M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931)

Inhalt

Ein Kindermörder versetzt die Reichshauptstadt Berlin in Angst und Schrecken. Der unbekannte Triebtäter hat bereits acht Kinder auf dem Gewissen, ein neuntes wird vermisst: Elsie, die kleine Tochter von Frau Beckmann. Bei den Untersuchungen dringt die Polizei immer weiter in die Berliner Unterwelt vor, schon bald kann das organisierte Verbrechen aufgrund der zunehmenden Razzien und Kontrollen kaum mehr seinen Geschäften nachgehen. Sie beschließen selbst nach dem Mörder zu suchen und spannen dafür das Netz der Bettler ein. Eine bestimmte Melodie, die der Mörder pfeift wenn er einem Kind begegnet, wird dem Täter schließlich zum Verhängnis. Ein Bettler erkennt die Tonfolge und malt ein weißes „M“ auf den Mantel des Verdächtigen. Der Verfolgte versucht zu entkommen, doch die Berliner Unterwelt und die Polizei sind ihm dicht auf den Fersen. Unter Führung des Schränkers und mit Hilfe der Bettler gelingt es ihnen schließlich, den Mörder zu fangen. Aber auch Kommissar Karl Lohmann ist dem Mörder auf der Spur, in letzter Minute kann er verhindern, dass er von einem makabren Unterwelttribunal gelyncht wird.

 


Film auf dem Medienserver Merlin

Produktionsland Deutschland
Erscheinungsjahr 1931
Länge 107 bzw. 117 Minuten
   
Stab
Regie Fritz Lang
Drehbuch Thea von Harbou,
Fritz Lang
Produktion Seymour Nebenzahl
Musik keine, bis auf die gepfiffene Melodie In der Halle des Bergkönigs aus der Peer-Gynt-Suite Nr. 1 von Edvard Grieg
Kamera Fritz Arno Wagner
Schnitt Paul Falkenberg
DarstellerInnen
  • Peter Lorre: Hans Beckert, M
  • Inge Landgut: Elsie Beckmann, Opfer
  • Ellen Widmann: Mutter Beckmann
  • Gustaf Gründgens: Schränker
  • Friedrich Gnaß: Franz, Einbrecher
  • Fritz Odemar: Falschspieler
  • Paul Kemp: Taschendieb
  • Theo Lingen: Bauernfänger
  • Otto Wernicke: Kriminalkommissar Karl Lohmann
  • Theodor Loos: Kriminalkommissar Groeber
  • Ernst Stahl-Nachbaur: Polizeipräsident
  • Franz Stein: Minister
  • Georg John: blinder Ballonverkäufer
  • Rudolf Blümner: Beckerts Verteidiger
  • Karl Platen: Nachtwächter
  • Rosa Valetti: Bardame
  • Gerhard Bienert: Kriminalsekretär
  • Paul Mederow: Staatsanwalt
  • Hadrian Maria Netto: Polizeihauptmann
  • Lucie Rhoden: Sekretärin im Polizeiarchiv
  • Karl Hannemann: Kriminalbeamter
  • Heinrich Gotho: Passant mit Uhrzeit
  • Klaus Pohl: Zeuge
  • Hertha von Walther: Prostituierte
  • Elisabeth Neumann-Viertel: junge Prostituierte
  • Elisabeth Wendt: Prostituierte
  • Hanna Maron: Kind im Abzählkreis

 

M – Eine Stadt sucht einen Mörder [2010]

Ein Seiltanz zwischen selbstverliebter Virtuosität und gekonnter Reduktion, Genrecollage und präzisem Blick auf gesellschaftliche Strömungen.

Georg Seeßlen über Fritz Langs Meisterwerk. Vollständiger Text unter: Der Filmkanon der Bundeszentrale f. politische Bildung


Zehn Jahre später geriet Deutschland wie­der in eine existentielle Krise. Für einen Vollblut-Filmemacher wie Fritz Lang alle­mal ein Grund, sich von den Mythen der Vergangenheit („Nibelungen“) und denen der Zukunft („Metropolis“) abzuwenden und sich mit den handfesten Erscheinungen der Gegenwart filmisch auseinanderzuset­zen. So gelang es ihm 1931 mit seinem Film „M“, wie Kracauer sagt, einen „Kom­mentar zur psychologischen Situation der Zeit“ zu liefern und in die „Tiefen des Kol­lektivbewußtseins“ zu dringen. Längs erster Tonfilm zeichnete sich dadurch aus, daß er die Bilder nicht nur vertonte, sondern dem Ton eine dramaturgische Funktion gab.

(…)

Zur Entstehung und Deutung des Films

Dieser Kriminalfilm, der mehr als eine Kri­minalgeschichte ist, geht zurück auf aktu­elle Zeitungsnotizen zu den Massenmör­dern Haarmann in Hannover und Kürten in Düsseldorf. Bevor sich Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou an das Szena­rium machten, studierten sie das Gangster-Milieu in Berlin, berieten sich mit Krimi­nalisten, Verteidigern und Richtern. So sollte sichergestellt sein, daß der Film in allem „stimmte“.

Der Film spiegelt gesellschaftliche Struk­turen wider, wie sie gegen Ende der Wei­marer Republik vorherrschen. Ein „Böse­wicht“ löst Massenhysterie aus. Die Jagd auf diesen Störenfried der Ordnung erfolgt von zwei Seiten: auf der einen die Polizei, Symbol für staatliche Macht und Ordnung, auf der anderen Seite die Verbrecher und Bettler, Symbolträger für die Anarchie sich auflösender Strukturen. Diese merkwürdige Kooperation von Polizei und Unterwelt of­fenbart durchaus ähnliche Strukturen und Interessen. Die bürgerliche Welt scheint sich umzukehren, als es den Ge­setzlosen gelingt, dem Gesetz wieder zur Macht zu verhel­fen. So gesehen ist der Film eine Chiffre für den Verlust der gewohnten Ordnung und die Bestrebungen ganz neuer Ordnungskräfte am Ende der Weimarer Republik.

Im Mittelpunkt des Films steht der psychopathische Lustmör­der. Er verkörpert den harm­losen Kleinbürger und steht doch als Repräsentant für das Aufkommen irrationaler Kräf­te, denen sich die Gesellschaft oben und unten hilflos ausge­setzt sieht. Vor dem Tribunal will er sich damit verteidigen, daß er von bösen Trieben überwältigt wird.

Lang hatte die Absicht, mit seinem Film „wie eine mahnend und warnend erhobene Hand auf die unbekannte lauernde Gefahr hinzuweisen, auf die chronische Gefahr, die im ständigen Vorhandensein krankhaft oder kriminell belasteter Menschen als gewis­sermaßen latenter Brandherd unser Dasein bedroht“. Auf anekdotenhafte Weise erfuhr er, wer sich von dieser Warnung am mei­sten angesprochen fühlte. In den Studios von Berlin Staaken erhielt er für seinen Film mit dem Arbeitstitel „Mörder unter uns“ erst eine Dreherlaubnis, als er glaub­haft versichern konnte, daß er keinen Film über Hitler und die NSDAP machen wollte. Der Verwalter des Studios hatte sich am Anzugrevers als NS-Mitglied zu erkennen gegeben. Der Film bekam den neuen Titel „M“, aber behielt seinen Erkenntniswert.

Zur Machart des Films

Lang nutzte in „M“ viele Möglichkeiten, mit dem neuen Medium Tonfilm zu expe­rimentieren. „Damals kam ich zu der Er­kenntnis, daß man Ton als dramaturgisches Element nicht verwenden kann, sondern dies unbedingt tun sollte.“ Sparsam einge­setzt, bildet er Leitmotive im Film und erzeugt Spannung im Zusammenspiel mit ungewöhnlichen Schnittfolgen.

Berühmt ist die Sequenz am Anfang, als Elsies Mutter verzweifelt nach ihrem Kind ruft und ihr Ruf den Bildern nacheilt, die Elsies Weg ins Verderben nachzeichnen: das unberührte Essen, das leere Treppen-

haus, der Ball auf einem Rasen, ein Luft­ballon in Telegrafen drahten. Leitmotivisch ertönt das immer wiederkehrende Pfeifen des Kindermörders, eine Melodie aus Griegs „Peer-Gynt-Suite“, die seinen Trieb­gefühlen wortlos Ausdruck verleiht und ihn aus dem Dunkel heraus ankündigt. In einer klassischen Montage verschachtelt Lang die Beratung der Polizei und die der Verbre­cher mit Hilfe zueinander passender Dialo­ge, Gesten und Haltungen. Die Überlap­pung des Tons über Szenen hinweg steigert das Tempo des Films.

Viele Szenen spiegeln das soziale Milieu Berlins um 1930 wider. Die Stadt ist voller unterprivilegierter Menschen; sie bevölkern die Straßen und die Kneipen, betteln, steh­len und betrügen. Sie scheinen – wie die Verfolgung des Massenmörders durch die Bettlerorganisation zeigt – ein ganzes Heer zu bilden. Die Regression der damaligen Zeit ist im ganzen Film spürbar.


Auszüge Aus: Dagmar Lehmann: Mediziner, Mörder, Monster. Drei Filmklassiker spiegeln Geschichte wider. In: Geschichte lernen Heft 42 (1994), S. 49/50


„(…) Ob Fritz Lang mit „M“ eine politische Aussage beabsichtigte, war und ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Siegfried Kracauer (und daran anschließend Anton Kaes) interpretierten den Film als Abbild der Krise der Weimarer Republik.13 Die im Film demonstrierte Infantilität und Unmündigkeit des Mörders stünde damit für das kollektive Verhalten der Menschen in der Zeit während der Weltwirtschaftskrise, in der die von Reichspräsident Paul von Hindenburg installierten Präsidialkabinette nur mittels Notverordnungen regieren konnten, mit denen jedoch langfristig die parlamentarische Demokratie geschwächt wurde. Für diese Argumentation spricht auch die dualistische Darstellung zweier Rechts- und Staatsapparate: Auf der einen Seite steht die Polizei, auf der anderen die Unterwelt. Diese Koexistenz könnte auf ein Missverhältnis innerhalb des Staates hinweisen.
(…)“


Auszug aus: Tobias Merten: Historische Filmkritik: M – Eine Stadt sucht einen Mörder (vollständiger Text – externer Link)

„Die Texte in der Reihe „Historische Filmkritik“ wurden von Studierenden im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Uni Münster im Wintersemester 2014/15 verfasst. Sie befassen sich mit Filmen aus der Zeit der Weimarer Republik in historischer Perspektive.“

… Fritz Lang erzählt mit „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ eine langatmig ausformulierte Geschichte, die das eigene Moralverständnis hinterfragt und zugleich einen wundervollen Kontrast zu den heutigen „Tatort“-Kriminalfilmen bietet, in dem die Logik der Ermittlungen eine geringere Rolle spielt, als dass der Fall innerhalb von 45 Minuten abgehakt wurde…

Rezension von Ann Catherine Schlüter (externer Link)


(…) Zusammenfassend lässt sich sagen, das Fritz Langs „M“ zu guter Recht als ein wegweisendes und gar revolutionäres Meisterwerk zu verstehen ist, in dem sich nicht nur die damalige Zeit unter den Vorzeichen des nahenden Aufstieg des Nationalsozialismus darstellt, sondern auch noch heutige moralischen Fragen aufwirft und versucht diese von allen Seiten zu beleuchten.“

Kritik von Christopher Wübbeling (externer Link)


„Der Bezug zu realen Gewaltverbrechen in Deutschland, vor allem zum Fall des Serienmörders Peter Kürten, auch bekannt als Vampir von Düsseldorf, sowie die akribischen Nachforschungen Langs und der zweiten Drehbuchautorin von Harbou bezüglich der Psychologie der Figuren im Drehbuch, lassen den Film besonders realitätsnah wirken.“

Kritik von Rebecca Preuß (externer Link)


„Filme rezensieren ist eine komplexe Fähigkeit und muss erlernt und eingeübt werden. In der Übung ‚Filmkritik‘ wird (…) daher der Versuch unternommen, einer Rezension ein stabiles Fundament zu verleihen.“
Filmkritik an der HHU (Philosophischen Fakultät)- externer Link


Wieder in Deutschland [1960]

Als 1930 die Presse „M“ unter dem Titel „Mörder unter uns“ ankündigte, fühlte sich die NSDAP getroffen; Lang wurde anonym bedroht, die staakener Ateliers schlossen vor ihm ihre Tore, Boykott wurde geplant. Da wurde den Nazis klargemacht, daß der Film sich nicht von ihresgleichen, sondern vom düsseldorfer Kindermörder Kürten inspirierte; und nachdem Lang überdies den „die Deutschen beleidigenden“ Titel radikal kürzte, gaben sich die Nazis zufrieden – nicht ahnend, daß der Film Dokument und Spiegel seiner und damit ihrer Zeit werden würde, die sich so sehr disponiert zeigte, sich faschistisch zu infizieren.

Im Film, wohlverstanden, geht es nur um die Kriminalgeschichte, die Jagd nach dem Kindermörder (Lorre). Die Polizei, angeführt von Lohmann (Wernicke), sucht ihn unverständigerweise unter den Berufsverbrechern, denen dann auch bald die ewigen Razzien nicht mehr behagen. Ihr oberster Führer, Schränker (Gründgens), beteiligt daher ihre Berufsorganisationen, die Ringvereine, ebenfalls an der Jagd. Während „das Publikum“ der Hysterie und Lynchbegier verfällt und der zuständige Minister „keine Vorstellung von der Schwierigkeit der Angelegenheit“ hat, arbeiten Polizei und Verbrecher produktiv. Das Rennen gewinnt die Polizei, theoretisch. Praktisch aber haben die Verbrecher den Mörder. Anstatt ihn nun, wie beabsichtigt, der Polizei in die Hände zu spielen, befiehlt Schränker, daß die Ringvereine ihm den Prozeß machen. In den Kellergelassen einer verlassenen Schnapsfabrik fordert Schränker unter dem Beifall der fanatisierten Menge, den Mörder „auszulöschen“, während der Verweis auf dessen Unzurechnungsfähigkeit in allgemeiner Empörung untergeht. Im allerletzten Moment, da die Lyncher sich ans Werk begeben, erscheint jedoch die Polizei und nimmt alle hopps.

Das letzte Jahr der Weimarer Republik präsentiert sich im Film. Akteure sind die Führer der Organisationen von Polizei und Verbrechern; ausgeschaltet ist die Regierung („Der Herr Minister scheinen nicht zu verstehen ..“) und das Volk (Lohmann: „das kalte Kotzen…“). Und das Opfer ist der Kindermörder in seiner geradezu rührenden Bürgerlichkeit – Opfer der Gewalt und vor allem Opfer seiner Triebe, die ein unerforschliches und unabänderliches Schicksal ihm auferlegte („will nicht -muß“). Wie seinen Trieben liefert er sich der Gewalt aus, gegen deren eiskalte Logik er nur an das Mitleid zu appellieren weiß. Nicht zu durchschauen vermochte er, daß diese Logik bei längerem Zusehen dahinschmilzt: auch Führer Schränker läßt sich von seinen Emotionen leiten. Er verfolgt den Mörder zunächst, damit störende Razzien unterbleiben; alsdann – in unversöhnlichem Gegensatz – um ihn sozial unschädlich zu machen; und schließlich – in abermals widersprüchlichem Verhalten – um die alttestamentarische Rachelust des Auge-um-Auge-Zahn-umZahn („Dir soll dein Recht werden“) zu befriedigen.

Wenn trotzdem der Film Schränkers Handeln konsequent erscheinen läßt, ist dies wohl auf die vernebelnde Atmosphäre des Terrors zurückzuführen, die im Film herrscht, und die sich weniger in konkreten Aktionen ausdrückt, wie in der Folterung des Wächters durch den Verbrecherführer oder die Aussageerpressung durch den Führer der Polizei, der verbotenerweise mit der Strafverfolgung einer – fiktiven – Beihilfe zum Mord droht, – als in den formalen Mitteln. In diesem Film ist immer Nacht; Licht und Schatten und ziehender Rauch erzeugen jenen verwunschenen Realismus, der jede harmlose Geste in fatale Hintergründigkeit und Endgültigkeit verwandelt. Ein Bett, ein Globus und Bierflaschen in der Mordkommission erregen ebenso unbestimmtes Ahndungsvolles wie die Röhren im Heizungskeller der Schnapsfabrik und die melancholisch-nordisch-herben Takte aus der Halle des griegschen Bergkönigs. Nimmt es wunder, daß diese Welt verdächtiger Objekte und weher Töne das Fühlen und Denken der Personen bestimmen muß?

Hier zeigt sich die große Leistung Fritz Langs, diese Einheit von materieller und ideeller Welt zu schaffen. Das ist, wohl gemerkt, nicht absolut zu nehmen. Die Trennung von Ton und Bild zum Beispiel ist das schlechthin Neue und Aufregende in diesem, Langs erstem Tonfilm. Während die Mutter den Namen ihres Kindes, „Elsie!“, ruft, zeigt die Kamera das verlassene Treppenhaus, buschiges Vorstadtödland, den in den Telefonleitungen zappelnden Luftballon des Kindes. Mehr und eindringlicher konnte über den Mord und seine Wirkung nicht gesagt werden. Die Trennung von Ton und Bild liegt auch dem damals revolutionären und noch heute vorbildlichen Schnitt zu Grunde, wenn etwa ein und dieselbe Rede von verschiedenen Personen aufgenommen und weitergetragen wird.

Anders als die „Nibelungen“ von 1923 und auch der „Tiger von Eschnapur“ von 1959 (Fk 3/59) ist „M“ auch heute – wieder .- aktuell, in doppelter Hinsicht: erfreulich, wenn der Film dem aufgeklärten Kinogänger die Situation von 1932 spiegeln würde, wenn er im Bürger M nicht nur den Kindermörder Kürten sähe; bedenklich, wenn der Film dem wieder disponierten Kinopublikum von 1960 die Mörder unter uns, die krause-präfaschistische Welt von 1932 suggerieren und empfehlen würde.


Filmkritik von Dietrich Kuhlbrodt bei filmzentrale.com [externer Link)
Dieser Text zuerst erschienen in: Filmkritik 3/1960

M – Eine Stadt sucht einen Mörder [1996]

“ Sozialdrama mit expressionistischen Reminiszenzen, dokumentarische Milieustudie, gesellschaftskritisch-satirisches Pamphlet, Analyse realer Machtstrukturen, Polizeithriller und Gangsterfilm, Gerichtsritual, Psychogramm eines pathologischen Kriminellen und Tragödie der Ausweglosigkeit: Fritz Langs erster Tonfilm verbindet sehr unterschiedliche Genremuster und stilistische Gesten, verschachtelt sie, löst sie ineinander auf und benutzt ihre zum Teil divergierenden ästhetischen Konnotationen, als betreibe er ein soziologisches Experiment im Sinne Bertolt Brechts, als wolle er einen komplizierten Tatbestand in seine vielfältigen emotionalen und rationalen Aspekte zergliedern. Die Geschichte vom Kindermörder setzt gleich zu Beginn mit dem Verschwinden eines kleinen Mädchens einen angstvollen Höhepunkt, springt danach in die reportagehafte Darstellung der polizeilichen Fahndungsmaßnahmen, dann in die sarkastische Darstellung von Massenhysterie und Denunziationswut in einer Spießergesellschaft; sie weitet sich aus zum Aufmarschfeld institutioneller Gewalten, wenn die Polizeimaschinerie und das Gangstersyndikat – konkurrierend und kooperierend – zum Schlag gegen den Mörder ausholen: einig darin, daß mit ihm ein radikaler Störfaktor, eine Bedrohung der Gesellschaft, das grundsätzlich Böse und Andersartige beseitigt werden muß. Am Ende, in rasanter Abfolge, Verfolgungsjagd und Gerichtsdrama, Schauprozeß und Hilfeschrei des gehetzten, schuldlos-schuldigen Individuums. (…)


Filmkritik von Klaus Kreimeier

Dieser Text ist in der deutschen Fassung zuerst in der filmzentrale erschienen – ursprünglich in französischer Übersetzung veröffentlicht vom Goethe-Institut Lille, 1996

„Wer weiß denn, wie es in mir aussieht?“
Dem Komponisten Edvard Grieg fällt hier eine wichtige Rolle zu. Immer wenn der Unhold (Peter Lorre) das Peer-Gynt-Motiv pfeift, muss er morden. Dieses Pfeifen überführt ihn schließlich, weil ein blinder Luftballonverkäufer sich daran erinnert. Es ist dies nur einer der genialen Einfälle. Als schließlich der Mörder von der Unterwelt gestellt wird, malt sich einer der Verfolger mit Kreide ein „M“ in die Hand und drückt sie ihm auf den Mantel. Jetzt ist er stigmatisiert und wird gehetzt. > weiter


 
Falk Schwarz – filmportal.de. 06.05.2014

 

M – Eine Stadt sucht einen Mörder [2016]

(…) Fritz Langs filmkünstlerischer Meilenstein ist alles in einem: Großstadtmelodram, Kriminalfilm, Gangsterfilm und beeindruckendes Psychogramm eines Mörders. Im Stil der Neuen Sachlichkeit und in Abkehr von seinen früheren „Großfilmen“ wie Metropolis (D 1927) verbindet Lang glaubhafte – wenn auch typisierte – Milieustudien zu einer gesamtgesellschaftlichen Analyse. Jede Kameraeinstellung, jeder Schnitt dient der Charakterisierung und der Verortung in einem Kontext. So werden etwa in aufwändigen Parallelmontagen die Methoden von Polizei und Kriminellen in kritische Beziehung gesetzt. Noch dem deutschen Expressionismus verpflichtet sind eine suggestive Symbolik – ein Luftballon als Bild kindlicher Unschuld, die Allgegenwart von Messern – und die zielgenaue Verwendung der neuen Tontechnik. Berühmt wurde insbesondere die gepfiffene Melodie aus der Oper Peer Gynt, mit der sich der Mörder verrät.
(…)

Filmkritik von Philipp Bühler, 22.02.2016 bei kinofenster.de

Der Mann mit dem M auf dem Schulterblatt [o.J.]

„(…) Im Laufe seiner beinahe achtzig Jahre umfassenden Rezeptionsgeschichte ist M – Eine Stadt sucht einen Mörder unzählige Male in die unterschiedlichsten Richtungen haarklein analysiert und interpretiert worden, wobei die Deutungen sich vorwiegend auf politischem, psychologischem und natürlich filmtheoretischem Terrain bewegen. Zweifellos stellt dieses ungeheuer komplexe, in sich stimmige und höchst beeindruckende Glanzstück des deutschen, europäischen und internationalen Films einen frühen, unübersehbar bedeutsamen Meilenstein des Tonfilms dar, der bis auf die dramaturgisch relevanten gepfiffenen Sequenzen gänzlich auf Musik und bei Zeiten auch auf Geräusche überhaupt verzichtet, ohne dabei auch nur die geringsten Einbußen innerhalb seiner grandios gelungenen Stimmungen zu verzeichnen. Das ist Schauspiel, Regie und Komposition auf höchstem Niveau, dessen Elemente für sich betrachtet so gehaltvoll wie repräsentativ im filmisch übergeordneten Kontext erscheinen.(…)“


Auszug aus: M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931). Eine Filmkritik von Marie Anderson bei kino-zeit.de

Fritz Langs erster Tonfilm „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zählt zu den Meisterwerken des deutschen Films. Durch präzise Alltagsbeobachtungen, klare Figurenzeichnungen und die filmisch virtuose Schilderung der Menschenhatz erzeugt der expressionistische Kriminalfilm bis zuletzt atemlose Spannung – obwohl der einzige Mord nur durch das Rollen eines Balles und das Wegfliegen eines Luftballons angedeutet wird. Zeitungsberichte über den Serienmörder Peter Kürten inspirierten Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou zu einem Film über einen seelisch kranken Kindermörder, den Peter Lorre in seiner ersten Filmrolle so eindringlich verkörperte, dass er von diesem Image nie mehr ganz loskam.

Programmankündigung rbb Fernsehen 18.11.2021

 

Materialien zum Film beim Niedersächsischen Filmkanon

Die Arbeitsmaterialien des Filmkanons ermöglichen eine Auseinandersetzung mit folgenden Themen (Bezugsrealität):

  • Stadt als Handlungsraum
  • Spiegelung der Zeitgeschichte kurz vor 1933
  • menschliche Freiheit

Filmanalytische Arbeitsschwerpunkte (Filmrealität) sind dabei die Beschäftigung mit Parallelmontage, Tongestaltung und  Suspense

Aufgaben zu:
  • Anklage und Verteidigung
  • Plansequenz
  • Exposition
  • Erzählhaltung
  • Parallelmontage
  • Musik im Film

Didaktische HInweise

Lösungsvorschläge zu den Aufgaben


Filmheft des Instituts für Kino und Filmkultur

Zum Inhalt
  • Filminhalt
  • Problemstellung
  • Fragen und Diskussionsansätze zum Inhalt
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  • Literaturhinweise

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