w, l.l.3J.
Uraufführung: 16.10.1953, Hannover (Theater am Kröpke).

Auszeichnungen:

Deutscher Filmpreis 1954: Filmband in Gold an Ruth Leuwerik

Kino.de sprach von einer „aufwändigen Chronik einer deutschen Offiziersfamilie zwischen Jahrhundertwende und Zweitem Weltkrieg“ und befand, dass der Regisseur Rolf Thiele sich auf „seinen souveränen Inszenierungsstil ebenso verlassen [könne] wie auf Hauptdarstellerin Ruth Leuwerik, der in Carl Raddatz ein gleichwertiger Partner gegenübersteh[e]“. Das weitere Urteil lautete: „Typisches 50er Jahre Entertainment und gleichzeitig eine Lehrstunde in Sachen deutscher Zeitgeschichte.

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Nach eingehender Diskussion hat die Kommission einstimmig beschlossen, diesem Film das höchste Prädikat zu geben. Sie möchte die Hersteller dazu beglückwünschen, dass ihnen wohl ersten Mal in der der deutschen Nachkriegsproduktion gelungen ist, einen Zeitfilm zu gestalten, der eine echte und typische Aussage des deutschen Schicksals zu geben vermag. Die besondere Stärke des Filmes liegt in seinem Buch. Dies ist bis auf ganz wenige kleine Stellen – der Reitunfall am Anfang, die Tatsache, dass der junge Leutnant offenbar fortgesetzt Urlaub hat und zu Hause ist, nahtlos konstruiert, seine besondere Stärke scheint dem Ausschuss auch darin zu liegen, dass endlich einmal im deutschen Film nicht alles und jedes erklärt und breit geschildert wird, sondern nur die echten dramaturgischen Höhepunkte herausgesucht werden und dem Beschauer selbst die Verbindung zu ziehen überlassen wird. Es erscheinen auch alle Charaktere glaubwürdig angelegt und psychologisch richtig durchgeführt zu sein. Der Film verzichtet auf die gefährliche und leider so naheliegende Schwarz-Weiß-Malerei und versucht, die Entwicklung, insbesondere im Dritten Reich, mit Konsequenz, lebensecht und auch ohne sich um eine positive Aussage zu drücken, zu zeigen. Formal ragen besonders die Regie, Schnitt und der Rhythmus heraus, aber auch Kameraarbeit, Bauten und Kostüme sind tadelfrei. Die schauspielerischen Leistungen von Frau Leuwerik, Herrn Raddatz und Herrn Meyen sind ebenfalls hervorzuheben. Der Ausschuss glaubt, dass es der deutschen Filmproduktion mit diesem Film gelungen ist, endlich einen vollgültigen Anschluss an die Weltproduktion zu erreichen.

Es ist die Stärke dieses Films, daß Form und Inhalt in einem paradoxen Widerspruch zueinander stehen; aus diesem Widerspruch bezieht er
seine dramatischen Spannungen, seine künstlerische und dokumentarische Kraft. Hier wird dem Betrachter zwar die Perfektion des technischen
Fortschritts vor Augen geführt – funfzig Jahre eines Lebens werden von einem virtuosen Zeitraffer auf knapp zwei Stunden zusammengedrängt-, aber die Handlung führt gleichzeitig die These vom gesellschaftlichen Fortschritt ad
absurdum: die Zeitspanne eines halben Jahrhunderts hat es fertig gebracht, einen rückläufigen soziologischen Strukturwandel der Menschheit zu vollziehen, an dessen Ende der neu geprägte Typ des Heimkehrers steht. Ein Kreislaufhat sich geschlossen: der Anfang wird zum Ende. Dadurch gewinnt gerade dieser Film noch einen dokumentarischen Charakter, indem er das
Phantasiegebilde eines bewegten Lebens aus unsererZeit mit der absoluten Wirklichkeit uberzeugend identifiziert. Die Details der Handlung, die an warmherzigen Knüllern und Sentimentalitäten nicht arm sind, werden nebensächlich vor dem kurz und prägnant ausgeleuchteten Rundhorizont,
auf dem sich die herrlichen Zeiten des zweiten, die menschliche Infamie des dritten und die surrealistische, submaritime Landschaft des beginnenden vierten Reiches abzeichnen. Auf dem Schnittpunkt von Anfang und Ende steht
das Lager Friedland und für ein paar wenige starke Herzen die Parole „Wir heißen euch hoffen…“.

Mit diesem Film nach dem Drehbuch und der Spielleitung von Rolf Thiele ist der deutschen Produktion zwar kein sensationelles, aber doch ein vom künstlerischen Standpunkt aus beachtenswertes Werk gelungen. Die Regie hat Zeit und Zeitgeist richtig in den Griff bekommen und sie hat die Hauptdarsteller Ruth Leuwerik, Carl Raddatz und Albert Lieven nicht mit dem Ballast sich leicht anbietender, billiger Gesten und Phrasen beschwert. (…)

MR, Frankfurter Allgemeine, 26. 10.19 53

Dies ist ein Film aus der Gegenwart, aus der Wirklichkeit, die wir kennen und die, weiß Gott, alles anderes ist als ein Spiel. Da fährt eine alt und müde gewordene Frau ins Lager Friedland, um ihren aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Mann abzuholen. Auf der Fahrt kehren ihre Gedanken – zum wievielten Male? – zurück in die Vergangenheit, und bis zu dem Augenblick, da
sie den Heimgekehrten in die Arme schließen kann, zieht ihrganzes Leben in der Erinnerung an ihr vorüber, genau so schnell, wie die Landschaft sich vor dem Fenster des Abteils vorbeischiebt. Da sind die ersten Jahre dieses Jahrhunderts in Posen, eine heitere, glückliche Zeit. Eine zu früh geschlossene Ehe mit einem Offizier der Schutztruppe in Afrika wirft die ersten Schatten auf das Dasein der jungen Frau. Der Mann liebt die Ungebundenheit, bleibt in Afrika, kommt heim, und geht wieder in die Welt. Die Geschichte geht ihren Gang: Der erste Weltkrieg, die Inflationsjahre, das Dritte Reich , – der zweite Weltkrieg und das schreckliche Ende… Bei dem jahrelangen, manchmal ungewollten Fernsein des Mannes findet das Ehepaar nur schwer wieder zueinander. Fast zerbricht die Familie, als politischer Fanatismus die Stimme des Herzens zu übertönen droht. Aber nach viel Leid und nach neuer langer
Trennung triumphiert zum Schluß doch die Liebe, und zwei Menschen, die einander gehören, fangen noch einmal von vorn an.. .

Mutig und verantwortungsbewußt hat die Filmaufbau Göttingen mit Hans Abich als Produktionsleiter und Rolf Thiele als Regisseur einmal mehr ein Thema angefaßt, dasjeden angeht. Alle Bilder, die auf der Leinwand vorüberziehen, machen tiefen Eindruck durch den Ernst, mit dem hier versucht wird, zu zeigen, wie in der Aufeinanderfolge geschichtlicher Katastrophen
bei allem menschlichen Versagen allein die Liebe einen Halt zu geben vermag. Die Liebe, die nicht Leidenschaft heißt, sondern Achtung vor dem Wert des andern. Im Drehbuch Rolf Thieles kommt diese Grundeinstellung sehr überzeugend zum Ausdruck; freilich sind die Szenen, die die Zeit des Dritten
Reiches schildern, im Verhältnis zu der Gesamtanlage zu breit, sie scheinen zuweilen konstruiert. (…)

Rudolf Lange, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 17.10.1953

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